1.)
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Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom
3.3.2007:
Das große
Fressen
Clemens Berger tischt einen Roman über
Wettesser und Tierschützer auf
Rekorde sind immer gut! Sie beleben den Verkauf", ruft 1985 in Peter Roseis 15000 Seelen ein Weltrekordbeglaubiger aus, der seine Umgebung oft als Speisenmetapher wahrnimmt und alles in Trakl-Anwandlung in "Straßen aus schwarzem Obers" münden sieht. Seither entstand eine Gesellschaft, in der man Berühmtheit um jeden Preis sucht, ein Ranking von allem und die öffentliche Ausstellung von jeglichen Privatheiten betreibt.
Derartige Zustände führt nun Clemens Berger so prosaisch vor Augen, dass auf eine Annäherung der Realität an die Groteske geschlossen werden mag. "Dann explodierte er", liest man von einem fürs japanische Fernsehen gefilmten Höchstleistungsversuch, "die Nudeln, die Sauce, alles brach aus ihm heraus, schnelle, starke Stöße, denen Ed keinen Einhalt mehr zu gebieten vermochte. Er hielt sich noch den Finger vor den Mund, hörte Schreie ringsum, Kreischen, die Finger wurden zum Sieb, es spritzte in alle Richtungen."
Die menschlichen Verrücktheiten gehören von jeher, etwa in den Narrenschiff-Erzählungen, zu den Grundthemen der Literatur. "Die Welt ist verrückt, dachte er", so endet der neue Roman von Clemens Berger. Mit Paul Beers Beweis hat der junge Burgenländer 2005 einen gelungenen Erstling vorgelegt, in dessen zentraler Bildszene ein Ritual gestört wird und das Weltwerkel außer Tritt gerät. Mit dem genauen Aufbau, der Ordnung der Erzählstränge, die in verschiedene Milieus führen und sie zusammenführen, hat Berger auch Die Wettesser gestaltet. Der erste Roman spielt zwischen der Fußball-WM 1998 und jener von 2002; der zweite zwischen Weltmeisterschaften des Wettessens am US-Unabhängigkeitstag, Anfangs- und Schlusskapitel setzen gleich ein: "Der Vierte Juli [...] war ein schöner Tag in New York." Nur die Jahreszahl springt weiter, von 2000 auf 2001. Man schreibt die Jahrtausendwende, vor dem Anschlag auf das World Trade Center, und in dieser Welt solch schöner Tage scheint der Wahnsinn Normalität zu sein.
Das Zitat des Internationalen Wettessverbandes "Competitiv eating is among the most diverse, dynamic and demanding sports in history" steht als zweites Motto unter einem Kultur-Barbarei-Satz von Walter Benjamin. Berger tischt eine Sportart auf, die solche Mechanismen und Verhalten zeitigt wie andere Disziplinen heute und auf das olympische Programm will: Die Weltrekorde stehen zurzeit der Romanhandlung bei drei Kilo Kohl in neun Minuten, 57 Rinderhirnen in 15 Minuten, zwei Kilo Shrimps in zwölf Minuten ... Beim New Yorker Topereignis verdrückte keiner je so viel wie der Japaner Takeru Kobayashi. Dieser brachte 2006 laut www.ifoce.com 53¼ Hotdogs in zwölf Minuten runter. So gut erfunden die kuriose Körperzüchtigung klingt - sie existiert tatsächlich.
In das Milieu dieser Berserker des Schlingens führt Clemens Berger. Er erzählt Die Wett- esser in drei klug konstruierten Teilen, aus verschiedenen Perspektiven: von Japanern, die ausgerechnet am hohen US-Feiertag in New York triumphieren, folglich als Nudelfresser mit drei Mägen beschimpft werden, und von amerikanischen Verlierern. Ed Krachie, 200 kg, "das Tier", und Charles Hardy, "der Hungrige", ein schwarzer Besserungsoffizier, unterliegen 2000 dem "Hasen" Kazutoyo Arai, der Matratzenverkäufer war und sich nun als Medienstar gefällt.
Gegen die Vertilgungsshow treten junge Tierschützer auf, für die sich die Formel "Sport ist Mord" hier offenbart. In ihrem Fanatismus mögen sie nicht weniger seltsam scheinen. Immerhin lässt Berger auf ihrer Seite eine Liebesgeschichte zu, während die Wettesser allesamt gescheiterte Beziehungen erleben. Bei ihren Auftritten sind sie andere. Eds frühere Lebensgefährtin erkennt: "Er veränderte sich auf diesen Bühnen, im Scheinwerferlicht, wurde laut, ausfällig, grob, selbstverliebt bis zur Besessenheit. Da war ein Unmaß, das sich Mary nicht erklären konnte, ein schwer beschreibbarer Abgrund." Sein Sieg ist es schließlich, dieses Podium hinter sich zu lassen, jener von Charles Hardy, den "Prinzen" Kobayashi, ein dandyhaftes Fressgenie, zum Rekord trainiert zu haben.
Diese Wettesser bleiben trotz allem etwas plakativ, die Aktivisten, die weder Tierisches zu sich nehmen, noch tierische Produkte verwenden wollen, wirken zu lange fast ununterscheidbar blass. Einige ihrer Fragen klingen banal (was man einem Kind mit der Namensgebung antut), einiges malt Berger einfach schwarz-weiß (den Besuch bei den Eltern der schwangeren Tierschützerin), nicht alle Erzählstränge führt er aus. Der Duktus gerät leicht ins Ungelenke, etwa der Partizipialhäufung, so manche Beschreibung ins Oberflächliche der Aufzählung (an den Wänden "allerlei Fotos und Krimskrams").
In Die Wettesser erreicht Clemens Berger weder die sprachliche Dichte noch die narrative Hintergründigkeit von Paul Beer Beweis. Immerhin bietet er interessante und doch gut lesbare Geschichten aus einer Welt, die so verrückt scheint, dass man sich nicht sicher ist, ob die Vorgänge einer bodenlosen Übertreibung oder einer heillosen Realität entspringen.[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]
Leseprobe I Interview I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © Der Standard/K.Z.
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2.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Elisabeth Gollackner im FM4
vom
11.3.2007:
50 Hot Dogs in 12 Minuten.
Das muss man sich mal vorstellen!
Das kann man sich nicht vorstellen.
Das muss man sehen. Und dann irgendwie verdauen.
Der 27-jährige österreichische Autor Clemens Berger hat es gesehen. "Das Thema kam zu mir", antwortet er auf die Frage, wie man zu so einem Thema kommt - über den Fernseher in Gestalt einer Eating Competition. Diese Vertilgungsmaschinen in Menschengestalt haben sich im Kopf festgesetzt, wurden zur Erzählung, schießlich zum Roman. "Die Wettesser" heißt er und erzählt von Dingen, die man sich schwer vorstellen kann.
Zu unserer Linken: Die Vielfraße.
Ein Jahr lang begleiten wir vier Konkurrenten, Meister des schnellen Essens: Zwei Japaner und zwei Amerikaner, die um den Titel des Hot Dog Champions kämpfen - um den Yellow Mustard Belt.
Kobayashi und Arai, Hardy und Krachie - alle vier Personen gibt's wirklich, und in Amerika und Japan sind sie Stars, die in Werbespots auftreten, Bücher rausbringen und in der Öffentlichkeit um Autogramme gebeten werden. Clemens Berger hat also gut recherchiert, hat die harten Fakten und die Rekorde als Raster genommen und sie mit einer Geschichte über Konkurrenz, Liebe und dem ewigen Kampf nach Anerkennung gefüllt.
"Genau dort, wo man's am wenigsten vermuten würde, ist die Geschichte am realsten", meint er im Interview. Zum Beispiel dann, wenn erzählt wird, dass der beste Wettesser der Welt, Takeru Kobayashi, eine Affäre mit Kate Moss hat. Dass Ed Krachie am Flughafen von Osaka mit "Hot Dog Man"-Schreichören empfangen wird. Oder dass Kobayashi im Fernsehen bei einem Wettessen gegen einen Bären antritt.
Wettessen gibt es in Amerika und Japan in jeder erdenklichen Disziplin: Butter, Eier, Pizza. Doch die Königsdisziplin ist das Hot Dog Wettessen. Jedes Jahr am 4. Juli treffen sich die Menschenmassen vor Nathan's Fastfood Lokal in New York, Coney Island, um den Fress-Athleten aus aller Welt zuzujubeln. Rund 10 Millionen Menschen verfolgen dieses Ereignis vorm Fernseher. Und dort, zwischen kotzenden Anfängern, beleibten Champs und kreischenden Fans, trifft sich auch eine andere Gruppe von Menschen, der diese Veranstaltung ein schmerzender Dorn im Auge ist.
Zu unserer Rechten: Die Weltverbesserer.
Sandra, Jeremy, Sophie und Andrew sind Veganer aus Überzeugung. Sie sind radikal und aktivistisch. Fleisch zu essen ist für sie gleichbedeutend mit Mord - und so viel Fleisch wie nur möglich in sich reinzustopfen, nur der Show wegen, ist eine Provokation, der sie nicht tatenlos zusehen wollen.
"Kein Hund fraß, bis er sich erbrach. Kein Hund fraß, um mehr als der andere zu fressen. [...] Wie viele Tiere, vollgepumpt mit Hormonen und Antibiotika, in abscheulichster Massentierhaltung geschlachtet werden mussten, damit die größten Dummköpfe der Welt sie um die Wette verzehren konnten, war haarsträubend."
Flugblätter zu verteilen reicht irgendwann nicht mehr. Sie wollen Vergeltung für das sinnlose Morden. Bei der Weltmeisterschaft im Wettessen prallen diese beiden Welten aufeinander.
"Ich bin oft gefragt worden, warum ich über ein so unernstes Thema schreibe", erzählt Clemens Berger. "Ich glaub nicht, dass das die Frage ist, und ich glaub auch nicht, dass es ein Paralleluniversum ist, in dem ganz andere Werte herrschen. Die Werte oder Kategorien, die in unserer Gesellschaft wichtig sind, sind in dieser Wettess-Konstellation radikalisiert. Worum's in erster Linie geht, ist diese unglaubliche Konkurrenz, die im Herzen des Kapitalismus wohnt. Bei den Wettessern sieht man nur, dass diese Konkurrenz sich sogar in so basale Lebensbereiche wie das Essen einschleicht. Manche sagen: 'Haha, das ist ja lustig, das ist ja pervers'. Aber so pervers ist das nicht."
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fm4.at]
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3.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Peter Pisa aus Kurier, Wien vom 12.3.2007:
Wann werden die
Hot Dogs olympisch?
In "Die Wettesser" ist fast alles wahr. Der Kohl-Weltmeister etwa schafft drei Kilo in neun Minuten. Danach kotzt er.
Wettessen ist in Japan ein wöchentliches
TV-Ereignis wie bei uns "Die Millionenshow". Naja... Wettessen ist ein
größeres.
Man tritt vor einem Tisch mit Shrimps gegeneinander an (zwei Kilo in zwölf
Minuten sind Spitze) oder mit Curryreis (vier Kilo in 13 Minuten, das ist eine
sehr gute Durchschnittsleistung), und die Dummköpfe werden gefeiert und
vermarktet und bezahlt wie Superstars.
Ein Mal im Jahr, seit 1916, ist am 4. Juli in New York die Weltmeisterschaft. In
der Königsdisziplin. Hot Dogs.
Hartes Training
Jetzt muss man sich vorstellen: Da sitzen
amerikanische Fettsäcke, zum Beispiel der Kohl-Weltmeister - drei Kilo in neun
Minuten. Die haben alle sehr hart trainiert: Nach zehn Flaschen Bier ein
Alkoholfreies. Das muss man ihnen erst nachmachen, ha! Und dann setzt sich ein
"verdammtes Nudelgesicht" dazu, ein schmächtiger kleiner
Japaner, der fast kein Gramm Körperfett hat, und der verputzt in zwölf Minuten
25 Hot Dogs und ein Achtel. Rekord. Der Kerl kotzt nicht einmal. Hot Dog in der
Mitte auseinander brechen, in Wasser eintauchen, damit es besser rutscht, beide
Teile gleichzeitig in den Mund schieben . . .
Zehn Millionen schauten in den USA vor den Fernsehapparaten zu. Zehn Millionen.
Das alles ist wahr. Es geschah im Jahr 2000.
Die Typen heißen Charles Hardy, Ed Krachie und Kazutoyo Arai (ein ehemaliger
Matratzenverkäufer), und demnächst wird der Sieger Kobayashi heißen. Wieder
ein Japaner. Dass sich fast jeder darüber wundert, weil er nichts davon wusste,
macht den Reiz des heiteren Romans "Die Wettesser" aus. Das Thema
könnte ihn zum überraschenden Bestseller machen. Es ist der zweite Roman des
27-jährigen Burgenländers Clemens Berger, geboren in Güssing, aufgewachsen in
Oberwart, wohnhaft in Wien. Schon "Paul Beers Beweis" (2005) war, so
stand es im KURIER, "eine Freude. Ein Geschenk für Bauch und Hirn."
KURIER: Wieso sind Sie nicht während des
Schreibens Vegetarier geworden?
Clemens Berger: Weil ich gern gut esse.
Also niemals Hot Dog oder Hamburger?
Doch. Beides. Aber nur ein Mal im Monat.
Es geht im Buch gar nicht so sehr ums Essen.
Berger wollte ein Symptom der Zeit vorführen: Das Konkurrenzdenken, das im
Herzen des Kapitalismus steckt und heutzutage nicht einmal vor den Würsteln
Halt macht.
Die Figuren in "Die Wettesser" sind nicht wie von Deix gezeichnet. Das
vermied Clemens Berger. Und es gibt auch nicht den erhobenen Zeigefinger:
Millionen Kinder verhungern, während hier sinnlos gefuttert wird. Man denkt
ohnehin daran.
Die Wettkampfteilnehmer finden ganz normal, was sie da treiben. Sie halten es
für Sport. Man bemüht sich sogar zurzeit, olympische Disziplin zu werden.
Sommer oder Winter?
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.kurier.at]
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4.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Dagmar
Jenner aus buchrezensionen.eu
vom 18.3.2007:
Die Wettesser
In seinem Romanzweitling wechselt Clemens Berger mit einer skurrilen und technisch gut umgesetzten Idee von der österreichischen Provinz („Paul Beers Beweis“) über den großen Teich an die amerikanische Ostküste. Beim großen Hot-Dog-Wettessen demütigt ein kleiner, schmaler Japaner seine amerikanischen Mitbewerber. Im Publikum befindet sich unter anderem eine kleine Truppe radikaler VeganerInnen, die nicht weniger skurril sind als die Hot-Dog-Fresser. Dieser kleine Japaner namens Kazutoyo Arai spielt nach dem fulminanten Einstieg im weiteren Verlauf des Romans lediglich eine Nebenrolle. Dafür treten andere Wettfresser auf den Plan: die Amerikaner Ed Krachie und Charles Hardy, beide verkrachte Existenzen, sowie ein weiterer Japaner namens Takeru Kobayashi. Und natürlich die radikale Vegan-Szene. Der Roman erstreckt sich über einen Zeitraum von einem Jahr, jeweils zwischen den beiden traditionellen Wettessen am amerikanischen Unabhängigkeitstag. Beide Male wird ein Japaner die Lokalmatadoren buchstäblich in Grund und Boden fressen. Generell ist der Roman bevölkert von allerlei schrägen Figuren, die alle auf die eine oder andere Art und Weise verblendet sind.
Große Sympathien kommen bei der
Leserin dabei weder für die eine noch die andere Gruppe auf – wobei die
Vegan-Gutmenschen, die letztlich so gut gar nicht sind – einen Großteil ihrer
Energie für einen Kampf verwenden, der von den Meistern des Fleischfressens
bestenfalls peripher zur Kenntnis genommen wird.
Während sich die „bösen Wettfresser“ Ed und Charlie langsam ändern –
bemerkenswert die wundersame Verwandlung des Charles Hardy vom rassistischen
Ekelpaket zum gottesfürchtigen Guru mit homoerotischen Neigungen - ,
radikalisieren sich die selbst erklärten Gutmenschen zunehmend. Es ist ein
Roman der Gegensätze: Völlerei da, Askese dort. Diese krassen Gegensätze
setzen sich auch auf anderen Ebenen fort: Sex und Liebe gestalten sich entweder
wüstromantisch, züchtig-rein und dabei ganz hart an der Grenze zum Kitschigen
oder betont derb, billig und fastfoodlike, wobei die ausgiebige Beschreibung
aller involvierten Körperflüssigkeiten nicht zu kurz kommt.
Der Roman bietet rasante
Themenwechsel und ständig alternierende Schauplätze, thematisch passend in
kleinen, manchmal zu schnell konsumierbaren Fast-Food-Häppchen serviert. Dabei
scheint der Autor mit der neuen deutschen Rechtschreibung auf Kriegsfuß zu
stehen und scheut sich nicht, eigenartige Gebilde, die keiner
Rechtschreibkonvention entsprechen, einzustreuen: Ubahn, Emailadresse.
Einige wenige inhaltliche Schnitzer schmälern ein wenig die Lesefreude – da
„versteckt“ sich beispielsweise eine Bonbonniere in einer Damenhandtasche,
wird in der Business Class Bier aus Plastikbechern getrunken oder ein Amerikaner
kommt in den Genuss eines (in den USA de facto nicht existierenden) Überziehungsrahmens
seines Girokontos.
Der Autor ist klug genug, diese Geschichte der Völlerei und Verblendung nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Auf gut 180 Seiten hat er eine spannende Story und seinen Befund über den Zustand der Welt kompakt untergebracht. Unklar bleiben letztlich die Intention und Position des Autors, zumal er einen Erzählstrang, der auf ein spektakuläres Ende deutet, ins Leere laufen lässt.
Als Leserin kommt aufgrund der ungustiösen Infos über die Fleischindustrie sehr wenig Appetit auf die nächste Leberkässemmel oder das Sonntagsschnitzel auf – allerdings auch sehr wenig Lust, sich mit weltfremden Eiferern auseinanderzusetzen. Und letztlich Aufatmen darüber, dass die eigene Welt trotz deutlicher Missstände nicht mal annähernd so verrückt ist wie die im Roman beschriebene.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.buchrezension.eu]
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5.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Ingolf Erler in Unique,
03.2007:
Ein gefundenes Fressen
"Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", schrieb Bertolt Brecht vor Jahrzehnten. Clemens Berger hat diesen Satz in die Gegenwart transferiert. Entstanden ist ein witziger Roman der Extreme zwischen Würstchen-WettfresserInnen und veganen FleischverweigererInnen.
Ein schmächtiger, junger Mann auf einer Bühne.
Vor ihm eine große Menge gekochter Würstel, hinter ihm die japanische Flagge.
Daneben ein Braunbär, vor dem eine ebenso große Menge Würstel liegt, während
sich hinter ihm das Stars-and-Stripes-Banner zeigt. Auf Startkommando beginnt
sich der Mann die Hot Dog-Würstel in den Mund zu stopfen, während der Bär,
weniger gequält, nach dem gekochten Fleisch schnappt. Die ganze Szene,
kommentiert von zwei Sportreportern, wird übertragen vom gro-ßen
amerikanischen Fernsehsender Fox und lässt sich auf "You Tube"
anschauen. Das Denkmuster dahinter kann in Clemens Bergers neuem Buch "Die
Wettesser" nachgelesen werden. Es handelt sich um "Wettfressen",
eine Darbietung, die im amerikanischen und japanischen Fernsehen zu
Top-Einschaltquoten führt. Häufiger treten allerdings Menschen gegeneinander
an, um sich darin zu messen, wer mehr Hot Dogs in kürzester Zeit verschlingen
kann.
Clemens Bergers Roman handelt von solchen Fressorgien, vom Verschlingen, aber
auch von der Essensverweigerung. Er schreibt aus der Sicht derjenigen, die nicht
genug bekommen können: der WettesserInnen. Das sind Menschen, die 50 Hot Dogs
in 12 Minuten verschlingen. Ihre Vereinigung, die "International Federation
of Competitive Eating", kämpft gerade um Aufnahme als olympische
Disziplin. Und er erzählt aus der Sicht derjenigen, denen die Moral über dem
Fressen steht: einer Gruppe radikaler TierschützerInnen, deren Ziel die
radikale Selbstdiziplinierung, auch auf Kosten eigener Bedürfnisse und
Gefühle, ist.
Die Fress- und Askeseorgien sind die Aufhänger für die Geschichte, in der Sinn
und Widersinn der heutigen globalisierten Welt mit viel Humor abgehandelt wird.
Der Erzählstrang wechselt zwischen den Blickwinkeln der Hauptpersonen und
zeigt, dass selbst hinter den absurdesten Charakteren nette Menschen stecken
können. Darin, Schwarzweiß-Malereien möglichst zu vermeiden und seine
AkteurInnen in all ihren Widersprüchlichkeiten verstehen zu wollen, liegt auch
die Stärke in Clemens Bergers Erzählungen. Das zeigte sich schon in seinem
Erstlingswerk "Paul Beers Beweis". Dort beschrieb er die Geschichte
von Josef Kelemen, der nach dem Tod seiner Frau seine Identität in Franz
Schwarz wechselt, von Oberwart nach Wien zieht und noch einmal von vorne
beginnen will. Dass sein neues Leben gleich damit beginnt, in einen
AMS-Computerkurs gesteckt zu werden, um sich für den Arbeitsmarkt zu rüsten,
macht die Angelegenheit nicht einfacher. In ein neues Leben hilft ihm der
melancholische Privatgelehrte Paul Beer, der von Schwarz' Lebensgeschichte so
fasziniert ist wie von der Antiquarin Ursula Steiner.
In den Bergen
Sucht man/frau Clemens Berger im Buchhandel, landet man/frau zwischen Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard. Eine alphabetische Nachbarschaft, die im Grunde nicht übel ist, und auch der hintergründige und oft auch überdeutliche Humor eines Thomas Bernhard lässt sich in Clemens Bergers Texten finden. Vor drei Jahren wurde er von einem örtlichen Kulturverein eingeladen, für einige Monate nach St. Johann in Tirol zu gehen, um als Marktschreiber seine Beobachtungen über das dortige Alltagsleben zu Papier zu bringen. Die Ergebnisse wurden in den Kitzbüheler Nachrichten als "Tiroler Ansichtskarten" gedruckt und erschienen so manchem/mancher Einheimischen doch etwas zu offenherzig. Besonders betroffen war die Mehrheit vom Vergleich der geliebten FreiheitskämpferInnen mit heutigen politischen AkteurInnen: "In einer schwachen Analogie verweisen die islamistischen Kämpfer im heutigen Irak und Afghanistan auf jene Tiroler Freiheitskämpfer. Auch sie verteidigen oder kämpfen für eine Ordnung, die systematisch Ungleichheiten erzeugt, einem großen Teil der Vielen jegliche Mitsprache verwehrt, und ein System der Angst, das denen, die aufzubegehren sich wagen, die Waden nach vorn richtet." Soviel Wahrheit war den Menschen dann doch nicht zumutbar und brachte die ZeitungsredakteurInnen zur gewagten Mutmaßung: "Seine Gedanken scheinen auch immer einen leicht politischen Bezug aufzugreifen."
Politik
Dem Linken einen politischen Bezug abzusprechen, wäre schon ein hartes Unterfangen. Für die marxistische Zeitschrift "Grundrisse" übersetzte er schon vor Jahren literarische Texte des Subcomandante Marcos. Neben einer kleinbürgerlichen und großstädtischen Milieustudie ist "Paul Beers Beweis" gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit von Menschen, die trotz Bruno Kreiskys berühmten Zitats mit 30 noch nicht ins Bürgertum wechseln wollen. Schließlich stehen auch die radikalen TierschützerInnen in "Die Wettesser" für die Don Quichote'schen Windmühlenkämpfe politisch Überzeugter gegen die Überzahl, die im folgenden Zitat gipfeln: "Wenn die Dummköpfe Dummköpfe bleiben wollten, helfe allerdings alles nichts." Es lohnt sich jedoch auch Clemens Berger zu lesen, um einfach nur eine kurzweilige und vergnügliche Lektüre zu haben.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Unique]
Leseprobe I Interview I Buchbestellung I home 0407 LYRIKwelt © Ingolf Erler, Unique, 03/07
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6.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von ??? aus St. Kanzianer
Zeitung vom April 2007:
53 Hotdogs in nur 12 Minutn
Zu mein Geburtstog hob i des Buch "Die
Wettesser" gschenk kriagt. Dabei iss i gor nit vül und besonders dick . .
. no . . . des bin i a nit. I hob des 184 Seitn storke Buch schon fost fertig
glesn. A Burgnländer - Clemens Berger hasst a - hot des gschrieb. I sog:
Do vageht da Appetit.
Wenn i mi richtig ainna, donn war des Onfang
2006, wo i in ana Zeitung glesen hob,
doss bei an Fresstournier ana in 12 Minuten 53 Hotdogs gessn hot. Da Siega hot
donn
40.000 US-Dollar kassiert. A Pharmakonzern soll des "Turnier"
gsponsart hobn.
Is des eigentlich nit a Wohnsinn? Do leidn
Menschen unter Hunger und die ondern wissen nit, wos sie sich einestopfn solln.
Des Buach ist umso aktuella, weil bei uns vüle unta Esstörungen leidn.
Esstörung ist des, wonn jemand den bedürfnisorientierten
und von da Vanunft gsteiaten Umgong mit Nohrungsmitteln valurn hot.
Vier Fress-Champions werdn beschriebn. Man glabts fost nit, oba die Mengen-Fresser segn sich als Sportler und kämpfen - dabeil noch ohne Erfolg - für die Onakennung für die olympische Disziplin. Ist des noch normal?
Herrgott, schau oba, St. Kanzianer Zeitung 04/2007
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der St. Kanzianer Zeitung]
Leseprobe I Interview I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © St. Kanzianer Zeitung
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7.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Helmut Schönauer,
2.04.2007:
Bei einem echten Leser ist das Auge immer schneller als der rezipierte Begriff, der skurrile Titel „Wettesser“ verleitet zu optischen Abgleitungen, Wettleser, Wettmesser, Wet-desert, alles schwingt mit, ehe es klar ist: Hier geht es um das Fressen.
Clemens Berger hat seine skurrile Fabel von der Sinnlosigkeit aller Wettbewerbe an einem perversen Plot festgemacht. Zwei Japaner und zwei Amerikaner haben die Weltvormachtsstellung im Wett-Fressen inne, im entscheidenden Fress-Down siegt ein eher zierlicher Japaner mit kulturellen Schraffuren vor einem Ami-Ekel und Weltherrschaftsfettwanst par excellence.
Insgesamt sind auf der Hauptbühne vier Fressende im Spiel, und als Gegenwelt im Backstage-Demobereich bauen ein paar Vegetarier und Veganer ihre fleischlose Gegenwelt auf, die sie letztlich selbst überwinden, indem sie völlig fleischlich ein Kind zeugen und somit eine Hotdogausnahme machen.
Der Hotdog ist vielleicht der Hauptdarsteller in diesem wundersamen Roman. Irgendwie schaut dieses halb schlaffe und halb erregierte Ding wie die Imitation eines Geschlechtsorgans aus, und zigfach hintereinander in den Leib gewürgt ergibt es einen logischen Orgasmus an Perversität.
Wie bei jedem Wettbewerb geht es nicht um das „Warum“, sondern um das bloße „Um“. In der globalen Fressliga bereiten sich die Protagonisten auf die Wettbewerbe vor, ihre biographische Grundschattierung wird für die Presse grob herausgearbeitet, im Prinzip aber handelt es sich um Funktionsträger, die den Wettbewerb über den Fresssteg zu tragen haben, sonst nichts.
In Clemens Bergers Roman treten die Helden naturgemäß als Ekel auf, werden aber beinahe sympathisch, wenn man ihren Lebenshintergrund kennt. Vorne wird ekelhaft gefressen und hinten wird moralisch demonstriert. Als Leser hilft man bald einmal zu den Fressenden, den Machern, als zu den Demonstrierenden, den Deutern, dieser Welt.
Kaum eine Speise, die sich nicht in Rekordzeit hinunterwürgen lässt! Die Vorbereitungen auf das große Fressen, geheime Verfahren, wie das Spreizen der Speiseröhre, Spionage, Suggestion – die Groteske wird zu einem Déjàvu und zur Aufklärung für den Leser. Ist nicht jede Sportveranstaltung eine längst aus den Fugen geratene Fressorgie? Und gibt es da nicht auch in der Literatur das große Fressen, in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Preis etwa?
Clemens Berger ist ein sehr vornehmer Autor. Er lässt der Schweinerei den Vortritt und glaubt an das Gute im Leser.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenhauer-literatur.com]
Leseprobe I Buchbestellung 0507 LYRIKwelt © Helmuth Schönhauer
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8.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Sabine Dengscherz aus literaturhaus.at
vom 10.04. 2007:
Die Wettesser
Du bist, was du isst, heißt es im Volksmund und
neuerdings auch in der Werbung. Der burgenländische Nachwuchsautor Clemens
Berger zeigt zwischen den Zeilen seines jüngsten Romans "Die
Wettesser", dass der Stoff, aus dem der Modespruch gebacken ist, auch
literarisch etwas taugen kann: ein zartes Stück Gedankenfleisch. Well done.
Unter Clemens Bergers Protagonisten ist allerdings nicht jeder so ein Feinspitz.
Sie stopfen in sich hinein, was das Leben so hergibt. Hot Dogs, Nudeln und
Überzeugungen. Und alles wird früher oder später verdaut oder unverdaut
wieder ausgeschieden - manchmal eben auch die Weltanschauung.
Berger erzählt hier wechselweise von zwei Subkulturen, wie sie
unterschiedlicher nicht sein könnten. Völlerei und Fleischmassenkonsum als
Sportereignis versus Tierliebe bis zum Veganertum - "Wer schafft mehr Hot
Dogs in zwölf Minuten?" versus "Keiner hat das Recht, einem anderen
Lebewesen das Leben zu nehmen!" . Kämpfe um Medaillen versus Ringen nach
dem richtigen Weg im Dschungel der Ideologien. Die Extrempole der
Spaßgesellschaft werden behutsam abgesteckt, aus kühler Distanz skizziert,
gedreht, gewendet, umgestülpt, da will einer sehen, was hinter der Fassade
übrig bleibt: das Menschliche.
"Der vierte Juli Zweitausend war ein schöner Tag in New York." So
heißt es zu Beginn. Exakt ein Jahr liegt zwischen Anfang und Ende der
Romanhandlung. Die Wettesser schoppen sich in einem Konkurrenzkampf zwischen
Japan und den USA. Ed Krachie, "das Tier", beinahe unschlagbar in
seiner Disziplin, wälzt Probleme in der Frauenwelt und Kalorien in seinen
Zellen, Charles Hardy, "ein unglaublich fetter Schwarzer", kommt vor
lauter Ehrgeiz fast ums Leben. Essen ist gefährlich. Nur den Japanern sieht man
das nicht an. Da geht es um perfekte Technik, Sport und Disziplin.
"Der vierte Juli Zweitausendeins war ein schöner Tag in New York." So
heißt es am Anfang vom Ende. Und das Ende kann durchaus als ein glückliches
durchgehen. Viel ist geschehen in diesem einen Jahr. Nicht nur schreiben wir nun
tatsächlich ein neues Jahrtausend (das bekanntlich erst am 1. 1. 2001 begonnen
hat und nicht schon am 1. 1. 2000), die dazwischenliegenden zwölf Monate
bedeuteten auch für die eine oder andere Hauptfigur Schubumkehr, Aha-Erlebnis,
Prinzipienwandel und Start in ein neues Lebens-Zeitalter.
Der "unglaublich fette Schwarze" Charles Hardy will künftig den
Gürtel etwas enger schnallen und der Schnelllebigkeit des Rekorde Brechens
seinen breiten Rücken kehren. Champions sind schnell vergessen, sagt ihm sein
neu gewonnener Hausverstand, er schließt Frieden, Freundschaft und einen
sportlichen Pakt mit seinem japanischen Konkurrenten und sucht den Idealismus
neuerdings außerhalb des Futternapfes. Mens sana in corpore sano, oh ja.
Auch in den Reihen der Veganer beginnen die Fronten zu bröckeln, statt sich zu
erhärten. Das ist unter anderem der Erkenntnis zu verdanken, dass Liebe nicht
unbedingt durch den Magen geht, und dass Gaumen und Magen samt allen Prinzipien
durchaus bereit sind, sich der Liebe zu ergeben. Und wenn in einem Bauch ein
Baby wächst, dann stellt sich prompt das Pflichtbewusstsein ein und treibt
diverse Flausen aus. Es gibt jetzt Wichtigeres im Leben.
Der Weg ist das Ziel und das Ziel auch schon wieder ein neuer Weg. Sir Carl
Popper meinte einmal, es spreche nichts dagegen, Fehler zu machen. Man dürfe
nur denselben Fehler nicht zweimal machen. Umgelegt auf Bergers implizite
Romanphilosophie wäre das wohl in etwa: Du bist was du isst. Aber du isst ja
schließlich nicht dein Leben lang dasselbe. Und das ist auch gut so.
Wir alle dürfen gescheiter werden. Nicht zuletzt davon handelt dieses Buch.
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9.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabæus).
Besprechung von Sonja
Harter bei APA,
12.04.2007:
Völlern, erbrechen und
scheitern: Clemens Bergers "Die Wettesser"
Fette Amerikaner völlern mit japanischen
"Nudelfressern" um die Wette - Subtile Gesellschaftsstudie zwischen
proletarischem Stumpfsinn und aktivistischem Wahnsinn
Wien (APA) - "Wettessen ist eine der facettenreichsten, dynamischsten und anspruchsvollsten Sportarten der Geschichte." Diese Erklärung der International Federation of Competitive Eating stellt der 28-jährige Autor Clemens Berger seinem jüngsten Roman "Die Wettesser" (Skarabaeus) voran. Dass diese "Sportart", die vor allem in den USA zu großer Popularität gelangt ist, auch ihre gefährlichen Seiten hat, dass auf Höhenflüge oft ungeahnte Tiefschläge folgen, zeigt Berger, indem er auch die privaten Abgründe von vier Wettessern, aber auch von fanatischen Tierschutz-Aktivisten offen legt.
Es ist vor allem die schonungslose Nähe zu den Figuren, die die Faszination des Wettessens auch für heimische Leser erfahrbar macht. Berger zeigt seine Protagonisten nicht nur als völlernde Kampf-Esser, sondern auch als kotzende Verlierer, als hoffnungslose Trinker und sich nach Liebe sehnende Männer. Verstrickt in ihren Kampf mit sich selbst, treiben sie auch den Konkurrenzgedanken über das Ziel hinaus. In subtilen Erzählsträngen verwebt Berger die Einzelschicksale seiner Figuren, die sich am Ende beinahe freundschaftlich nahe kommen und zur Erkenntnis gelangen, dass wahnwitzige Rekorde nicht immer das Wichtigste im Leben sind.
Es beginnt mit fünfundzwanzig und ein Achtel Hot Dogs, die der japanische "Nudelfresser" Kazutoyo Arai am 4. Juli 2000 vor "Nathans" berühmten Fastfoodlokal in New York verschlingt und somit seinen amerikanischen Mitstreiter Ed Krachie alt aussehen lässt. Während der Japaner in weiterer Folge in immer Schwindel erregendere Höhen aufsteigt, bahnt sich bei Ed eine ausgewachsene Depression an, die ihn dazu treibt, sein Leben neu zu überdenken. Auch der dunkelhäutige Amerikaner Charles Hardy hat zu kämpfen, der junge Kobayashi hat ihm den Rang abgelaufen. Das bedeutet nicht nur den Verlust von Ruhm und Ehre, sondern auch von Geld.
Doch das Hot Dog-Wettessen ist nicht nur Lebensinhalt der Wettkämpfer, sondern auch vier Jugendliche haben diesen Kampf zu ihrer Aufgabe gemacht: Den Kampf dagegen. Sandra und ihre Freunde sind militante Veganer, die durch die USA ziehen, um lautstark gegen den Massenverzehr von Fleisch zu protestieren. Mit ironischer Distanz beobachtet Clemens Berger diese Jugendlichen, die am Ende selbst auf eine wahnwitzige Idee kommen: Sie zeugen ein Kind, das von seiner Geburt an vegan ernährt werden soll, jede Entwicklungsphase soll detailliert auf einer eigenen Website dokumentiert werden.
Clemens Berger legt mit "Die Wettesser" - seinem zweiten Roman - nicht nur eine vielschichtige Gesellschaftsstudie vor, sondern überzeugt auch sprachlich. Spannungsmomente erzeugt er durch stakkatohaften Zeitraffer, nicht selten dreht sich dem Leser bei realistischen Schilderungen zwischen Fressen und Kotzen der Magen um. Gleichzeitig versöhnt er wieder mit liebevollen zwischenmenschlichen Szenen, die die manischen Fleischberge zu Menschen aus Fleisch und Blut machen - und mit Herz. Wenn auch nicht für Tiere.
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10.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Ewald Schreiber aus city-online.at
vom 4.05.2007:
Der
Geschichtenkoffer
Clemens Berger hat im Roman „Die
Wettesser“ einen perversen Leistungssport in ein prächtiges Buch
transformiert. Ein Porträt des jungen burgenländisch-wienerischen Autors als
Weltreisender mit Ansichtskarten.
Güssing ist weithin bekannt. Zumindest bei Alternativenergieexperten, die aus aller Welt in die südburgenländische Kleinstadt pilgern, um die hiesige Hackschnitzelfernwärmeanlage zu bestaunen. Es könnte gut sein, dass Güssing irgendwann auch bei Bücherwürmern zu einiger Berühmtheit gelangt. Denn der für seine jungen Jahre schon viel beachtete Schriftsteller Clemens Berger wurde 1979 hier geboren, wenn auch nur aus dem profanen Grund, „weil es in Güssing damals eine bessere Gynäkologie gab“ als in Oberwart, wo er aufgewachsen ist. Auch Oberwart erwarb sich zumindest kurzfristig einen internationalen Ruf, nachdem 1995 vier Roma bei einem Sprengstoffattentat ihr Leben verloren hatten. Seither soll einiges geschehen sein, um die Situation der Minderheit zu verbessern, und die offizielle Stadt brüstet sich mittlerweile bei jeder Gelegenheit, eine weltoffene Stadt zu sein. Clemens Berger ist da ein bisschen skeptischer. Einerseits fasziniert ihn die „Vermischung“, die es in Oberwart gibt. Er erinnert sich z.B. daran, dass die Leute Ungarisch redeten, wenn er als Kind in einem bestimmten Ortsteil in die Trafik oder ins Wirtshaus ging. Oder dass es in der Siebentausendseelengemeinde mindestens fünf Friedhöfe, nämlich einen katholischen, einen evangelischen, einen reformierten, einen jüdischen und einen Sowjetfriedhof gibt. Andererseits weiß er, dass die Gemeinde den Roma einst eine tolle neue Siedlung versprochen habe – mit dem Resultat, dass „jetzt zehn Leute auf 40 Quadratmetern“ hausen. In seinem ersten Buch, dem Erzählungenband „Der gehängte Mönch“, hat er sich auch mit dem Völkermord an den Roma und Sinti im Nationalsozialismus auseinandergesetzt – in persona Tobias Portschy, der als Gauleiter „maßgeblich verantwortlich war, dass nicht nur die Juden, sondern auch die Roma in die KZs deportiert wurden“ und nach dem Krieg „in Rechnitz ein hoch angesehener Bürger und Obmann des Tourismusverbandes war“.
In seinem zweiten Buch, „Paul Beers Beweis“, erfindet sich der aus Oberwart stammende Setzer Josef Kelemen als arbeitsloser Franz Schwarz in Wien neu und erfüllt sich seinen Traum, einmal mit dem Nationalteam im Happelstadion einzulaufen. Ohne im engeren Sinn autobiografisch zu sein, klingen in diesem wundersamen Roman, der ganz unterschiedliche Erzählstränge, darunter eine unendlich berührende Liebesgeschichte, kunstvoll zusammenführt, doch etliche Themen an, die auch Clemens Bergers Biografie prägen. So war der Fußball Bergers erster Berufswunsch, vielleicht auch aus dem Abgrenzungsbedürfnis gegenüber den bildungsbürgerlichen Eltern, beide Lehrer, heraus. Seit er acht war, wollte er Fußballer werden – und brachte es immerhin zum „Semiprofi“: „Ich habe fünfmal die Woche trainiert, in der zweiten Liga, später in der Regionalliga gespielt. Aber ich habe mich dann schwer verletzt am Meniskus – und dann war’s aus.“ Und wie die Figur Kelemen/Schwarz ging auch ihr Autor aus der burgenländischen Provinz in die Hauptstadt, allerdings nicht um eine neue Identität anzunehmen, sondern um Philosophie und Publizistik zu studieren. „Eine riesige Befreiung“ war es für ihn, obwohl er den strengen Gegensatz zwischen Metropole und Provinz nicht akzeptiert, weil es die Stadt in der Provinz genauso wie die Provinz in der Stadt gibt. Anders als viele Pendler, die häufig im zehnten Bezirk wohnen, „damit sie über die Triester Straße wieder möglichst schnell ins Südburgenland kommen“, lebt er „wahnsinnig gerne in Wien“. Genauso gern ist er allerdings unterwegs, in Frankreich, Italien, Syrien und Tunesien etwa –und überall schreibt der stets mit einem „Geschichtenkoffer“ Reisende „Ansichtskarten“: Das sind Texte, die kleine Situationen festhalten und die er charakteristisch findet „für meine Befindlichkeit an diesem Ort“. Generell erkennt Clemens Berger einen engen Zusammenhang zwischen Schreiben und Reisen: „Reisen und Fantasie sind beides Möglichkeiten, woanders hinzukommen, sich in andere Situationen zu versetzen.“
Angesichts von Clemens Bergers Lust, fremde Länder und Städte zu erkunden, ist es nur konsequent, dass sich die Handlung seines dritten Buches, „Die Wettesser“, auf wahrhaft internationalem Terrain, zwischen New York, Tokio und Paris, abspielt. Auch der Sport ist wieder mit von der Partie, allerdings in einer kuriosen Abart: Im Mittelpunkt des Romans stehen nämlich Leute, die aus dem krank anmutenden Umstand, dass sie um die Wette möglichst viele Hot Dogs oder Nudeln in sich hineinstopfen, ein öffentlichkeitswirksames, also Ruhm und Werbegelder abwerfendes Spektakel machen. Wer jetzt glaubt, das sei bloß eine geniale, vielleicht auch nur eklige Idee eines nach Aufmerksamkeit gierenden Autors, ist noch nicht wirklich im Wahnsinn, der den normalen Welt-Fall bedeutet, angekommen. Denn solche Wettess-Bewerbe, ja sogar -Weltmeisterschaften gibt es selbstverständlich tatsächlich. „Ich bin gerade in einem Fuschler Hotel gelegen und habe mich durch die Kanäle gezappt. Auf irgend einem Privatsender habe ich plötzlich einen kleinen Japaner gesehen, der Unmengen von Hot Dogs in sich reinstopft“, sagt Berger über die Entstehungsgeschichte seines jüngsten Werks. „Ich hab sofort weitergeschaltet und mir nur gedacht, mein Gott, ist das grauslich, aber das Bild ist irgendwie in meinem Kopf stecken geblieben. Irgendwann habe ich dann begonnen zu recherchieren.“ Die ursprünglich geplante „kleine Erzählung“ hat sich allmählich zum Roman ausgewachsen. Auf der Suche nach einem dramaturgisch notwendigen „Gegengewicht“ zu den Wettessern stieß er schließlich auf das Milieu radikaler Veganer und Tierrechtsaktivisten. „Denn für Veganer ist es wohl das Schlimmste, dass Menschen Unmengen an Fleisch essen – und das auch noch um die Wette.“ Bergers jugendliche Weltverbesserer verknüpfen ihren „Veganismus“ mit anarchistischen und sozialistischen Theorien: Sie sehen das Wettessen als ein Symptom unserer totalen Konkurrenz- und Konsumgesellschaft, als einen „perversen Exzess des Kapitalismus“. Doch obwohl die Argumentation der Veganer grundsätzlich nachvollziehbar erscheint, werden sie einem zusehends unsympathischer. Vor allem, nachdem ein zum Terrorismus tendierendes Pärchen beschließt, das Leben seines Babys als Vorzeigemodell quasi im Internet unter „veganbaby.net“ zu „veröffentlichen“. Umgekehrt bleiben die Wettesser nicht bloße Ausstellungsobjekte für Ideologiekritik, sondern werden als differenziert gezeichnete Menschen mit Stärken, Schwächen und Sehnsüchten vorgestellt. Dass man sich als Leser dabei ertappt, Sympathie für sie zu empfinden, obwohl man doch ihr Tun für abscheulich hält, kann nur eine Folge der bemerkenswerten Erzählkunst Clemens Bergers sein. So bleiben am Ende der „Wettesser“ alle Fragen offen – vor allem auch jene, wie man leben soll. „Wenn wir übereinstimmen, dass es nicht gut ist, so wie es ist“, antwortet Clemens Berger, „dann kann man, glaube ich, nur versuchen, in Nischen, mit seinen Freunden und Freundinnen, neue Formen des Zusammenlebens und -arbeitens zu finden.“ Und wovon lebt der freier Schriftsteller Clemens Berger? Einmal von Preisen, die Bergers Weg als Schreibender quasi von Anfang an pflastern. Schon mit 17 hat er einen EUweiten Aufsatzwettbewerb zum Thema „Europa gegen Rassismus, Antisemitismus und Xenophobie“ – und damit eine Reise nach Brüssel, Straßburg und Jerusalem – gewonnen, später u.a. das Staatsstipendium für Literatur erhalten. Schwer sei es hingegen, mit dem Verkaufserlös aus einem Buch, „so lange es nicht in einer riesigen Auflage erscheint“, sein Auskommen zu finden. Da muss er schon zusätzlich regelmäßig in Zeitungen wie z.B. „Die Presse“ schreiben oder Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Dass er den politischen Menschen bei solchen Jobs nicht an der Garderobe abgibt, versteht sich: „Ich komm’ rein und sag den Leuten: ,Ich bin kein Lehrer. Aber wir wollen gemeinsam an der Sprache arbeiten.’ Und ich möchte ihnen helfen, wie man in bestimmten Alltagssituationen, z.B. auf Ämtern, umgeht. Es geht aber auch darum, wie mit ihnen umgegangen wird, vor allem mit Afrikanern, mit denen man anscheinend sofort per du ist. Das ist total entwürdigend.“ Wie ein würdevoller und behutsamer Umgang mit Menschenleben ausschauen könnte, ohne auch nur das Geringste schönzureden, ist in Clemens Bergers Büchern nachzulesen.
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11.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Christina Merkelbach auf 3sat
vom 9.07.2007:
Jedem sein gelber Senfgürtel
Clemens Bergers Roman "Die
Wettesser"
Während die einen alles in sich hineinstopfen und daraus sogar eine olympische
Disziplin machen wollen, prüfen die anderen jeden Bissen auf akzeptable
Inhaltsstoffe. Klar, dass diese beiden extremen Seiten aufeinanderprallen müssen.
Dabei haben sie trotz aller Unterschiede etwas gemeinsam: Beim Essen geht es
ihnen darum, gut zu sein. Besser als andere. Und damit das eigene Leben ein Stück
weit erträglicher zu machen. Die einen tun es aus Verzweiflung, die anderen aus
Idealismus. Schwer zu sagen, wer am Ende mehr gewonnen hat.
49 Kilo am Unabhängigkeitstag
Eigentlich ist Ed Krachie ein
Weichei. Jemand, der es im Leben nicht zu viel gebracht hat. Von erheblichen
Kilos auf der Waage und einer kapitalen Wampe einmal abgesehen. Der sich selbst
bedauert und seit Jahren seiner großen Liebe Mary hinterher weint. Aber wenn er
in Windeseile ein Dutzend Hot Dogs verschlingt, wird aus ihm "Ed, der Große",
"Ed, das Tier". Jedenfalls bis zu dem Tag, an dem Clemens Berger seine
Geschichte beginnen lässt.
Es ist der 4. Juli 2000, der Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit. Vor
dem New Yorker Lokal Nathan's trifft sich seit Ewigkeiten die Wettesser-Elite
zur Meisterschaft ihrer Disziplin. Wer hier gewinnt, darf bis zum folgenden Jahr
den "Yellow Mustard Belt" (Gelber Senfgürtel) sein eigen nennen. Nur
ist es diesmal überraschender Weise nicht "Ed, das Tier" der das gute
Stück triumphierend in den Himmel reckt, während im Hintergrund das Feuerwerk
zum Unabhängigkeitstag die Skyline der Stadt erhellt. Es ist jemand, mit dem er
nicht gerechnet hatte. Jemand, der nur 49 Kilo wiegt.
Große Geister und Gipfelstürmer
Die Studenten Sandra, Sophie,
Jeremy und Andrew wollen die Welt verbessern. Und sind sich einig: Um das zu
erreichen, müssen zuerst die Tiere aus der Herrschaft der Menschen befreit
werden. Denn die Ausbeutung hilfloser Lebewesen ist barbarisch. Züchten,
schlachten, verspeisen – das muss aufhören. Kein Fleisch und keine tierischen
Produkte, das vegane Leben ist das einzig Richtige. Erst dann kann es eine vernünftige,
lebenswerte Zukunft geben. Das haben schließlich schon viele andere kluge Leute
so gesehen. Pythagoras, Einstein und Gandhi zum Beispiel. Die waren zwar nur
Vegetarier, aber sie hatten große Geister.
Die vier Tierrechtler wollen nicht immer nur reden, sie wollen etwas tun. Leider
gibt es recht unterschiedliche Meinungen darüber, wie wirkungsvolle Aktionen
auszusehen haben. Vom kostenlosen Verteilen selbst zubereiteter Soja-Hot-Dogs
bis zum Bombenattentat reichen die Vorschläge. Wenigstens stimmen die vier
Idealisten darin überein, dass die Ess-Wettkämpfe besonders abscheuliche
Varianten der falschen Lebensweise sind. Sozusagen deren Gipfel. Und den gilt es
zu stürmen. Ein Sturm im Wasserglas?
Ohne Überzeichnung zum Grübeln
Erfreulich: Clemens Berger lässt die Moralkeule unausgepackt. Dabei hätte sich das Thema seines zweiten Buches sowohl zum gesellschaftskritischen Rundumschlag als auch für Weltuntergangsphantasien bestens geeignet. Doch weder stellt sich der junge Österreicher explizit auf die Seite der Veganer, noch auf die der Wettkampfesser. Die Figuren sprechen für sich: Berger hat sie detailliert gezeichnet, ohne sie zu überzeichnen. Eine Kunst, denn beide Seiten sind auf ihre Weise so radikal, dass jede Übertreibung die Geschichte ins Lächerliche gezogen hätte. Grund zum Lachen gibt es dennoch. Mindestens genau so oft, wie Anlass zum Grübeln und Hinterfragen. Manchmal auch zum Ekeln. Die Mischung ist ausgewogen: "Die Wettesser" versetzt einen in sämtliche Gemütslagen. Dank Bergers erfrischend klarer Sprache liest es sich auch noch wunderbar flüssig.
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12.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von Christian
Teissl aus der Bücherschau, Wien vom
03/2007:
Der 28-jährige Clemens Berger, aufgewachsen in
Oberwart und wohnhaft in Wien, zählt zu den meistbeachteten österreichischen
Schriftstellern seiner Generation. Vor fünf Jahren debütierte er in der
burgenländischen Edition Lex Liszt mit dem Erzählband "Der gehängte
Mönch"; 2005 schließlich legte er seinen ersten Roman, "Paul Beers
Beweis", vor, der durchwegs lobende Kritiken erhielt. Berger erwies sich in
einem großen Teil seiner Kurzprosa, aber auch in seinem ersten Roman als ein
Spezialist für die kritische Befragung der eigenen Heimat, als ein
Geschichtenerzähler, der vor allem das Naheliegende aufgreift, um es in die
Ferne zu rücken und so in Ansätzen wenigstens objektivierbar zu machen, und
dessen Geschichten sich zumeist als Teile, als individuelle Bruchstücke
einer in sich zutiefst widersprüchlichen kollektiven Geschichte verstehen, von
der in der Regel nur die verbindliche Oberfläche weitererzählt und tradiert
wird. Versäumte Möglichkeiten und verschleierte, verleugnete Wahrheiten sind
es, von denen diese Bruchstücke zeugen und die sie unaufdringlich zur Sprache
bringen.
Mit seinem neuen Roman, "Die Wettesser", hat Berger Österreich und
die österreichischen Schuld- und Versöhnungskomplexe hinter sich gelassen.
Dieser Text ist anders als alles, was bisher von ihm zu lesen war:
leichtfüßiger, schwebender erzählt, mit scheinbar geringerem stilistischem
Aufwand. Während so mancher Roman dieser Tage randvoll mit Sprache ist,
so ist dieses Buch randvoll mit Stoff, mit Material, das Berger keineswegs
erfunden, sondern sich vielmehr via Recherche erarbeitet hat. Die Wettesser
nämlich, die dem Roman seinen Titel geben, sind ebenso Realität wie die
militanten Veganen, die darin auftreten. Die "International Federation of
Competitive Eating"- ein Zitat aus ihrer Satzung hat der Autor seinem Text,
gemeinsam mit einem erhellenden Wort Walter Benjamins, vorangestellt - ist
meilenweit davon entfernt, die Projektion eines satirischen Geistes zu sein; sie
ist ganz im Gegenteil eine ernsthafte Angelegenheit, eine Institution, die sich,
wie ein Blick auf ihre Internetseite beweist, als oberste Hüterin einer
Sportart versteht.
Berger stellt hier real existierende neben frei erfundene Figuren und lässt sie
miteinander agieren und aufeinander reagieren; er verleiht seiner Geschichte
zudem eine strenge Chronologie, die er durch exakte Zeitangaben verdeutlicht:
Der Roman spielt zwischen dem 4. Juli 2000 und dem 4. Juli 2001; etliche
Rückblenden in die Vergangenheit einzelner Protagonisten verleihen dem Text die
nötige Tiefenschärfe und eine bei aller Kürze epische Dimension. Auf
den ersten Blick entsteht so der Eindruck des Dokumentarischen, der
allerdings durch eine konsequent personale Erzählweise unverzüglich
unterlaufen und schließlich verdrängt wird. Berger ist es offensichtlich nicht
darum zu tun, das Geschehen von einem Standpunkt post festum aus zu
dokumentieren; vielmehr lässt er seine Figuren das Geschehen zügig
vorantreiben, lässt sie gewähren, zensuriert sie nicht, setzt sich abwechselnd
die Brille der einen und die der anderen auf (Perspektivenwechsel erfolgen in
rascher Abfolge, von einem Kapitel zum andern) und verzichtet dabei auf
jeglichen Kommentar.
Das Personal des Romans besteht im Wesentlichen aus zwei Vierergruppen: auf der
einen Seite die vier Wettesser, Arai und Kobayashi, Ed Krachie und Charles
Hardy; auf der anderen Seite vier Jugendliche, die die Menschheit zum veganen
Leben bekehren wollen und dabei auch vor der Anwendung von Gewalt nicht
zurückschrecken - und denen gerade das inszenierte Um-die-Wette-Fressen, das
sie angeekelt zur Kenntnis nehmen, der Inbegriff der Barbarei ist. An diesem
Antagonismus entlang wird die Geschichte entwickelt; breiter Raum wird dabei den
Beziehungsgeflechten innerhalb dieser Viergruppen gewidmet. Im Verlauf der
Handlung ergibt sich ein rasantes Auf und Ab, kommt es zu Zerwürfnissen und
neuen Verbindungen, werden alte Rivalen zu Freunden und alte Freunde zu Feinden.
Berger hat hier Schwarzweißzeichnung (die sich bei einem derartigen Stoff
und einem solchen Figurenensemble wohl geradezu aufdrängt) ebenso
vermieden wie den mahnend und anklagend ausgestreckten Zeigefinger des
Kulturpessimisten. Er zeigt zwei Extreme auf, hält sie nebeneinander, ohne sie
zu bewerten. Das große Wettfressen wird in seinem ganzen Elend gezeigt, nicht
aber verurteilt. Die einzelnen Figuren, die aus unterschiedlichen Gründen und
von verschiedenen Ausgangspunkten her in die Welt des Competitive Eating
hineingeschlittert sind und ihr nicht mehr entkommen, kennen durchaus noch
Momente des Glücks. Sie sind gefährdete Existenzen, sie befinden sich ständig
"am Limit", physisch und psychisch, haben permanent mit sich zu
kämpfen, erweisen sich vielfach als komplexbeladen, sind aber - jedenfalls in
Bergers Darstellung - keineswegs würdelos.
Hat man den Roman ausgelesen, so bedauert man ein wenig, dass er schon zu Ende
ist, dass der mitreißende Erzählfuss so jäh abgebrochen ist. Möglicherweise
hat Berger, ein Meister sprachlicher Knappheit und erzählerischer Ökonomie,
diese Fülle von Figuren und Aktionen allzu komprimiert dargestellt,
möglicherweise wäre sein Geschichtengewebe noch weiter zu spinnen gewesen -
doch wie auch immer, das Buch ist der beste Beweis dafür, dass sehr wohl
möglich ist, was jahrzehntelang für so gut wie ausgeschlossen galt: ein
österreichischer Zeitroman, der kritisches Potential in sich trägt und
zugleich von der ersten bis zur letzten Seite unterhaltsam ist.
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Leseprobe I Interview I Buchbestellung 1107 LYRIKwelt © Bücherschau/Chr.T.
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13).
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von
Gerhard Zeillinger aus Rezensionen-online
*LuK*, 2007:
Hot-Dog-Akrobaten und Veganer
Clemens Bergers Roman "Die Wettesser"
Der Vierte Juli Zweitausend war ein schöner Tag in New York", trotz der Frage, "ob an diesem Tag überhaupt irgendetwas noch stehen würde, wie es vorher angeblich unverrückbar gestanden war". So ähnlich könnte auch ein Roman zu Nine-Eleven beginnen. Was am 11. September 2001 in New York geschehen ist, hat sich mittlerweile auch literarisch eingeprägt. Was aber war am 4. Juli 2000? Zweifellos spielt der erste Satz ganz bewußt mit vermeintlichen Erkennungsmustern, die eine bestimmte Erwartungshaltung suggerieren. Erst recht vermögen Zeitangaben immer die Neugier des Lesers zu wecken.
Also, der 4. Juli 2000 war jener Tag, der die Welt des Wettessens nachhaltig erschüttern sollte: Ein kleingewachsener, schmächtiger Japaner stopft in 12 Minuten 25 Hot Dogs in sich hinein, mehr als je ein Mensch vertilgen konnte, und stößt damit seine schwergewichtigen amerikanischen Konkurrenten vor den Kopf - für diese ist nichts mehr in ihrem Leben, wie es vorher war. Ein Katastrophe, eine Revolution, als wäre Hot-Dog-Fressen im Akkord das Wichtigste im Leben. Schließlich geht es hier auch um Tradition: seit 1916 wird die Königsdisziplin im Wettessen ausgetragen…
Vielleicht erinnert sich mancher Leser an Zeiten, in denen bei uns gerne von Zwetschkenknödel-Wettessen berichtet wurde. Jahr für Jahr stellten kräftige Lastwagenchauffeure immer neue Rekorde auf. Siebzig, achtzig Köndel, Fressen bis zum Zerplatzen, das scheint in den letzten Jahren doch irgendwie aus der Mode gekommen zu sein. Neulich aber war einem Zeitungsbericht die Ankündigung zu entnehmen, daß man sich an einem Würstelstand in Wien gegen "Riesenkäsekrainer" versuchen bzw. diese "vernichten" könne, vorausgesetzt, man wird diesen Ungetümen Herr: 34 cm lang, Radius 5 cm, ein halbes Kilo schwer.
Aber zurück nach New York, wo ausgerechnet am amerikanischen Unabhängigkeitstag das Unvorstellbare passiert und ein 200-Kilo-Ungetüm wie Ed Krachie, das Synonym für Wettessen schlechthin, gegen einen Japaner eine vernichtende Niederlage einstecken muß. Wie konnte das passieren? Aber wie schon Hans Moser wußte: auf gebaut kommt es nicht an, und so wird ein kleiner, selbstgefälliger Japaner, gerade einmal eins siebzig groß und 49 Kilo schwer, zum neuen Hot-Dog-König: "Dieser verdammte Nudelfresser, dieses gottverdammte Schlitzaug." Es muß an der Technik liegen, manche munkeln auch von einem zweiten Magen. Ob die Revanche in einem Jahr überhaupt gelingen kann?
Nun, das ist gewiß nicht die Spannung des Romans, dazu müßte man das Thema überhaupt spannend finden. Viel eher interessiert da die Frage: Wie kommt ein Autor grundsätzlich auf ein solches Thema? Die Frage muß man trotzdem außer acht lassen, sie würde einem auch durch die Lektüre nicht beantwortet werden, abgesehen davon, daß der Autor auf eine entsprechend wirksame Dramaturgie verzichtet und den erwarteten Showdown ausfallen läßt, zumindest als Effekt. Clemens Berger macht etwas viel Besseres: Er karikiert den Auswuchs einer Hochleistungsgesellschaft, auch wenn diese nur ein evolutionäres Produkt sein mag: "Ein Urhuhn hatte zweidrei Eier jährlich gelegt; seine hochgezüchteten Nachfahren mußten täglich Höchstleistungen bringen…. Warum hörte man den Aufschrei dagegen nicht?"
Natürlich hat dieser Text nicht das Anliegen, Mitleid mit Eier legenden Hühnern zu wecken. Da geht es schon komplexer zu. Um schließlich zu einer Romanhandlung zu kommen, baut Berger sehr subtil Gegensatzpaare auf, konfrontiert zwei amerikanische Schwergewichte mit zwei Japanern, beleuchtet vom Haß bis zum Selbstmitleid deren Innenwelten und stellt der Ideologie des Wettessens eine Gruppe junger Tierschützer, radikale Veganer, gegenüber, die den Wettessern Sojawürstel statt Schweinefleisch nahelegen wollen. Das klingt witzig, ist aber beängstigend ernsthaft dargestellt. So selbstverständlich wie den Wettessern ihre Moral ist, so ernst ist den Tierrechtsaktivisten ihre Mission. "Sandra war dreiundzwanzig. Sie haßte die Welt, wie sie war, und träumte von einer ganz anderen." Das ist so normal wie gefährlich. Sandra und ihren Freunden geht es um die "Befreiung der Tiere", um die "Unschuldigsten, die Ausgebeutetsten, die Wehrlosesten, die von der Industrie gewinnbringend zu Nahrungsmitteln und Bekleidung verarbeitet wurden." Darauf wäre nun mit Selbstjustiz zu antworten? "Sandra und Jeremy waren übereingekommen, daß es Menschern gab, die andern so viel Leid zugefügt, so viel Böses getan hatten, daß es nur gerecht war, wenn sie ihr Leben ließen." Das Leid, das anderen zugefügt wurde, bestand darin, daß amerikanische und japanische Wettesser Hot Dogs fraßen. Deren wichtigste Regel lautete: "Du mußt mehr verdrücken! Mehr Hot Dogs als alle anderen!" Dem gegenüber steht ein anderes Prinzip: "Fleisch ist Mord." Aber rechtfertigte das einen solchen? Sandra ist schwanger: "Genau deshalb, gerade weil sie schwanger war… gerade weil sie bald Mutter sein würde, wollte sie das Richtige tun."
Nun weiß man längst, daß Umweltschützer und Globalisierungsgegner auch sehr fragwürdige Menschen sein können, deren eigene political correctness mit Humanität mitunter nur noch sehr entfernt zu tun hat. Daß Sandra und ihr Freund zu jenen Tierschützern gehören, die glauben, sie hätten so etwas wie ein Notwehrrecht zu töten, gibt dem Roman seine eigentliche Dimension. Der nächste 4. Juli soll zum High-Noon werden, Amerikaner kämpfen gegen Japaner, Veganer gegen Fleischfresser, ein "Komitee gegen Speziesismus" tritt auf den Plan. So weit, so spannend, könnte man meinen. Doch genau hier setzt der Autor seine Mittel nicht ein; die paar Erzählstränge, die darauf zumünden und die Handlung aufbauen, sie auf den Höhepunkt zusteuern sollen, haben wenig narrative Wirkung, statt dessen hält sich die Handlung in Nebenbereichen auf, die den Leser nicht gerade interessieren müssen. Die Ideologie des Nicht-Fleischfressens bleibt einem genauso fremd wie die der Hot-Dog-Vernichter. Dabei wäre die Problematik des Widerstands ein sehr überzeugendes Thema. Doch auch hier bleibt das Erzählen eigentümlich lethargisch, der Autor beschreibt diese Typen genauso distanzlos wie die dekadenten Wettesser. Und ob am Ende der geplante Anschlag nun stattgefunden hat oder doch nur Spinnerei war, erfährt der Leser nicht. Ist aber auch nicht wichtig. Wichtiger ist viel eher der letzte Satz, der wohl die Conclusio aus all dem wäre: "Die Welt ist verrückt." Aber braucht es zu dieser Erkenntnis die Literatur? Und stand das nicht schon am Anfang fest, als der Sieger sich vollfrißt und seinen Magen nicht mehr spürt?
"Die Wettesser" ist eigentlich ein amerikanisches Buch, es liest sich, als wäre es aus dem amerikanischen Englisch übersetzt worden. Hier wird unbekümmert erzählt, und doch hängt, so gut der Text geschrieben ist, vieles irgendwie auseinander - ganz wie das bei heutigen Texten eben so ist, die ihre Gültigkeiten woandersher beziehen. Es ist legitim, Kohärenzen außer acht zu lassen und den Leser dabei ratlos zu machen. Es ist aber auch legitim zu fragen, ob einen dieses Buch interessieren muß, wenn man sich für die Problematik des Wettessens und erst recht für die Befindlichkeiten derer, die daran teilnehmen, nicht interessiert. Da hätte ich mir schon eher veganische Terroristen gewünscht, die mit einem Jumbo in eine Fleischfabrik fliegen.
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14.)
Die
Wettesser.
Roman von Clemens
Berger (2007, Skarabaeus).
Besprechung von
Karl Vogd aus Rezensionen-online
*bn*, 2007:
Wenn das Essen zum sportlichen Wettbewerb verkommt. (DR)
Zehn Millionen Amerikaner verfolgen jedes Jahr via Fernsehen am 4. Juli einen "sportlichen" Wettkampf, wie er widerlicher nicht sein könnte: In New York messen sich Menschen in dem skurrilen Wettstreit, wer innerhalb von einigen Minuten mehr Hot Dogs in sich hineinstopfen kann. Die Wettesser sind vereinsmäßig organisiert und wollen angeblich sogar olympische Disziplin werden. Beherrschten lange Zeit die Amerikaner die Konkurrenz souverän, so sind nun die Japaner die Dominatoren.
Rund um diesen Wettbewerb konstruiert der burgenländische Autor Clemens Berger seinen Roman "Die Wettesser". Er erfindet dazu zwei Amerikaner und zwei Japaner, die sich miteinander in der Geschwindigkeit des Verschlingens messen. Gegen die Vertilgungsshow treten junge Tierschützer auf, für die sich die Formel "Sport ist Mord" hier offenbart. In ihrem Fanatismus erscheint diese Gruppe von Veganern aber nicht weniger seltsam. Die Idee einer Gegenüberstellung dieser zwei Extreme in einem Roman ist hervorragend. Die Umsetzung ist aber weniger geglückt. Die Figuren bleiben meist blass. Das Stereotype in den erzählenden Sätzen ist nicht zu übersehen. Immerhin bietet Berger eine spannende, leicht lesbare Geschichte aus einer Welt, die offenbar völlig verrückt geworden ist.
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