Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse, 20001, Suhrkamp1.) - 4.)

Die Vertreibung aus der Hölle.
Roman von Robert Menasse (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Anita Pollak aus der Kurier, Wien, 13.7.2001:

Schubumkehr in der Geschichte

Namen. Schall und Rauch für die einen, Schicksal für andere. Wenn einer z. B. Menasse heißt, dann trägt er offenbar schwer daran. Bis er sich auf die Suche macht, nach seinen Wurzeln, seiner Familiengeschichte. Wenn er dann noch Schriftsteller ist, dann wird aus diesen Recherchen irgendwann ein Buch und zwar ein recht dickes.

Es gibt keinen Anfang. Jede Geschichte beginnt schon mit dem Satz „Was bisher geschah“ und ist eine Fortsetzung . . . heißt es am Anfang der Geschichte, die vom Portugal des Jahres 1604 in das Wien einer undatierten Gegenwart reicht. Was bisher geschah? In Portugal wütet die Inquisition, die Schweinejagd auf getaufte Juden, die ihrer Religion heimlich anhängen. Der kleine Mane´ weiß nichts von seiner Herkunft und schließt sich der Meute an, bis sein Vater abgeführt wird. In Särgen liegend gelingt der Familie schließlich die Flucht in die Freiheit, nach Neu Jerusalem, nach Amsterdam.

In Wien wird mitten im Jubel um den Staatsvertrag 1955 auf der Straße ein Bub von einem Fleischermeister entbunden. Der kleine Viktor weiß nichts von seiner Herkunft und schließt sich der Meute an, die einen jüdischen Schulkollegen quält . . . Parallele Lebenslinien zieht Robert Menasse quer über die Jahrhunderte, verknüpft sie zu ähnlichen Schicksalen und Erfahrungen, der Erfahrung nicht dazugehören zu dürfen dort, wo sie doch zu Hause waren.

Zeitbilder

Übergangslos zappt Menasse zwischen den Schauplätzen, den Epochen hin und her und breitet dabei viel Wissen, Geschichte, aber auch viele G’schichterln aus. Die bis zur Hysterie geistig aufgeladene Atmosphäre der portugiesisch-jüdischen Gemeinde im 17. Jahrhundert, die aus dem kleinen Mane´ den großen Rabbi Menasseh ben Israel macht, der zum Lehrer Baruch Spinozas wird, ist lebendig nachgezeichnet, nach empfunden.

Wohl am eigenen Leib empfunden das nervöse Geistesklima im Wien der späten 60er- und 70er-Jahre, wo Viktor erst als Gymnasiast, später in der trotzkistischen Studentenbewegung ideologisches und erotisches Frustpotenzial aufstaut. Das sich sturzbachartig in einem fatalen Klassentreffen zum 25. Maturajubiläum entlädt. Er outet seine Lehrer als NSDAP-Mitglieder und sitzt darauf mit seiner lebenslang angebeteten Schulfreundin allein vor dreißig Gedecken.

Höllen

Die stickige Kleinbürgerlichkeit bei Eltern und Großeltern, der Sadismus in der Schule, die Borniertheit in der WG. Die Enge der Religionen, der Ideologien . . . Von der Notwendigkeit der Vertreibung aus solchen Höllen, die wir für eine Art von Heimat halten, solange wir in ihnen gefangen sind, erzählt dieser Roman. Und davon, wie wir später damit umgehen. Wortreich, episodenreich, figurenreich, manchmal gar mit Witz und Ironie.

Onkel Erich z. B., ein Schlitzohr und Taugenichts, und sein groteskes Begräbnis im Kreis von Huren, schwarzem Priester und Rabbiner ist ein Kabinettstück für sich. Doch irgendwie scheint der Autor vor seinem Humor zurückzuschrecken, als wär’s ein Sakrileg. Viele Jahre hat Robert Menasse an diesem Roman der verschränkten Lebensläufe gearbeitet. Der Schweiß, der ihm dabei vielleicht von der Stirn floss, ist tief ins Buch eingesickert. Weniger Schweiß, weniger Fracht, wäre mehr gewesen.

Die „Seligen Zeiten“ der „Sinnlichen Gewissheit“ sind der „Schubumkehr“ gewichen. Rückwärts und Vorwärts in der Geschichte. Doch: Ab wann ist Geschichte Geschichte? . . . „Einerseits morgen, andererseits nie !“

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Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse, 20001, Suhrkamp2.)

Die Vertreibung aus der Hölle.
Roman von Robert Menasse (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Martin Luchsinger aus der Frankfurter Rundschau, 22.12.2001:

Nihilistisches Höllenspektakel
Vielfach modulierter Schrei: Robert Menasses "Vertreibung aus der Hölle" zieht alle Register

Selten kommt die deutschsprachige Gegenwartsliteratur so fulminant, so fabulierfreudig und so materialreich daher. Robert Menasses neuer Roman Die Vertreibung aus der Hölle ist vom Titel bis zur letzten Zeile ein ungewöhnliches, höchst unterhaltsames, aber auch unbequemes Buch, ganz ohne Zweifel sein bisher bestes.

Nicht weniger als sechs Jahre hat sich der mittlerweile 47-jährige Autor seit seinem letzten Roman für die knapp 500 Seiten Zeit gelassen; nur zu Österreich hat er sich auch nach 1995 des öftern zu Wort gemeldet, in politischen Statements, in Essays oder in Reden, kenntnisreich, klug und polemisch.

"Was einmal wirklich war, bleibt immer möglich". Dieser Satz aus Adornos Reflexionen über Auschwitz findet sich schon bei einem Amsterdamer Rabbi namens Samuel Menasse aus dem 17. Jahrhundert. Robert Menasse hat in seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1995 eher beiläufig darauf hingewiesen und in einer kurzen, kuriosen Szene die verzweifelte Ortlosigkeit seines entfernten Vorfahren im vergleichsweise liberalen Holland vergegenwärtigt. Dies war, wie sich nun zeigt, bereits eine Kostprobe seines neuen Werks.

Wie in seinen drei als Trilogie konzipierten bisherigen Romanen Sinnliche Gewissheit, Selige Zeiten, brüchige Welt und Schubumkehr steht wiederum ein Gelehrter im Mittelpunkt, allerdings in einer ungleich vielschichtigeren Konstruktion: Die Vertreibung aus der Hölle beginnt und endet zwar mit der Lebensgeschichte des Rabbi Samuel Menasse, dazwischen aber wird im abschnittweisen Wechsel das Leben eines zweiten Gelehrten aus dem 20. Jahrhundert erzählt, ebenfalls ein entfernter Verwandter von Samuel Menasse namens Viktor Abravanel und offensichtlich mit einigen autobiographischen Zügen ausgestattet.

Keines der sieben Motti, die dem Roman vorangestellt sind, gibt Auskunft über Sinn und Zweck dieser Verdoppelung und Parallelisierung. Umso deutlicher wird dafür gleich aus dem ersten, welchen Anspruch Robert Menasse mit der Vergegenwärtigung von Einzelschicksalen verbindet:

"If the whole history is in one man, it is all to be explained from individual experience." (R.W. Emerson). Wenn Robert Menasse ausführlich die Kindheit des späteren Amsterdamer Rabbi in Portugal, die Verfolgung und Vertreibung durch die Inquisition, wenn er die Ankunft in Amsterdam und den wechselvollen Aufstieg in der jüdischen Gemeinde schildert, dann geht es immer auch um die Darstellung einer ganzen Epoche; der Leser soll sich vorstellen können, wie sich das Leben in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert angefühlt hat, welche Schrecken und welche Leiden drohten.

Dasselbe gilt von Viktor Abravanel, Sohn eines jüdischen Vaters, der als Kind nach England geschickt wurde, und einer katholischen Mutter; schon seine Geburt setzt Menasse effektvoll auf den 15. Mai 1955, den Tag der Gründung der Zweiten Republik in Österreich. Die Kindheit Viktors zwischen seinen geschiedenen Eltern, seine leidvollen Erfahrungen im Internat und seine Politisierung als Trotzkist sind immer auch scharfe und beklemmende Schlaglichter auf die 60er und 70er Jahre. Ohne Zweifel gelingt es Menasse dank detailgenauer, lebendiger Schilderungen, den Leser in den Geist und Ungeist beider Zeiten zu versetzen. Diese historisierende Wirkung ist umso gewichtiger, als durch den stetigen Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen über kurz oder lang eine gegenläufige Tendenz entsteht, die Überzeitliches beschwört. Menasse bemüht sich zwar, die Übergänge abwechslungsreich zu gestalten, mal unvermittelt-abrupt, mal assoziativ-vieldeutig, dann wieder plump-anspielungsreich.

Dennoch ist kaum zu übersehen, dass die Vergegenwärtigung zweier jüdischer Schicksale aus zwei verschiedenen Epochen auf ein bekanntes Muster zusteuert, den Mythos vom ewigen Juden Ahasver: Was Samuel Menasse und Viktor Abravanel bei allen offensichtlichen Unterschieden verbindet, ist ihre geographische und existentielle Ortlosigkeit.

Doch die Spannung zwischen Mythisierung und Historisierung ist keineswegs der einzige Reiz von Menasses Roman und noch nicht einmal sein stärkster. Entscheidend für die Vielschichtigkeit ist eine dritte Zeitebene, die in der Gegenwart, im Wien kurz vor dem Jahr 2000 situiert ist. Viktor entlarvt zu Beginn einer Feier zum 25-jährigen Maturajubiläum alle anwesenden Lehrkräfte als ehemalige NSDAP-Mitglieder, zu Unrecht bis auf zwei Ausnahmen, wie sich ganz zum Schluss herausstellt.

Dennoch führt sein Auftritt zum sofortigen Eklat und anschließenden Abgang aller ehemaligen Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler, mit Ausnahme von Hildegund, Viktors erster großer und noch immer unerfüllter Liebe. Ihr erzählt Viktor bis zum Morgengrauen sein Leben, wobei die weinselig-krude Dialogebene immer wieder zu einer auktorial vermittelten Darstellung wechselt. Während das Leben von Samuel Menasse ausschließlich von einem allwissenden Erzähler geschildert wird, der seine Geschichten durch den zweimaligen Verweis auf Inquisitionsprotokolle als authentisch ausweist, ist die Vergegenwärtigung von Viktor Abravanels Leben also durch einen ebenso simplen wie originell gestalteten Anlass motiviert, womit auch erzähltechnisch für Abwechslung gesorgt ist.

Robert Menasses Vertreibung aus der Hölle ist ein historischer Roman über das 17. Jahrhundert, ein Zeitgemälde der 60er und 70er Jahre in Österreich, eine Spurensuche jüdischer Schicksale, eine Fortschreibung des Mythos vom ewigen Juden, eine triviale Farce über eine verhinderte Jugendliebe, eine komödiantische Parabel auf die unbewältigte, nicht zu bewältigende Vergangenheit des Nationalsozialismus: Die Vertreibung der Hölle ist vieles in einem, aber auch nichts ganz. Die Kritik an Ganzheitskonzepten hat jedoch System - und bei Menasse im übrigen auch Tradition.

In seinem bisherigen Romanwerk war diese Kritik an eine Auseinandersetzung mit so illustren Repräsentanten wie Hegel und Lukács gekoppelt. Dieses Mal geht Menasse literarischer vor, indem er Figuren, Tonhöhen und Erzählweisen vervielfältigt, vermischt und bricht. Sein Roman bringt solides historisches Wissen neben Burlesken, er hat Pathos und er hat Witz, er meldet poetische Ansprüche an und kippt immer wieder ins Groteske, zuweilen sogar in den Kitsch.

Eine kurzer Abriss über die Geschichte der Krawatte steht neben kaum bekannten Episoden aus der Geschichte der Juden in England. Eine atemberaubende, aufwühlende Miniatur über den Freigeist Uriel da Costa ist verknüpft mit einer trivialisierenden Gegenüberstellung der Philosophen Descartes und Spinoza. Quer durch alle Zeiten und Handlungsebenen taucht immer wieder eine Katze auf, eine raffinierte, unauflösbare Variation eines simplen Motivs. Die sentimentale Wiederbegegnung von Viktor und Hildegund steuert unausweichlich aufs Bett zu, endet aber überraschend bitterernst: Die Vertreibung aus der Hölle ist ein schier endloses Formen- und Stoffspektakel ohne Zentrum und Botschaft und doch so unübersehbar voller Unglück und Gewalt, so heillos und untergründig nihilistisch, dass man sich fragt, woraus sich der Wille zur Gestaltung nährt.

"Unser Schreiben ist ein lautes Singen in finsteren Wäldern", so Robert Menasse am Schluss der oben erwähnten Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Die Vertreibung aus der Hölle gleicht eher einem vielfach modulierten Schrei.

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Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse, 20001, Suhrkamp3.)

Die Vertreibung aus der Hölle.
Roman von Robert Menasse (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Michael Amon :

Von der Kritik großteils zerzaust (Ausnahme: DIE ZEIT), für manche Aspekte gelobt. Allgemein kritisiert wurde die Kombination von zwei Handlungssträngen - einer im Mittelalter über Judenpogrome und ein zweiter, quasi die Rahmenhandlung, in der Gegenwart. Insbesondere der Teil, der in der Gegenwart spielt, wurde ziemlich heftig verrissen. Zu Unrecht - das tragische Original findet sich oft als verzerrte, komische Kopie wieder. Ist ja keine Erkenntnis von Menasse (Marx, 18. Brumaire, wenn ich nicht irre!). Leider wurde gerade dieser Teil von der Kritik sehr fies behandelt. Dabei wird hier endlich einmal etwas beschrieben, was bis heute nicht wirklich aufgearbeitet wurde: die Verfehlungen der extremen Linken nach 1968, ihr Sektierertum, ihr Verfolgungswahn und ihr Absolutheitsanspruch. Wären die Leute, die Menasse hier beschreibt, an der Macht gewesen, hätte der Protagonist des Gegenwartsteils wohl nicht überlebt. (Daß Menasse hier sein eigenes Schicksal in einer trotzkistischen Sekte beschreibt, wird von der Kritik leider nirgendwo erwähnt.)

Weinempfehlung:
Vega-Sicilia "Unico" 1985 - macht so trunken wie die inquisitorischen Exzesse, verursacht aber bloß Kopfweh, wenn man zuviel erwischt.

Plattenempfehlung:
Leonard Cohen: Death of a Ladies' Man, Columbia/Sony CD 86042

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Die Vertreibung aus der Hölle von Robert Menasse, 20001, Suhrkamp4.)

Die Vertreibung aus der Hölle.
Roman von Robert Menasse (2001, Suhrkamp).
Besprechung von Clemens Berger, 2001:

Ab wann ist Geschichte Geschichte?

Viele Jahre drängen sich in eine lange Wiener Nacht: sie stoßen aneinander, reiben und spiegeln sich, fördern Strukturen zutage und fragen nach deren Qualitäten.

Kaum hat ein 25-jähriges Maturaklassentreffen begonnen, ist es auch schon wieder vorbei: nur noch Viktor und Hildegund sitzen an einer riesigen Tafel vor dreißig aufgetragenen Suppen und lassen dreißig Schnäpse kommen. Viktor hätte von seinem seitherigen Leben sprechen sollen. Stattdessen fragte er: Wer waren unsere Lehrer? und verlautete mit diebischer Freude deren erfundene NSDAP-Mitgliedsnummern. Alle verließen entrüstet das Lokal. Im Morgengrauen endet die Geschichte betrunken in der Innenstadt. Viktor wird zu einem Historikerkongreß nach Amsterdam fliegen, um einen Vortrag über den Lehrer Spinozas zu halten: den Rabbi Manasseh ben Israel.

Mit der „Vertreibung aus der Hölle“ stellt sich Robert Menasse der Aufgabe, Geschichte zu erzählen. Vom Nachgeborenen, der in Archiven sitzt und Überlebenden lauscht, muß das weiterwirkend Vergangene im Einfühlen in die Figuren geschildert werden, von denen oftmals, wenn überhaupt, nicht mehr bleibt als Eckdaten – oder gar nichts als die wenigen Sätze, mit denen ein Individuum archiviert wird, das auf die Macht prallte. Hans Mayer hat einmal geschrieben: „Es gibt eine wundersame Heilkraft der Natur, doch es gibt keine Heilkräfte der Geschichte. Es heißt zwar: ‚Darüber muß Gras wachsen‘, allein unter dem Gras liegen nach wie vor die Toten.“ Und Walter Benjamin notierte: „Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. Dann sind wir auf der Erde erwartet worden.“

Unterm umgegrabenen Gras des Romans von Menasse liegen die Ermordeten der Heiligen Inquisition und die Vernichteten des Zweiten Weltkriegs. Parallel montiert werden zwei jüdische Lebensläufe: derjenige Rabbi Manassehs, der am Tag des großen Lissaboner Autodafés (5.12.1604) und derjenige Viktor Abravanels, der am Tag des Staatsvertrags (15.5.1955) geboren wurde. Einmal wurden Jüdinnen und Juden verbrannt, das andermal die Teilhabe am Projekt der Ausrottung des jüdischen Europa. Die beiden Geschichten werden so eng verabredet, daß ein Muttermal im Gesicht der unerreichbaren ersten Liebe Manassehs wie derjenigen Viktors gefunden wird. Der Historiker Viktor Abravanel fand heraus, daß Manasseh einst in die berühmte Familie Abravanel heiratete, die bis König David rückverfolgbar sein soll. Viktors Blick konturiert folglich die Geschichten. Und wenn er sich in Manasseh einfühlt und sich im Erzählen der beiden Leben in gewisser Weise mit diesem identifiziert, sich in ihm spiegelt, stellt sich die Frage nach dem Grund einer solchen Identifikation. Als Viktors Vater zum ersten Mal vom Kindertransport erzählt, mit dem er nach England entkam, merkt Viktor an, auch er sei abtransportiert worden: ins Internat, wo er als Schüler litt. Der Vater aber sagt, er sei in die Freiheit gebracht worden: darin bestehe der Unterschied. Meint Viktor aber, den Terror erlebt und gefühlt zu haben, beruft er sich auf seine Studien und den Nachvollzug des geschehenen Leids. Und wohl darauf, daß er gleichsam mit Manasseh in Särgen versteckt von Lissabon nach Amsterdam floh. Ab wann Geschichte Geschichte sei, beantwortet er in diesem Sinne: erst dann, wenn im Zurückdenken nicht mehr gelitten wird. Den erlittenen Terror vergessen, weil man in der Erinnerung stets wieder hilfloses Opfer ist, und nicht vergessen können, weil vergessen unmöglich ist; und erinnern, um den Opfern zu gedenken und Ähnlichem in Hinkunft vielleicht steuern zu können – in dieser Figur zeigt sich in Manassehs Vater die Dialektik von Erinnern und Vergessen.

Gelitten wird freilich noch immer; die Fäuste noch immer gegens Unrecht geballt; und das Glück noch immer gesucht, gefunden, verloren und wieder gesucht: das erzählt zu haben, gehört zu den Verdiensten eines gleich gelehrten wie lebendigen Romans. Einzig in der Qualität der Strukturen, im Anderssein des Ähnlichen, liegt denn der Unterschied so verschiedener Epochen beschlossen. Die Manassehs waren Marranen: Geheimjuden, deren Ziel, vielen deutschen und österreichischen Jüdinnen und Juden der Zwischenkriegszeit ähnlich, die Assimilation war. Wenn das Denken der Herrschenden aber von der Idee des Blutes geleitet wird, machen diese letztlich keinen Unterschied, ob einer sonntags den katholischen Gottesdienst besucht oder im Ersten Weltkrieg für sein Land gekämpft hat. Kehrt die Tragödie also nicht mehr, wie Marx schrieb, als lumpige Farce wieder (und auf der Folie dieses Satzes aus dem „18. Brumaire“ ist Menasses Roman zu lesen), sondern als potenzierte Tragödie – dann wartet das Kontinuum der schlechten Geschichte darauf, gesprengt zu werden. Die Revolte speist sich nicht bloß aus dem Bild der befreiten Enkel, sondern vornehmlich aus jenem der geknechteten Vorfahren. Manasseh und Viktor werden Propheten, die das Leiden abschaffen wollen. Jener verhandelt in England mit Cromwell die Rückkehr der vertriebenen Jüdinnen und Juden unterm Titel einer „gnadenlosen Toleranz“; dieser agitiert unter den roten Fahnen der Revolution. Beide werden letztlich von den eigenen Leuten verraten: Manasseh von seinem rabbinischen Gegenspieler, der ihm vorwirft, gar kein Jude zu sein; und Viktor von den eigenen GenossInnen, die ihm Sexismus vorwerfen.

„Was einmal wirklich war, bleibt ewig möglich.“ Dieser Satz Manasseh ben Israels kehrt wieder bei Adorno und unlängst als Motto einer Erzählung Milo Dors. Das „ewig“ zu tilgen, blieb Anliegen der emanzipatorischen Kräfte der Geschichte. Vielleicht wird Robert Menasse in einem künftigen Roman, nachdem er den enttäuschten Viktor von der kommunistischen Linken sich hat abwenden lassen, auch davon erzählen, ob denn vielleicht nicht doch, wenn schon nicht das Paradies, eine Gesellschaft möglich sei, die jenes „ewig“ einklammern könnte.

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