Die Witwen von Eastwick von John Updike, 2009, Rowohlt1.) - 2.)

Die Witwen von Eastwick.
Roman von John Updike (2009, Rowohlt - Übertragung
Angela Praesent)
Besprechung von Jobst-Ulrich Brand, Focus, 17.04.2009:

Durchtriebene Witwen und schlaffe Laffen
In seinem letzten Roman lässt John Updike seine lustvoll-bösartigen Hexen von Eastwick wieder auftreten – sichtlich gealtert und nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer magischen Kräfte

Es ging sündig zu, in den finster-freudigen 80er-Jahren, als die drei Hexen Alexandra, Jane und Sukie im US-Ostküstenstädtchen Eastwick ihr Unwesen trieben. Damals feierten sie Orgien mit dem diabolischen Kunstsammler Daryl van Horne und brachten dessen Favoritin mehr oder weniger diskret mithilfe einer Voodoo-Puppe um die Ecke. Es war eine lustvolle Abrechnung mit dem amerikanischen Kleinstadt-Spießertum, die sich der begnadete Spötter John Updike gönnte – und die Verfilmung mit Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer tat ein übriges, um das magische Trio unsterblich zu machen.

Bordsteine aus edlem Granit

Altern allerdings tun sie schon, die drei – und wie es ihnen ergangen ist, seit sie Eastwick fluchtartig verließen, kann der geneigte Fan nun im neuen (und letzten) Roman Updikes, „Die Witwen von Eastwick“, nachlesen (Rowohlt, 413 Seiten, 19,90 Euro). Im Januar ist der ewige amerikanische Nobelpreiskandidat mit 76 Jahren an Krebs gestorben – die greisen Mitglieder der schwedischen Akademie haben ihn wohl nur deshalb nie mit der Prestigeauszeichnung bedacht, weil er sie immer mal wieder durch den Kakao gezogen hat. Ein Vierteljahrhundert ist vergangen seit den verruchten Ereignissen, von denen Updikes Bestseller berichtete, die Hexen sind inzwischen um die 70 und es plagen sie allerlei (Seelen-)Wehwehchen. Ihre braven Ehemänner, die sie sich nach ihrer wilden Sturm- und Drangzeit herangezogen hatten, haben inzwischen das Zeitliche gesegnet, und die Witwen tun, was ältere amerikanische Herrschaften zu tun pflegen, wenn es ihnen zu langweilig wird in der Seniorenresidenz: Sie reisen durch die Weltgeschichte – in wohl klimatisierten Bussen.

Nach Kanada, nach Ägypten und schließlich nach China zieht es sie. Unterwegs treiben sie schon mal ein bisschen Schabernack, sie sollen ja nicht komplett einrosten, die magischen Kräfte. Also lassen sie den einbalsamierten Mao in Peking in die Runde zwinkern und die berühmte Terrakotta-Armee einfach mal losmarschieren. Final aber zieht es sie zurück an die Stätte ihrer verruchtesten Taten, ins beschauliche Eastwick, das – analog zum infernalischen Trio – aber natürlich auch nicht mehr das ist, was es mal war: „Ich habe Eastwick als vergnügliches Provinzstädtchen in Erinnerung“, klagt Jane, „aber es ist homogenisiert worden, geglättet und geschliffen – die Bordsteine in der Innenstadt sind jetzt alle aus edlem Granit, und die Old Stone Bank ist doppelt so groß wie früher, als wäre ein gigantischer, eigenschaftsloser Krebs dabei, alles zu verschlingen“.

Trauriges Hexenleben

Nach Herzenslust lässt Updike sie herziehen über das Spießervolk ringsum, vor allem über die „jüngeren Leute, die in dem Alter sind, in dem wir damals waren – so langweilig, wenn man sie nur ansieht, diese aufgedrehten jungen Mütter, die ihre übergewichtigen Söhne in übergewichtigen SUVs zwanzig Meilen zum Hockey-Training fahren, diese Kastraten von jungen Vätern, schlaffe Laffen allesamt, die ihrem lieben Frauchen im Haushalt helfen und den ganzen Samstag im putzigen Heim herumpusseln – alles wieder wie in den fünfziger Jahren, nur dass die Russen als Entschuldigung nicht mehr in Frage kommen. Wie haben sie’s bloß geschafft, fragt man sich, oft genug zu bumsen, um ihre kostbaren Kinder zu produzieren? Haben sie wahrscheinlich auch nicht – findet heutzutage alles in vitro statt und jede Geburt per Kaiserschnitt, damit bloß die Ärzte nicht verklagt werden.“ Und dann folgt das resignierte Fazit der nostalgischen Hexe: „Da trauern alle lauthals über den Tod Gottes; mich dagegen bekümmert viel mehr der Tod der Sünde. Ohne Sünde sind die Menschen keine Menschen mehr, sondern nur noch seelenlose Schäfchen.“

Aber auch das Trio ist längst nicht mehr so angriffslustig wie einst, im Gegenteil, es wird von Gewissensbissen geplagt. Ganz die feine Art war es nicht, die arme Nebenbuhlerin damals ins Grab zu befördern, sehen die drei inzwischen ein. Sie wollen die Angelegenheit mit ein wenig weißer Magie wieder ins Reine bringen, mit ein paar Wohltaten für die Eastwicker Mitbürger. Also finden sie sich zum finalen Hexensabbat im alten Stil zusammen, zur letzten großen Zauberei. Allein diese Szene gegen Ende des Romans ist eine Schau: Mit wenig Vertrauen in die Fähigkeiten hocken die drei nackt in einem seelenlosen Appartement zusammen und geben ihr Bestes. Doch die Sitzung geht grauenvoll schief, es endet traurig, das Hexenleben.

Und so ist auch Updikes Roman nicht nur grotesk komisch, nicht nur süffisant und elegant, sondern es liegt auch eine tiefe Melancholie in diesem Buch. Es geht letztlich um die Mühsal des Alterns, um Abschied und Verlust. Immer wieder ist von Krebserkrankungen die Rede, immer wieder scheint durch, dass auch John Updike wohl schon wusste, wie ernst es um ihn stand, als er diese Geschichte schrieb. Es ist seine letzte, in gewisser Weise sein Vermächtnis, und sie zeigt ihn noch einmal auf dem Gipfel seines Könnens.

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Die Witwen von Eastwick von John Updike, 2009, Rowohlt2.)

Die Witwen von Eastwick.
Roman von John Updike (2009, Rowohlt - Übertragung
Angela Praesent)
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger Nachrichten vom 7.5.2009:

John Updikes posthum erschienener letzter Roman
"Die Witwen von Eastwick": Rückkehr der Hexen aus dem Ruhestand

Mit «Die Witwen von Eastwick« hat John Updike die Fortsetzung seines Bestsellers und zugleich sein letztes Buch geschrieben. Posthum ist der Roman nun auf Deutsch erschienen.

Da sind sie also wieder – die fett gewordene Alexandra, die nymphomanische Sukie und die tattrige Jane, alle drei mittlerweile verwitwet, die ihren einstigen Sündenpfuhl in dem Provinznest Eastwick aufsuchen, um ihre altersgeilen Fantasien der Erinnerung an der Wirklichkeit zu messen. Noch verfügen sie für den Ernstfall über die böse Kunst der Magie und Hexerei. Aber Updikes Walpurgisnacht, die vor einem Vierteljahrhundert die «Hexen von Eastwick« vereint mit dem schwulen Darryl auf der Spitze ihrer Besenstiele über Amerikas way of Sex sausen ließ, hat ihren schaurig-schönen Reiz längst eingebüßt.

Sexuelle Abenteuer und postchristliche Moral

Diese nachgelassene Fortsetzung des seinerzeit mit Jack Nicholson unter großem Tamtam verfilmten Bestsellers aus Updikes Factory erschöpft sich in einer scheinbar nicht enden wollenden Historie aus sexuellen Abenteuern und postchristlicher Moral im Schatten eines sinnentleerten Protestantismus, der für die spießige Kleinstadtidylle der mittelständischen Lebenswelt in den USA typisch ist. Der Anfang des Jahres gestorbene Autor hat diesen Kleinkosmos in seinen vielen Büchern immer wieder porträtiert. Mit den Hexen aus Eastwick und ihrem wüsten Treiben hatte es aber eine besondere Bewandtnis. Als sie bemerkt hatten, dass ihr schwuler Hexenmeister sie betrogen hatte, brachten sie seinen Favoriten um die Ecke und flohen aus Eastwick.

Folgerichtig konnte man sich fragen, was aus ihnen geworden ist – und Updike war nie der Autor, der seine Protagonisten einfach verschwinden ließ. Sie waren - ähnlich wie Rabbit, aus dem Updike mehrfach erotomanische Widergänge klonte – gewissermaßen Produkte aus seiner Rippe. Also mussten sich die Hexen im Ruhestand wieder zurückmelden – in Eastwick, bei ehemaligen Liebhabern, bei Freunden und Bekannten. Jahrzehnte nach ihrem ruchlosen Treiben, gescheiterten Ehen und dem Verlust der dazugehörenden Männer besinnen sich die Witwen auf ihre «Verachtung der Hexe für die normale Ordnung«.

Nostalgische Erinnerungen

Mit der neuen Generation der jungen Mütter und jungen Väter, die auch ihre eigenen Kinder sind, können sie nicht viel anfangen. Da aber ihre natürlichen Fähigkeiten aufgrund des Alters mittlerweile doch recht beschränkt sind, können sie in diesem Sommer nur ein bisschen Hexenunfug anstiften, sich nostalgischen Erinnerungen hingeben und ihrem einfältigen Nachwuchs zeigen, dass es neben der digitalen Welt auch noch andere Lebenserfahrungen gibt. Updike lässt seine Heldinnen ihre Lebenskurve bis zum Ende ausfahren, auch wenn klar wird, dass sie bei ihren schlingernden und vergeblichen Fluchtversuchen längst den Status beginnender Senilität erreicht haben.

Auch in diesem posthum erschienenen Roman hat sich Updike ein Gedankengebäude konstruiert und mit verschiedenen Passionen möbliert, mit seiner Leidenschaft fürs Golfspiel, mit seinem Faible für theologische Spekulationen oder die Welt der Pharaonen. Und natürlich seine stete Neigung zum pornografischen Kalauer, ohne dass hier irgendwelche Altersgrenzen gesetzt werden. Aber Updikes Sprache bleibt hier auf einer eigenen, einsamen Höhe, auch wenn sie mitunter überreizt wirkt. Die Rückkehr der Hexen von Eastwick wird gleichwohl die große Gemeinde, die diesem Autor in den letzten vierzig Jahren zugewachsen ist, trotz aller Einwände, kaum in tiefere Zweifel stürzen. Auch wenn man konstatieren muss, dass die Fortsetzung dieses Hexensabbats eigentlich ziemlich überflüssig ist.

Die komplette Besprechung mit Abb. von Wolf Scheller finden Sie in den Nürnberger Nachrichten

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