Die Welt ist eine Schachtel.
Vier Autorinnen in der früheren DDR von Ines Geipel (2002, Tranist).
Besprechung von Kerstin Hensel in freitag 13 vom 26.3.1999:

Gedächtnisfalle Gegenläuferinnen
Zu Ines Geipel Buch über gescheiterte Schriftstellerinnen aus der DDR: »Die Welt ist eine Schachtel«

Um etwas über einen bestimmten historischen Zeitabschnitt zu erfahren, gilt die Empfehlung, die Literatur dieser Zeit zu studierern und nicht deren Geschichtsbücher. Auch bei nachträglichen feuilletonistischen und scheinwissenschaftlichen Großkundgebern, die ihre schmutzigen Wahrheiten feilbieten und, weil sie meistens selbst über keine Geschichte verfügen, sich damit eine Heldentat zuschustern, sollte man nie vergessen: sie tun es auf dem Marktplatz der Medien. Die alte und einfache Wahrheit, daß sich Geschichte aus Millionen Einzelschicksalen zusammengesetzt und auch nur durch diese annähernd zu verstehen ist, wird heut nicht gern gesehen, weil erstens: es kostet Anstrengung, hinter die Dinge zu steigen; zweitens: man muß sich auf mehr einlassen als auf die eigenen Erinnerungen; und drittens: Differenziertes verkauft sich nicht. Trotzdem boomen Biografien, Autobiografien und Aktenliteratur, weil: das liest sich halt immer noch besser weg, als etwa ein deutscher Roman. Unter dem vielen Tendenzschrott findet sich auch Seriöses, und ich denke, Ines Geipels Versuch, Werk und Leben von vier, heute unbekannten Autorinnen der frühen DDR aufzuzeichnen, zählt dazu.

Freilich: man muß schon genau, das heißt, historisch und mit eigenem Kopf lesen können, um nicht dem beliebten Glauben zu verfallen: die Geschichte der DDR erkläre sich allein aus dem Archivmaterial, das heute mit oft hämischer Geste auf die Tische der Meinungsmacher gebreitet wird. Ines Geipel (geb. 1960) geht dem Leben von vier Frauen nach, die, aus ganz verschiedener Sozialisation kommend, in der DDR begonnen haben, zu schreiben, gekämpft haben, gescheitert und vergessen sind. Jedes dieser Leben ist einen Roman wert. Das ist der Stoff, aus dem Literatur gemacht wird: das Leben der Außenseiter und Verlierer, der Gegenläufer und Angefochtenen.

Susanne Kerckhoff (1918-1951), eine aus einer Berliner Künstlerfamilie kommende Intellektuelle, couragierte Sozialistin, katholisch und kritisch; glaubte, nach dem Krieg eine Demokratie aufbauen zu können. Sie arbeitete als Autorin bei der Berliner Zeitung, setzte sich für die Einheit Deutschlands und der Schuld gegenüber der jüdischen Bevölkerung ein. Bald sah sie sich jedoch heftig von bestimmten SED-Führungsleuten befeindet. Aus ihren fiktiven Briefen an einen jüdischen Emigranten beschreibt sie scharf die Situation der Nachkriegszeit, und die Vorwürfe, die sie an die SED (deren Mitglied sie war) gemacht hat, sind von erschreckender Klarsicht. Ich weiß nicht, ob sie ein gültiges und gerechtes Bild liefern, aber sie sind ein Teil des großen, immer wieder neu zu bestückenden Tatsachenmosaiks. Susanne Kerckhoff, nachdem sie den widerwärtigsten Verklemmungen und Dogmen ausgesetzt war und man sie dazu noch von ihren Kindern getrennt hatte, trieb sich 1951 in den Selbstmord. Sie hat mehrere Romane und Gedichtbände veröffentlicht, die heute aus jedem Gedächtnis gefallen sind.

Eveline Kuffel (1935-1978) wird in Geipels Buch vorgestellt mit Gedichten, die ohne Kunstverstand, aber mit großer Verzweiflung geschrieben sind: rotzige, renitente Texte, von Säufern und Abgefallenen handelnd, überschrieben mit »Das große Kotzen«. Ihre Biografie liest sich wie ein Horrorszenarium und vermittelt das Bild einer Person, die man gern als asozial bezeichnet. Evelin Kuffel lebte völlig neben jeder Moral und Sozialisation. Sie lief Amok gegen alle, Alles gegen sich selbst. Sie war unfähig, im Leben und und ihren Texten eine Ordnung zu finden, und es scheint folgerichtig, daß sie letztlich in ihrem Bett verbrannte.

Von Jutta Petzold (geb. 1933) lesen wir schwülstige, seltsam erhabene und wirklichkeitsferne Gedichte; artifizielle alptraumhafte Prosa, geliehen aus der Moderne und demnach in völliger Gegenwelt stehend zur offiziellen DDR-Literatur. Nach einem mißglückten Fluchtversuch aus der DDR hielt Petzold sich seit 1965 mehrfach in der Nervenklinik auf und lebt heute in einem Seniorenheim in Berlin.

Hannelore Becker (1951-1976) schließlich ist die erste, deren Gedichte es meines Erachtens verdienen, mehr als nur Staffage für einen bizarren Lebenslauf zu sein. Aus ihnen spricht Qualität, und das rettet das traurige Bild von den schreibenden Frauen, denen die Talente geraubt wurden. Hannelore Beckers Schicksal beginnt als glatte DDR-Mädel-Karriere: Oberschule, Abitur, Studium, Promotion. Sie galt als intelligent und staatstreu, und wurde als 20jährige durch das Ministerium für Staatssicherheit verpflichtet, um die Opposition des Landes zu unterwandern. Die Begegnung mit wichtigen Dichtern und Denkern des Landes (Fühmann, Heise, Mickel, Pietraß) schärfte ihr Empfinden für dichterische Formgabe und auch ihren Verstand, so daß sie bald die eigene Situation klar durchschaute und in einen Abgrund blickte. Mit 25 Jahren beging sie Selbstmord. Vielleicht hat Becker, trotz ihres äußerlich unaufregenden Lebenslaufes das tragischste Schicksal. Sie war die einzige wirkliche Dichterin unter den vier Ausgewählten, und daß ihre Verse der Gedächtnisfalle anheim fallen sollen, will mir nicht einleuchten. Hannelore Becker hat ihre Zeit und deren Zeitgenossen nicht ausgehalten, obwohl ihre Sprache sie hätte retten können. Der Bereich, das Wie und Warum sie ihrem Leben ein Ende gesetzt hatte, bleibt spekulativ.

Ines Geipels Materialsammlung ist spannende Lektüre. Empfehlenswert für jeden, der sich für nicht normgerechtes Leben, für Literatur und Geschichte interessiert. Geipels Kommentare sind knapp, zu knapp vielleicht, um dem Ganzen immer gerecht zu werden. Zu einseitig wird meines Erachtens darauf hin verwiesen, daß die Mechanismen von Zensur und Selbstzensur in der DDR die Ästhetik der Autorinnen verbogen haben, und sie deshalb nicht die Zeiten überdauern konnten. Diese Mechanismen sind nicht zu leugnen, trotzdem denke ich: ob man den Weg zur eigenen literarischen Sprache findet oder nicht, ist nicht allein vom Staatssystem abhängig. Jede Biografie beweist von selbst, wie vielfältig die Einflüsse sind. Ganz sicher wären die hier vorgestellten Autorinnen auch an anderen Gesellschaftssystemen verzweifelt. Sie hätten gekämpft, widerstanden, getrunken und Drogen genommen, wären verführt, unterdrückt worden und hätten schließlich jeder Hoffnung versagt. Überall gibt es Vergleichbares, unter jeweils verschiedenen Vorzeichen. Aber nirgendwo gibt es Verzeihbares. Die meisten Dichter neigen dazu, ihre Existenz an der Gesellschaft und der Welt aufzureiben bis zum körperlichen Ende. Dichter sind immer im Widerstand, aber an den verzweifelten Prozessen dieses Widerstehens reifen sie auch. Wer den Staat als Hauptfeind hat, ist literarisch immer verloren. Wer ihn als Freund hat, ebenso. Der Mittelweg ist die dichterische Sprache, und eben die zu finden, ist das oft so Vergebliche. Ines Geipels Buch beweist alles das.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

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