Die Werke der Barmherzigkeit von Mathieu Riboulet, 2016, SecessionnserDie Werke der Barmherzigkeit.
Roman von Mathieu Riboulet (2016, Secession Verlag - Übertragung Paul Sourzac).
Besprechung von Marcus Neuert für die Rezensionen-Welt, Oktober 2016:

Formale Verschlingungen in erotisch aufgeladenem Essayroman
Ein schmaler Band in mattgoldenem Einband, kaum mehr als einhundertfünfzig Buchseiten – was für eine schlichte und schöne Darreichungsform für die reflektive Sprengladung, die der Secession-Verlag aus Zürich seiner Leserschaft hier an die Hand gibt.

         Das Buch erschien bereits 2012 auf französisch, seine Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum ließ also immerhin vier Jahre auf sich warten. Vielleicht liegt dies nicht zuletzt auch daran, dass es ein inzwischen etwas erkaltetes Eisen anpackt, das jedoch unter der Bearbeitung des Autors  potenziell wieder ordentlich zu glühen anfängt: es geht um das Verhältnis von Franzosen und Deutschen und die Beantwortung der Frage, inwieweit die Kriegsgräuel der vergangenen einhundertfünfzig Jahre in den heute Lebenden noch präsent sind. Gibt es eine im Code des Lebens weitergegebene Vorsicht, eine Gewalterfahrung, die sich über Generationen vererbt hat? Welche Verständigung ist notwendig, welche ist möglich?

         Riboulets namenloser homosexueller Ich-Erzähler versucht die Antwort zu erhalten, indem er sich dem Komplex über das Körperliche zu nähern versucht. Er reist nach Köln und sucht sich in Andreas einen deutschen Mann, mit dem er ins Bett geht. Immer wieder fragt er sich, wie es wohl wäre, ihn urplötzlich zu töten statt ihn zu lieben. Erfahrungen mit Freunden und Gefährten in Frankreich stellt er seine Empfindungen für diesen Mann vergleichend gegenüber und sucht immer wieder Analogien in den Bildern Caravaggios, in denen er diese dünne Membran zwischen Lust und Todesgewalt angelegt sieht.

         Äußerlich werden die genannten Elemente in ein nicht ganz einleuchtendes Korsett geschnürt: vor dem Hintergrund der titelgebenden Werke der Barmherzigkeit, die einer Passage des Matthäusevangeliums entspringen (Kap. 25, Vers 34-40) entfalten sich die einzelnen Kapitel: den Hungrigen zu Essen geben, die Nackten bekleiden, die Kranken besuchen etc.

         Schon sehr schnell verlässt der Autor aber die wohlbekannten Pfade und wandelt diese Motti teilweise grotesk ab: So heißen einzelne Kapitel „Die Nackten berühren“ oder „Die Toten berühren“, „Die Nackten malen“, „Die Gefangenen für tot halten und liegen lassen“, „Die Toten schänden“ und so fort. Aus den sieben Werken der Barmherzigkeit werden im Manuskript des Ich-Erzählers so ganze achtzehn, in denen sich eine mitunter sehr tiefsinnige und empathische Analyse aufrollt.

         Riboulet begründet diese formalen Verschlingungen zwischen Kunst, Eros, Geschichte und Religion an den Bildern Caravaggios: „Der Zusammenhang ist kein willkürlicher, er hat seine religiöse, menschliche wie politische Bewandtnis, die Bewandtnis der Kunst gegenüber dem menschlichen Grauen und der göttlichen Gleichgültigkeit.“ (S.88).

         Vielleicht hätte man gut daran getan, den Untertitel des Buches statt einer Gattungsbezeichnung auch vorn aufs Cover zu nehmen statt nur auf die erste der beiden Schmutztitelseiten: Fiktionen und Wirklichkeiten. Das „was-wäre-wenn“ begleitet die Leserschaft in fast jedem Kapitel. Ein Roman wie behauptet sind "Die Werke der Barmherzigkeit" eigentlich nicht; eine stringente Handlung vermisst man, stattdessen gibt es lange Monologe, die um die Analogien von Sex und Gewalt kreisen, vorgebracht von einem Ich-Erzähler, der mutmaßlich sehr nahe beim tatsächlichen Autoren-Ich zu verorten ist und den Versuch detaillierter, aber dennoch nicht voyeuristischer erotischer Szenen, die freilich sprachlich nicht immer gelingen können: „Es wurde also sehr sachte und sehr brutal, womit ich sagen will, dass wir alle drei der Lust der beiden anderen gegenüber so achtsam waren, dass daraus ein kontrastreiches Gemenge wurde aus technischer Präzision und Zärtlichkeit.“ Das klingt eher nach dem Entfernen von Teerflecken auf einer Oldtimerkarosserie. Aber es geht weiter: „Nichts von dem, was ich erbat, blieb mir erspart: dass mein Körper ihren Schwänzen zum Fraß vorgeworfen wurde […], dass endlich sie beide in mir gleichzeitig kommen, um mich dann am Boden liegen zu lassen, wo man die Heiligen liegen lässt, nachdem man sie getötet und mithin erlöst hat von der Bürde ihres Denkens.“ (S.127f.) Das ist so vulgär-theatralisch, dass man es Riboulet kaum zutrauen mag; da die Wortwahl aber ganz viele sicher ernst gemeinte Passagen paraphrasiert, in denen es um Kunst und Geschichte geht, tut man sich gleichermaßen schwer, solche Sätze als Ironie zu lesen.

         Dies so stehen zu lassen würde dem Buch natürlich in keiner Weise gerecht, und nicht nur deshalb, weil Riboulet immerhin den Prix Décembre dafür bekommen hat und die Reaktionen in Frankreich teilweise ausgesprochen enthusiastisch ausfielen. Nein, nicht zuletzt auch deswegen, weil das Buch falsch etikettiert wurde, auch im Original übrigens. "Die Werke der Barmherzigkeit" sind in der Hauptsache gedanklich interessante Essays über den schmalen Grat zwischen Lustempfinden und Gewaltausübung und schlagen gleichzeitig ein französisch-deutsches Kapitel gegenseitiger Durchleuchtung auf, das zu vertiefen gewesen wäre und mehr binationalen Diskurs statt schöngeistig verbrämtes „fait tomber la chemise“ vertragen hätte.

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