Die wahre Geschichte von Ned Kelly... von Peter Carey, 2002, S. Fischer1.) - 2.)

Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang.
Roman von Peter Carey (2002, S. Fischer - Übertragung Regina Rawlinson und Angela Schumitz).
Besprechung von Sascha Verna in der Frankfurter Rundschau, 25.4.2002:

Immer neue Entdeckungen machen
Der Australier Peter Carey vermischt die Tricks des Post-Post-Modernismus mit klassischem Storytelling

Peter Careys Lächeln ist fast so breit wie das Entree seines hübschen Backsteinhäuschens in Greenwich Village. Nicht etwa weil Peter Carey gerade einen besonders guten Tag hat oder sich übermäßig über Journalistenbesuche freut, sondern einfach, weil bei ihm schon die Andeutung eines Lächelns das Gesicht in zwei Hälften teilt. Der Tag scheint immerhin gut genug und der Besuch willkommen genug zu sein für ein Glas Wein, australischen, versteht sich, womit wir auch gleich beim Thema sind.

In Australien ist Peter Carey geboren und aufgewachsen, Australien ist Peter Careys Tick. Der 59-Jährige schreibt seit dreißig Jahren Kurzgeschichten und Romane, die sich alle direkt oder indirekt auf Australien beziehen: In seinem zweiten Roman Illywhacker von 1985 führt ein bekennender Lügner namens Herbert Badgery durch 139 Jahre australische Geschichte, indem er sein langes Leben erzählt, von seiner nomadischen Kindheit in den dürren australischen Prärien bis hin zu seinen dubiosen Geschäften im Sydney von heute. Der mit Cate Blanchett und Ralph Fiennes verfilmte Roman Oscar und Lucinda, mit dem Carey den internationalen Durchbruch schaffte und 1988 unter anderem den Booker Prize gewann, handelt von einem Paar, das sich buchstäblich spielend durch Australiens koloniale Anfänge mogelt. Und Jack Maggs, Careys sechster Roman von 1997, gilt inzwischen als australische Version von Charles Dickens' Roman Great Expectations.

"Jeder Schriftsteller hat eine Obsession", sagt Peter Carey dazu mit seinem ausgeprägten australischen Akzent, "ich hinterfrage ständig meine Identität, und meine Identität ist aufs Engste mit der Identität meines Landes verbunden." Das klingt zwar nett, erklärt aber nicht, weshalb namhafte Kritiker und eine rapide wachsende Leserschaft sich für die literarische Verarbeitung dieser Australomanie begeistern. Carey wird mit Gabriel García Márquez und Jorge Luis Borges verglichen, wo er auftaucht, füllt er Säle, und seinen jüngsten Roman bezeichnete J.M. Coetzee in der edlen New York Review of Books als "Sprachwunder". Die Juroren des Booker Prize stimmten darin mit Coetzee überein und verliehen Peter Carey 2001 für Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang zum zweiten Mal diesen wichtigsten aller britischen Literaturpreise - eine Ehre, die bislang erst einem Autor zu teil geworden ist, und zwar J.M. Coetzee.

Peter Carey ist tatsächlich ein Schriftsteller, der die Tricks des Post-Post-Modernismus ebenso beherrscht wie das klassische Storytelling, einer, der sich auf Metaebenen ebenso sicher bewegt wie auf havarierten Dreimastern des 18. Jahrhunderts. So entwirft er in Das seltsame Leben des Tristan Smith (1994; dt. 1996) eine Parallelwelt, in der sich vor dem Hintergrund zweier fiktiver Länder, Voorstand und Efica, das gespannte Verhältnis zwischen Großbritannien und seiner Kolonie Australien widerspiegelt. Diese Kolonialismus-Allegorie ist gleichermaßen intelligent, anspruchsvoll und unterhaltsam. Doch so sehr man Peter Carey den Lorbeer gönnt und so unbestreitbar Witz, Wissen und Virtuosität dieses Autors sind, so übertrieben erscheint einem das Lob im Fall von Careys jüngstem Roman.

Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang ist die eines australischen Nationalhelden, den die sozialen Missstände im Australien des 19. Jahrhunderts zum Banditen gemacht haben. Das harte Los der kleinen Farmer war Kellys eigenes Los. Seine Wut auf die geldgierige Obrigkeit und erpresserische Polizisten gipfelte in einem frühmorgendlichen Feuergefecht, aus dem Kelly und seine Leute trotz der selbstgebastelten Rüstungen als Verlierer hervorgingen. Am 11. November 1880 um punkt 10 Uhr wurde Ned Kelly in Melbourne gehängt. Peter Carey lässt Kelly seine Abenteuer selber erzählen, in einer Sprache, die sich um Einfachheit bemüht, deren Holzhacker-Sound aber bald ihren Reiz verliert. Nach einem furiosen Start vergaloppiert sich der Autor in einer Mischung aus australischem Simplizissimus und Spaghetti-Western, in der sich eine pistolenrauchende Episode an die nächste reiht. Und würden sie nicht endlich das Zeitliche segnen, säßen Kelly & Co. vermutlich noch heute im Sattel.

Gewiss, Literaturpreise stellen im allgemeinen ohnehin kein Qualitätssiegel dar. Allerdings fragt man sich, ob es sich bei der Kür des Ned Kelly-Epos nicht um Wiedergutmachung um jeden Booker-Preis gehandelt hat - nach dem Motto: Das Großbritannien von heute belohnt die schöpferischen Verwalter seiner Sünden von gestern. Denn die Sympathien sind in allen Büchern Careys und speziell in seinem letzten Roman klar verteilt: Die Engländer sind die Ausbeuter, die australischen Siedler die Ausgebeuteten und die Aborigines sowieso die Allerärmsten. Es wäre immerhin möglich, dass die Wahl der Booker-Juroren mehr mit Vergangenheitsbewältigung als mit Leselust zu tun hatte.

Peter Careys eigenes Verhältnis zu seinem großbritannischen Mutterland ist gespalten: "Familienbande - man liebt und hasst sich zugleich." Er lebte einige Jahre in London und arbeitete in einer Werbeagentur, wie er überhaupt bis Mitte der 80er Jahre sein Geld mit der Kreation von Slogans verdiente. Allerdings muss man sich den Peter Carey von damals als ziemlich untypischen Werber vorstellen: In den späten 70er Jahren zog er in eine Kommune im australischen Hinterland, wo er drei Wochen pro Monat phantastisch-kapitalismuskritische Kurzgeschichten schrieb - die Erzählungsbände The Fat Man in History und War Crimes sind daraus hervorgegangen - und jeweils in der vierten Woche die Rolle des PR-Manns in Sidney spielte. "Ich verbrachte meine Zeit hauptsächlich mit Künstlern und Schriftstellern", erinnert sich Carey, "und viele meiner Arbeitgeber waren Kommunisten". Erst der Erfolg von Oscar und Lucinda erlaubte es ihm, die Schriftstellerei zu seinem Hauptberuf zu machen.

Als Peter Careys Frau, die Regisseurin Alison Summers, Anfang der 90er Jahre ein Stellenangebot aus New York erhielt, übersiedelten die Careys mit ihrem damals knapp vierjährigen Sohn. Mittlerweile ist ein zweiter Sohn dazugekommen, und die Kinder sind auch der Hauptgrund dafür, dass Peter Carey noch immer in New York lebt. "Ich denke jeden Tag daran, nach Australien zurückzuziehen", meint Carey, "aber meine beiden Söhne sind Amerikaner". Die zwei Jungen sind so sehr Amerikaner, dass sie nach dem 11. September mit Stars and Stripes auf der Brust herumliefen. "Ehrlich gesagt, habe ich sogar meinem älteren Sohn das T-Shirt mit der amerikanischen Flagge gekauft", gesteht Carey, fügt aber gleich hinzu, dass ihm der aufgeblasene Patriotismus der Bush-Administration zutiefst zuwider sei: "Diese Regierung verfolgt unter dem Deckmantel des Patriotismus mit doppelter Kraft ihre reaktionäre Politik und brandmarkt jeden als Vaterlandsverräter, der sie dabei kritisiert."

Was seinen eigenen Patriotismus betrifft, drückt sich Peter Carey vorsichtiger aus: "Wir Australier benutzen dieses Wort nur ungern", erklärt er, "wir denken dabei immer an blinde Fahnenschwenkerei. Außerdem ist es für ein Land, das als Sträflingskolonie begonnen hat, ziemlich schwierig, besonders stolz auf sich selber zu sein". Australiens gestörtes Selbstbewusstsein bildet ein immer wiederkehrendes Motiv in Careys Schreiben. Auch sind seine Protagonisten kaum je wirkliche Heroen und nie Gewinner. Vielmehr interessieren ihn gebrochene Charaktere.

Von "Verlierern" möchte er dabei allerdings nicht sprechen: "In Australien nennen wir diesen Typ ,rampfer' (,battler') - ihm gehört unsere ganze Sympathie." Dazu erzählt er die Geschichte von dem afrikanischen Schwimmer, der sich in den Kopf gesetzt hatte, an den Olympischen Spielen in Sydney sein Land zu repräsentieren, obwohl er gar nicht richtig schwimmen konnte. Er stürzte sich mit den anderen Athleten ins Wasser und wäre beinahe ertrunken. Doch das australische Publikum realisierte, wie mutig und verrückt dieser Mensch mit seinem Vorhaben war. Es beklatschte und feierte ihn und vergaß darüber den wahren Sieger des Wettkampfs völlig. Von "Eric dem Aal", schwärme noch heute ganz Australien, lacht Carey.

Er nippt an seinem Wein, überlegt sich jede Antwort sorgfältig und malträtiert zwischendurch seine Finger mit einem Gummiband. Im Grunde redet Carey nämlich nicht gerne über sich selber. Er fühlt sich offensichtlich nur wohl, solange er von "wir", den Australiern, sprechen kann. Was darüber hinausgeht, vermeidet er geflissentlich. Auch seine Bücher zeigen, dass diesem Autor jeglicher Exhibitionismus fremd ist. Von der Verfassung einer Figur wie Benny, dem psychisch angeschlagenen Halbwüchsigen aus Careys sozialkritischer Satire Die Steuerfahnderin (1991; dt. 1993), auf die Seelenlage ihres Erfinders zu schließen, wäre ebenso verfehlt wie aus Crocodile Dundee 4 1/2 ethnographische Lehren ziehen zu wollen.

Seinen Studenten an der New York University, wo er gelegentlich Creative Writing unterrichtet, gibt Carey immer denselben Rat: Schreibt nicht über das, was ihr kennt, schreibt über das, was ihr nicht kennt und bringt alles darüber in Erfahrung. Also kennt Peter Carey Australien nicht? Carey mit seinem breiten Lächeln: "Dieses Land musste sich immer wieder neu erfinden - was bleibt mir anderes übrig, als es immer wieder neu zu entdecken?"

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Die wahre Geschichte von Ned Kelly... von Peter Carey, 2002, S. Fischer2.)

Die wahre Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang.
Roman von Peter Carey (2002, S. Fischer - Übertragung Regina Rawlinson und Angela Schumitz).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ, 22.10.2002:

Nach dem Goldrausch
Peter Carey erzählt die Geschichte vom australischen Robin Hood als nachgelassenen, aber nie nachlassenden Roman.

Ein Ire bleibt ein Ire. Wenn er Recht hat, will er es auch kriegen. Oft haben die blauen Flecke auf seiner talgweißen Haut genau darin ihren Ursprung. "Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen", heißt es bei William Faulkner. Weil der Satz auf die Iren gemünzt sein könnte, steht er Peter Careys "Wahrer Geschichte von Ned Kelly und seiner Gang", einem wunderbaren Roman als Motto voran. Einstmals waren die Kellys nach Australien ausgewandert, wo sie vor 150 Jahren ihren Sohn Ned geboren haben. Alt ist er dort nicht geworden, aber ein Held. Einer wie Störtebeker oder Robin Hood. Vielfach schon ist das kurze Leben des Ned Kelly erzählt worden, einmal als kleine Verteidigungsschrift von ihm selbst und einmal als Film von Tony Richardson, mit Mick Jagger in der Hauptrolle. Ned Kelly wurde 26, dann hing sein Kopf in der Schlinge. "So ist das Leben", waren seine letzten Worte. Wie sein Leben war, erzählt der Australier Peter Carey in einem opulenten Roman, für den er zum zweiten Mal den Booker Prize bekommen hat. Ein fintenreiches Lesefest ist das, das beste der Bücher über den australischen Helden, ein ungeschlachter Brocken, ein Großwerk, in dem nichts gut wird, weil nichts gut sein kann. Das wissen wir von Anfang an, und dann erfahren wir warum. Wir lesen von Kindheit, Lehr- und Wanderjahren sowie von theatralischer Verschwendung. Wir erfahren es ausschließlich aus den nachgelassenen Papieren des Outlaws. Peter Carey bringt den alten literarischen Trick der wiedergefundenen Papiere in Anschlag, damit die Geschichte authentisch wirkt. Um den Effekt noch zu steigern, verwendet er eine mangelhafte Orthographie.

Stinkende Armut, seltsame Hoffnung

Ned Kelly (1855-1880) war ein Opfer der australischen Verhältnisse, die er weder ändern noch ignorieren konnte. Land der deportierten Sträflinge, wertloses Land, so dünn besiedelt wie die Mongolei, nach Armut stinkend und doch mit der seltsamen Hoffnung, die Begehrlichkeiten weckt. Der Traum von der Parzelle führt geradewegs in die Zelle. Ohnehin ist der Goldrausch vorbei. Nur ein paar Chinesen krümmen sich noch über die Goldwaschrinnen und suchen nach den Krümeln unterm Tisch.

Ned Kelly war einer dieser Männer mit Händen wie Hämmern, die Pferde einreiten konnten und den Glauben an den Ruf "Land in Sicht!" nicht aufgaben. Nicht im Alkoholrausch, nicht im Kampf Mann gegen Mann, nicht in den seltenen Momenten von Glück in den Armen einer Frau. Nicht einmal im Netz eines korrupten Polizeiapparats.

Das älteste von acht Kindern musste früh den Vater ersetzen, wollte gut sein, aber durfte es nicht. Wurde Bushranger, Wegelagerer, Gesetzloser und Polizistenmörder aus Versehen. Wurde zum Kind seiner Zeit, über die er hinauswächst. Seine Gang war die Gründung einer Gegenrepublik. Sie zeigte, was Sträflingsblut zuwege bringen kann: "Ich bin der Sohn einer Witwe und gesetzlos und man muss mir gehorchen." Schuldig war er nur wie ein Soldat im Krieg.

Peter Carey lässt Ned Kelly dieses Leben aufgeschrieben haben, damit seine Tochter versteht und ihre Mutter und vielleicht auch einer im Parlament. Es ist schlicht meisterhaft, wie Carey diese Rede bis zum Finale nicht abstürzen lässt und auf diese Weise einer nationalen Ikone endlich ihr Forum schafft. (NRZ)

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