Die Vogelklasse von Bora Ćosić, 2008, folioDie Vogelklasse.
Prosa von Bora Ćosić (
2008, Folio-Verlag - Übertragung Katharina Wolf-Grießhaber).
Besprechung von Samuel Moser in Neue Zürcher Zeitung vom 31.05.2008:

In der Schule landen wir
Bora Ćosićs grandiose kleine Prosa «Die Vogelklasse»

Bora Ćosićs grandiose kleine Prosa aus dem Schulzimmer der gymnasialen «Vogelklasse» ist eine Universalgeschichte. Im einen erzählt sie das Ganze. Dabei ist die Verdichtung gleichzeitig eine Öffnung ins Unendliche. Ćosićs erzählt nicht in der Tradition des «Es war einmal». Die Einmaligkeit der Vergangenheit hat sich aufgelöst in die Pluralität der Wiederholungen. osis Erzählmodus ist das additive «als ob». Jedes der 36 kurzen Kapitel ist eine weitere Veranschaulichung des hermetischen Lebens in der «Vogelklasse», die wiederum der Veranschaulichung bedarf, so dass im Grunde nur die Ausweglosigkeit immer deutlicher wird. Deutlicher in ihrer Unfassbarkeit.

In der «Vogelklasse» ist die Universalgeschichte zu ihrem Ende gekommen. Sie ist die wiederholte Wiederholung der «Endszene unseres Lebens in Europa». Beklemmend, aber auch erheiternd – Ćosić gehört in die beckettsche Tradition derjenigen, deren finsterer Blick auf die Welt durch Luzidität befreiend wirkt – ist dabei nur, dass sich diese nicht oder nicht eindeutig etwa in einem Altenheim oder einer Irrenanstalt abspielt, sondern im Klassenzimmer des «unklaren Gymnasiums meines Lebens»; da, wo das Leben am Anfang steht. In einem Schulzimmer ist das Leben dargestellt: auf Karten, Schautafeln und in Modellen. Dargestellt und nicht vorhanden. Aber man sollte nicht meinen, dass es anderswo, ausserhalb oder nach der Schule, sei. Gerade das gehört zum Leben: dass es fehlt. Dass das «Leben gar nicht aus dem Leben selbst besteht, sondern aus dem, was die Zeit diesem Leben wegnimmt», lautet also die erste und einzige Lektion.

In die «Vogelklasse» ist der Erzähler versetzt oder verbannt, vor kurzer oder langer Zeit, zufällig oder aufgrund einer «Schuld», die er nie kennen wird. Die Schule dauert einen Tag, aber niemals wird es Nacht. Es herrschen Dauer, Müdigkeit, Fäulnis. Wir lernen, was wir schon gelernt haben, also nichts. Im Zentrum des Schulzimmers haben sich die «Repetenten» installiert. Sie haben hinter sich, was sie vor sich haben. Und umgekehrt. Sie sind «Kapos», «Brüder» oder «Onkel». Sie bilden den furchteinflössend attraktiven Mittelpunkt des Schulzimmers, den «Berg». Nach ihm richten sich die Kompassnadeln der Übrigen.

Europa ist am Ende, und Europa ist gross. osis Schule ist wie Sibirien und Manhattan. Sie ist wie Strafkolonie und Paradies, wie Rettungsboot und Sardinenbüchse, wie Kirche und Gaskammer. Die Vermischung der Bereiche in einem Reich ist das Niederschmetternde in der «Vogelklasse», denn sie ist der Temperierungsprozess, durch den die Widersprüche erfolgreich eingeschmolzen werden zur Selbstverständlichkeit des «Natürlichen» – zu den 37 Grad Celsius, die uns am Leben erhalten, das keines ist. Ab und zu fliegt in der Klasse ein vereinsamter Vogel auf. Alle schauen hin, aber keiner sieht etwas. Alle ausser der «kleine Freund», der wie «von der anderen Seite des Ozeans» her mit seiner Kappe winkt. Nur er steht dem Erzähler «nahe», wenn dieser sich eine Leere ins Schulzimmer denkt, eine Lichtung, auf der ein Hirsch erscheinen, eine Musik erklingen, ein Baum wachsen könnte, auf dem dann ein Vogel landen würde, einer von draussen. Aber die Käfigschule des Lebens hat keine Fenster. Sie hat nur Gitterstäbe, die die Durchlässigkeit zu einem Teil des Gefängnisses werden lassen.

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