Die Winter im Süden von Norbert Gstrein, 2008, Hanser

1.) - 2).

Die Winter im Süden.
Roman von Norbert Gstrein (2008, Hanser).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 26.8.2008:

Last Exit Zagreb
Norbert Gstreins Roman «Die Winter im Süden»

Neben Peter Handke ist Norbert Gstrein derjenige österreichische Schriftsteller, der sich mit literarisch gewichtiger Erkundung des Balkans hervorgetan hat. Das hängt einerseits mit persönlichen Bindungen zusammen, anderseits aber mit dem Wesen des Sezessionskriegs, der in den neunziger Jahren das Ende des kommunistischen Jugoslawien besiegelte. Mit Jahrgang 1961 einer Generation zugehörig, die ideologische Skepsis mit postmoderner Ironie gerne zu fragiler Ernsthaftigkeit verbindet, sah Gstrein im Herz der jugoslawischen Finsternis Fragen aufleuchten, die mitten ins westliche Selbstverständnis hinein führen. So desavouierte der atavistische Kampf um ethnische Zugehörigkeit die Idee des Multikulturalismus ebenso wie den Fortschrittsbegriff. Unter dem Eis des Kalten Krieges waren alte Rechnungen offen geblieben und hatten alte Machtkonstellationen überdauert. Das nach 1989 verkündete Posthistoire entpuppte sich als Fata Morgana, die Geschichte meldete sich auf dem Balkan mit Wucht zurück.

Komplexe Erzählfigur

Norbert Gstreins Roman «Das Handwerk des Tötens» (2003) war mit eine Reaktion auf solche Irritation. Am Schicksal eines in Kosovo getöteten Kriegsreporters reflektierte Gstrein die mediale Verfasstheit des Jugoslawienkrieges. Nicht um die Realität des Kampfes ging es ihm, sondern um die Problematisierung des Verhältnisses von Kriegswirklichkeit und ihrer literarischen Darstellung, die sich – als Roman wie als Reportage – allzu oft sensationsheischend dramaturgischen Zwängen und stilistischen Klischees unterwirft. Gstreins Kriegsroman war ein Roman über die Unmöglichkeit, einen «Kriegsroman» zu schreiben. Kunst- und lustvoll unterlief der Autor das lineare Erzählen und verspiegelte das Geschehen in einer Vielzahl von Ebenen und Perspektiven. In der infinitesimalen Ästhetik schlug der promovierte Mathematiker durch, welcher der heute in Hamburg lebende Autor auch ist.

Auch Norbert Gstreins neuer Roman, «Die Winter im Süden», greift in die Zeit des Jugoslawienkrieges zurück, nähert sich dem Sujet auf Umwegen und beschreibt dabei eine komplexe Erzählfigur von eigensinniger Eleganz. Während die dialogisch aufgelockerte auktoriale Konstruktion den Figuren diesmal mehr Raum zum Atmen lässt, bleiben diese nichtsdestoweniger in ein streng choreographiertes Seelenballett eingebunden. Vielschichtig kommen die Protagonisten daher, doch sie sind im Privaten wie im Politischen Repräsentanten von auf je andere Art gescheiterten Generationen. Über zwei amouröse Dreiecksbeziehungen verknüpft der Roman die epochalen Wendezeiten von 1945, 1968 und 1989 (bzw. 1991) zu einem Panorama innerer Zerrüttung und zwischenmenschlicher Verfehlung. Unter dem sphärisch blauen Himmel von Buenos Aires bleibt das Leben ebenso irdisch Fragment wie unter jenem von Wien und Zagreb.

Da ist Marija, die Tochter eines kroatischen Ustascha-Kämpfers, die in den Wirren der Flucht nach Österreich 1945 den Vater verlor, mit der Mutter in Wien unterkam und nun mit Albert zusammenlebt, einem Alt-68er und in Wien weltberühmten Kolumnisten, von dessen revolutionär-dialektischem Materialismus nur mehr der Hang zu intellektueller Wendigkeit und zu toskanischem Selbstbehagen übrig geblieben sind. Eine Trophäe war ihm Marija als «mediterrane Schönheit und politisches Prachtexemplar» in bewegten Tagen gewesen – ein machohaftes Missverständnis, an dem die Liebe schwer trägt. Denn Alberts Schwärmerei schlug in Verachtung um, als er erfahren musste, dass Marijas Vater nicht bei den kommunistischen Partisanen, sondern wohl bei den faschistischen Ustascha kämpfte. Geblieben sind die Sticheleien und das Schweigen. Der über Kroatien heraufziehende Krieg gibt Marija Gelegenheit, der Ehemisere nach Zagreb zu entfliehen – um ebenda in den Armen des kriegsverwundeten jungen Befreiungskämpfers Angelo zu landen, der sich Marija, nicht ohne ihr desillusioniertes Einverständnis, seinerseits als Trophäe und Sexobjekt bemächtigt.

Suche nach Vergessen

Und da ist Ludwig, ein Grazer Polizist, der in einer Schiesserei nicht nur seine Kollegin und Geliebte Nina, sondern über der Affäre auch die Familie verloren hat. Er sucht Vergessen in Buenos Aires, wo er die Bekanntschaft einer jungen Frau macht, die mit einem kroatischen Ustascha-Major verheiratet ist, der sich 1945 vor den Nachstellungen der Kommunisten nach Übersee rettete und dort zu Vermögen kam. Auf den Krieg, der über dem Balkan heraufzieht, hat der Alte an den Ufern des Rio de la Plata Jahrzehnte gewartet – und wieder will er mitmischen, wozu er Ludwigs Hilfe braucht. Ludwig lässt sich als Beschützer einstellen und sieht sich bald in ein Verhältnis mit der ihrer Ehe entfremdeten Claudia verstrickt. Der Alte aber ist niemand anderer als Marijas Vater – eine schwüle Figur mit einer zwielichtigen Vergangenheit, zu der auch zählt, warum er einst Frau und Kind verliess. Tatsächlich wird er in der Begleitung Ludwigs triumphierend heim nach Kroatien fliegen, dort aber feststellen müssen, dass man zwar auf seine Finanzmittel, nicht aber auf seine Altkrieger-Phantasien gewartet hat. Seine Lebenslüge zerbricht.

Der Roman hebt an mit einer Suchannonce des Vaters, auf die Marija in einer Zagreber Zeitung zufällig stösst und die nur sie meinen kann. Der Vater lebt! Doch er verbirgt sich. Was soll das obszöne Spiel? Zwischen der Unwirklichkeit Argentiniens und der Unheimlichkeit Kroatiens hin und her blendend, erzeugt der Text einen grandiosen Sog, der allerdings abebbt, als deutlich wird, dass die Inserate nicht mehr als einer Laune entspringen und Ludwig die verstörte Marija ohne Zweck überwacht. Der erwartbare und bestens vorbereitete Showdown bleibt in doppelter Weise aus – weder begegnen sich am Ende Vater und Tochter, noch wird der Schleier über der düsteren Vergangenheit des Vaters je gelüftet (stattdessen kommt es zu einem anderen bösen Ende). Weder Marija noch Ludwig ist die Katharsis vergönnt, vielmehr erscheint die Geschichte als Episode einer existenziellen Verlorenheit, die weiter zurückreicht und beide bei ihrer flüchtigen Begegnung sympathetisch verbindet.

Orte, Szenen und Figuren

Es ist die Intensität der Figuren und Szenen, der Milieus und Orte, die Gstreins Roman die Glanzlichter aufsetzt, und dies umso mehr, als sie in betörend weit ausschwingenden, sinnlichen Satzperioden daherkommt: Zagreb im Krieg, manisch wechselnd zwischen Aufgekratztheit und Starre. Die sich in leeren Ritualen zelebrierende argentinische Einsamkeit des Alten und dessen zerquälte Familienidylle (die ihrerseits ein grausiges Geheimnis birgt). Der Schiessstand im Keller der Villa, wo die «Faktizität» von Waffen und Sex das «Kontrastprogramm» abgibt zu den verschwiemelten Geschichtsträumen im Wohnzimmer. Der Alte selbst zwischen Skrupellosigkeit und Verletzlichkeit, Lüge und Sentimentalität. Sein ideologischer Einpeitscher, der lächelnde Dominikanerpater Don Filip aus Mostar. Die zwischen die Welten und Zeiten verstossene Tochter Marija. Der ewige Polizist Ludwig, narkotisiert in der Lebenskrise. Schliesslich die saturierte Buchstabenwelt der altlinken Wiener Welterklärer.

Wenn Gstreins «Winter im Süden» eine Botschaft birgt, dann die eines auch in der Titelfügung anklingenden Irrealismus – dass das Leben in seiner robusten Paradoxie das ideologische und erzählerische Begehren sprengt, es auf eine Formel festlegen zu wollen. Es ist eine Stärke des Buches, dass sich die Unwirklichkeit der Figuren in der Warteschlaufe des Lebens in den Text hinein fortsetzt. Aber auch eine Schwäche, denn der evozierte historische Schrecken bleibt am Ende zu vage, als dass er das poetische Gewicht der Worte ganz zu tragen vermöchte. Die Darstellungsskepsis des Nachgeborenen und Unbeteiligten ehrt den Autor, doch ist ihr Preis eine nachlassende Intensität, die auch die hohe Schule der Parallelfügung der Figuren nicht zu verhindern vermag.

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Die Winter im Süden von Norbert Gstrein, 2008, Hanser2.)

Die Winter im Süden.
Roman von Norbert Gstrein (2008, Hanser).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 11.02.2009:

Männer von gestern

Es ist nur gut, dass es neben den jungen, kühnen, literarische Strukturen beiläufig neu erschaffenden – also neben den schlankweg genieverdächtigen Autoren auch noch die anderen gibt; die bedächtigeren, die eine Geschichte erzählen wollen und es auch können, in einer Sprache, die besticht und zum Weiterlesen drängt; auch wenn man am Ende nicht aus ganzem Herzen zustimmen kann.

So einer ist Norbert Gstrein, der mit seinem Roman „Die Winter im Süden" eine furchtbar unglaubwürdige Geschichte erzählt, voller Klischees; aber in einer Sprache, die erst alles verzeihen lässt, bis am Ende die Frage im Raum steht, ob es nicht vielleicht das Leben ist, das die Klischees ersinnt und dem Chronisten diktiert.

Marija ist 50, ihre Ehe im Begriff zu zerbröseln; zwei Menschen praktizieren alle anmaßenden Gemeinheiten und ungewollten Unterwerfungen, deren Männer und Frauen fähig sind. Der Leser erlebt eine erste Überraschung: Gstrein schreibt indirekt aus der Sicht der Frau. Warum tut er das? Weil die Männer suspekt sind.

Doch, manchmal möchte man widersprechen. Rechnet Gstrein, der Nachgeborene, nicht allzu trotzig mit den 68ern ab? Die Apo war doch nicht nur dämliche Folklore. Trotzdem: Dass der spätere Gatte seine jugoslawische Freundin den Genossen einst als „sein Partisanenmädchen" präsentierte, ist schon sehr lustig. Und, ehrlich: So ausgedacht ist das nun auch wieder nicht. Auch nicht, dass der Ex-Revolutionär ein meinungskorrupter Journalist geworden ist. Das ist das Irritierende an Gstreins Roman: dass alles Vergröberte gleichzeitig auch wahr ist. Marija reist nach Zagreb, allein. Schon im ersten Satz haben wir erfahren, dass auch ihr Vater dorthin zurück gekehrt ist, sie hat ihn 45 Jahre nicht gesehen, glaubte ihn tot. Nach ihrer Ankunft erfährt sie aus einer Zeitungs-Anzeige, dass er sie sucht.

Das zweite Kapitel setzt neu an, in Argentinien. Marijas Vater, faschistischer Aktiver des Zweiten Weltkriegs (von wegen, Partisanenmädchen!), hat damals Frau und Kind verlassen und sich nach Buenos Aires angesetzt. Unmittelbar vor dem Ausbruch des Balkankrieges zieht es ihn nach Kroatien zurück: Er will wieder mal mitmachen beim Krieg. Da entdeckt er seine Tochter.

Das Buch erzählt nebensächlich, wie die beiden einander verfehlen, stattdessen berichtet es vom Leben in Zagreb, während der Krieg näher rückt, vor allem aber von dem unbelehrbaren, durch und durch selbstgerechten Alten und seiner kindisch gefährlichen Liebe zu Schusswaffen. Auch hier lässt Gstrein kein Klischee zur Überzeichnung aus, aber er nutzt die Methode, um den Leser in den Schlingen des Selbstverständlichen zu fangen: Sieh her, diese Typen kennst du doch. Ist das wirklich alles so plakativ oberflächlich, wie es scheint?

Der arrogant verblödete Alt-68er steht gegen den heillos starrsinnigen Alt-Nazi, zwei Reaktionäre mit reaktionären Fantasien und Sentimentalitäten. Der Alte knallt in seinem Schießkeller symbolisch alte Feinde ab, der Gatte erlegt sich selbst, wenn er einerseits linke Leitartikel salbadert und andererseits unter Pseudonym stramm rechte Kommentare für die Konkurrenz verfasst. Und Marija? Ordnet sich unter, dem Mann, dem Vater, die beide keine Namen im Roman haben; und findet kaum zu sich selbst.

Natürlich ist das alles eigentlich zu kurz gegriffen. Es ist aber stimmig geschrieben und klug argumentiert, wenn über die Pointe auch gestritten werden darf. Gstrein begegnet zwei politischen Vaterfiguren und kanzelt sie gemeinsam ab – das streift die Realität nur.

Daneben gibt es Sätze, die atemlos machen. „Der Alte stand in der Menge der Wartenden, auf einmal unscheinbar fast, verloren in der Welt und gefährlich wie alle anderen." Oder: „. . . als lebte sie ihr Leben nur, solange sie kein anderes hatte." Das ist so wahr, wie Sätze nur sein können.

Gstrein erzählt emotional, ergreifend, dicht, spannungsvoll; weitsichtig. Er erzählt eine hoch politische Familiengeschichte, und es ist ein interessanter, lesenswerter Roman – unbedingt ein Lichtblick neben all dem Kehlmann-Getöse. Gott sei Dank.

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