Die Welt im Notizbuch.
Roman von Ryszard Kapuscinski (2001, Eichborn - Übersetzung Martin Pollack).
Besprechung von Hans-Jürgen Heinrichs aus der Frankfurter Rundschau, 1.3.2001:

Die Welt als Drehbühne
"Kein Ort, wo ich immer bleiben möchte": Ryszard Kapuscinskis Aufzeichnungen

Ein Ort fernab der Welt - so der Titel eines Romans von Jean-Marie Le Clézio, dem inzwischen zu Ruhm gelangten französischen Erzähler und Reisenden -, "ein Ort fernab der Welt" wäre auch ein besonders zutreffender Titel für das Gesamtwerk des polnischen Erzählers Ryszard Kapuscinski. All die Orte und Landschaften, die Kulturen und Kontinente, die der 1932 geborene und, wenn er nicht unterwegs ist, in Warschau lebende Korrespondent und Reporter bereist hat, finden sich fernab der großen, viel befahrenen Routen, fernab und doch inmitten der Welt.

Der neue Band nun, unter dem Titel Die Welt im Notizbuch, ist in erster Linie nicht Beschreibung und Analyse der Fremde, nicht Reportage, sondern Introspektion, also Selbsterforschung und Reflexion alltäglicher Verläufe in der Fremde, verfasst in Form von Tagebuchsplittern und Fragmenten, jede Chronologie missachtend, überhaupt keinem Ordnungsprinzip folgend. Das Gefühlte und Gedachte, das Erlebte und Beobachtete erzählt sich selbst - der Leser kann an jedem Punkt beginnen und aufhören und wieder neu einsetzen, Passagen auslassen und auch mehrfach lesen: sich dem Erzählfluss überlassen.

Einmal Mitspieler in diesem narrativen Kosmos und Teilhaber der Expeditionen in Seelenlandschaften und tatsächliche Wüsten, Steppen, Dörfer und Städte geworden, löst man sich auch von den vorgegebenen Routen und Gedankengängen, folgt den eigenen Ideen; entlang der von Kapuscinski vorgegebenen thematischen Blöcke: vor allem gruppiert um die Frage nach dem Wesen und den verschiedenen Formen der Reportage und, damit in engstem Zusammenhang, die Frage nach der Wirklichkeit und den Möglichkeiten, sie darzustellen, sie zu erzählen.

Die Reportage und den Reportageroman, Formen, die Kapuscinski favorisiert, begreift er als Möglichkeiten, sich der Gleichzeitigkeit und Mehrschichtigkeit von Verläufen anzunähern, sich einzufühlen in die Simultaneität und das Synkretistische, also in das Pulsierende und sich Überlappende der Wirklichkeiten. Ganz in diesem Sinn pendeln seine Texte immer zwischen Epos, Bericht, Impression, Dialog, Essay und Roman. Die Eigenschaft, die er am Autor am meisten schätzt, ist die Fähigkeit des Erlebens und der Einfühlung sowie die Gabe, sich in Erstaunen versetzen zu lassen - gegen die Versuchung, von der Alltäglichkeit gelähmt, von der Banalität und Dummheit betäubt zu werden.

"Meine Neugierde", notiert er, "treibt mich immer wieder in die Welt hinaus. Es gibt keinen Ort der Welt, wo ich sagen möchte: ,Hier will ich für immer bleiben'." Kapuscinski nennt sich einen Nomaden mit einer Vorliebe für die Sahara, wo sich der ganze Kosmos auf ein paar Elemente reduziere: Sand, Sonne, Sterne, Stille.

Am schönsten die Passagen, in denen sich Kapuscinski seinen Fantasien überlässt, Ideen frei und ohne einengende Systematik folgt; zum Beispiel der Idee, die "Geschichte von ,Einem Tag der Welt' " zu schreiben: "wie die Sonne über Tibet aufgeht, über der Sahara, über Florenz und Lima - wie die Kinder erwachen, wie die Frauen erwachen, . . . - wie die Bauern zur Arbeit gehen . . . - wie die Savanne brennt, wie ein Dorf brennt, eine Stadt nach einem Luftangriff - wie sich in Tschernobyl die Tore der Hölle auftun - wie wir uns zum Abendessen setzen, fernsehen".

Die Welt - eine Drehbühne; der Schriftsteller und Reporter - ein szenischer Arrangeur, jedoch einer, der beseelt ist vom Wunsch, alltägliche Wunder in der Nähe und in der Fremde zu beschreiben, den Spuren der Gewalt und der Katastrophen, aber auch des Glücks, der Schönheiten und des Gelingens zu folgen und ihnen im Text eine Form zu geben. Im Unterschied zum Sensationsreporter, der sich der Kurzlebigkeit so genannter Aktualität fügt, hält er dem schnellen Verfallsdatum der Informationen etwas entgegen: das Wissen von geschichtlichen Abläufen, das Bewusstsein von Kontinuitäten und von den "irrationalen Momenten in der Geschichte" - die "plötzliche Freisetzung mächtiger Energien" durch irgendein belangloses Ereignis. Der Autor von Reportagen, die den Tag überdauern, insistiert auf seiner eigenen Beobachterposition und seiner Sprache. "Ich benötige die Poesie als Sprachübung", bemerkt Kapuscinski, "ich kann nicht verzichten auf die Poesie. Sie verlangt tiefe sprachliche Konzentration, und das kommt der Prosa zugute. Die Prosa braucht Rhythmus, und die Poesie ist Rhythmus. Wenn ich zu schreiben beginne, muss ich den Rhythmus finden."

Einen Rhythmus finden, das heißt für Kapuscinski immer auch, aus der Nähe zu anderen Menschen denken und eine Sprache für ihr Leben im Gesamtzusammenhang ihrer Kulturen erproben. Das Thema seines Lebens - schreibt er in dem Einleitungskapitel zu der Anthologie Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies - sei der Kampf der Menschen in der "Dritten Welt" um ihre eigenen Staaten und Nationen. Die empathische Nähe zu ihrer Sorge um eine existenzielle und politische Verankerung sieht er in seiner eigenen Kindheit begründet: in der Mittellosigkeit, dem Glück über die ersten hart verdienten Schuhe, dem Symbol dafür, "dass man existierte", und der Ahnung, dass es noch ein Leben außerhalb von Hass und Krieg gibt. Als müsse er sich dieser Einsicht immer wieder vergewissern, geht er dorthin, wo der Schrecken gerade am größten ist.

Unter dem spannungsreichen Titel Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies hat Kapuscinski Reportagen, Essays und Interviews zusammengestellt, die großenteils seinen früheren Büchern entnommen sind und ein Bild vom Werdegang des in einer armen polnischen Provinz geborenen und sich in andere Welten entwerfenden Mannes vermitteln sollen. Lange Zeit Opfer des Krieges, auch nachdem der grausame Lärm verstimmt war, wächst Kapuscinski in eine europäische und außereuropäische Welt hinein, die sich über Revolutionen und Aufbrüche neue Wege zu bahnen versucht und um ein Zauberwort kreist: Freiheit. Persönlich findet er sie in den 50er, 60er Jahren nur außerhalb eines in Ost-West-Gegensätzen erstarrten Europas. 1956 geht er zum ersten Mal als Reporter nach Indien, ein Jahr später nach Afrika, fühlt sich als Zeuge der "Geburt der Dritten Welt". Und doch sei er im Herzen auch der kleine Junge geblieben, der immer noch glaubt, dass jeder Weg, den er gehe, endlos sei und rund um die Welt verlaufe, weil man von seinem Heimatstädtchen Pinsk "mit einem Boot in alle großen Weltmeere gelangen konnte".

Reisen, das heißt - jenseits des Abenteuers - warten, sich im Ertragen der Langeweile üben und lernen, dass die mitreisenden Einheimischen irgendwo in Afrika, Lateinamerika oder Asien nicht verstehen, was den Europäer stört, was ihn unruhig macht. Reisen, das heißt im Sinne Kapuscinskis immer auch, alles so mögen, wie es ist (das Essen, die Menschen, das Wetter, das Nichtfunktionieren im Alltäglichen) und doch sich alles auch anders wünschen; die Revolution, die Veränderung fiebernd begleitend. Und Reisen heiße für ihn auch, seine Krankheiten zu lieben, die Malaria, die er ständig habe, die was "ganz Wundervolles" sei, denn sie sei wie eine "Erleuchtung", eine "Vision", ein "mystisches Erlebnis".

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung 0301 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau