Die Vorzüge der Dunkelheit von Ror Wolf, 2012, SchöfflingDie Vorzüge der Dunkelheit.
Horrorroman von Ror Wolf (2012, Schöffling&Co.).
Besprechung von Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten vom 29.06.2012:

Meister der Sprache
Das neue Buch des Schriftstellers Ror Wolf

Der Schriftsteller Ror Wolf, ein „Meister des bodenlosen Gesellschaftsspiels in Sprache“, wie ihn sein Kollege Ludwig Harig einmal nannte, legt mit 80 Jahren ein neues Buch vor, in dem er „Die Vorzüge der Dunkelheit“ lobt.

Wenn einer 80 Jahre alt ist, seit knapp 50 Jahren etwa 30 Bücher, eine eigene Enzyklopädie, viele Abende füllende Hörspiele und sonstiges erlesenes Druckwerk verbreitet und dafür gut 20 begehrte Literaturpreise erhalten hat – und immer noch irgendwie als „Geheimtipp“ gehandelt wird: dann kann etwas nicht stimmen.

Dass es sich bei dem 1932 im thüringischen Saalfeld geborenen Ror Wolf so verhält, ist ebenso tragisch wie komisch und könnte die Pointe einer seiner unvergleichlichen „Nachrichten aus der bewohnten Welt“ sein: Eine Geschichte mithin, die so unglaubwürdig klingt, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sie kopfschüttelnd zu den Akten zu legen. Oder, wie Wolf den unerhörten Fall vielleicht abschließen würde: „Ich habe mich aber entschlossen, die Sache für selbstverständlich zu halten, für ziemlich alltäglich und kaum noch erwähnenswert; zumal es gerade zu regnen beginnt.“

Fall in den Abgrund

Da ist dann das eigene Wohlergehen, die Rettung aus dem Regenguss und vor der niederprasselnden Gleichgültigkeit des Lebens, wichtiger als der widrige Lauf des Restes der Welt, als der Zustand der Menschheit, der Ror Wolf ohnehin noch nie recht über den Weg getraut hat. Und deshalb führt er sie in seinen Romanen und Geschichten auch regelmäßig auf die falsche Fährte. Dass die kurz hinterm Abgrund endet, ist nur logisch, wenngleich der Fall in denselben stets mit einer herrlichen Schwerelosigkeit verbunden ist, in der man dann, erhaben über den Sinn und vor allem Unsinn der Schöpfung, hinwegschwebt.

Wolf ist ein Bezwinger der verbissenen Ernsthaftigkeit, einer, der sich lustig macht über die Emsigkeit, mit der die Menschen versuchen, ihrem Dasein die Notwendigkeit nachzuweisen. Beiläufig stutzt er sie und ihre Hybris zurecht und zeigt ihnen in hinterhältig schöner Prosa, dass ihnen wirklich nicht mehr zu helfen ist. Aus dem Wohlvertrauten entwickeln sich so die absurden Momente des alltäglichen Wahnsinns und oft genug erwacht man bei Wolf im surrealen Alptraum: Da proben die Dinge den Aufstand und beim Versuch, die Welt zu verschlingen, wird man selbst zum Opfer eines außer Rand und Band geratenen Universums: „Das Meer öffnete plötzlich sein Maul und biss große Stücke heraus aus dem Bild, es fraß den Wald und die Berge und leckte den Mond vom Himmel. Danach blieb mir nichts anderes übrig, als schlafen zu gehen.“

Das Ende – wie beruhigend und schrecklich zugleich! – ist hier immer nur ein „vorläufiges“. Denn der Fußballkenner Wolf weiß, dass das nächste Spiel stets das schwerste ist. Also gibt es kein Entkommen. In den Collagen, die er gerne zu seinen Erzählungen mitliefert, wird diese Erkenntnis bildhaft unterstrichen. Da steht die Wirklichkeit auf dem Kopf und die Fantasie gebiert Ungeheuerliches.

Verlassen kann man sich bei Wolf darauf, dass nichts verlässlich ist; nicht einmal die Worte: „...sie pfeifen ganz an der Wahrheit vorbei.“ In diesem Sinn hatte er auch (unter dem Pseudonym Raoul Tranchierer) seinen „Ratschläger“ verfasst, jene unverzichtbaren Mitteilungen an Ratlose, in denen nicht nur von den „Schattenseiten unseres Beleuchtungswesens“ die lange entbehrte Rede ist...

Ror Wolf lesen bedeutet: sich auf die Überraschungen des Gewohnten einlassen, sich dem Bodenlosen anvertrauen, das Doppeldeutige als eindeutig akzeptieren und auf den Schrecken hinter jedem Lachen vorbereitet sein: „Die Welt wurde langsam kleiner. Sie verschwand unter unseren Füßen...“

Die vollständige Besprechung mit. Abb von Bernd Noack finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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