Die vier Jahreszeiten von Sándor Márai, 2007, PiperDie vier Jahreszeiten.
Roman von Sándor Márai (2007, Piper - Übertragung Ernö Zeltner).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 19.12.2007:

Ein Grundbuch fürs Leben

Die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hatten ihre Mitte überschritten, die ergiebigsten Zeiten in Sándor Márais Schaffen und seinem fast neunzig Jahre dauernden Leben. Der Erfolg wuchs, in den mondänen Budapester Caféhäusern drehte man sich nach ihm um. Er war einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes, einer, über dessen Kolumnen ebenso diskutiert wurde wie über seine Romane und Theaterstücke. Er kam an und war kein Asket, er fuhr Auto und genoss die Annehmlichkeiten eines besseren Lebens. Er ließ es sich gefallen, dass er gefiel. Seine Texte zielten auf die Mitte der bürgerlichen Klasse, die in Schriftstellern mehr sah als Unterhaltungsdienstleister. Die betriebswirtschaftliche Entzauberung der Welt war noch nicht so weit, dass seismografische Wortmeldungen an den Rand gerieten. Und doch war die Zeit dabei, ihre Mitte zu verlieren.

Das Verhängnis beginnt leise

Vieles schrie nach Bilanz und nach Abschied. Márai hatte 1934 seinen geliebten Vater verloren. Drei Jahre später loderte der Spanische Bürgerkrieg auf wie ein Vorschein auf das Kommende. Die "Aussichten auf einen Weltkrieg" sieht Márai wachsen, Die Hoffnung kocht auf kleiner Flamme. Gerade noch kann man auf das Recht vertrauen, auf die Gerechtigkeit schon nicht mehr. "Was erwarte ich mir denn noch vom Leben?", fragt er. Er tut es, indem er die großen Worte an- und abruft: Würde, Heimat, Wahrhaftigkeit, Demut, Aufmerksamkeit, Realitätssinn, Vernunft. Das Träumen aber hat er aufgegeben. "Der Sündenfall begann nicht mit der Nacktheit, sondern mit dem Ankleiden."

Márai ist 37 und perfekt ausgestattet für ein Leben, das er nicht führen mag. Man hat Erfahrungen, das Fernweh nimmt ab. Man weiß, das Verhängnis beginnt leise und nicht wie ein Unfall. Márai hat seinen Ort in der lauten Heimatlosigkeit der Großstadt. Sein Ort ist der Schreibtisch neben der unwürdigen Welt und er schreibt, weil er gar nicht anders kann. Nach dem Ende der Jugend beginnt man, sensibel auf den Wechsel der Jahreszeiten zu achten. Er will beobachten und am Fenster stehen, nicht am Fließband der Buchproduktion. Er will nicht schreiben, sondern dass es ihn schreibt.
So entstand unter vivaldischem Titel diese Sammlung, eine kleine Tagebuch-Sinfonie der Textsorten, eine facettenreiche Vergewisserung des Ichs, gegliedert nach dem Lauf des Jahres. Skizzen, Sentenzen, Reflexionen, poetische Fingerübungen, Würdigungen, Warnungen, Anekdoten, Aphorismen und Kategorisches - ein Grundbuch des Lebens. Die kleinen Formen summieren sich zu einer großen Norm: der zuverlässigen Konstanz eines bedeutenden Schriftstellers der Weltliteratur. Der erfasst die Lage mit wenigen Strichen, weil Worte mehr bedeuten, als im Wörterbuch steht. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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