Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere von Marina Lewycka, 2013,dtvDie Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere.
Roman von Marina Lewycka (2013, dtv - Übertragung Sophie Zeitz).
Besprechung von Nevfel Cumart aus den Nürnberger Nachrichten vom 10.4.2013:

Opfer ihrer Lebenslügen
Marina Lewyckas neuer Roman thematisiert die Finanzkrise

Manche Schriftsteller-Karrieren starten spät, zünden dann aber wie eine Rakete. So geschah es bei Marina Lewycka, die bis dato an der Sheffield Hallam University im Bereich Medienwissenschaft unterrichtet: Sie veröffentlichte mit knapp 60 Jahren ihren fulminanten Debütroman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“, der die Bestsellerlisten stürmte und innerhalb kurzer Zeit in fast drei Dutzend Sprachen übersetzt wurde. Jetzt liegt ihr neuer Roman vor.

Die Überraschung gelang Marina Lewycka im Jahr 2005 und bescherte mit der ukrainisch-britischen Immigrantenburleske eine angenehme Abwechslung inmitten der unseligen Vampir-und-Fantasy-Fortsetzungsromane der Twilight-Saga um Edward, Bella und Co.

Dass ihr bislang vierter Roman „Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere“ auch zu einem Bestseller avancieren wird, ist keine allzu waghalsige Prognose.

Denn die als ukrainisches Flüchtlingskind 1946 in Kiel geborene und später in England aufgewachsene Lewycka beherrscht die richtige Dosierung von Klamauk, Konflikt und Kuriosität. Dabei vergisst sie allerdings eines nicht: Kritik. Nicht umsonst tituliert die britische Presse sie auch als „politische Autorin“ und nicht umsonst wurde sie mit ihrem zweiten Roman „Caravan“ 2007 für den George-Orwell-Preis nominiert.

In „Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere“ richtet sich die Kritik in erster Linie gegen die von unersättlicher Gier geprägten Banker in der Londoner City und der sozialen Ungleichheit im britischen Lande. Diese Misere zeigt Lewycka vordergründig an einer ehemaligen Hippie-Familie auf, die ab dem Ende der 1960er Jahre in einer Landkommune in Yorkshire mit Gleichgesinnten lebte und heute ihren Platz in der Welt sucht. Da sind zunächst Doro und Marcus, das alternde Hippie-Paar, das sich nach über vierzig Jahren freier Liebe und Opposition gegen den kapitalistischen Mainstream entschließt, zu heiraten. Sie träumen von einem großen Fest und wollen alle Wegbegleiter aus der Kommune zusammentrommeln.

Diese spontane Ankündigung trifft die beiden erwachsenen Kinder auf dem falschen Fuß, denn sie haben reichlich eigene Sorgen. Tochter Clara arbeitet als Lehrerin an einer Schule in einem sozialen Brennpunkt und versucht vergeblich, einige unterprivilegierte Kids zu retten. Ganz anders ihr Bruder Serge. Das Mathegenie hat angeblich in Cambridge studiert und promoviert. Doch in Wirklichkeit arbeitet er als quantitativer Analyst bei „Finance and Trading Consolidated Alliance“.

Harter Showdown

Anders gesagt: Mit seinen Algorithmen, Fibonacci-Folgen und Gauß-Kurven mischt Serge gewaltig mit im Haifischbecken der Investmentbanker. Und da er von einem Haus mit Pool in Brasilien träumt, ebenso von ungezügelter Liebe zu seiner atemberaubend hübschen Kollegin Maroushka und da er nicht so verdammt lange warten möchte, macht er illegale Geschäfte auf eigene Kosten. Blöd nur, dass wir 2008 schreiben und mit dem Kollaps von Lehman Brothers die größte Finanzkrise der Neuzeit ihren Lauf nimmt und Serge das von der Bank „geliehene“ Geld verpulvert.

Marina Lewycka erzählt das in drei Handlungssträngen und lässt abwechselnd Sohn Serge, Tochter Clara und Mutter Doro zu Wort kommen. Manchmal drohen ihr die Stränge aus der Hand zu entgleiten. Während Doro in alten Erinnerungen schwelgt, rechnet sie insgeheim mit der Generation der Alt-Achtundsechziger ab. Clara verbannt hingegen jedes nostalgische Gefühl für Linsenpampe, Baumwollkaftane, Marxismus und die „Gemüsehaftigkeit von Gemüse“ und bemerkt dabei ihre Unzufriedenheit nicht. Und in Serges Lebensweise kollidiert die Vergangenheit mit der Gegenwart und führt zu einem Showdown, in dem alle maßgeblich Beteiligten nicht ohne Blessuren davon kommen.

Neben all dem ironischen Klamauk und Komödienhaften hat uns Marina Lewycka auch einiges mit Tiefgang zu bieten. Allein schon weil sie den Zynismus der Banker, Trader und „Fraktal-Freaks“ offen legt, legale Betrügereien mit Asset-Back-Securities, Derivaten und Hedgefonds sowie die Unfähigkeit der politisch Verantwortlichen thematisiert, lohnt sich die Lektüre dieses Romans!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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