Die versunkene Kathedrale.
Theaterstück von Gert Jonke, (2005, Akademie Wien).
Besprechung von Peter Jarolin aus Kurier, Wien, vom 20.9.2005:

Im Redeschwall ertrunken

So sieht es also aus, wenn die ganze Welt, den Bach – pardon, den See – hinuntergeht. Da rinnen Schlafzimmer einfach so aus, da geben Eltern ihre Kinder im Pflegeheim ab, da suchen Pianisten in völliger Erstarrung nach Leukoplast, und Doktoren faseln etwas von der Erlösung der Ameisen und Filzläuse. Zum Finale rinnt auch noch der Wörther See aus, der den Blick auf eine versunkene Kathedrale (samt Prediger) freigibt, ehe er von Feuerwehrleuten wieder aufgefüllt wird.

Klingt das nicht etwas seltsam und wirr? Ist es auch. Denn die Uraufführung von Gert Jonkes neuem Stück "Die versunkene Kathedrale" im Wiener Akademietheater gibt vor allem viele Rätsel auf. Warum? Wozu? Weshalb?

Ohne Antwort

Fragen, die sich wohl auch Regisseurin Christiane Pohle gestellt hat, die einst mit Jonkes "Chorphantasie" dem Akademietheater einen Sensationserfolg beschert hat. Antworten aber hat Pohle nicht gefunden. Nur so und nicht anders ist die sehr langatmige Umsetzung von Jonkes Sprachspielereien zu erklären.

Doch worum geht es eigentlich? Ein Paar kehrt von der Hochzeitsreise heim, beginnt im Bett über die Dunkelheit zu streiten, das Schlafzimmer verschwindet, echtes Federvieh marschiert auf, das Paar erstarrt. "Morbus ritardando", extreme Verlangsamung, nennt Autor Jonke die Krankheit, die das Paar in ein Altersheim führt, wo seltsame Wesen und ein noch seltsamerer Arzt über Natur und Erlösung reflektieren. Die Klinik verschwindet, auf Video spazieren die Protagonisten über eine Wiese und machen ein Picknick am Wörthersee. Die Entfernung zwischen Klagenfurt und Velden ist in der Dunkelheit jedoch immer noch größer als bei Tageslicht. Jonke verweigert sich jeder linearen Handlung; die Sprache steht im Zentrum. Christiane Pohle aber scheint dem Text (zu Recht) nicht getraut zu haben, setzt ein bisschen auf Klamauk, in der Klinik vor allem auf Langsamkeit. Diese aber muss man auch inszenieren können; Pohle scheitert im passenden Bühnenbild von Maria-Alice Bahra.

Sinnfrei

Träge schleppen sich die sinnfreien Wortkaskaden dahin. Selbst so wunderbare Darsteller wie Martin Schwab, Peter Matic, Elisabeth Augustin, Nicola Kirsch oder Bibiana Zeller dürfen nur Text aufsagen. Auch das von Petra Morzé und Markus Hering mit aller Kraft gespielte Paar ist letztlich nur Teil eines sich nicht und nicht zu einem Ganzen fügen wollenden Redeschwalls mit Musik. Einzig Urs Hefti als leidender Pianist und der herrlich überdrehte, von Dietmar König im Stil einer Monty-Python-Figur angelegte Chefarzt haben dankbare Szenen. Der Rest geht einfach nur den See hinunter. Und das ist schade.

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