Die Vikarin von Erika Burkart, 2006, Ammann

Die Vikarin.
Bericht und Sage von Erika Burkart (2006, Ammann).
Besprechung von Ingeborg Sperl aus Der Standard, Wien vom 9.9.2006:

Die Wahrheiten der Märchen
Erika Burkart erinnert sich an das Leben als nomadisierende Lehrerin

Eine junge Frau fährt im Jahre 1942 mit dem Zug und dem Fahrrad an ihre rasch wechselnden Arbeitsplätze. Sie ist eine „Vikarin“, so nannte man in der Schweiz nomadisierende Lehrerinnen, die immer da eingesetzt wurden, wo jemand kurzfristig ausfiel. Diese Vikarin hat ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Arbeit, denn sie will eigentlich Schriftstellerin werden und empfindet das Unterrichten-Müssen zum Broterwerb als Zwang. Schriftstellerin ist Erika Burkart dann auch tatsächlich geworden, eine der bedeutendsten der Schweiz, eine singuläre Figur, abseits von modischen Strömungen und von archaischer Präsenz.

Die Vikarin ist ein autobiografischer Text, der durch die dichterische Bearbeitung eine gesteigerte Relevanz erhält. Die Welt, in der die Lehrerin wirkt, ist längst ausgelöscht. Einklassige Landschulen mit Kindern unterschiedlichen Alters, die im selben Raum an verschiedenen Aufgaben arbeiten, die sich kaum artikulieren können und nur selten disziplinäre Probleme machen, das klingt wie in einem Märchen.

Und mit Märchen versucht die Vikarin, die ihr für kurze Zeit anvertrauten Kinder zu fesseln. Sie will sie auf eine tiefere Wahrheit verweisen und muss feststellen, dass sie da nicht nur Lehrende, sondern auch Lernende ist. Der mit Schulmassakern und Drogenproblemen konfrontierte Zeitgenosse möchte diese scheinbare Idylle ärgerlich zurückweisen und sich der magischen Vereinnahmung durch diese besondere Sprache mit ihren verhexenden Bildern entziehen. Aber das gelingt nicht. Vor allem Burkarts Beschreibungen der Natur sind so fesselnd, dass schon der bloße Rhythmus der Jahreszeiten, wie sie ihn beschreibt, eine eigene Dynamik erzeugt. Und die Welt ist ja auch in der Schweiz nicht heil: Vor den Nazis Geflohene werden in Lager gesteckt oder ausgewiesen, ein Lehrer muss den Dienst quittieren, weil er sich einer Schülerin allzu eindeutig genähert hat, die Kinder sind bitterarm, oft verroht, die abgearbeiteten Eltern gleichgültig.

Was die persönlichen Erlebnisse, vor allem die gescheiterten Beziehungen und ihren letztendlichen Zusammenbruch betrifft, schafft Burkart die empfindliche Balance zwischen Deutlichkeit und Diskretion mit traumwandlerischer Sicherheit. Sie wechselt zwischen der Ich- Erzählerin und einem unpersönlicheren „sie“ und gewinnt dadurch Abstand und Hellsichtigkeit: Der Untertitel des Buches, „Bericht und Sage“, umreißt diese fruchtbare Ambivalenz.

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