Die Vorzüge der Windhunde.
Essays gegen das Vergessen von Gerhard Köpf (2004, Klöpfer & Meyer, Vorwort von Gert Ueding).
Besprechung von Hans Christian Kosler in Neue Zürcher Zeitung vom 25.09.2004:

Die Kunst der Einsamen
Gerhard Köpfs literarische Essays

Der Essay, schrieb Ludwig Rohner 1968 im Vorwort zu seiner klassisch gewordenen vierbändigen Anthologie, sei «ein locker komponiertes Stück betrachtsamer Prosa, das den fiktiven Partner im geistigen Gespräch virtuos unterhält und dessen Bildung, kombinatorisches Denken und Phantasie erlebnishaft einsetzt». Schon der Titel von Gerhard Köpfs neuem Essayband, der auf die Gedichtsammlung «Die Vorzüge der Windhühner» von Günter Grass anspielt, deutet darauf hin, dass dieser Autor zumindest zwei dieser Bedingungen erfüllt: Er setzt ein gewisses Mass an Bildung voraus, und er spricht gleichzeitig die Phantasie des Lesers an. Das ist so selbstverständlich nicht, seitdem die Gattungsbezeichnung «Essay» immer mehr als Etikett für spröde akademische Abhandlungen herhalten muss.

Mit Gerhard Köpf schreibt in erster Linie ein Begeisterter, der seinerseits für Literatur begeistern will, ein leidenschaftlicher Leser, der für das Lesen wirbt. Dass er dies mit allen Mitteln tun kann, ist sein entscheidender Vorteil: Dem Romanautor und Klagenfurt-Preisträger von 1983 merkt man die Lust am Fabulieren an, dem habilitierten Philologen, dass er aus der manchmal knochentrockenen Materie eine fröhliche Wissenschaft machen kann. «Wie fassen wir seine Gestalt? Indem wir uns freimachen vom Wust emsiger Forscherarbeit, die sie uns verstellt.»

Jean Amérys Rezept in dessen Rede über Lessing charakterisiert auch Köpfs Vorgehensweise. Auch er schaufelt sich seinen Gegenstand erst einmal frei und sucht eine möglichst unverstellte Sicht. Aus dem oft subjektiven Zugang zu seinen Sujets macht er dabei kein Hehl: «Ich liebte den Menschen und ich liebe sein Werk», resümiert er seinen Titelessay über Gregor von Rezzori, in dem er beklagt, dass eine adäquate Rezeption des Autors der «Maghrebinischen Geschichten» immer an dessen Ruf als Lebemann, Illustrierten-Schreiber und Snob scheiterte. Zu den menschlichen Tugenden des «Windhundes» Rezzori, die auf dessen vorwiegend autobiografisch geprägtes Werk abfärbten, gehören für Köpf Lebensklugheit, Stilsicherheit und Gedankenschärfe.

Schreiben sei die «Kunst der Einsamen, der Verletzlichen, die sich in sich selbst verkapseln» - was Köpf als Rezzoris Selbstverständnis hervorhebt, lässt sich auch auf seinen 1999 entstandenen Essay über Hemingway münzen. Auch hier eine Liebeserklärung an eine Schreib- und Lebensart, auch hier ein engagiertes Porträt, in dem ein Anwalt der Literatur mit ihren Interpreten abrechnet. In der Hauptsache ist es der «Lebensschnüffler» und «Amateur-Freudianer» Kenneth S. Lynn, gegen dessen vulgärpsychologische Interpretation Köpf zu Felde zieht. Nicht nur die auf Zitate gestützte Beweisführung, die er antritt, auch die puren Fakten über den vermeintlichen Macho machen die Lektüre spannend. Für den Essay über die vergessene Ethnologin und Surrealistin Ilse Schneider-Lengyel, in deren Haus im Schwangau die erste Tagung der Gruppe 47 stattfand, gilt das nicht minder. Köpf lässt uns Zeuge einer tragischen Spurensuche werden, die in einem psychiatrischen Krankenhaus am Bodensee endet. Literatur und Krankheit - ist es Zufall, dass der Germanistikprofessor aus Duisburg das Fach gewechselt hat und seit zwei Jahren an der Psychiatrischen Klinik in München lehrt? Alle grossen Werke der Weltliteratur - so Köpf in seinem Essay über das pathologische Lachen - sind aus psychiatrischer Sicht Fallstudien. Man darf also auf Köpfs künftige literarisch-psychiatrische Auswertungen gespannt sein. Auch wenn etwas weniger Polemik gegen die (kleingeistige) Literaturkritik und die Philologen dem Bändchen gut getan hätte - in diesen Aufsätzen ist ein Gewissen spürbar, das uns immer wieder sanft daran erinnert, weshalb wir Literatur so notwendig brauchen.

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