Die Wirklichkeit ist Schatten des Wortes von Bruno Schulz, dtvDie Wirklichkeit ist Schatten des Wortes.
Aufsätze und Briefe von Bruno Schulz (
2000, dtv - Übertragung Joseph Hahn).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 8.07.2005:

Ein purer Extrakt der Dichtung

Angenommen, man wüßte sonst nichts von Bruno Schulz, man kennte weder „Die Zimtläden" noch „Das Sanatorium zur Todesanzeige", man hätte noch nie irgendeine seiner Zeichnungen gesehen, und man stieße nun unversehens auf seine in diesem Band gesammelten, diversen Aufsätze und Rezensionen sowie auf seine nur unvollständig erhaltenen Briefe: Was erführe man über ihn, was für ein Bild machte man sich wohl von ihm? Zweifelsohne ein ziemlich ausführliches. Die äußeren Umstände seines Lebens lassen sich in den Briefen nämlich in klaren Umrissen erkennen: 1892 in einem jüdischen Elternhaus als das jüngste von drei Kindern geboren, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg in seiner nunmehr wieder polnisch gewordenen Heimatstadt Drohobycz an einem staatlichen Gymnasium zunächst Zeichen-, später auch Werkslehrer. Dies war für ihn noch die einfachste Art und Weise, seine Familie (die Schwester, eine Cousine und einen Neffen) mit zu ernähren, die auf seine Unterstützung und die seines Bruders Izydor angewiesen war. „Einfach" soll aber nicht „ausfüllend" oder „beglückend" heißen: Oft genug klagt er über die „krüppelige Lehrerei", die ihm das Leben versauerte. Alle Anwandlungen, Drohobycz zu verlassen, sei es, um nach Warschau oder auch nur Lemberg zu ziehen, scheiterten, schließlich blieb er zeit seines Lebens Lehrer in Drohobycz - bis auf das letzte Jahr während der deutschen Besatzung. Das Abhängigkeitsverhältnis von seiner Familie wurde erst recht unlösbar, als der Bruder im Januar 1935 plötzlich und unerwartet starb. Auch ein lang gehegter Heiratsplan mit seiner Braut Józefina Szeliñska zerschlug sich 1937 endgültig. Bruno Schulz, der Deutsch in Wort und Schrift perfekt beherrschte, hatte sich gegen Ende des Ersten Weltkrieges einige Monate lang in Wien aufgehalten. Eine zweite Auslandsreise führte ihn im August 1938 nach Paris und wurde zu einer großen Enttäuschung. Es folgten zwei Jahre sowjetische Besatzung, wo er noch als Lehrer arbeiten konnte. Bis am 1. Juli 1941 der deutsche Einmarsch in Drohobycz erfolgte. Bruno Schulz geriet in Abhängigkeit des Gestapo-Offiziers Felix Landau, für den er Wandfresken ausführen mußte. Schließlich wurde er am 19. November 1942 von Karl Günther, einem SS-Mann und Rivalen Landaus, auf offener Straße erschossen. Dieser letzte Abschnitt findet zwangsläufig keinen Niederschlag mehr in den Briefen, die ansonsten über die äußeren Lebensdaten weitgehend Aufschluß geben. Zweifelsohne war Bruno Schulz' Drohobyczer Alltag kein erquicklicher. Oft genug klagt er, wie depressiv er sei, wie ungeeignet die Verhältnisse, in denen er lebte, zum künstlerischen Schaffen gewesen seien. Zum einen. Zum anderen spricht er aber auch in einem Brief an Witold Gombrowicz von der „schillernden Ambivalenz meines Wesens" bzw. seiner „Janusköpfigkeit", und trotz aller depressiven Zustände machte er auf die meisten Menschen, die ihm nahestanden, z.B. auf seine Braut Józefina Szeliñska, immer wieder den Eindruck, als sei er „ein purer Extrakt der Dichtung". Entgegen allem Anschein und unabhängig davon, wie depressiv er sich auch fühlen mochte, war er möglicherweise gar nicht so schwach, wie er sich ausnahm. Um mit Józefina Szeliñska zu sprechen: „Dabei war ich mir durchaus darüber im klaren, daß von uns beiden nicht er, sondern - wider allen Schein - ich die schwächere Seite war. Er hatte die Welt seiner Kunst, seiner hohen Regionen, ich hatte nichts". Tatsächlich ist diese eine angesprochene „Welt seiner Kunst, seiner hohen Regionen", so ungenügend er ihr auch leben mochte, eine weitgefaßte. In die Welt des Bruno Schulz - in seinen Seelenzustand, in seinen geistigen und literarischen Horizont sowie in die Bedingungen seines Schaffens als Schriftsteller und Grafiker - gewähren die erhaltenen Briefe, Essays, Rezensionen und sonstigen Skizzen aufschlußreiche Einblicke. Bereits zu seinen Lebzeiten war Bruno Schulz in Polen ein bekannter und anerkannter Autor, der mit Stanisław Ignacy Witkiewiecz und Witold Gombrowicz einen regen Austausch pflegte. Unter den deutschsprachigen Schriftstellern, zu denen er in besonderer geistiger Nähe stand, seien Rilke, Kafka und Thomas Mann herausgehoben. Aber auch französische Autoren wie Marcel Proust oder Jean Giono wußte er zu schätzen. Unter all den erhaltenen Briefen sei insbesondere auf einen an Witkiewicz hingewiesen, in dem Bruno Schulz ihm höchsteigene und wesentliche Anschauungen darlegt. Ihnen zufolge leidet der Mensch unter einem doppelten Verlust: dem seiner mythologischen Anfänge und dem der Kindheit. Hier setzt aber die Kunst an, deren Rolle es ist, zu den verschütteten Quellen, so weit wie möglich, zurückzufinden. Die Rolle der Kunst sei die „einer Sonde, die ins Namenlose hinabgelassen wird. Der Künstler ist ein Apparat, der Vorgänge in einer Tiefe registriert, in der Werte geschaffen werden". Hierin liegt wohl die Haupttriebfeder von Bruno Schulz' Schaffen, in diesen Anschauungen der gedankliche Unterbau zu den „Zimtläden" sowie zum „Sanatorium zur Todesanzeige", die tatsächlich und wahrhaftig als „ein purer Extrakt der Dichtung" anzusehen sind. Unter anderem auch deswegen, weil die künstlerische Umsetzung der ihnen zugrundeliegenden Anschauungen ans Vollkommene heranreicht.

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