Die Welt als Supermarkt von Michel Houellebecq, 1999, DuMontDie Welt als Supermarkt.
Essay von Michel Houellebecq (1999, DuMont - Übertragung Hella Faust).
Besprechung von Clemens Ruthner aus Der Standard, Wien vom 25.9.1999:

Sexuelle Konterrevolution
Die Überwindung des Kapitalismus durch den Klon: Michel Houellebecqs literarische Provokationen.

Nachdem Nietzsche Gott den Totenschein ausgestellt hat und in der Postmoderne auch das Ich als Subjekt des Kapitalismus an Schwindsucht leidet, scheint der Leib die letzte Sinn-Reliquie zu sein. Die einzige brauchbare Anlageform, um existenzielles Kapital zu investieren, frei nach dem Motto: cash and carry.

"Wir haben in einem Jahrhundert des Körpers gelebt", schrieb unlängst der belgische Autor Eric de Kuyper, und er war nicht der Einzige mit dieser Beobachtung. Nicht zuletzt deshalb wurde das Generalthema von Literatur und Film die letzten Jahre und Jahrzehnte über oft genug mit S, E und X geschrieben. Die letzte verbindliche Identitätssuche am globalen Markt, simpel wie prekär, denn hinter allen Körperpraktiken klafft ein Abgrund, dessen Näherrücken den größten Individualschrecken unserer Epoche darstellt: das Altern, d.h. das Verstoßen-Werden aus dem "Funktionieren" in einer (kommerziellen) Jugend-Kultur. Ein Selbstmordgrund mehr, nicht nur für den französischen Philosophen Gilles Deleuze, und das kalte Neonlicht von Naturwissenschaft, Evolutionstheorie und Neoliberalismus bietet da klarerweise wenig Trost. Wen wundert es also, dass auch kleinere Geister nicht mehr so unbeschwert im Geschlechter-Sport um eine letztlich aussichtslose Selbst-Befriedigung mitspielen und sich sonstige Kicks brav im Beruf abholen?

Was mich betrifft, habe ich den Eindruck, dass es nur einen einzigen Weg gibt: die Widersprüche, die mich zerreißen, weiterhin kompromisslos zum Ausdruck zu bringen, da sie sich für meine Zeit sehr wahrscheinlich als repräsentativ herausstellen werden." (Michel Houellebecq, Die Welt als Supermarkt)

Diese Absichts- und Kriegserklärung in Essayform stammt von einem 40-jährigen Enfant terrible aus Frankreich, das sich einen "Kommunisten, aber keinen Marxisten" nennt und "immer unerbittlicher und gemeiner" werden möchte. Der umstrittene Autor Michel Houellebecq hat sich den Verlierern auf jenem Ersatzteilmarkt der Körper-Eitelkeiten verschrieben, den Hässlichen, Fetten, Impotenten, kurzum: den Zukurzgekommenen einer Endzeit. So schon in seinem thesenhaften Prosadebüt Ausweitung der Kampfzone, das unterkühlt das depressive Ineinander von Lustkonsum und Spätkapitalismus verortete; und so auch in seinem zweiten Roman Elementarteilchen.

Hier gibt sich nach mehreren Alltagsjahren und zwei Wochen im freizügigen FKK-Club endlich wieder eine Frau freiwillig mit dem Protagonisten ab. Begreiflich also, dass sich der chronische Onanist Bruno beim Date in einer Pariser Brasserie den Mund fusselig redet. Aber was Christiane (die später so wie alle Frauen im Text sterben muss) dann zu hören bekommt, ist eine Philippica gegen den ,Kulturverfall' und mitunter ekelhaft reaktionär.

Als Bruno endlich den Mund hält, ist es "vier Uhr morgens und es war kein Wiener Aktionist im Restaurant. Tatsächlich saß Hermann Nitsch zur Zeit in einem österreichischen Gefängnis seine Strafe für die Vergewaltigung Minderjähriger ab. Dieser Mann war schon über sechzig, man konnte hoffen, dass er bald sterben würde; damit wäre eine Wurzel des Übels aus der Welt geschaffen." Peinlich genug, dass hier Hermann Nitsch mit Otto Mühl verwechselt wird; ausschlaggebend ist jedoch der Todeswunsch, der über eine wertkonservative Bundespräsidentenästhetik weit hinaus geht. Vorher schon hat Protagonist Bruno den Hobby-Hohepriester aus Österreich der "öffentlichen Tiermassaker" bezichtigt, ihn in eine Reihe mit dem legendären Charles Manson gestellt und auch sonst gezeigt, dass er nicht viel Ahnung vom Orgien-Mysterien-Theater hat (das Rudolf Burger einmal treffender als "ausgeflippten Szeneheurigen für die reifere Jugend" bezeichnet hat).

Was für Houellebecq offensichtlich zählt, ist der nackte Provokationswert solcher Sager, und hier versteht man mitunter auch die heftige Debatte in Frankreich über seine Gesinnung (DER STANDARD berichtete). Zur Skandalisierung kommt es aber nur, wenn der Romanleser nicht vorsichtig genug ist. Immerhin handelt es sich hier um eine Rollenprosa, die von frustrierten Antihelden abgelassen wird. Nicht umsonst schreibt Houellebecq im oben anzitierten Essayband: "Es ist angebracht, dem Roman zu misstrauen, man darf sich weder von der Geschichte hereinlegen lassen noch vom Tonfall noch vom Stil."

Der Diskurs dieses ambivalenten Textes mit Gurtenpflicht ist indes mehr wert als die blanke Erregung über die starken Sprüche seiner Antihelden: In der erzählten Gegenwart, die im Sommer 1998 beginnt, wird in Rückblenden von der Jugend der Halbbrüder Bruno und Michel berichtet, die beide von ihrer hippiebewegten Mutter auf Egotrip in ein gewalttätiges Internat abgeschoben worden sind. Konsequenz daraus ist der böse Blick Brunos auf die 68er- und Alterna(t)ivszene, eine kulturkritische Optik, die gnadenlos aufzeichnet, aber letztlich übertreibt. Verzeihlich, denn hier reagiert der Autor seine ähnlich (end-)gelagerte lieblose Jugend ab.

Ansonsten kreist das todfixierte Denken der beiden unansehnlichen Romanprotagonisten zwanghaft, aber konzis um den Sinn des Körpers und seines Lebens. Michel nimmt zu diesem Zweck ein Sabbatical am Forschungsinstitut, bestehend aus sexueller Verweigerung und Herumbrüten über Biologie und Quantenmechanik. Diametral gegenüberliegend die hektische Sexsuche Brunos, des neurotischen Lehrers, der sich beruflich "darauf beschränkt, zweifelhafte Kommentare über veraltete Kulturgüter abzugeben". Ihm gerät jede unerreichbare Frau - also fast jede - zur "Schlampe", nachdem er eine Schülerin sexuell belästigt hat. Endstation für ihn ist die chemische Ruhestellung in einer psychiatrischen Klinik des Unterrichtsministeriums.

Nur kurz vermittelt eine jähe Zweierbeziehung beiden Brüdern eine verzweifelt bis kleinbürgerliche Illusion von Glück und Geborgenheit: Houellebecq zufolge stellen nämlich "das Ehepaar und die Familie die letzte Insel des Urkommunismus im Schoß der liberalen Gesellschaft dar. Die sexuelle Befreiung hatte die Zerstörung dieser letzten Gemeinschaftsformen zur Folge, die letzten Zwischenstufen, die das Individuum vom Markt trennten." Ein Satz, den wahrscheinlich auch Andreas Khol und Jörg Haider unterschreiben könnten - wenn auch nicht in dieser Formulierung, die im Übrigen die Existenz des Patriarchats ignoriert.

Im Großen und Ganzen fasziniert aber Houellebecqs postmarxistischer Realismus, den er mit etlichen KollegInnen seiner Generation teilt, mit der Radikalität seiner soziologischen Kommentare. Abstoßend hingegen wirkt immer wieder der Pornoheft-platte Erzähljargon, wenn Bruno die FKK-Camps nach Körpern durchforstet, um sich irgendwo "lutschen" zu lassen. Aber möglicherweise liegt das auch an der unzureichenden Übertragung ins Deutsche; überhaupt bleibt unverständlich, warum der DuMont-Verlag mit den Houellebecq-Rechten nicht gleich den versierten Übersetzer des Debütromans von Wagenbach mitübernahm.

Das Buch birgt neben den geifernden Ausfällen Brunos freilich noch eine zweite Provokation: Sein Halbbruder Michel Djerzinski (ein klingender Schlächtername aus der Stalinära übrigens) ist nämlich Genetiker von Beruf und schenkt der Welt im Jahr 2009 den perfekten Klon ohne Sexualität: "Die Menschheit müsse verschwinden; sie müsse einer neuen geschlechtslosen, unsterblichen Spezies das Leben schenken, die die Individualität, die Trennung und das Werden überwunden hat." Erst nach einer solchen Überarbeitung, so Michels These, wäre die Spezies wieder zu einer brüderlichen, nicht-materialistischen Ethik fähig. In diesem Sinne geriert sich der Text quasi als Grabinschrift des 3. Jahrtausends auf den letzten noch natürlich gezeugten Menschen, dem auch sein letzter Satz gewidmet ist.

Damit erlangen die Elementarteilchen pünktlich zu ihrem Erscheinen hierzulande bereits eine ungewollte Aktualität durch die Windungen des deutschen Geisteslebens. Denn als Taufpaten des altruistischen Klonens fungieren Friedrich Nietzsche und sein Enkel Peter Sloterdijk, auf dessen Nachttisch Houellebecqs Roman zu lange gelegen sein dürfte: weist doch sein freihändiges Spintisieren auf Schloss Elmau im Juli deutliche Parallelen zu Michel Djezinskis Plan auf.

Es gäbe freilich noch weitere Gründe, sich Houellebecqs Bio-Keule dennoch auszusetzen - literarische Schläge, die besonders empfindlich werden, wenn im letzten Drittel des Buches fest gestorben wird. Diesem Nihilismus muss man erstmal standhalten können, bevor man leichtfertig an ihn den linksliberalen Zweckoptimismus als braves Haber-Maß aller Dinge anlegt. Houellebecq ist einer der unangenehmsten, aber auch der ungewöhnlichsten und interessantesten Autoren unseres Millenniums. Ein Humanist ex negativo, der provozierende Texte schreibt als notwendiges Übel. Damit werden wir leben müssen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at/kultur]

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