Die Wärme des Körpers der Frau Pietsch von Jörg Hannemann, 2012 BUPDie Wärme des Körpers der Frau Pietsch.
Roman von Jörg Hannemann (2012, Berlin University Press).
Besprechung von Christoph Schröder in Die Zeit vom 30.11.2012:

Lethargisch in Groß Schwülper
Verspielte Melancholie, sanfte Vergeblichkeit. Jörg Hannemanns jüngster, doppelbödiger Roman führt an die Säume der norddeutschen Provinz.

Allein schon der Titel: Die Wärme des Körpers der Frau Pietsch. Das ist eine Umständlichkeit, und zwar in voller Absicht. Denn auch der Held – wenn man ihn überhaupt so nennen darf – von Jörg Hannemanns Roman ist einer, der so durchs Leben stolpert. Dem auch die wichtigen, entscheidenden, verändernden Dinge eher geschehen als dass er sie aktiv beeinflussen würde. Und doch darf man sich keineswegs täuschen lassen: Heinrich Glöde, so heißt der Mann, um den es hier geht, mag sich den Anschein des Naivlings geben. Naiv erzählt ist Hannemanns Roman jedoch keinesfalls: Er steckt voller Anspielungen, literarischer Verweise und Querverbindungen. Und er kann und will am Ende auch nicht verbergen, dass sich hinter dem vermeintlich so spielerisch-heiteren Tonfall im Grunde eine traurige Geschichte verbirgt.

Heinrich Glödes Lebensweg wirkt so zufällig wie unnachvollziehbar. Sowohl sein Alter als auch die Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, lassen sich anhand eingestreuter Eckdaten grob rekonstruieren: Glöde ist um die 30 Jahre alt, wir befinden uns in den frühen siebziger Jahren. Als Hilfsarbeiter kommt Glöde aus Bremen, wo er das Leben eines sozial randständigen Bohemiens geführt hat, in ein Dorf namens Groß Schwülper in der Nähe von Braunschweig. Dort soll er, aufgrund welcher Qualifikation auch immer, die Deckenbemalung einer romanischen Kapelle instand setzen. Hin und wieder arbeitet Heinrich tagsüber auch in der Kapelle, bevorzugt aber wandelt er durch den niedersächsischen Nebel, wobei er einer unzweideutigen sündigen Tätigkeit nachgeht, oder sitzt im Wirtshaus beim schlechten Stammessen.

Vor allem aber verbringt er seine Nächte im Bett seiner Hauswirtin Frau Pietsch, die im Alter von 15 Jahren aus Schlesien geflohen war und in Groß Schwülper sowohl ihren Mann (Sturz vom Dach) als auch ihren fünfjährigen Sohn (Sturz in die Jauchegrube) beerdigen musste. Nun stürzt Heinrich in ihre Arme, und auch dafür findet Hannemanns Ich-Erzähler eine Formulierung von Thomas Mann’schem Windungsreichtum: "Frau Pietsch war die erste Frau gewesen, der ich beigewohnt hatte."

Sprung durch die Erzählepochen

Das Wunderbare an Hannemanns Roman ist seine Doppelbödigkeit. Heinrich Glöde hat, wenn er auch sonst noch nicht viel getan hat in seinem Leben, zumindest Bücher gelesen, Proust und Kafka, Arno Schmidt und Joyce. Und so, wie man sich nie sicher sein darf, ob uns dieser sympathische Taugenichts mit seiner hüpfenden Sprache und seinem hüpfenden Lebenslauf nicht in Wahrheit permanent eine lange Nase dreht und sehr viel besser über das Leben Bescheid weiß, als er vorgibt, so inszeniert auch Jörg Hannemann Glödes Irrungen und Wirrungen auf einer übergeordneten Ebene höchst geschickt als anspielungsreichen Gang durch die Literatur.

Hannemann, der erst im vergangenen Jahr mit seinem Roman Abstand im Alter von 69 Jahren spät debütierte, springt durch die Erzählepochen: Da winkt aus nicht allzu großer Ferne die Absurdität und die sanfte Vergeblichkeit eines Robert Walser, dessen Gehülfe wohl einer der Taufpaten Heinrich Glödes sein dürfte. Da sitzt in der Dorfkneipe von Groß Schwülper rund um die Uhr ausgerechnet ein Landvermesser herum, dessen Tätigkeitsfeld im Dunkeln bleibt, der für seine Tatenlosigkeit die Erklärung anbietet, die Welt sei ja bereits vermessen, er warte nur darauf, dass sich daran etwas ändere. Es ändert sich nur nichts.

Die Selbstaufhebung von Sinnzusammenhängen innerhalb eines einzigen Satzes ist ein sinnstiftendes Prinzip bei Robert Walser, das Hannemann sich auf das Eleganteste zu eigen gemacht hat. Das hat stellenweise einen Zug ins Groteske. Auf eine entsprechende Frage seines Chefs antwortet Heinrich: "In einem gewissen Sinn hielte ich mich in einem Zustand der Verrücktheit auf, aber er solle mir den zeigen, der sich nicht in einem derartigen Zustand aufhalte, sagte ich, allerdings sei dieser Zustand momentan ein relativer Zustand und seit längerer Zeit stabil."

Wo soll er auch herkommen, der Sinn? Über dem ganzen Land scheint eine Lethargie zu liegen. In der Provinz ist nichts zu spüren von 68er-Aufbruchstimmung, von gesellschaftlicher Erneuerung, von Protest, Emanzipation, mehr Demokratie wagen. Das alles ist anderswo. Nicht in Bremen, schon gar nicht in Groß Schwülper und auch nicht in Delmenhorst. Hannemann erzählt, da ähnelt er dem anderen Walser, das Kleinbürgertum ganz bewusst aus sich selbst heraus.

Nach Delmenhorst verschlägt es Heinrich nach dem nicht sonderlich erfolgreichen Ende seiner Schwülper-Mission. Dort tapeziert er älteren Damen die Küchen und Schlafzimmer neu. Dem Schlafzimmer von Frau Pietsch bleibt Heinrich irgendwann fern. Er schreibt eine Postkarte, dass sein Kommen sich verzögere. Da ist er allerdings bereits so gut wie verlobt mit einer Ungarin, aber das ist eine andere Geschichte.

Die Provinz ist Hannemanns bevorzugtes Terrain. In ihr findet er seine Sprache. Da ähnelt er Arnold Stadler. Der könnte auch einen solchen Satz geschrieben haben: "Jens Berkelmann starb mittleren Alters, zu jung für alles, in Fischerhude an einem Darmverschluss, was auch eine Form von Heimweh ist." Und Frau Pietsch? Der Duft von Aprikosen, den Heinrich zu Beginn für ein Parfüm gehalten hatte, wird sich schnell als Likörfahne entpuppen. Alles weitere ergibt sich daraus. Gegen Ende zieht Hannemann die Schrauben an. Hinter der verspielten Melancholie kommt dann die echte Traurigkeit zum Vorschein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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