1.)
- 2.)
Die
Witwen von Eastwick.
Roman von John Updike (2009,
Rowohlt - Übertragung Angela Praesent)
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 17.04.2009:
Durchtriebene Witwen
und schlaffe Laffen
In seinem letzten Roman lässt John Updike seine
lustvoll-bösartigen Hexen von Eastwick wieder auftreten – sichtlich gealtert und
nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer magischen Kräfte
Nach Kanada, nach
Ägypten und schließlich nach China zieht es sie. Unterwegs treiben sie schon mal
ein bisschen Schabernack, sie sollen ja nicht komplett einrosten, die magischen
Kräfte. Also lassen sie den einbalsamierten Mao in Peking in die Runde zwinkern
und die berühmte Terrakotta-Armee einfach mal losmarschieren. Final aber zieht
es sie zurück an die Stätte ihrer verruchtesten Taten, ins beschauliche Eastwick,
das – analog zum infernalischen Trio – aber natürlich auch nicht mehr das ist,
was es mal war: „Ich habe Eastwick als vergnügliches Provinzstädtchen in
Erinnerung“, klagt Jane, „aber es ist homogenisiert worden, geglättet und
geschliffen – die Bordsteine in der Innenstadt sind jetzt alle aus edlem Granit,
und die Old Stone Bank ist doppelt so groß wie früher, als wäre ein
gigantischer, eigenschaftsloser Krebs dabei, alles zu verschlingen“.
Trauriges Hexenleben
Nach Herzenslust lässt Updike sie herziehen über das Spießervolk ringsum, vor
allem über die „jüngeren Leute, die in dem Alter sind, in dem wir damals waren –
so langweilig, wenn man sie nur ansieht, diese aufgedrehten jungen Mütter, die
ihre übergewichtigen Söhne in übergewichtigen SUVs zwanzig Meilen zum
Hockey-Training fahren, diese Kastraten von jungen Vätern, schlaffe Laffen
allesamt, die ihrem lieben Frauchen im Haushalt helfen und den ganzen Samstag im
putzigen Heim herumpusseln – alles wieder wie in den fünfziger Jahren, nur dass
die Russen als Entschuldigung nicht mehr in Frage kommen. Wie haben sie’s bloß
geschafft, fragt man sich, oft genug zu bumsen, um ihre kostbaren Kinder zu
produzieren? Haben sie wahrscheinlich auch nicht – findet heutzutage alles in
vitro statt und jede Geburt per Kaiserschnitt, damit bloß die Ärzte nicht
verklagt werden.“ Und dann folgt das resignierte Fazit der nostalgischen Hexe:
„Da trauern alle lauthals über den Tod Gottes; mich dagegen bekümmert viel mehr
der Tod der Sünde. Ohne Sünde sind die Menschen keine Menschen mehr, sondern nur
noch seelenlose Schäfchen.“
Aber auch das Trio ist längst nicht mehr so angriffslustig wie einst, im
Gegenteil, es wird von Gewissensbissen geplagt. Ganz die feine Art war es nicht,
die arme Nebenbuhlerin damals ins Grab zu befördern, sehen die drei inzwischen
ein. Sie wollen die Angelegenheit mit ein wenig weißer Magie wieder ins Reine
bringen, mit ein paar Wohltaten für die Eastwicker Mitbürger. Also finden sie
sich zum finalen Hexensabbat im alten Stil zusammen, zur letzten großen
Zauberei. Allein diese Szene gegen Ende des Romans ist eine Schau: Mit wenig
Vertrauen in die Fähigkeiten hocken die drei nackt in einem seelenlosen
Appartement zusammen und geben ihr Bestes. Doch die Sitzung geht grauenvoll
schief, es endet traurig, das Hexenleben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.focus.de]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0409 LYRIKwelt © Focus
***
2.)
Die
Witwen von Eastwick.
Roman von John Updike (2009,
Rowohlt - Übertragung Angela Praesent)
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 7.5.2009:
Mit «Die Witwen von Eastwick« hat John Updike die
Fortsetzung seines Bestsellers und zugleich sein letztes Buch geschrieben.
Posthum ist der Roman nun auf Deutsch erschienen.
Da sind sie also wieder – die fett gewordene Alexandra, die nymphomanische Sukie
und die tattrige Jane, alle drei mittlerweile verwitwet, die ihren einstigen
Sündenpfuhl in dem Provinznest Eastwick aufsuchen, um ihre altersgeilen
Fantasien der Erinnerung an der Wirklichkeit zu messen. Noch verfügen sie für
den Ernstfall über die böse Kunst der Magie und Hexerei. Aber Updikes
Walpurgisnacht, die vor einem Vierteljahrhundert die «Hexen von Eastwick«
vereint mit dem schwulen Darryl auf der Spitze ihrer Besenstiele über Amerikas
way of Sex sausen ließ, hat ihren schaurig-schönen Reiz längst eingebüßt.
Sexuelle Abenteuer und postchristliche Moral
Diese nachgelassene Fortsetzung des seinerzeit mit Jack Nicholson unter großem
Tamtam verfilmten Bestsellers aus Updikes Factory erschöpft sich in einer
scheinbar nicht enden wollenden Historie aus sexuellen Abenteuern und
postchristlicher Moral im Schatten eines sinnentleerten Protestantismus, der für
die spießige Kleinstadtidylle der mittelständischen Lebenswelt in den USA
typisch ist. Der Anfang des Jahres gestorbene Autor hat diesen Kleinkosmos in
seinen vielen Büchern immer wieder porträtiert. Mit den Hexen aus Eastwick und
ihrem wüsten Treiben hatte es aber eine besondere Bewandtnis. Als sie bemerkt
hatten, dass ihr schwuler Hexenmeister sie betrogen hatte, brachten sie seinen
Favoriten um die Ecke und flohen aus Eastwick.
Folgerichtig konnte man sich fragen, was aus ihnen geworden ist – und Updike war
nie der Autor, der seine Protagonisten einfach verschwinden ließ. Sie waren -
ähnlich wie Rabbit, aus dem Updike mehrfach erotomanische Widergänge klonte –
gewissermaßen Produkte aus seiner Rippe. Also mussten sich die Hexen im
Ruhestand wieder zurückmelden – in Eastwick, bei ehemaligen Liebhabern, bei
Freunden und Bekannten. Jahrzehnte nach ihrem ruchlosen Treiben, gescheiterten
Ehen und dem Verlust der dazugehörenden Männer besinnen sich die Witwen auf ihre
«Verachtung der Hexe für die normale Ordnung«.
Nostalgische Erinnerungen
Mit der neuen Generation der jungen Mütter und jungen Väter, die auch ihre
eigenen Kinder sind, können sie nicht viel anfangen. Da aber ihre natürlichen
Fähigkeiten aufgrund des Alters mittlerweile doch recht beschränkt sind, können
sie in diesem Sommer nur ein bisschen Hexenunfug anstiften, sich nostalgischen
Erinnerungen hingeben und ihrem einfältigen Nachwuchs zeigen, dass es neben der
digitalen Welt auch noch andere Lebenserfahrungen gibt. Updike lässt seine
Heldinnen ihre Lebenskurve bis zum Ende ausfahren, auch wenn klar wird, dass sie
bei ihren schlingernden und vergeblichen Fluchtversuchen längst den Status
beginnender Senilität erreicht haben.
Auch in diesem posthum erschienenen Roman hat sich Updike ein Gedankengebäude
konstruiert und mit verschiedenen Passionen möbliert, mit seiner Leidenschaft
fürs Golfspiel, mit seinem Faible für theologische Spekulationen oder die Welt
der Pharaonen. Und natürlich seine stete Neigung zum pornografischen Kalauer,
ohne dass hier irgendwelche Altersgrenzen gesetzt werden. Aber Updikes Sprache
bleibt hier auf einer eigenen, einsamen Höhe, auch wenn sie mitunter überreizt
wirkt. Die Rückkehr der Hexen von Eastwick wird gleichwohl die große Gemeinde,
die diesem Autor in den letzten vierzig Jahren zugewachsen ist, trotz aller
Einwände, kaum in tiefere Zweifel stürzen. Auch wenn man konstatieren muss, dass
die Fortsetzung dieses Hexensabbats eigentlich ziemlich überflüssig ist.
Die komplette Besprechung mit Abb. von Wolf Scheller finden Sie in den Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0509 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten