Die vierte Zwischeneiszeit von Kobo Abe, Suhrkamp

Die vierte Zwischeneiszeit.
Roman von Kobo Abe (1970, Suhrkamp)
Besprechung von Dieter Lohr:

Die vierte Zwischeneiszeit

Längst ist das Jahr 1984 vorbeigegangen, ohne daß sich Zustände eingestellt hätten, wie George Orwell sie in seiner berühmten Horrorvision aus dem Jahr 1949 beschreibt. Pech gehabt, George. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, daß es sich um eine reine Utopie gehandelt hat und der prophetische Gehalt eher gering war. Glück für uns.

Die Zukunft ist nicht voraussagbar - wäre sie es, wäre unser Bedürfnis nach Prophetie, Utopie oder Science Fiction wohl kaum so groß, wie es ist. In Kobo Abes phantastischem Roman Die vierte Zwischeneiszeit aus dem Jahr 1970 geht es um die Wurzel des Übels, Zukunft und deren Voraussagbarkeit. Auch Kobo Abe langt gründlich daneben: Die Sowjets bauen eine Voraussagemaschine namens 'Moskwa 2', die die Zukunft voraussagt, und zwar zunächst folgendermaßen: "Innerhalb von zweiunddreißig Jahren verwirkliche sich die erste kommunistische Gesellschaft, und um 84 werde die letzte kapitalistische Gesellschaft zusammenbrechen". Pech für den Propheten, sollte man meinen, daß es längst keine Sowjets mehr gibt.

Aber es gibt ja noch 'Moskwa 1'. Diese Voraussagemaschine ist bereits vor 'Moskwa 2' von den Japanern gebaut worden (die es ja bekanntlich noch gibt), und sie wird zu Späßchen wie politischen Voraussagen gar nicht erst verwendet, sondern zunächst mal auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüft. Und zwar anhand eines x-beliebigen Durchschnittsversagers, dessen Zukunft  - ohne sein eigenes Wissen natürlich - vorausgesagt, und der dann beobachtet wird, um zu sehen, inwieweit diese Zukunft eintrifft. Pech für alle, sollte man meinen, daß der auserkorene Proband just in dem Moment ermordet wird, als der Erfinder der Voraussagemaschine, Professor Katsumi, und sein Assistent Tanomogi ihn gerade beschatten, um Daten zu sammeln und daher akut in Mordverdacht geraten. All dies natürlich, bevor 'Moskwa 2' mit den Daten des Versuchskaninchens gefüttert ist.

Natürlich wäre es jetzt für alle Beteiligten ausgesprochen aufschlußreich zu erfahren, wie es weitergeht. Die vorausgesagte Zukunft ist nämlich stets nur ein Näherungswert, und wer sie kennt, kann sie ein wenig manipulieren, so daß die nächste vorausgesagte Zukunft wieder ein bißchen anders und entsprechend den eigenen Wünschen aussieht. Wenn nun natürlich mehrere Seiten zu verschiedenen Zeitpunkten die Zukunft erfragen und danach unter verschiedenen Zielsetzungen beginnen, sie in Frage zu stellen oder zu bestätigen, wird die Sache freilich verzwickt.

Kobo Abe schafft eine eigene Welt, in der die Zukünfte ständig neu gemischt und die Rollen der Guten und Bösen ständig neu verteilt werden. Die jeweiligen schwarzen Peter werden ständig neu definiert und schleunigst weitergeschoben. Die vierte Zwischeneiszeit reißt den Leser dergestalt in ihren Bann, daß er jegliches Vertrauen in die Zuverlässigkeit der eigenen Zukunft oder Vergangenheit verliert - daß er sogar beginnt, an Sowjets zu glauben. Total verunsichert beendet er die Lektüre, nur um sie sogleich wieder am Anfang zu beginnen. Im Akt des Lesens ist das Gelesene Vergangenes geworden und somit gesichert. Nur daß von der Warte der neu gewonnenen Zukunft die Vergangenheit sich schon wieder in einem vollkommen anderen Licht darstellt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.dieterlohr.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1104 LYRIKwelt © Dieter Lohr