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1.) - 7.)
Les Bienveillantes.
Roman von Jonathan
Littell (2006, Gallimard).
Besprechung von Anne-Catherine Simon in Die
Presse vom 7.11.2006:
Die Stimme des Schlächters
Wer sich heute wundert, dass es einst möglich
war, neben der organisierten Massenvernichtung einherzuleben und zu ignorieren,
was man, wenn nicht wissen, so doch ahnen konnte, braucht sich heute nur
umzusehen. Massenexekutionen inklusive Organhandel und Sklaven-Arbeitslager in
China, Völkermord im Sudan, ausgeübt mit westlichen Waffen, Flüchtlinge, die
vor Europas Küsten ertrinken, et cetera - das zivile Engagement, obwohl
dank Internet und E-Mail globalisierungsfähig geworden, hält sich dennoch in
Grenzen.
Der 39-jährige US-Amerikaner Jonathan Littell hat einige Höllen der Gegenwart
selbst erlebt, er war für die französische Hilfsorganisation "Aktion
gegen den Hunger" (ACF) in Tschetschenien, im Kongo, in Afghanistan und in
Bosnien-Herzegowina. Man darf bezweifeln, dass sein Roman, der am Montag mit dem
bedeutendsten französischen Literaturpreis, dem Prix
Goncourt, ausgezeichnet
wurde, jene explosionsartige Wirkung, die er in den vergangenen Wochen
entfaltete, auch dann gehabt hätte, hätte er sich diese aktuellen Ereignisse
zum Thema gemacht. Nur durch die Sprachgrenzen wird der Erfolg von "Les
Bienveillantes" ("Die Wohlmeinenden", erschienen bei Gallimard)
bislang noch eingedämmt. Der Roman ist erst auf Französisch erschienen, der
zweiten Muttersprache des Autors. Dort hat er sich in den zwei Monaten seit
Erscheinen so gut verkauft, dass ein Michel
Houellebecq daneben blass werden muss - in über 200.000 Exemplaren.
Horrortrip durch die Ukraine
Immens ist das Interesse in den USA und in
Deutschland: Für rund 500.000 Euro soll der Berlin Verlag das Rennen der
Großverleger um die deutschen Rechte gewonnen haben, er hofft, den Roman im
Herbst 2007 herauszubringen. Aber schon auf der diesjährigen Frankfurter
Buchmesse verblasste in der Literaturszene Günter
Grass' SS-Geständnis gegen Jonathan Littells Erstlingswerk: die fiktiven
Erinnerungen eines Schlächters aus dem Herzen des Holocaust.
900 dichte, eisig glühende Seiten, die dem Leser wirklich gar nichts ersparen;
sie entführen auf einen Horrortrip durch die Ukraine, den Kaukasus, nach
Stalingrad und zuletzt bis in Hitlers Bunker. Eine besessene Schreibmaschine
scheint hier Grauen auf Grauen auszuspucken. "Les Bienveillantes" ist
monströs in jedem möglichen Sinn: maßlos ausgreifend und recherchiert,
detailwütig bis ins Unerträgliche, monströs auch durch die radikale, klinisch
kalte Täterperspektive eines, der nichts bereut.
Ist der Roman einmal in Deutschland und Österreich angekommen, scheint eine
Debatte vorprogrammiert: weniger über die kaum bestreitbare literarische
Qualität als über die Frage, wie sehr oder wenig die Fiktion der Historie
"gerecht" wird, und wie "moralisch legitim" ein solches
Projekt ist. Nur über eines ist man sich einig: Vergleichbares zur NS-Zeit gab
es bisher nicht. Was ist das für ein Autor, der über Nacht berühmt
wurde, was für ein Buch, das Frankreichs Literaturszene von einem
"Meteor" schwärmen, Tolstoi,
Victor Hugo, Ernst
Jünger und Balzac
bemühen lässt?
Jonathan Littell ist der Sohn des Spionageromanautors
Robert Littell, dessen
jüdisch-polnische Vorfahren Ende des 19.Jahrhunderts in die USA emigrierten; er
wuchs in Frankreich auf, maturierte dort, studierte in Yale. 2001 beendete er
seine siebenjährige Arbeit für die "Aktion gegen den Hunger", heute
lebt er, äußerst medienscheu, mit belgischer Frau und zwei Kindern in
Barcelona.
Auch seine Romanfigur hat Familie. Maximilian Aue, der aus dem Elsass stammt,
lebt wohlbestallt als pensionierter Fabriksdirektor in Frankreich, unter
falschem Namen. Gleich zu Anfang macht er dem Leser, den er als
"Menschenbruder" anspricht, klar, was ihm klar werden soll:
"Gestörte gibt es überall, jederzeit. Die normalen Menschen sind die
wahre Gefahr. Und wenn Sie davon nicht überzeugt sind, brauchen Sie nicht
weiter zu lesen. Sie werden nichts verstehen und zornig werden."
"Normal" ist Aue insofern, als er seine "Karriere" als
Mitläufer und Opportunist beginnt, erst allmählich wird ihm die wahre Natur
der "Spezialaufgaben" bewusst, die er als Mitglied einer
SS-Einsatzgruppe im Osten zu erledigen hat. Die Erkenntnis führt durch Sperma,
Blut und verspritztes Gehirn: Aues Suche nach dem "Absoluten", einer
in der Grenzüberschreitung erhofften "Wahrheit" ist der Grund, warum
er nicht nach Berlin zurückgeht, sogar freiwillig Hinrichtungen beobachtet und
den Blick von Leichen studiert: "Mir schien, da wäre etwas Entscheidendes,
und dass ich, wenn ich es verstünde, alles verstünde und endlich zur Ruhe
kommen könnte."
Ihn interessiere die "universale" Dimension, sagt Littell, und
tatsächlich hat "Les Bienveillantes" trotz des minuziös
geschilderten Hintergrundes etwas Ahistorisches. Eine Aischylos-Tragödie
steht Pate ("Eumenides", ein anderer Name für die Erinnyen, die
Rachegöttinnen, heißt wörtlich "die Wohlmeinenden", französisch
"les Bienveillantes"); aber so, wie Littell das Monstrum im Mann
herauskehrt (er hat eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester und bringt am
Ende seine Eltern mit der Axt um), fühlt man sich auch an Stephen King
erinnert. Und wie in der Fernsehserie der junge Indiana Jones, trifft Maximilian
Aue auf Schritt und Tritt "Prominente" - Adolf Eichmann, Reinhard
Heydrich, Albert Speer und natürlich Hitler.
Unvertraut mit der deutschen Kultur
Die Annäherung an die Opfer des Holocaust habe nichts zu tun mit dem faszinierten Entsetzen, das Littells Roman provoziere: So begründete einer der Verleger, die den Roman abgelehnt hatten, seine Entscheidung. Dem in Frankreich lebenden deutschen Historiker Peter Schöttler fehlt darin die Authentizität: Die Verbindung des Stendhal und Flaubert lesenden Aues mit der Nazi-Denkart bleibe völlig abstrakt, Littell sei unvertraut mit der deutschen Kultur, benutze falsche oder erfundene Ausdrücke ("Kommissarbrot" statt "Kommissbrot", "Führervernichtungsbefehl") und Anachronismen ("Kindersoldat"). Zumindest hier bleibt Littell weit hinter einer anderen Nazi-Gruselgeschichte für Franzosen zurück, die vor 26 Jahren ebenfalls den Prix Goncourt erhielt: Michel Tourniers "Le Roi des Aulnes" ("Der Erlkönig") ist die überzeugendere Lektion in deutscher Unheimlichkeit.
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2.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Klaus
Zeyringer in Der Standard, Wien
vom 20.2.2008:
Dichter und Henker
Jonathan Littells französischer Skandalroman um
einen SS-Mann erscheint unter großem medialen Getöse in der Sprache der Täter
Ein Roman ist keine historische Abhandlung, Literatur ist prinzipiell Fiktion. Wenn auch die bei geschichtlichen Gegebenheiten ansetzende Abbildungskraft auf die Einbildungskraft wirkt, so hebt doch Dichtung jedenfalls vom Faktischen ab. Als der 900 Seiten dicke Roman Les Bienveillantes von Jonathan Littell 2006 in Frankreich rasch zu einem immensen Verkaufserfolg wurde und den renommiertesten Preis, den Prix Goncourt, erhielt, drehten sich die Kritiken stark um seine historische Dimension und das Wagnis, die Perspektive eines Verbrechers gegen die Menschheit einzunehmen.
Die Figurenrede ist jene eines höheren SS-Mannes, der anscheinend umfassend aus dem Inneren der Holocaust-Maschinerie berichtet. Die Wohlgesinnten liegt nun auf Deutsch vor, in der Sprache der Täter. Gewiss lässt sich überlegen, ob hier nicht ein Voyeurismus des Grauens bedient wird, ob nicht bei Erzählungen über Nazireich und Shoa das Unmenschliche auf Menschliches zurückgeführt werde. Jedoch: Gerade die Dichtung schafft es seit jeher, auch über das Humane hinauszugehen. Gewagt mag Littells Ansatz wohl sein, allerdings wird in seiner Fiktion der Protagonist mit zunehmender Überformung ohnehin wieder entmenschlicht. Im Führerbunker der letzten Kriegstage kneift der Obersturmbannführer Hitler in die Nase; für die fremdsprachigen Ausgaben wünschte Littell, man solle dies verstärkend durch einen Nasenbiss ersetzen. Nicht die faktischen "Fehler" (z.B.: eine hohe Charge der SS aus der Ostmark spricht von Innsbruck in Oberösterreich, das damals noch dazu "Oberdonau" zu heißen hatte), vielmehr die kompositorischen und sprachlichen Mühen machen das Werk – ästhetisch – problematisch.
Inzest und Vatermord
Die Wohlgesinnten bezieht sich nicht nur in Grunddispositionen auf das klassische antike Vorbild der Orestie von Aischylos und hier mit den titelgebenden Eumeniden auf die verfolgende Last der Erinnerung, sondern bedient sich darüber hinaus barocker Tänze als Kapitelüberschriften (Allemande, Sarabande etc.) und einer Unmenge von Verweisen, darunter recht simpler Signale. Im Namen des SS-Karrieristen Dr. Max Aue schwingt deutsches Hochmittelalter samt Schuldfrage mit. Dieser Schreckliche deutsch-französischer Herkunft ist überall dabei, wo ein Panorama des Nazireichs hinführen sollte, in Baby Yar und in Stalingrad, in Auschwitz und im Führerbunker, er kennt die hochliterarischen Kollaborateure Brasillach und Céline gut, von Himmler und Kaltenbrunner bis Eichmann und Mengele kommen ihm alle einschlägigen Massenmörder unter, dazu ein ominöser Protektor, Dr. Mandelbrod, ein klischeehafter Fadenzieher im Hintergrund, der mit Hitler speist.
Zudem schreibt Littell diesem Aue im Privaten dick aufgetragene Sonderbarkeiten und Grauslichkeiten zu: Der zeitweilige Masochist mit Neigung zu kräftigen Jungen hat ein inzestuöses Verhältnis zur Schwester, ermordet in Südfrankreich offenbar den Stiefvater Moreau (ein Flaubert-Name) und die Mutter, die mysteriöse Zwillinge beherbergt. Diese heißen Orlando und Tristan; mit den Namen der Mutter und der Berliner Halbgeliebten, Héloïse und Helena, findet sich eine Breite literarischer amouröser Verwicklungen angespielt.
Im ersten Satz wendet sich dieser Ich-Erzähler an "Menschenbrüder" und gibt in einer Formel narrativer Legitimierung vor zu schildern, "wie alles geschehen ist". Von Anfang an breitet er im (in der Übersetzung) 1400 Seiten dicken Buch geschwätzig sein Ego aus, seine Denkweisen und Sicherheiten, seine Verstopfungen und Brechanfälle – der Stalingrad-Abschnitt trägt den Titel "Courante", im Umgangsfranzösisch "Dünnschiss" –, und eine ausgewalzte Todesarithmetik verdeckt mitunter die Toten. Die Reflexionen dieses Dr. Aue wirken zum Teil plakativ, sein Prolog dreht sich um allerlei, außer um die Frage nach dem Gedächtnis. Wie kann einer vergangene Dialoge berichten, als wären sie sicher genauso gesprochen worden, wie nach einem Kopfschuss das folgende Delirium derart erinnert?
Warum schreibt so einer? Die Antwort bleibt Klischee wie einiges in diesem Roman, sie widerspricht der behaupteten Komplexität der Figur: Die Literatur sei möglicherweise das einzige Lebendige für den alten Rückblickenden; im Übrigen bleibe es ihm ungewiss, ob er dies nicht nur aus Gewohnheit annehme. Ein deutlicher Hinweis a priori auf die fiktionale Dimension des Textes.
Seine Schwächen sind literarische. Aus Duktus und Metaphorik spricht die Kunstanstrengung, die direkten Anreden an den Leser und die Worte zum Erzählvorgang selbst stören mehr, als sie verstören. Die Komposition in großen Blöcken wirkt bemüht, viele Sätze kommen mir überladen vor, und es ist nicht einsichtig, dass in der Manier eines Genreromans in der Übertragung eines deutschen Dialogs ein paar Originalfloskeln stehen bleiben, nicht selten falsch: "Je suis sûr qu’on se reverra bientôt. Tchüss!" Zu ausführlich fällt die Beschreibung des Krieges im Kaukasus aus, immer wieder eine andere Stadt – später Lublin, Krakau –, wie aus dem Baedeker: Die Aufzählung scheint in diesen Teilen eine Chronik des Kompletten anzustreben; Erzählen bedeutet indes Auswählen. Zu simpel psychologisierend der Mutterhass (noch dazu muss die Zwillingsschwester gerade bei C.G. Jung studieren), zu schablonenhaft das Polizistenpaar, das den vermutlichen Elternmörder Aue verfolgt, zu langatmig die Flucht aus dem Osten, zu grotesk das Ende in Berlin.
Wenn Littell, der intensiv recherchiert hat und ungemein vieles aus dem "System Auschwitz" plausibel nach dem Forschungsstand darstellt, in seinem literarischen Konzept auf Plausibilität aus ist, dann dürfte er die Figurenrede in ihren Überformungen nicht erst ab dem Stalingrad-Abschnitt als Schilderung eines Kopfschüsslers anlegen, während er von vornherein aber auf einem ausladenden Kulturverweissystem aufbaut. Wenn er jedoch eine Plausibilität brechen, ins Groteske tendieren will, so nimmt er der Abbildung sowie der Einbildung das, was er anzustreben vorgibt: eine innere Wahrheit.
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3.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Hildegard Lorenz im Münchner Merkur,
21.2.2008:
Der unglaubliche Sog des Bösen
Bereits bei seinem Erscheinen in Frankreich machte Jonathan Littells
Roman „Die Wohlgesinnten” Furore. Nun erscheint die fiktive Biografie eines
SS-Offiziers auf Deutsch.
Schon Peter Weiss
brachte in der „Ermittlung” eine solche Figur auf die Bühne: einen
SS-Schergen, der an der Rampe in Auschwitz steht, die Gefangenen selektiert und
dabei Goethes Iphigenie
zitiert - literarisch gebildet, bürgerlich erzogen, ohne jedes Mitgefühl, ohne
persönliche Bosheit, aber ganz dem Bösen verhaftet. Nun gibt der Autor
Jonathan Littell solch einem schöngeistigen Henker einen neuen Namen. Max Aue
heißt der fiktive Held seines Romans „Die Wohlgesinnten”. Das Buch
reüssierte in Frankreich. In wenigen Wochen wurde es über 170 000 Mal
verkauft, trotz einer Länge von (französischen) 912 Seiten. Die Kritik
überschlug sich (nicht nur mit Lob), und der Newcomer heimste auf Anhieb
renommierte Literaturpreise ein. Nun ist das Buch in einer hervorragenden
deutschen Übersetzung von Hainer Kober mit über 1300 Seiten auch hierzulande
zu haben: Man munkelt, dass der Berlin Verlag für die Rechte über eine halbe
Million Euro hingeblättert haben soll.
Was ist das Faszinosum an der fiktiven Autobiografie eines hochrangigen
SS-Offiziers? Da ist einmal die Ich-Form, die dem Leser Identifikationspotenzial
mit der Figur bietet. Max Aue ist Jurist, homosexuell, gebildet, kennt Platons
Gastmahl im griechischen Original fast auswendig, liebt Musik von Couperin,
Bach, Rameau, spricht fließend Französisch, da er einen Teil seiner Kindheit
in Frankreich verbracht hat.
In seiner Eigenschaft als SS-Offizier befehligt er zunächst die „Aktionen” (das sind systematische Erschießungen) gegen die Juden in den eroberten Ostgebieten. Mit akribischer Beobachtungsgabe verfolgt er die Geschehnisse und zeichnet sie auf. Dabei fehlt diesem Ich-Erzähler jedes Mitleid, jedes Mitempfinden, jedes Trauern. Indifferent ist seine Haltung gegenüber dem fremden Tod und gegenüber seinem eigenen. („Was wollt Ihr von mir? ... Ihr werdet sterben, na und? Auch ich werde hier vermutlich sterben, alle werden hier sterben. Das ist der Einheitstarif.”)
Was den Leser so bewegt, ist die Fülle der glänzend recherchierten Zusatzinformationen, die das Buch authentisch machen. Zum Beispiel die Reaktion der SS auf den Befehl des Generals von Manstein, des Oberbefehlshabers der 11. Armee: „Für Offiziere ist es unehrenhaft, den Hinrichtungen von Juden beizuwohnen.” Aues Chef Blobel erkennt sofort, was dahintersteckt: „Diese Halunken. Wollen hinterher sagen können: ,Oh nein, wie schrecklich. Wir waren das nicht. Das waren die anderen, die Mörder von der SS. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind Soldaten. Wir haben ehrenhaft gekämpft...’ Und wenn‘s schief geht, werden sie uns alles in die Schuhe schieben, während sie sich ganz sauber, ganz elegant aus der Affäre ziehen... Weil... das alles wird eines Tages rauskommen. Alles. Zu viele Leute wissen davon, zu viele Zeugen. Und wenn es rauskommt, ist mächtig was los, egal, ob wir den Krieg gewonnen oder verloren haben. Das gibt einen mordsmäßigen Skandal. Da werden Köpfe rollen. Und es werden unsere Köpfe sein, die der Öffentlichkeit serviert werden. Während das ganze Preußenpack, diese von Mansteins, von Rundstedts, von Brauchitschs und von Kluges auf ihre komfortablen Von-Soundso-Herrenhäuser zurückkehren und ihre Von-Soundso-Memoiren schreiben, wobei sie sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, weil sie solche anständigen und ehrenhaften Von-Soundso-Soldaten waren. Und uns hauen sie in die Pfanne.”
Es sind Stellen wie diese, die den Roman so süffig machen. Diese SS-Offiziere sind ja keine primitiven und brutalen Dummköpfe, sondern sie haben Durchblick, philosophische Tiefe und Erkenntnisvermögen. Was ihnen aber fehlt, ist Respekt vor dem Leben anderer und vor dem eigenen.
Der Roman ist aufgebaut wie eine Suite: Er zerfällt in die Teile Allemande I und II, Courante, Menuette, Gigue. Jeder Teil des Buchs bringt den Helden weiter, die ersten beiden handeln von den Erschießungen der Juden, die Courante erzählt von seiner Strafversetzung nach Stalingrad und der Rettung aus der Einkesselung. Die folgenden Teile behandeln seine Karriere in Berlin und sein Abtauchen in Frankreich nach Kriegsende. Das ist nicht ohne unglaubliches sprachliches Geschick erzählt und schlägt den Leser in den Bann, saugt ihn ein in das Böse. Doch was dem Roman fehlt, ist eine Distanzierung des Autors von seiner Figur, eine Kritik des Sprechers am Erzählten, ein spürbares Zurechtrücken der Kategorien Gut und Böse.
Der Erzähler kommentiert das Leben seiner Figur in keiner Weise kritisch, sondern lässt Aue in seinem braunen Sumpf stecken, ohne die Falschheit seines Handelns aufzuzeigen. So bleibt das unfasslich Grauenhafte unverarbeitet und setzt den schrecklichen Rechtsgelehrten nicht ins Unrecht.
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4.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Ina
Hartwig in der
Frankfurter Rundschau, 22.2.2008:
Einfühlung in die Täter des Holocaust
Als Max Aue, der böse Held aus Jonathan Littells Roman "Die
Wohlgesinnten", in seine Erinnerungen abtaucht, lebt er im Land seiner
Mutter, Frankreich, hat Frau und Kinder und leitet eine Fabrik für Spitzen. Die
Familie ahnt von seinem Vorleben nichts. Was daran liegt, dass Max Aue eine
erkaltete Persönlichkeit ist: "Der Körper eines schönen Jünglings",
beschreibt er seinen Zustand, "eine Skulptur von Michelangelo, das macht
keinen Unterschied: Der Atem stockt mir nicht mehr." Der ehemalige
SS-Obersturmbannführer "bereut nichts", er "hasst Getue",
wie er selbst sagt: "egal, was passiert, ich lasse mir nichts
anmerken". Dass Aue überhaupt die "seltsame Übung" der
Erinnerungsarbeit aufnimmt, scheint mit einer gewissen Hoffnung auf
Wiederbelebung der Sinne, auf Stimulation einherzugehen.
Lassen wir einmal das Problem beiseite, dass der Charakter dieses Max Aue mit
dem von ihm entwickelten Menschenbild überhaupt nicht vereinbar ist: Denn Aue
behauptet, jeder von "uns" - und er spricht zu uns Lesern - könnte
theoretisch wie praktisch in dieselbe Situation des Mordens geraten, es hänge
einzig und allein von der Situation ab, nicht von unseren Eigenschaften;
andererseits wird der Ich-Erzähler Aue bis zur Groteske als Inkarnation einer
perversen Kriminalität überhöht - was ihn aus der Gemeinschaft der
sogenannten Normalen dann doch herauskatapultiert.
Es reicht nicht, dass Max Aue ein gefühlskalter SS-Mann ist, er muss ferner ein
Mutter- und Stiefvatermörder sein (wie gegen Ende des Romans herauskommt), er
muss ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester haben (in pornographischer
Detailliebe ausgemalt) und, damit nicht genug, er muss als Homo-Lüstling im
Berliner Tiergarten auf der Suche nach schneller Befriedigung umherschweifen.
Die These von der Perversität oder auch Dämonie der Nazi-Täter war
unmittelbar nach dem Krieg gefragt, weil sie den Durchschnittsmenschen, den Mitläufer
entlastete - dagegen hatte Hannah Arendt ihre sprichwörtlich gewordene, im
Eichmann-Prozess entwickelte Formel von der "Banalität des Bösen"
gesetzt.
Und Alexander Mitscherlich ahnte, dass die "Unfähigkeit zu trauern"
sich bei den Deutschen nicht auf den Mord an den Juden bezieht, sondern auf die
enttäuschte Liebe zum "Führer". Die Zeiten haben sich geändert.
Kaum eine Bevölkerung hat sich mit der eigenen schuldhaften Vergangenheit
jemals so intensiv beschäftigt wie die Deutschen.
Der (entlastenden) Dämonie gegenüber sind die heutigen Meinungsführer
gewappnet: Das zeigen die Reaktionen auf Littells Roman überdeutlich. Der
Nationalsozialismus wird eben vor allem historisch und das heißt hierzulande
oft: moralisch diskutiert, kaum ästhetisch. Immer dann, wenn eine Ästhetik
(hier in Form eines Romans) sich in den Vordergrund drängt, reagiert die
deutsche Öffentlichkeit prompt, nämlich skeptisch.
Nicht, dass die Skepsis ungerechtfertigt wäre. Sie wurde schon in den frühen
achtziger Jahren von Saul Friedländer formuliert, als dieser in seinem Essay
"Kitsch und Tod" vehement gegen Hans-Jürgen Syberbergs und Rainer
Werner Fassbinders Filme polemisierte; der Historiker sah in deren Ästhetik
einen Exorzismus von NS-Symbolen am Werk, eine Form von Beschwörung, die sich
das kritische Bewusstsein versagen sollte. Heute bezieht sich die Ablehnung der
Gebildeten eher auf die süffige TV-Pädagogik eines Guido Knopp und sonstige
cineastische Ausschlachtungen der tränentreibenden Dramen der Nazizeit.
Mag die Skepsis gegenüber der dämonisierten Täterschaft moralisch begründbar
sein, in ästhetischer Hinsicht schränkt sie die Sicht ein. Klar jedenfalls
ist, dass Jonathan Littell sich für den dämonischen, den hypertrophen oder
auch mythischen Seiten des Bösen mindestens genauso zuwendet wie den, sagen
wir, strukturalen Ergebnissen der Holocaust-Forschung.
Nun hat der Schriftsteller Georg Klein in seiner Rezension der
"Wohlgesinnten" in der Süddeutschen Zeitung ein wichtiges, ja das
entscheidende Stichwort geliefert: Littells Roman verfüge über keinen Stil des
Bösen. Eine kluge Beobachtung, aus der eine - wie ich meine berechtigte - Enttäuschung
abzulesen ist.
Denn in der Tat bezieht sich der 1967 in den USA geborene, in Frankreich
aufgewachsene Littell auf die ehrwürdige Tradition einer Philosophie des Bösen
von de Sade bis Bataille. Sein Anspruch, verankert im französisch-libertinär-erotomanen
Geistesuniversum, ist hoch, aber bevor man darüber urteilt, ob Littell seinen
Leitbildern gerecht wird oder fürchterlich an ihnen scheitert, darf man dem
Anspruch selbst ein gewisses Interesse entgegenbringen. Warum nicht eine Ästhetik
des Bösen reanimieren?
"In de Sades Büchern gibt es keinerlei persönliches Bewusstsein, wenn man
von dem des Autors selber absieht", schrieb Susan Sontag in ihrem Essay
"Die pornographische Phantasie". Wie steht es mit dem Bewusstsein in
Littells Roman? Auffällig ist eine läppische Haltung; so heißt es etwa, dass
Max Aue "dummerweise" die einzige Frau heiß geliebt habe, die ihm
verboten gewesen sei - seine Schwester. Und in Bezug auf die "Jungen, mit
denen ich geschlafen habe", versichert er, sie nur benutzt und keine Liebe
empfunden zu haben. Keine Hitze, nur Gier: also Tempo.
Nehmen wir de Sade und Bataille, in deren Werken das Morden selbst mit Wollust
verknüpft ist. Die Lust wird, und das wäre ein Kriterium des "bösen
Stils", zum obersten Gesetz erhoben. Littells Held Max Aue ist aber selbst
in Momenten des Triebdurchbruchs noch ganz er selbst. Kontrolliert, fast schon
einen Tick selbstironisch fasst er zusammen: "Und so entschloss ich mich,
den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten." Die
Moral wird nicht in Amoral verkehrt, sondern das herrschende Strafrecht wird
betrogen, ausgetrickst.
Und Dr. jur. Aue weiß, warum: Homosexualität als politische Waffe spielte
bereits in der Eulenburg-Affäre der Kaiserzeit eine Rolle; wie erst im
Nationalsozialismus. "Nun ist es so, dass der Reichsführer SS die
Homosexualität mit besonderer Besessenheit verfolgt", steht bei Littell,
nebenbei: ein ziemlich unpoetischer Satz. Max Aue, der homosexuelle Jurist und
Nazi, ist sich des Risikos seines nächtlichen Treibens bewusst; und was tut er?
Auf der Polizeiwache bestreitet er, ein "175er" zu sein - dabei ist er
mitten im Stricherbereich aufgeschnappt worden. Die aufschlussreiche Szene im
Berliner Tiergarten lässt an ein Vorbild Littells denken, an Jean
Genet,
insonderheit an dessen in Berlin und Paris angesiedelten Roman "Das
Totenfest" (erschienen 1947). Hier hat Littell das Motiv abgekupfert, dass
ein homosexueller Mann einem anderen den Revolverlauf in den Mund schiebt und
ihn auffordert, daran zu lutschen. Doch was bei Aue kalt gerät und wieder läppisch
endet, ist bei Genet das gefährlich-erregende Spiel zweier Liebender.
Erst vor ein paar Jahren geriet Lothar Machtans Buch "Hitlers
Geheimnis" in die Schlagzeilen, die Bild-Zeitung titelte: "War Hitler
schwul?" Einer der vielen Einwände lautete, die Homosexualität würde in
klischeehafter Weise kriminialisiert. Machtans Buch fiel durch. Dabei ist die idée
fixe eines homosexuellen "Führers" alt; nicht zuletzt hat Genet sie
in "Das Totenfest" zu einer wahnwitzigen, barocken Phantasmatik
hochgeschraubt, indem er Hitler als vor Lust stöhnende "Madame"
auftreten lässt, die scharf ist auf kleine Franzosen, um sie hinterher alle zu
vernichten.
Über Hitler schreibt Genet, man bedenke, 1945/46: "Dichter, der er war,
verstand er sich des Bösen zu bedienen. Er zerstörte um der Zerstörung
willen, er tötete, um zu töten." Und: "Der Führer schickte seine
schönsten Männer in den Tod. Das war die einzige Möglichkeit, die er hatte,
um sie alle zu besitzen."
Dies ist der Stil des Bösen als Parodie, als Meta-Obszönität, und Jonathan
Littell ist meilenweit davon entfernt, an sein literarisches Vorbild
heranzureichen. Es ist keineswegs so, dass Genet nicht provoziert hätte. Noch
1977, als er in philosophisch überdrehter Weise für die RAF-Gefangenen von
Stammheim Partei ergreift (darin einig mit Sartre), wird Genet "roter
Faschismus" vorgeworfen. Doch letztlich sollte ihn das Konzept des "poète
maudit", des verworfenen Dichters, in das die Franzosen verliebt sind, schützen.
Genets Geniestreich jedenfalls besteht darin, den unmittelbar als tödlich
erkannten Nationalsozialismus der Homosexualität zu unterwerfen, und nicht
umgekehrt die Homosexualität den Verbrechen Hitlers; eine subtilere Rache lässt
sich kaum denken. Die klandestine, gefühlsresistente Homosexualität des
Literaturliebhabers und SS-Mannes Max Aue ist im Vergleich dazu reines Dekor;
eine plastikhafte Obszönität, die dem Stil äußerlich bleibt und zur
Erkenntnis des Bösen kein Jota beiträgt. Max Aue, der homosexuelle Täter,
wird zur Regel stilisiert, dabei wäre er, hätte er in der geschichtlichen
Wirklichkeit existiert, die Ausnahme gewesen. Man kann die Suggestion Littells
gemein nennen, gerade weil sie sich in gute Absicht kleidet.
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5.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
23.02.2008:
Nazi-Business und gähnende Fallhöhen
Ob's nun mit dem "Untergang" auf die Hitlergeisterbahn ging oder mit
Helge Adolf Schneider ins Führerkabarett: Die Täter haben schon eine ganze
Weile wieder Hochkonjunktur. Wer sich da noch an die Spitze der Bewegung setzen
will, muss an möglichst viele Grenzen gehen: Jonathan Littells Roman "Die
Wohlgesinnten" (Berlin Verlag), mit 1384 Seiten auch rekordverdächtig
breit, treibt die Provokation auf die Spitze: Der Massenmord an den Juden und
die Weltkriegsmaschinerie der Deutschen aus den Augen eines SS-Obersturmbannführers,
ungefiltert, ja rechtfertigend: Dieser - einigermaßen frei erfundene - Dr. Max
Aue, der sich im französischen Exil erinnert, ist ein ungebrochener Nazi, ein
exzellent gebildeter Mann, der die unfassbare Gleichzeitigkeit von Hochkultur
und bestialischem Völkermord in einer Person verkörpert. Und als ob der
Widersprüche und Extreme nicht genug wäre, muss er auch noch schwul sein.
Heute kommt Littells Buchziegelstein mit einer Startauflage von 120 000
Exemplaren in den Buchhandel, die trotz eines Band-Preises von 36 Euro fast
komplett vorbestellt ist. Immerhin hat der jüdisch-stämmige Sohn des
Spionagethriller-Routiniers Robert
Littell 2006 in Frankreich das "Double" der nationalen Literatur
gewonnen: sowohl den Prix Goncourt
als auch den Großen Preis der Akademie.
Neuer Gipfel der Überbietungslogik
Doch ausgezeichnet wurde da nur ein neuer Gipfel der Überbietungslogik im nach
wie vor weltweit florierenden Nazi-Business. Seite um Seite werden Nerven
freigelegt und gekitzelt, mit Kannibalismus und Kinderquälen, mit intellektuell
verbrämter Nazi-Ideologie. Freilich: Der Schock, den dieser Trumm aus
zusammengebastelten Stereotypen und Klischees, aus abgegriffenen Horror-Floskeln
und mehr oder minder gut verdauten Erkenntnissen der jüngeren wie älteren
Geschichtsforschung noch auslösen kann - er geht ins Leere. Oder er versinkt in
einem großen Matsch aus allen erdenklichen Körperflüssigkeiten, aus Bestialitäten
und Ideologie, aus Todeskämpfen und zynischen Dialogen mit Erschießungskandidaten
auf Altgriechisch.
Vielleicht hat sich Littell auch nur alle erdenkliche Mühe gegeben, die größtmögliche
Fallhöhe zu erreichen - dass er eine Parallele zwischen dem Orestie-Stoff des
griechischen Tragikers Aischylos
und seinem Romanhelden suggeriert, ist da nur eine Facette. Aber warum man
Kapitel um Kapitel in kruder Psychologie die Innensicht der Täter annehmen
soll, welche bisher noch nicht vorliegenden Erkenntnisse, welche neuartigen
Erfahrungen sich dabei einstellen sollen, das bleibt ein Rätsel.
Diese Fallhöhe aber ist dem in New York geborenen und in Frankreich
aufgewachsenen Jonathan Littell zu einem gähnenden Abgrund zwischen Anspruch
und Erzählweise, Erzählstoff geraten. Dass sich in diesem Abgrund auch das
Interesse an weiterer Lektüre verflüchtigt, mag nur zu verständlich sein.
"Die Wohlgesinnten" sind ein sicherer Kandidat für den ungelesensten
Bestseller des Jahres. (NRZ)
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6.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ
vom 25.2.2008:
Das falsche Buch
Wer geglaubt hat, 63 Jahre nach
Kriegsende wäre endlich alles über die Nazis gesagt, jedes Detail, jedes
Argument hin- und her gewendet und schließlich weggelegt, der hat sich
getäuscht. Die Vergangenheit ist nicht tot, sie wird uns verfolgen, bis wir den
letzten Gedanken gedacht haben.
Das ist gut so, denn nichts ist schlimmer als das Vergessen und Verdrängen von
Schuld. Ebenso schlimm aber ist die unangemessene Beschäftigung mit den
Verbrechen der Vergangenheit, und damit haben wir es im Jahr 2008 unerwartet zu
tun. Ein Autor, dem seine Jugend - er ist 40 - und seine Herkunft als
amerikanischer Jude das Recht zu jeder Beschäftigung mit dem Holocaust geben,
hat sich auf das Abenteuer eingelassen, einen Roman aus der Sicht der Täter zu
schreiben. Dieser Roman ist monströs dick, er ist langatmig, und er ist
empörend. Aus verschiedenen Gründen; vor allem aber, weil er absurd drastisch
ist in der Schilderung platzender Köpfe, berstender Knochen, strömenden Blutes.
Was geschieht hier? Und wem nützt es?
In diesem Roman berichtet der SS-Obersturmbannführer Max Aue aus seinem Leben.
Ohne Reue schildert er minutiös Einsätze in der Ukraine, Leichenberge,
Begegnungen mit Adolf Eichmann und sexuelle Ausschweifungen. Man muss das schon
so nennen, denn Aue ist einerseits schwul, andererseits seiner
Zwillingsschwester inzestuös verfallen. Genaue Mittelungen über sexuelle
Kontakte gehören zu den wiederkehrend ermüdenden Passagen des Romans. Man kann
sie pornografisch nennen, doch das führt auf eine falsche Spur. Offenbar sieht
der Autor den Grund für Aues perverse Grausamkeit in unerfüllbarer Eigenliebe.
Das ist nicht uninteressant, reicht aber nicht als Erklärung, weshalb er den
Täter so zivilisiert freundlich erscheinen lässt. Diese Erklärung steht am
Anfang, und sie ist ungeheuerlich.
Das Buch beginnt mit einem provozierenden Satz, der Verlag hat ihn, zu Recht,
als Banderole, als Motto um den Band gewunden. "Ihr Menschenbrüder, lasst mich
euch erzählen, wie es gewesen ist." In dieser Brudergeste liegt soviel Anmaßung
wie in dem Anspruch, die Wahrheit zu sagen. Littell weiß es und spielt damit.
Das ist das Unerträgliche: dass dieses Buch spielt.
Max Aue erzählt: kalt. Auch wenn ihm gelegentlich unwohl wird beim Anblick der
Gefolterten, auch wenn er zum Erbrechen neigt. Manchmal gibt er einem den
Gnadenschuss. Seine Mutter erwürgt er. Alles geschieht. So ist das Leben, so war
der Krieg. Aber soll so Literatur sein?
Wir dürfen davon ausgehen, dass Aufklärungsbedarf nicht besteht. Wir wissen, was
geschehen ist, es ist uns in notwendiger Deutlichkeit geschildert worden. Doch
Littell sucht - als gäbe es Hannah Arendt nicht und nicht den Satz von der
Banalität des Bösen - den Täter im Menschen. Er sagt: Jeder ist ein Deutscher,
und damit hat er ungeahnten Erfolg. Nicht nur in Deutschland, wo dieses Diktum
bei manchem offenbar Erleichterung auslöst. In Frankreich ist das Buch ein
Bestseller. Wie? Ist die Zeit reif für Selbstbezichtigung und bußfertige
Einsicht in das grundböse Wesen des Menschen? Es wäre nicht falsch. Aber das
erklärt nicht die Faszination des Romans.
Sie liegt in der Distanz, mit der Jonathan Littell erzählt. Er schildert
Erschießungen so nachdrücklich umständlich wie eine johlende Menschenmenge.
Vielleicht ist es dies Lakonische, fast Unbekümmerte, das Leser hinreißt, dies
unbeteiligte Dabeisein; es wirkt unglaublich cool und modern, wie Littell erst
den Zucker im Kaffee schildert und dann das Sterben; dieser Ton besitzt
kraftvolle Ruhe und erhebt dabei den Anspruch, wirkliche Geschichte zu erzählen.
Es bleibt aber der Blick des Nachgeborenen, der nicht wissen kann, sondern
deuten muss, und es ist, doch, voyeuristisch, trotz all der Kühle. Denn dieses
Buch breitet Tod und Ekel aus; vermeintlich zu einem guten Zweck. Doch das ist
unsinnig.
Dass der Mensch schlecht ist, wir wissen es. Auch, dass nicht nur deutsche
Menschen schlecht sind; es hilft uns aber nicht bei der Frage nach dem
Holocaust. Es ist ehrenwert, dass Jonathan Littell sich fragt, was aus ihm
geworden wäre, wenn er nicht 1967 in Amerika, sondern 1913 in Deutschland
geboren wäre. Wer ehrlich ist, hat sich solche Fragen aber längst gestellt. Wer
nicht ehrlich sein will, wird durch Littell nicht dahin finden.
Deshalb ist dies ein ärgerliches Buch, überflüssig und fast ein bisschen
selbstgerecht. Es ist das falsche Buch, um die Wahrheit zu erfahren.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0408 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine
***
7.)
Die Wohlgesinnten.
Roman von Jonathan
Littell (2008, Berlin Verlag - Übertragung Hainer
Kober).
Besprechung von Erhard
Schütz in Freitag
10, 7.3.2008:
Pimp my nazi
ANGST. Jonathan
Littells "Die Wohlgesinnten" und Marcel
Beyers "Kaltenburg" - zwei Geschichtsromane im Vergleich
Sieh niemals einem SS-Mann direkt
ins Gesicht." - Das bekommt als kleiner Junge der Ich-Erzähler von Marcel
Beyers Roman Kaltenburg von seinen Eltern eingetrichtert. Der Ich-Erzähler in
Jonathan Littells Die Wohlgesinnten hingegen ist selbst SS-Mann, am Ende
Obersturmbannführer, dekoriert mit vielen Orden. Er begegnet Figuren wie
Himmler, Heydrich, Bohrmann auf Augenhöhe. Wenn er sich im Spiegel betrachtet,
dann geschieht ihm, dass er beinahe ohnmächtig wird, weil er seine
Zwillingsschwester Una zu sehen glaubt. Er erkennt sich auch sonst nicht,
wiewohl er nahezu 1.400 Seiten nichts tut als von sich zu schreiben.
Um so mehr sollen wir, die Leser, das möchte der Autor, der in Frankreich
aufgewachsene Sohn eines amerikanischen Thriller-Autors jüdischer Herkunft, in
Dr. jur. Maximilian Aue des exemplarischen Täters ansichtig werden. Und das ist
oder kann sein, so die Botschaft, ein jeder von uns. Denn wenn wir uns nur recht
in diesem "Feingeist" und Schlächter spiegeln, dann sollen wir durch
das Gesicht des Elite-Nazis hindurch die Physiognomie überhaupt der
Schlächtereien erkennen, seien es die stalinistischen Auslöschungen, die
Grausamkeiten der russischen Soldateska oder der terrorbombenden
Angloamerikaner. Ja, die Ununterscheidbarkeit von Krieg und Genozid.
Schließlich sollen wir gar die Menschenfratze seit mythischen Zeiten darin
sehen, die condition (in)humaine. Aber was sehen wir tatsächlich?
Frankenstein erklärt sich
Wir sehen - das vorab - keinen Täter, der uns tatsächlich in der
Auseinandersetzung mit den Tätern von damals weiterhelfen könnte. Wir sehen
vielmehr das Konstrukt aus jener sachlichen Kälte der bürokratisch
"Unbedingten", als die die Täterforschung all die Schreibtisch- und
Waffen-Täter, die Werner Bests, Franz Alfred Six´, Wilfrid Bades etcetera,
ausgemacht hat. Und zwar zusammengefügt mit den Wandersagen über die musischen
Monster, inhumanen Bildungsbürger und homosexuellen Sadomasochisten. Dieser
Frankenstein erklärt sich uns: "Und so entschloss ich mich, den Arsch noch
voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten." Das knallt. Aber das
ist schon hundert Seiten hin, denn so zu beginnen wäre zu thriller- und
vaternahe gewesen. Kunstambitioniert beginnt das Unternehmen Aue daher so:
"Ihr Menschenbrüder laßt mich euch erzählen, wie es gewesen ist."
Hyperiontisch-zarathustrisch raunt es uns zu Beginn der Geschichte an. "Und
ihr werdet schon sehen, wie sehr sie euch betrifft."
Der Aue, der uns Menschenbrüdern erzählt, ist ungefähr 80 Jahre alt und war
nach der Zeit, von der er berichten will, französischer Fabrikant von Spitzen,
ein Familienmensch. Was er erzählt, beginnt - nach einem allgemeinen
Schwadronement über Opferzahlen - 1941 in der Ukraine, mit einer
Judenerschießung als "Antwort" auf russische Massenexekutionen. Aue
geht von nun an durch den Weltkrieg wie Woody Allens Zelig oder Forrest Gump
durch ihre Zeit. Überall ist er dabei. Anders als diese aber will er dabei sein
und alles sehen. Babi Jar, Stalingrad, Paris, die KZ, das bombardierte Berlin,
Mittelwerk Dora, Flüchtlingstreck und schließlich den "Untergang" -
alles kommt vor und geht durch seinen gewollt kalten Blick.
Es ist, als ob die Forschungen der vergangenen Jahrzehnte mit den reißerischen
Bestsellern von Paul Carrell und der Großväter Gräuelanekdoten gemixt würden
- alles, soweit zu sehen, stimmt den Namen, Orten und Details nach, bis dahin,
dass damals in Berlin die U-Bahn-Linie C fuhr. Leser könnten ihre einschlägige
Bibliothek entsorgen. Wo es anachronistisch wird, da sind es Alltagsreden, wenn
von "Cops" gesprochen und "Pasta" oder Schwarzwaldwild
"an" einer Zwetschgensoße serviert wird. Nicht nur Namen und Fakten
jedoch erinnert der alte Herr akribisch, sondern auch Dialoge und Zitate. Und
damit wären wir beim "Feingeist".
Lichtsucher im Feuchtbiotop
Geboren am 10. Oktober 1913, um wenige Tage vor Klaus Barbie, dem Schlächter
von Lyon, damit ein Jahrzehnt jünger als Werner Best und gewissermaßen aus der
78er Generation der Nazis, kommt Aue aus gutem Elternhaus, ist in Frankreich ins
Internat gegangen, kann jederzeit mit jedermann altgriechisch parlieren, zitiert
von Plato bis Kant, was gerade so passt, liest Stendhal und Flaubert wie er
Tschechow und Lermontow kennt. Vor allem liebt er Musik, Monteverdi wie Mozart.
Am meisten aber Bach. Dessen luzide Klarheit muss nicht nur Aue durchrieseln,
sondern sein Name führt zugleich in das Feuchtbiotop dieses selbsterklärten
Lichtsuchers. Aue watet nämlich buchstäblich in Blut und Gedärm, hinterlässt
aber auch sonst eine einzige Spur aus Sperma, Kotze und Kacke. Der Autor will
offenbar, dass dort, wo der Blick kalt bleibt, der Körper rebelliert.
So scheißt und spuckt sich Aue von Russland bis Berlin, ejakuliert von Berlin
bis Russland und zurück. Ist kein schwuler Tiergarten-Schwanz da, der ihn
rammt, dann tut es auch ein Fahrer oder ein Ast im Walde. Mit seiner
Zwillingsschwester hat er ein inzestuöses Verhältnis von Kindestagen an.
Unklar, ob er ihr nicht sogar Zwillinge gemacht hat. Klar jedenfalls, dass er
Mutter und Stiefvater ermordet. Wir sollen es ja mit einer neuen Orestie zu tun
haben! Zum Schluss muss auch noch ein Liebhaber dran glauben und dann erschlägt
er selbst seinen Freund Thomas, der ihm immer wieder aus der Patsche half und
ihn gerade eben noch vor der Strafe eines der rachegöttischen Eumeniden, der
titelspendenden Wohlgesinnten bewahrte. Gleichwohl beharrt dieser Aue seiner
Schwester gegenüber, noch Jungfrau zu sein, wie er von sich kategorisch sagt:
"Ich töte nicht gern." Dass er zum Schluss Hitler in die Nase beißt,
hat denn auch eher ästhetische Gründe.
Es ist das alles ein Graus. Nicht der endlosen Gräuel und des Bildungsbösen
wegen, sondern weil das alles so aufgedonnert und aufgedunsen daherkommt. Pimp
my Nazi. Das ist so durch und durch kalkuliert und synthetisch. Plastikblumen
des Bösen an Körpersaft-Surrogaten in Kunstnebel-Bildung. Wer im Feuilleton
vor so etwas kniet, der hat wohl ein Verhältnis zur Bildung wie Aues
Vermieterin Gutknecht. Solch Kunstgefrickel mit Bildung zu verwechseln ist wie
Grace Jones für Catherine Deneuve zu halten. Nicht darin ist das Buch eine
Provokation, dass es das Experiment darauf unternimmt, was wir an Gräuel und
Bösem ertragen wollen und können, sondern als derartige Collage aus
Geschichtswissen mit saurem Kitsch, Second-Hand-Räsonnement, Pawlowschen
Metaphern und Bildungsversatzstücken. Da faucht es in Aues Kopf "wie im
Ofen eines Krematoriums", und er bleibt unbewegt wie "die stummen
Fassaden ausgebombter Städte", da schlägt die Vergangenheit ihre Zähne
ins Fleisch - und so fort.
Als Kern dieses Experiments bleibt nurmehr, dass es gefährlich ist, sich in
Mamas Uterus zurückzusehnen, wenn man die Mars-Erzählungen von Edgar Rice
Burroughs in seiner Jugend gelesen hat - in denen nämlich ständig
Vergewaltigungen drohen und als Heilmittel strenge Zucht im doppelten Sinne
empfohlen wird. So werden die Untaten des 20. Jahrhunderts in einen phylo- wie
ontogenetischen Ursumpf gezogen, verschwimmen schließlich alle Differenzen in
einer vagen Anthropologie. Was da als Rollenprosa eines "Meisters aus
Deutschland" daherkommt, ist tatsächlich bloß bübische
Überbietungsbastelei.
Plastikblumen des Bösen
Als Antidot gegen dieses in seiner grellen Mixtur aus Beobachtungskälte und
deliranter Brünstigkeit so aufdringliche Buch lese man Marcel Beyers neuen
Roman, tausend Seiten kürzer und doch umfassender als noch weitere tausend
Seiten Littell sein könnten.
In gewisser Weise wiederholt diese Konstellation, was zu Beginn der sechziger
Jahre stattfand, als durch den Auschwitz-Prozess auch die literarische
Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit in eine neue Phase trat.
Damals standen sich auf der Bühne zwei Modelle gegenüber. Rolf
Hochhuths Ideendrama Der Stellvertreter, dem Adorno die Personalisierung
anonymer Zustände vorwarf, und Die Ermittlung von Peter
Weiss, die als gerichtliche Investigation angelegt war, um so Strukturelles
zu betonen und vor allem die Unangemessenheit mimetischer Darstellung deutlich
machen, wie überhaupt die Frage nach der Ermittelbarkeit vorbringen zu können:
Jonathan Littell extremisiert die mimetische Aktualisierung, indem er einen
Täter umstandslos und in monströser Detailliertheit sich erinnern lässt, als
ob alles gerade eben jetzt geschähe. Dagegen setzt Marcel Beyers Kaltenburg
durch und durch auf skrupulöse Vermitteltheit und tastende Reflexion. Hier
herrscht nicht Kalkül, sondern Durchdachtheit.
Zwar ist darin das gesamte Repertoire der Gedächtnisforschung vorfindbar -
3-Generationen-Modell, "reenactment", "false memory",
Vergessen, Fehlerinnern und soziale Erinnerungsfabrikation etcetera -, aber man
bekommt es nicht lehrbuchhaft serviert, sondern das geht fugenlos -
"organisch", hätte man früher gesagt - in die Konstruktion ein. Wie
überhaupt, was der Roman an Wissensbeständen benutzt und aktualisiert, ihm
nicht als Bordüren und Schleifen appliziert, sondern konstruktiv eingesenkt
ist. Und das ist nicht wenig, von Theorien der Angst, Verhaltensforschung über
Ornithologie und Tierpräparationen bis hin zur Geschichte Dresdens seit seinem
Untergang im Februar 1945, eingebettet in Flucht aus dem Osten nach dort und
Flucht in den Westen von dort.
Schnellkurs in Vogelnamen
Allein wie er mit seinen Bezügen auf Literatur umgeht, das unterscheidet sich
in seiner Dezenz - Stendhal - wie Virtuosität - Proust - ums Ganze von den
prätentiösen Draperien Littells. Dabei bewegt der Roman sich in einem
ähnlichen Problemhorizont von Täter-, Mittäterschaft und den Folgen
rationaler Sachlichkeit und Beobachterkälte. Nur hier nicht
juristisch-bürokratisch, sondern natur- und lebenswissenschaftlich. Sein
historischer und gedanklicher Horizont greift viel weiter aus als der Littells.
Nicht Anthropologie als wohlfeile Fatalitätsannahme und Extremisierungslizenz
steht da im Zentrum, sondern das ebenso komplexe wie subtile Zusammen- und
Gegenspiel von Natur- und Zeitgeschichte - kein Aufgeilen am möglichst
Inhumanen, sondern Ausloten des möglichen Humanen.
Um was geht es? Im Dresden der Gegenwart versucht sich der Zoologe und
Tierpräparator Hermann Funke seiner frühesten Kindheitserinnerungen, deren
Korrektheit und deren Wirkungen zu versichern. Ausgelöst werden sie durch einen
Schnellkurs in Vogelnamen, den er der jungen Dolmetscherin Katharina Fischer
gibt, weil die einem vogelkundlichen Royal - sagen wir ruhig: Charles - beim
Staatsbesuch zur Seite stehen soll. Zentrum ist der 1989 verstorbene, 1903
geborene, große Zoologe Ludwig Kaltenburg, weltbekannter Ornithologe und
Verhaltensforscher, aus Wien stammend, in Königsberg und Posen tätig gewesen
vor 1945, nach 1945 mit einem eigenen Institut in Loschwitz und an der
Universität Leipzig, schließlich verbittert zurück nach Wien gegangen.
Man darf dabei an Konrad Lorenz denken, ergänzt vielleicht um wissenschaftliche
Aspekte von Rudolf Bilz und Günter Tembrock, wenn es um Kaltenburgs Hauptwerk,
die "Urformen der Angst" geht. Hinzu kommen zwei weitere signifikante
Figuren, der berühmte Tierfilmer Knut Sieverding, Heinz Sielmann nicht
unähnlich, und der ebenfalls berühmte Künstler Martin Spengler, bei dem man
an Joseph Beuys denken darf, der Bordfunker bei Sielmann war. Eine dichte und
brisante Konstellation. Kern dessen bilden zwei traumatische Kindheitserlebnisse
Funkes, Momente namenloser Angst, zum einen das wilde, geängstigte Flattern
eines Mauerseglers im heimischen Wohnzimmer in Posen, zum anderen die
Verlorenheit unter den Überlebenden des Feuersturms von Dresden, in dem seine
Eltern umkamen.
Im Schatten der Alten
Kaltenburg, der schon in Posen - wo er psychiatrische Experimente durchführte -
bei der Familie ein und ausging, nimmt sich des Waisen in Dresden an wie eines
aus dem Nest gefallenen Vogels. Im wissenschaftlichen Handaufzug wird der
Kaltenburgs Schüler, der nun die Entwicklungen der DDR miterlebt, enttäuschte
Hoffnungen, Repressionen und kleine Freiheiten, bis nach deren Ende und einem
Neubeginn nun ohne die Alten, aber in deren Schatten und vor allem den Schatten
der Vergangenheit vor 1945. Die hellen sich im bohrenden Erinnern langsam auf
und trüben zugleich das Bild der großen Figuren, bis Funke dann doch noch
einem SS-Mann ins Gesicht sieht. In seinen Themen - nicht zuletzt darunter
Formen von Gefangenschaft und Lager - ist der Roman ebenso vielschichtig wie in
seiner Form komplex aufgebaut, mit Vorgriffen und Rückwendungen, grüblerischen
Selbstbefragungen und hin und her gewendeten Mutmaßungen - in alledem aber
durch und durch transparent wie luzide.
Es ist dies ein Meisterstück, Geschichte indirekt präsent werden zu lassen,
deutsche Geschichte wie die der Stadt Dresden und einiger bedeutender
Persönlichkeiten, in wahrhafter Empathie, nämlich skrupulös im Spektrum der
Möglichkeiten von Erinnerung und Vergegenwärtigen, Verdrängen und Vergessen,
Durcharbeiten und Abarbeiten. Am Ende entspricht das vielleicht den kunstvoll
präparierten Bälgen, die von den Vögeln blieben, selbst sie noch - wie die
Adler des Kronprinzen oder der Dresdner Riesenalk - Zeugen von Zeitgeschichte.
Was den Roman darüber hinaus aber zu einem großen Wurf macht: Jene
"Urformen der Angst" und deren unheimliche Macht, über die Kaltenburg
im Roman fiktiv ein Sachbuch schrieb, werden hier fiktional Realität, als
Kunstwerk.
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