Die Wildnis des Lebens von Horacio Quiroga, 2010, S. FischerDie Wildnis des Lebens.
Gesammelte Erzählungen von Horacio Quiroga (
2010, S. Fischer - Übertragung Angelica Ammar).
Besprechung von Lennart Laberenz in Der Standard, Wien vom 22.12.2010:

Eine literarische Bresche in den Urwald
Horacio Quiroga, 1879 geboren, gilt als einer der ersten großen lateinamerikanischen Erzähler - seine Werke sind nun unter dem Titel "Die Wildnis des Lebens" erschienen

Als die Wochenendgesellschaft am Oberlauf des Paraná im uruguayischen Salto in ein Boot steigt, ist der Oberlauf noch wild. Zur Jagd soll es gehen, aber die Familie kommt dort nie an: Prudencio Quiroga stolpert, ein Schuss löst sich aus dem Gewehr an seiner Seite und trifft seine Brust. Tödlich getroffen stürzt der Familienvater ins Wasser. Wir sind im Jahr 1879, der wenige Wochen alte Horacio Quiroga erlebt den Tod seines Vaters doppelt schmerzvoll. Schon am Beginn von Horacio Quirogas Leben steht das unheilvolle Schicksal.

Das Schicksal und die wilde Natur werden zu den beherrschenden Themen im Leben von Horacio Quiroga. Zwanzigjährig versucht er sich bei den Pariser Bohemiens, kehrt aber rasch von den Künstlerkreisen genervt und außerdem pleite nach Montevideo zurück - ein Reisebericht dazu erntet bescheidene Kritiken.

Ebenfalls misslich wird eine Veröffentlichung seines Freundes Federico Ferrando besprochen, worauf dieser den Kritiker zum Duell fordert. Der Sekundant Quiroga hat ein unglückliches Händchen: Beim Reinigen der Pistole schießt er versehentlich seinem Freund in den Mund. Ferrando stirbt, Quiroga kann eine Gefängnisstrafe umgehen, flieht aber vor der Trauer nach Buenos Aires. Ein Jahr zuvor hatte der Typhustod zweier Geschwister die Freude über die erste literarische Veröffentlichung (Das Korallenriff, 1901) gründlich verhagelt.

Vielleicht sind es solcherlei Begebenheiten, die Quirogas kurze Erzählungen in düsteres Licht tauchen. Sie deuten die starren Sitten der Gesellschaft im Wendekreis des Matebechers aus, aus formalen Gründen kommen hier junge Menschen nicht zueinander, Ehen können nicht geschlossen werden, da die Reputation der Brautmutter fraglich ist.

Die soziale Welt scheint hakelig - und wenn es Spitz auf Knopf steht, wendet sie sich gegen den jungen Helden: Quiroga beginnt seine Karriere als Erzähler im Stile des Naturalismus, in dem allerdings schon früh anstelle moralisierender Erzählung trockener Skeptizismus durchschimmert. Seine Figuren erörtern weniger sozialen Fragen, vielmehr verstricken sie sich in fataler Weise in einer Kausalkette, an der sie zugrunde gehen: "Málter nickte mit einem traurigen Lächeln. Und ging nach Hause zum Sterben."

Unbarmherzige Natur

Von den Anfängen ist es ein weiter Weg zum Titel eines der "ersten lateinamerikanischen Erzählers", wie ihn Jean Franco, eine intime Beobachterin der lateinamerikanischen Literatur, nennt. Während ein Großteil der lateinamerikanischen Autoren sich um die Jahrhundertwende noch von der Geschichte auf der falschen Seite des Atlantiks zurückgelassen wähnte und europäischem Stil nacheiferte, macht sich Quiroga auf die Reise, die ihm letztendlich zur Wendung nach innen verhilft. Genauer: ins Landesinnere. Im Juni 1903 begleitet er den Dichter Leopoldo Lugones in den Norden Argentiniens, in den Urwald, der seine Welt entscheidend beeinflussen sollte.

Von der Reise zurückgekehrt, beginnen seltsame Tiere und die unbarmherzige Natur seine Geschichten zu bevölkern. Sie gesellen sich als Partner zum weiterhin ungnädigen Schicksal: Eine junge Frau stirbt an der kalten Welt des Ehemannes und der Vogellarve in ihrem Kissen. Die Kurzgeschichte wird 1905 in einer angesehenen Literaturzeitschrift veröffentlicht, Quiroga berühmt.

Der junge Autor leugnet seine Einflüsse nicht, Poe, Kipling, Maupassant und immer wieder der Dschungel. Quirogas Erzählungen, die nun unter dem Titel Die Wildnis des Lebens zum ersten Mal gesammelt erscheinen, wenden sich immer stärker von der urbanen Welt ab, haben auch den Naturalismus längst hinter sich gelassen. Der Modernismo in der Folge Rubén Daríos scheint stärker durch, auch wenn sich heute die längeren Erzählungen, wie etwa Anaconda, durchaus als Metapher der lateinamerikanischen Reaktion auf die Kolonialisierung lesen lässt: Der Kampf der Schlangen gegen die Eindringlinge muss scheitern, da erstere sich weder untereinander besonders grün, noch gegen den Feind strategisch zu arbeiten bereit sind.

Grenzen der Zumutbarkeit

Quirogas Wissen über Schlangen ist vor Ort recherchiert - in verschiedenen Anläufen bringt er seine Erbschaft im Urwald mit grandiosen und verlässlich scheiternden Ideen durch. Der Autor freilich lernte auf diesen Wegen nicht nur die Naturfotografie, die Arbeit des Baumwoll- und Mateherstellers, sondern auch das Jagen mit Fallen und Büchse. Und er kommt auch an die Grenzen der Zumutbarkeit: Seine erste Frau Anna Maria zwang ihn 1912, zurück nach Buenos Aires zu gehen, wo er bis 1915 größtenteils vergeblich versuchte, durch die Produktion von Orangensaft, Holzkohle, Rosinen und etlichem mehr wieder zu Geld zu kommen.

Quiroga muss ein Stehaufmännchen gewesen sein. Seine Kurzgeschichten, die 1917 und 1918 als Erzählungen von Liebe, Irrsinn und Tod und Geschichten aus dem Urwald erschienen, festigten zwar seinen Ruf und rentierten sich auch finanziell. Die bitteren Stunden blieben allerdings nicht aus - nach einem Streit mit Horacio vergiftete sich seine Frau und starb nach acht peinvollen Tagen.

Quirogas Erfolg im Vorkriegs-Buenos-Aires ist ein Kontrapunkt auf jenem wimmelnden Handelsplatz der einstmals reichen Nation, die im Wesentlichen von Italienern, Briten und Deutschen entwickelt wurde. Immerhin entwickelte sich die rasch anschwellende Stadt, wie Le Corbusier später feststellen sollte, mit dem Rücken zum Land. Während in Buenos Aires Stadtplaner ihre Version von Paris nachahmten und die Briten das Eisenbahnsystem als grundlegendes Instrument wirtschaftlicher Entwicklung durch das Land trieben, wanderte Quiroga erneut hinauf in die Wälder: immer mit neuen Frauen, neuen Kindern und neuen Ideen.

Vermutlich entsprach Quiroga zu einem gewissen Maße jenen Glücksuchern, die sich noch heute an den Ufern von Paraná, Amazonas oder Orinoco herumtreiben. Ihm gelang es offensichtlich weder als Friedensrichter, noch als Beauftragter des Bürgeramtes, den Überblick zu behalten - zum Missvergnügen der Obrigkeit notierte er Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle auf Papierfetzen und sammelte diese in einer Keksdose. Wagner hörte er mit Begeisterung.

In der Folgezeit pendelt Quiroga zwischen Stadt und Urwald. Er baut seine Dschungel-Wohnstätte in eine Schiffswerft um, erkundet auf selbstgebauten Booten die Gewässer. Und er schreibt und schreibt - u. a. Novellen, Kurzgeschichten und Filmkritiken.

Existenz im Sinkflug

Ende der 1920er-Jahre ist er auf dem Höhepunkt seines Ruhmes und zähmt wilde Tiere. 1929 veröffentlicht er einen Flop. Bald darauf heiratet er eine Freundin seiner Tochter und zieht nach Norden, wo diese bald die Nase voll vom aufbrausenden Schriftsteller inmitten der Einsamkeit hat. Als María Elena Bravo mit dem Sohn nach Buenos Aires zurückkehrt, lässt sie eine Existenz im Sinkflug zurück: Quirogas Prostatabeschwerden deutet ihm ein Arzt als Krebs. Im Spital befreit er einen Mann mit üblen Verwachsungen aus einem Kellerloch, dieser hilft ihm 1937 beim Selbstmord.

Als 1967 die Geschichte von den Buendías aus Macondo zur literarischen Sensation wurden, gelang dies auch aufgrund der Bresche, die Quiroga in den Urwald geschlagen hatte.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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