Die weißen Inseln der Zeit.
Lektüren, Orte, Bilder von Hanns-Josef Ortheil (2004, Luchterhand).
Besprechung von Michaela Kopp-Marx in der Frankfurter Rundschau, 29.12.2004:

Adornos Schaukelpferd
Hanns-Josef Ortheil schwelgt lässig in Erinnerungen und setzt auf die eigene Erfahrung

Hanns-Josef Ortheil könnte es einmal ergehen wie seinem Vorbild Thomas Mann. Von ihm hat man festgestellt, dass sich in seinen Werken keine einzige erfundene Einzelheit findet: Alles ist entweder schon vorliegender Literatur entnommen oder von der Autobiographie des Autors gespeist. Ein ästhetisches Programm, das auch der andere Säulenheilige der Moderne, Vladimir Nabokov, pflegte, der sein Schreiben, etwas drastischer noch, charakterisierte als Aufzehren eines Lebensstoffs, der zum Material für eine Kunst wird, die am Ende nur noch die abgenagten Gerippe einer Existenz zurücklasse.

Der romantischen Maxime "La vie est un roman" folgend, entwerfen Hanns-Josef Ortheils Romane eine charakteristische Topographie aus biographischen Landschafts- und Stadträumen, die das Erleben der Protagonisten grundieren und zugleich Etappen des eigenen Lebensfilms umreißen. Die Weißen Inseln der Zeit schreiten den Ortheilschen Kosmos noch einmal aus - vom eng umzirkelten "Kindheitsköln" über das industriegeschädigte Wuppertal, das behäbige Mainz und mondäne Wiesbaden der sechziger und siebziger ins schon südlich angehauchte Stuttgart der achtziger Jahre bis nach Rom und Venedig in die letzten Winkel der picenischen Berge hinein. Fünfzig Texte über Literatur, Musik, Malerei, Landschaft und Alltagsphänomene versammelt der Band, fast alle ursprünglich für diverse Feuilletons und Kulturzeitschriften geschrieben, umgearbeitet und neu arrangiert. Zusammengehalten wird das dem ersten Anschein nach heterogene Unternehmen von der unverwechselbaren Stimme des Erzählers, einem intensiven, intimen Ton, dem man gleich willig folgt und der es fertig bringt, deutsche Dome, Woody Allen, italienischen Lammrücken, germanische Helden und Bachs Matthäuspassion zu einer in sich geschlossenen Einheit zu formen.

Integrierend wirkt zum anderen Ortheils unnachahmliche Art, die Dinge wahrzunehmen. Wie ein Semiologe, der seine Disziplin als umfassende kulturelle Wissenschaft betreibt, ist der Erzähler offen für Moden, Theorien, Erzählungen, Verhaltensweisen, Materialien. Das Wesen des Kölners erschließt sich seinem Blick zum Beispiel aus der Dreieinheit von Sprache (Kölsch), Bier (Kölsch) und Trinken (in einem Zug). Superzeichen der rheinischen Ethnie ist der Dom als Repräsentant der genuin kölnischen Bewegung des "nach außen und nach oben".

Hanns-Josef Ortheils ethnologisch-biographische Erkundungen erklären nichts, minutiöse Beobachtungen reihen sich so aneinander, dass unversehens aber schlagend Sinn entsteht. "Ich sag's euch, aber ich will's euch nicht richten", das Hermann Lenz zugeschriebene Wort trifft die Sache ziemlich genau, wobei das eigentlich auch nur die halbe Wahrheit ist. Denn Ortheil ist viel zu sehr Dichter, als dass er den Mehrwert des Fiktionalen einfach ignorieren könnte. Und so wechselt er zwischen Analyse und Erzählung, Außen- und Innenperspektive virtuos hin und her, wobei sich schon mal unerwartete Abgründe auftun können.

Der blinde Fleck

Nehmen wir den Lehrer der zweiten Nachkriegsgeneration: Adorno vereinte bekanntlich einen stupenden Intellekt mit ein paar menschlichen Schwächen, etwa der Selbstüberschätzung. Seinen eigentlichen blinden Fleck enthüllt Ortheil in einem interpretatorischen Kabinettstück, das den rhetorischen Strategien des Charismatikers auf den Grund geht: "Theodor W. Adorno ist im zweiten Teil seiner Reden dann mit seinem Thema allein, man hört, daß ihn die Zuhörer nicht mehr interessieren, er sitzt jetzt auf dem Boden seines Kinderzimmers und liest Hegel Seite für Seite, er blättert die schwierigsten Stellen der ‚Phänomenologie des Geistes' lässig um, wie kein anderer, murmelt er nebenbei, verstehe ich das, Hegel hat vor allem geschrieben, um von mir verstanden zu werden, und so liest Theodor W. seinen Hegel wie ein Musterschüler und Allesversteher und hält doch noch nebenbei mit ebenso lässiger Hand sein neben ihm stehendes Schaukelpferd in Bewegung, auf und ab wie das Pferd hüpft und summt jetzt sein Reden und Vortragen."

Jenseits des "unwiderstehlichen Narzißmus": Was Ortheil über Adorno sagt, gilt auch für ihn selbst: Man versetzt sich in seinen Gegenstand, um ihn letztlich besser verstehen zu können, als er sich selbst je verstanden hat. So gelingen Einblicke in die Innenseite kreativer Prozesse, welche wiederum Rückschlüsse auf die eigene Arbeit zulassen. Was Ortheil aus anderen geschätzten Schreibweisen herausdestilliert - das Hochsinnliche der Küchenutensilien-Lyrik Mandelstams, die mythischen Urgründe der erlesenen Poesie Kavafis', die Anmut und Genauigkeit der Notate Flaianos, das Abtauchen von Alltagsoberflächen in den Strom der Erinnerung bei David Wagner - all diese Merkmale und Verfahren strukturieren eben auch das eigene Schreiben.

Darum sind Die Weißen Inseln der Zeit auch alles andere als "nur" ein essayistisches Seitenstück zum Romanwerk, vielmehr stehen sie in der Nachfolge der autobiographischen Schrift Das Element des Elefanten (1994), das erstmals die Selbstwerdung des Dichters thematisierte. Während das frühere Projekt den Weg zur Sprache und zur Schrift im engeren Lebenskreis auslotet, ergänzt das aktuelle zentrale ästhetische und lebensweltliche Erfahrungen: an erster Stelle die Musik Schumanns, in ihrem Gefolge der Kursus der Bilder, Texte, Orte, die so geschickt in- und aneinander gespiegelt sind, dass der Bildungsgang sich zum Tableau einer gelungenen Autorenbiographie rundet.

Die poetische Quintessenz dieser Recherche in eigener Sache enthält die Titelgeschichte. Sie erzählt von einem Venedigreisenden, der frühmorgens auf dem Münchner Hauptbahnhof ankommt, dort den Tag versunken in Venedig-Memories und Venedig-Ritualen verbringt, um in der Nacht kurzerhand den Zug zurück zu nehmen. Im Bewusstsein des Ich-Erzählers überblenden festliche Szenen aus venezianischen Tagen die kruden Bilder der Münchner Gegenwart und eine ordinäre Bahnhofs-Grilltheke mutiert zum "Metzgerstilleben" in Rembrandt-Farben. So bewegen sich Die Weißen Inseln der Zeit in magischen Schwingungen zwischen den Zeiten und Räumen und in Ortheils melodiösen Sätzen sind diese Schwingungen aufgenommen, heiter, ein bisschen pathetisch und immer wieder grundiert von Ironie. "Ich schaltete das Handy aus, niemand sollte mich heute noch stören, ich befand mich längst in ganz anderen Zonen, auf geheimen Wegen zu den weißen Inseln der Zeit".

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