Die Welt im Rücken von Thomas Melle, 2016, RowohltDie Welt im Rücken.
Roman von Thomas Melle, (2011, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 01.10.2016:

Thomas Melle: Dreimal Hölle und zurück
Nominiert für den Deutschen Buchpreis: Thomas Melle schreibt über seine bipolare Störung

Im Frühjahr 2011 hat Thomas Melle kein Konto mehr und keine Wohnung, dafür einen Berg Schulden. Er lebt in einem „Einzimmerloch“ des betreuten Wohnens. Der dritte manische Schub seiner bipolaren Störung hat ihn an den äußersten Rand der Gesellschaft gedrängt. Zum mühsamen Aufrappeln gehört, wie schon nach den Phasen 1999 und 2006, die Rückkehr zur Literatur: Im Roman „3000 Euro“ wird sein Held ebenfalls von Schulden und Prozessen heimgesucht, so, wie bereits in „Sickster“ die Krankheit „eingesickert“ ist.

Wie einst diese beiden Romane steht auch sein aktuelles Werk in der Auswahl zum Deutschen Buchpreis. Nur ist „Die Welt im Rücken“ gar kein Roman. Sondern die schonungslos ehrliche Schilderung der eigenen Krankheit, denn: „Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern“ – und eine „Gestalt aus Gerüchten und Geschichten“, das gestörte Phantom des Literaturbetriebs, zurückverwandeln in einen Menschen.

Es gibt einen Ausdruck im Englischen, der die Bekenntnisliteratur auf einen bösen Nenner bringt: „sick lit“, „kranke“ Literatur. Dazu zählen Teile des Werkes von Karl Ove Knausgard, der von Alkoholexzessen und Depressionen schreibt, dazu zählt der Brite John Burnside, der an Schizophrenie leidet; beides gefeierte Autoren. Es wäre allein aus Trendgründen wenig überraschend, erhielte Thomas Melle diesmal tatsächlich den Buchpreis. Zumal die Literaturjurys in Frankfurt und Leipzig sich in der Vergangenheit bereits mehrfach vor persönlichen Leidensgeschichten tief verbeugt haben: Erinnern wir uns an Kathrin Schmidts Werk „Du stirbst nicht“ über einen Schlaganfall, David Wagners „Leben“ über eine Organtransplantation – und Wolfgang Herrndorf erhielt zufällig just dann einen Preis (für „Sand“), als seine Krebserkrankung bekannt wurde.

„Das Hirn stürzt herrenlos davon“

Die Ehrung für Thomas Melle aber wäre nicht nur zeitgeistig. Sondern literarisch gerechtfertigt. Obwohl Melle den Zusammenhang von Genie und Wahnsinn bezweifelt, sucht doch die Sprachmacht, mit der er sich dem eigenen Wahn nähert, ihresgleichen. Immerhin bezeichnet er seine Krankheitsgeschichte als „existenziellen Hallraum“, eine Tür zu den „Randgebieten und Jenseitsbereichen des Menschlichen“.

Wie diese Tür aufging? Melle mutmaßt über Neuronenfeuerwerke, Erbgut-Lasten und erzählt von einer schwierigen Kindheit in Bonn, die von Haltlosigkeit geprägt war. Erst auf der Jesuitenschule fand er Trost und Sicherheit in exzessiver Lektüre; das Studium in Tübingen waren Jahre des begeisterten Aufsaugens. Mit dem schnellen Schreiben im Internet aber kippte das Spiel mit der Schrift, den Zeichen: Die erste manische Phase begann, nachdem Melle mit einem Freund den Literaturbetrieb durch gefälschte Blog-Einträge foppte. Wie er damals durch die Straßen Berlins rast, ausrastet, das schreibt er atemlos: „Ich rannte durch die Stadt, und die Stadt war verrückt geworden. Der Mob aus Zeichen und Bildern schoss aus allen Ecken auf mich zu.“ Und weiter: „Das Hirn stürzt herrenlos davon“, denn „der Wahnsinn ist ein Vorgang, kein Zustand“, es geht um „Weltenbildung und Weltenvernichtung“. Er ist sicher, Sex mit Madonna zu haben, begegnet Björk im Café und Hans Magnus Enzensberger im Zug, nur trägt der Frauenkleider. Jeder Popsong im Radio, jeder Satz in jeder Zeitung meint ihn, denn: Er ist der Messias, auf ihn läuft alles hinaus. Immer wieder bringen Freunde ihn in Kliniken. Trotz kleinerer Zwischenfälle gilt er vor allem als Gefahr für sich selbst – einmal wirft er Möbel aus dem Fenster, einmal versetzt er seiner Verlegerin einen Schlag (die in dieser Sekunde seine Ex-Verlegerin wurde).

In der bipolaren Störung wechseln sich manische Phasen mit depressiven und „normalen“ ab, die Länge der Phasen ist unterschiedlich: „Ich habe die Jahreskarte gezogen.“ Seit dem letzten Schub nimmt er ein Medikament, das die Krankheit in Schach hält. Die Rückfallquote allerdings ist hoch: „Wenn ich die Prognosen lese, kommt mir manchmal der Impuls, lieber gleich abzutreten.“

Dreimal Hölle und zurück. Wie groß der Abgrund ist, in den Melle geschaut hat, wie sehr der Wahn ihn sich selbst entfremdet hat, macht vielleicht nichts so deutlich wie diese kleine Bitte, vorgetragen im letzten Absatz des Buches: „Sollte ich eine weitere Manie haben, möge mir jemand dieses Buch in die Hand drücken.

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