Die Wiederholung von Alain Robbe-Grillet, 2002, Suhrkamp1.) - 3.)

Die Wiederholung.
Roman von Alain Robbe-Grillet (2002, Suhrkamp - Übertragung Andrea Springer).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 15.10.2002:

Der Perfektionist
Alain Robbe-Grillet stellt im Frankfurter Literaturhaus seinen neuen Roman "Die Wiederholung" vor

Seit fast 50 Jahren bastelt Alain Robbe-Grillet an dem Projekt Nouveau Roman mit. Mancher geriet ins Kichern, weil er ja nun gar nicht mehr so neu sei, Robbe-Grillet nicht, der in diesem August 80 wurde, und der Neue Roman auch nicht. Robbe-Grillet schrieb scheinbar ungerührt weiter, auch wenn die Abstände größer wurden, stellte außerdem (seit Letztes Jahr in Marienbad, 1960) Drehbücher her. Und kam im Herbst 2001 wieder mit einem Roman, der nachgerade ironisch den Titel La reprise, Die Wiederholung, trägt und in Frankreich für Spektakel sorgte. La reprise verdrängte Michel Houellebecqs Platforme von der Liste der 15 Kandidaten für den wichtigen Prix Goncourt. Die Kritik bejubelte es als einen der modernsten Romane jüngerer Zeit. Das ist eigenartig, weil Robbe-Grillet, von Haus aus Diplom-Agraringenieur, im Großen und Ganzen schreibt, wie er immer geschrieben hat.

Die Chose demonstrierte insofern zweierlei: dass erstens die Franzosen ihre Literaten zu feiern wissen (La reprise wurde begleitet von Sondernummern literarischer Zeitschriften und einem dicken Robbe-Grillet-Interview- und Essayband); dass zweitens auch die französische Buchlandschaft ein Krisengefühl kennt. Offenbar war man erfreut über dieses Kunststückchen, das viel raffinierter daherkomme als die Erfolgs- (und Export-)schlager von Houellebecq oder Beigbeder (als formlose "Inhaltsliteratur" serviert der Altmeister deren Bücher ab).

Die Wiederholung, jetzt bei Suhrkamp auf Deutsch, ist also ein Robbe-Grillet, wie er im Buche steht: Ein Agent, vielleicht ist er auch keiner, trifft einen Doppelgänger, aber vielleicht ist auch er der Doppelgänger, wird in kriminelle Vorfälle verwickelt, aber vielleicht ist auch er selbst der Mörder, und das spielt im Nachkriegs- und Sektoren-Berlin der Trümmergrundstücke und Trümmerexistenzen und enthält einige pornografische Einlagen. Der scheinbare Erzähler verliert zunehmend an Boden, ein mysteriöser Leser (Zensor, Vorgesetzter) mischt sich mit dubiosen Anmerkungen ein. Einerseits wendet Robbe-Grillet gepflegt alle Methoden des Neuen Romans an, enthebt - trotz der Aufteilung der Kapitel in Tage - seine Figuren des Zeitgefühls, wiederholt Bilder in winzigen Variationen. Andererseits ist Die Wiederholung bei allem perfekten Formalismus auch ziemlich aufregend. Nur dass man hinterher nicht schlauer ist als wie zuvor.

Schließlich zeigt sich: Die Wiederholung variiert sich nicht alleine selbst, sondern ist auch eine Variation auf das einstige Debüt Ein Tag zu viel (1953), dessen Held (mit verflixt ähnlichem Namen) einen Mörder suchte, der er am Ende selbst war. Robbe-Grillet macht also ernst mit dem Aufheben der Zeit - in der Literatur und eigentlich auch im Leben, sofern das möglich ist. Darum können Interessierte an diesem Donnerstag einen großen alten Mann der französischen Literatur in Augenschein nehmen.

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Die Wiederholung von Alain Robbe-Grillet, 2002, Suhrkamp2.)

Die Wiederholung.
Roman von Alain Robbe-Grillet (2002, Suhrkamp - Übertragung Andrea Springer).
Besprechung von Steffen Richter in der NRZ, 13.12.2002:

Im Land der Hexen, Geister und Gespenster
 
"Die Wiederholung": Ein glänzendes Alterswerk von Alain Robbe-Grillet, dem Stammvater des Nouveau Roman.

Im Herbst 1949 rattert ein Zug bei Eisenach über die deutsch-deutsche Grenze, dann weiter über Halle nach Berlin. Darin sitzt der französische Agent Henri Robin. Er fährt einem ungewissen Auftrag entgegen, den er in der Hauptstadt erledigen soll. Die schwebt in einem Zustand zwischen Leben und Tod. In ihrer Ruinenlandschaft treten sich Geheimagenten aller Lager auf die Füße. Robin stammt aus Brest in der Bretagne. Das hat er mit seinem Autor Alain Robbe-Grillet gemeinsam. Aber auch mit Boris Wallon und Franck Matthieu, auf deren Namen seine beiden falschen Pässe lauten. Sein heimatliches Terrain ist ein "Land der Hexen, Geister und Gespenster aller Art." Nun kommt die Magie der Bretagne nach Berlin. Aber hier soll keine Geschichte nach dem Leben erzählt werden. Dazu hätte Robbe-Grillet auch in unzumutbarer Weise hinter seine eigenen schriftstellerischen Standards zurückgehen müssen. Umso verwunderlicher mutet die Karriere an, die sein neuer Roman in Frankreich gemacht hat. Der Stammvater und "Papst" des Nouveau Roman, den man in den 50er Jahren noch wegen seiner ästhetischen Experimentierwut ins Irrenhaus einweisen wollte, wurde plötzlich als heißer Kandidat für den renommierten französischen Prix Goncourt gehandelt. Robin wird Zeuge eines Attentats, dem der deutsche Offizier Dany von Brücke anscheinend zum Opfer fällt. Anscheinend deshalb, weil von Brücke 200 Seiten später ein zweites Mal umgebracht werden muss. Und stets hält das Erzähllabyrinth mehrere Ausgänge bereit.

Das Leben jenseits der sichtbaren Bezirke

Hier entsteht ein Projektionsraum, in dem sich Phantasmen, Versatzstücke mythischer Geschichten, autobiographische Einsprengsel und verschiedenste Albträume tummeln. Das technische Arsenal, das der Nouveau Roman versammelt hatte, um die Zerbrechlichkeit der Weltwahrnehmung und den Konstruktionscharakter alles Literarischen offen zu legen, kommt noch einmal zum Einsatz. Entstanden ist hier ein so geschickt wie spannend arrangiertes Sprachkunstwerk, das ganz nebenbei ein Gefühl davon vermittelt, was das Leben jenseits seiner sichtbaren Bezirke ausmacht. (NRZ)

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Die Wiederholung von Alain Robbe-Grillet, 2002, Suhrkamp3.)

Die Wiederholung.
Roman von Alain Robbe-Grillet (2002, Suhrkamp - Übertragung Andrea Spingler).
Besprechung von Felix Philipp Ingold in Neue Zürcher Zeitung vom 20.03.2003:

Die Wörtlichkeit des Romans
Neue Prosa von Alain Robbe-Grillet

«Hier also fahre ich fort und fasse zusammen.» Mit diesem Satz spurt Alain Robbe-Grillet seinen jüngsten Roman ein, den er sich vor Jahresfrist zu seinem achtzigsten Geburtstag selbst offeriert hat (vgl. NZZ 24. 1. 02) und der nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Eröffnungssatz - er könnte doch wohl, als Standardformel, an jedem Romanbeginn stehen! - ist eine explikative Wiederholung (und ist zugleich die Fortschreibung) des Werktitels «Die Wiederholung». Das Erzählen wird hier als ein gross angelegtes Wortspiel praktiziert, die Wörter sind zugleich Träger, Agenten, Helden und auch Requisiten des Romans, in dem und zu dem sie sich, ständig fluktuierend zwischen Wahn und Sinn, entfalten, um eine fiktive Welt mit eigenem Wirklichkeitsstatus hervorzubringen.

Was Robbe-Grillet, um erzählend «fortzufahren», hier «zusammenfasst», ist letztlich nichts anderes als die homonyme Bedeutungsvielfalt des Titelworts «Wiederholung» (reprise), das, von seiner Grundbedeutung abgesehen, so unterschiedliche Vorgänge und Gesten bezeichnen kann wie «Neubeginn» oder «Nachvollzug», «Zurücknahme» oder «Aufschwung». Durch die Wiederholung wird ein Gleiches immer wieder als ein Anderes vergegenwärtigt, und eben dadurch, dass es wiederholt wird, gewinnt es - nach Kierkegaards «Wiederholung», der das Motto zu Robbe-Grillets   Wiederholung   entnommen ist - die Qualität einer «Erinnerung in vorwärtiger Richtung». Diese vorwärtige, entwerfende Erinnerung wird aktiviert durch klangähnliche (oder gleich lautende) Begriffe und Namen, die als Reizwörter den Text gleichsam spermatisch durchwirken, indem sie immer wieder neue Intensitätspunkte setzen, die immer wieder neue Links zu immer wieder neuen Motiven, Figuren und Projektionen ermöglichen. Robbe-Grillets entwerfende Schreibbewegung ist demzufolge gleichermassen retrospektiv und prospektiv, sie weckt - beim Autor ebenso wie bei seinem geneigten Leser - unterschiedlichste Reminiszenzen und Assoziationen, sie evoziert und realisiert Traum-, Wunsch-, Angstvorstellungen aller Art, stellt aber auch diskrete Bezüge her zur Realität anderer fiktionaler Texte (etwa von Carroll, Kafka, Bataille, Nabokov), die in der «Wiederholung» neu aufgenommen, eigenwillig fortgesponnen und auf überraschende Weise vernetzt werden.

Das lautliche Wechselspiel von Orts- und Personennamen erzeugt die dynamische Textur eines «Romans» (so die Gattungsbezeichnung), der eigentlich aus lauter Romananfängen besteht, von denen keiner ausgeführt wird, die sich aber insgesamt zu einem Werkganzen von staunenswerter Geschlossenheit zusammenfügen. Als hauptsächlicher Schauplatz des kleinteilig fragmentierten Erzählgeschehens wird, zumindest punktuell, das im Zweiten Weltkrieg zerbombte Berlin erkennbar, das die ebenfalls zerstörte Heimatstadt des Autors, Brest, in Erinnerung ruft - allein schon die anagrammatische Verquickung von «Ber-» und «Bre-» bewirkt die gegenseitige Überblendung von dokumentarischen und persönlichen Erinnerungsbildern, ganz zu schweigen von den zahlreichen Überblendungen mythologischer, literarischer, historischer Art, die sich in der «Wiederholung» durch die vielfache Verknüpfung realer oder fiktiver Eigennamen ergeben und die auf der Erzählebene des Texts in Form von Spiegeln, Kopien, Fälschungen, Imitationen, Schatten sowie Zwillingen, Doppelgängern und Doppelagenten ihre Entsprechung finden.

Der zentrale Erzählimpuls geht nicht vom Ich-Erzähler selbst aus, sondern von dessen Namen, der ständig variiert und als unerschöpfliche Assoziationsquelle genutzt wird: Henri Robin, Klangmaske des Autors Alain Robbe, ist auch H. R. (in französischer Aussprache Ascher), tritt als geheimdienstlicher Kundschafter unter diversen Pseudonymen auf, trägt u. a. auch den Zwillingsnamen Markus und Walther von Brücke (d. i. Dupont in Robbe-Grillets früherem Roman «Les gommes»), ist mit einer Geliebten namens Joëlle Kast (Jokaste!) zugange und findet sich unversehens in der Rolle des Ödipus wieder . . . - Man braucht das vom Autor ingeniös ausgelegte Netzwerk von direkten und indirekten Zitaten nicht zu durchschauen, um Lust am Text zu gewinnen. Dieser bietet zwar keine rekapitulierbare Handlung und auch keine Identifikationsfiguren an, dafür aber eine rasante Abfolge von unvergleichlich prägnanten Gegenstands-, Situations- oder Personenbeschreibungen, die ihrerseits parodistisch eingebettet sind in das triviale Fluidum von Polit- und Psychothrillern, von Sex-, Comics-, Horror- und Kriminalgeschichten... Fortsetzung

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