Die Villa am Rande der Zeit von Goran Petrović, 2010, dtv-premiumDie Villa am Rande der Zeit.
Roman von Goran Petrović (
2010, dtv premium - Übertragung Susanne Böhm-Milosavljeviæ).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 5.3.2011:

Serbische Gärten der Poesie
Die Leipziger Buchmesse widmet sich heuer schwerpunktmäßig der serbischen Literatur: ein Rundgang durch neue Werke von David Albahari, Goran Petrović und Bora Ćosić

Es sind mitunter die dichtesten, am sorgfältigsten gefügten Texte, die ein Höchstmaß an Durchsichtigkeit gewähren: Prosastücke und Romane, die ihre Leser wie spiegelnde Wasserflächen anziehen, um sie, je nach Betrachtungsweise, kopfüber ins Glück oder in gefährliche Untiefen zu stürzen. Die Literatur der serbischen Republik - sie bildet den Schwerpunkt der diesjährigen Leipziger Literaturmesse - steckt voller Aufforderungen, das Geschäft der Wirklichkeitsvermessung an die wahrhaft berufenen Illusionserzeuger abzutreten: an die Autoren.

Viele der namhaftesten haben ihren Wohnsitz ins Ausland verlegt. Manche wie der Romancier Goran Petrović (50) erwehren sich der Nachfragen europäischer Belgrad-Besucher, indem sie das Mandat für politische Kommentierungen auffallend brüsk von sich weisen: "Ich schreibe Romane, Punktum. Ich möchte für meine Arbeit dementsprechend ästhetisch gewürdigt werden."

Die Kriegswirren auf dem Balkan haben die serbische Gesellschaft zutiefst verunsichert zurückgelassen: Der sehnsüchtige Blick auf die Verheißungen des europäischen Binnenmarkts soll den vorgeblichen Verlust der nationalen Integrität - Stichwort Kosovo - ersetzen helfen. In den verflossenen Tagen der großserbischen Erweckungsträume wurde das nationale Erbe mit beflissenem Eifer reklamiert. Heute herrscht ein trockener, zäher Realismus vor; die Vertreter der Zivilgesellschaft wollen die Früchte ihrer künstlerischen Arbeit keinesfalls mehr auf dem Altar des Nationalchauvinismus opfern.

So richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Intellektueller und Autoren eher widerwillig nach innen. In der unsäglichen Ära Slobodan Miloseviæs (1989 bis 2000) wurden die Koordinaten des serbischen Selbstverständnisses in der Vergangenheit gesucht. Aus der Konkursmasse des ruhmlos zerbrochenen Tito-Staates barg man allein diejenigen Versatzstücke und Teile, die geeignet schienen, Serbiens Rolle als Hegemon auf dem Balkan zu unterstreichen.

Der Bürgerkrieg wurde in Teilen des Kulturbetriebs daher ohne Waffen, aber mit wahrer Hingabe gefochten: Mit der behaupteten Verfügungsgewalt über die Geschichte begann auch das eifersüchtige Wachen über die "korrekte", vielfach chauvinistisch getönte Überlieferung der nationalserbischen Kultur.

Vom Tisch gefegt war das kommunistische Erbe - als diskreditiert galt die vormals verklärte Rolle der Partisanen. Im Wettstreit der Ethnien schien für die gesamtjugoslawische Tito-Formel "Einheit und Brüderlichkeit" einfach kein Platz mehr vorhanden. An die Stelle des Antifaschismus trat jener Begriff, der ihn aufhob und pervertierte: Im Zeichen des "Antiantifaschismus" ließen sich die kommunistischen Partisanen nachträglich bequem zu Verrätern erklären, die Tschetniks aber sowie die zahlreichen Nazi-Kollaborateure ("Quislinge") zu Nationalhelden stempeln.

Während der Buchmarkt im benachbarten Kroatien floriert, dort Belletristiktitel mit Startauflagen von 1500 Exemplaren befriedigende Gewinne abwerfen, quält sich die serbische Off-Literatur durch ein politisch vermintes Feld. Bis heute gelten die Umstände von Zoran Djindjiæs Ermordung 2003 als weitgehend ungeklärt. Exvertraute des stark westlich orientierten Premiers wie der Autor Sasa Iliæ weisen mit dem Finger auf die Existenz geheimdienstlicher Parallelstrukturen, die das öffentliche Leben unterminieren: "Mit seinem Tod war der Prozess, die Gesellschaft des Landes demokratisch zu transformieren, gestoppt."

Es erscheint nicht verwunderlich, dass sich die Belletristik selbst dann, wenn sie die Unleidlichkeiten des politischen Alltags zu kennzeichnen vorgibt, sich in Umgehungsmanövern übt oder lieber gleich Zuflucht in der Chiffrierung übt. Es sind ohnehin andere, deutlich rätselhaftere Sinnangebote, die die Literatur in Zeiten des Übergangs beisteuert. Der seit 1994 in Kanada lebende Romancier David Albahari hat pünktlich zur Buchmesse eine Kurzprosasammlung veröffentlicht: In Die Kuh ist ein einsames Tier werden der Alltagswelt in kaum seitenlangen Miniaturen die Leviten gelesen. Gleich die erste, Der Leser, reklamiert für die Poesie eine Art Allzuständigkeit: Wer durch die Lektüre eines beliebigen Buchs hindurchgeht, muss wenigstens für die Dauer seiner Exerzitien mit Merkwürdigkeiten rechnen. Wer von der gerade aufgeschlagenen Seite aufschaut, "betrachtet sich lange in einem kleinen Spiegel, betastet den Schnurrbart, den er früher nicht hatte, streicht über das schulterlange Haar." Klappt er das Buch hingegen zu und schaut wiederum in den Spiegel, "sieht er darin nichts".

Man darf sich mit einigem Recht fragen, ob die Pointe von Albaharis Gleichnis nicht überhaupt in der Bestimmung "nichts" zu suchen wäre. Gemäß einer uralten Übereinkunft steht das Material der Welt ihren literarischen Nach-Schöpfern nicht etwa folgenlos zu Gebote. In Die Villa am Rande der Zeit, dem soeben ins Deutsche gebrachten Roman Goran Petrovićs, geht ein Belgrader Slawistikstudent und Hilfslektor einen wahren Teufelspakt ein. Adam Lozaniæ eignet die Fähigkeit, während der Zeit der Lektüre "in das Innere eines Textes einzudringen" - dergestalt dass er sich in der Prosa wie in einer aus fester Materie gebildeten Landschaft ergeht. Ein geheimnisvoller Auftraggeber erteilt nun dem Lehrling die Anweisung, er solle das obskure Prosamachwerk eines vor Ewigkeiten verstorbenen Privatdichters besuchen - und es auf Geheiß umschreiben.

Adam, der erste Mensch, erkennt rasch, dass er es mit einer sterilen Landschaft zu tun bekommt, deren geometrische Anlage im Grunde keine Eingriffe vonseiten eines Text- oder Gartenarchitekten heischt. Andererseits bleibt die Fähigkeit, leibhaftig in die Welt der Zeichen einzudringen, nicht allein ihm vorbehalten.

Die Simultanleser ein- und desselben Werks begegnen einander in dem Roman (des Romans) wie Spaziergänger, die voreinander die Hüte ziehen. Noch besser: Im Jenseits der Literatur zetteln die Papiersäufer Liebschaften an. Sie stoßen auf finstere Geheimagenten und stellen, jeder auf seine Weise, fest, dass sie auf die Annehmlichkeiten der realen, für verbürgt geltenden Welt eigentlich bequem verzichten können.

Gleichsam im träumerischen Vorübergehen pflückt Petrović die bis zur Ungenießbarkeit vergifteten Früchte vom Baum der Geschichte. Die Exkursionen ins Reich der Drucklettern provozieren nämlich nicht nur Liebesakte, sondern auch Verrat und handgreifliche Nachstellungen.

Ein blasser Geheimdienstschnüffler von Titos Gnaden mengt sich in das Werk des Dechiffriersyndikats. Er lauert den Genusslesern auf, liefert die politisch Missliebigen ans Messer und ermordet etliche bürgerliche Flaneure der Schrift.

Es scheint evident, dass Petrovićs Gedankenspiel auf den Revisionismus der Miloseviæ-Ära anspielt. Indem er seinen Figuren zeitgeschichtliche Kostüme überstreift, erzählt er zugleich über den permanenten Prozess der Geschichtsklitterung, schrieben doch serbische Zentralstellen im Zuge der chauvinistischen Aufrüstung die Eckdaten der eigenen "Opfergeschichte" wieder und wieder um.

Petrovićs reizvolle, extrem leichthändige Roman-Etüde zeigt sich mit allen postmodernen Wassern gewaschen: Sie bildet die Planzeichnungen eines Alain Robbe-Grillet oder Italo Calvino auf der Skizze der Stadt Belgrad ab, die wie in einem Palimpsest verführerisch durchschimmert. Entscheidend bleibt der Wille, es mit der Wirklichkeit und ihren politischen Zumutungen aufnehmen zu wollen. Der Autor muss dabei jedoch den denkbar größten Umweg wählen - und den potenziell unendlich ausgedehnten Bezirk der Poesie durchqueren. Es scheint klar, dass der Betreiber einer solchen Unternehmung keine genauen Ankunftszeiten im Kopf hat.

Ein noch perfideres, letztlich auch noch überzeugenderes Umgehungsmanöver wählt Bora Ćosić (79), der listige Fallensteller unter den serbischen Autoren, um sich gegen die Übermacht der serbischen Historie zur Wehr zu setzen. In seiner Geschichtensammlung Im Ministerium für Mamas Angelegenheiten erlebt ein etwa zehnjähriger Bub im Kreise seiner Lieben die für Jugoslawien ebenso wechsel- wie verhängnisvollen 1940er-Jahre. Das Königreich versinkt im Bombenhagel der Nazis, serbische Kollaborateure müssen der siegreichen Roten Armee weichen. In deren Schlepptau übernehmen die Tito-Partisanen mit vollmundigen Propagandalosungen die Macht.

Der kindliche Ich-Erzähler erhebt den Blick kaum über die Küchentischkante: Immerzu ist von dem jeweiligen "Gewerbe" die Rede, dem irgendwelche Lumpen- und Schürzenjäger, Spitzensportler oder Schauspieler - als Beispiele für viele - nachgehen.

Die Überlebenspraxis in einer zur Gänze auf die Kriegskatastrophe ausgerichteten Lebenswelt ist die der Verstellung: Niemand gleicht dem, was er zu sein vorgibt. Mama, Papa (ein Alkoholiker), der Opa und der Onkel kommentieren die eigenen Verrenkungen wie die oftmals lächerlichen ihrer Mitmenschen.

Wer in Belgrad überleben will, muss eine Art Allzuständigkeit entwickeln, die ihm über menschliche und über materielle Engpässe hinweghilft: Ein Fleischer hat dann Menschenbeine abzutrennen, ein blinder Schneider hat Mäntel zu nähen. "Jedes Gewerbe birgt etwas sehr Gefährliches, beinahe Unmenschliches in sich", weiß der naseweise Erzähler unfehlbar zu berichten.

Wie durch einen Akt der Verfremdung hindurch macht Ćosić, der Zauberkünstler, auf die Nöte der heutigen serbischen Gesellschaft aufmerksam: Erst in sei- nen unzähligen Verzettelungen, in seinen Abschweifungen und Uneigentlichkeiten wird das Land für den, der es liebt und liest, wirklich greifbar. Auf das "Zuschneiden" der schlecht verbürgten Schicksale kann niemand verzichten - auch wenn vielleicht gerade kein gelernter Schneider zur Hand ist. Es ist die Poesie, die das benötigte Füllhorn bereitstellt; Meister wie Bora Ćosić verstehen es dergestalt auszustreuen, dass hinter Belgrad die ganze erbarmungswürdige Welt im Licht der Literatur glanzvoll erstrahlt.

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