Die Versuchung von Dermot Bolger, 2002, RotbuchDie Versuchung.
Roman von Dermot Bolger (2002, Rotbuch).
Besprechung von Ulrich Rüdenauer in der Frankfurter Rundschau, 14.11.2002:

Das Glück eines anderen
Dermot Bolgers Hotel-Roman "Die Versuchung"

"Fitzgerald's Hotel" ist ein verträumter Ort. Seit Jahrzehnten hat sich hier, an der Südost-Küste Irlands, nicht allzuviel getan. Dass die Zeit still steht, ist das Kapital des Hotels. Auch die Gäste scheinen sich kaum verändert zu haben: Die Gewohnheiten sind meist stärker als die Irritationen, die vom Leben bereitgehalten werden. So kommen sie Jahr für Jahr wieder, die Benetts oder die Irwins, immer zu einer bestimmten Zeit und immer für ein paar wenige Tage, je nach ihren finanziellen Möglichkeiten. Eine Szenerie, in der sich auch die Helden Rosamunde Pilchers wohl fühlen würden: "Fitzgerald's" ist ein Hotel der gehobenen Klasse, hier umweht einen der Hauch des Luxus in einer sonst vom windigen Alltag böse zerfaserten Welt. Das Personal kennt den Gast noch als König, die Kinder sind mit Planschen und Unterhaltungsprogramm so gut beschäftigt, dass sie am Abend müde ins Bett plumpsen, und ihre Eltern verwöhnen sich derweil im Dampfbad, auf dem Golfplatz und beim gepflegten Dinner.

Die Gills fahren jedes Jahr um Ostern für fünf Tage an diesen Ort, dessen Zauber in einem gewissen Nostalgie-Overkill zu liegen scheint. Für Alison Gill jedenfalls ist das Hotel mit etlichen Erinnerungen behaftet: Schon als Kind hat sie mit ihren Eltern dort ein paar Urlaubstage verbracht, hier wurde sie zum ersten Mal geküsst, und mit ihrem Mann Peadar und den drei Kindern vergaß sie im "Fitzgerald's" das ein oder andere Mal ihr nicht immer lustiges Dasein als Hausfrau. Es ist eine Tradition, ein Ritual - die Reisevorbereitungen, der Weg, der Ablauf der Urlaubstage. Aber das Ritual wird plötzlich brüchig, und das schon vor Beginn der Reise. "Fünf Tage. War das alles, worauf ihr Leben hinauslief? Oft hatte sie sich auf die Zunge gebissen, obwohl sie ihn am liebsten angeschrien hätte" - und meint damit ihren viel beschäftigten, pflichtbewussten, aber eher unromantischen Peadar. "Und doch würden diese fünf Tage vieles wieder gutmachen", beschwichtigt sie ihre ketzerischen Zweifel am Familienglück. Tatsächlich machen diese fünf Tage vieles wieder gut, aber anders, als Alison es erwartet. Der Urlaub wird, weil die Idylle für einen ganzen Roman nicht taugt, zum Ausnahmezustand mit kathartischer Wirkung.

Der 1959 geborene irische Autor Dermot Bolger scheint sich in Hotels wohlzufühlen. Hierzulande bekannt wurde er als Initiator des lesenswerten Gemeinschaftsromans Finbars Hotel, in das sieben Autoren - darunter Roddy Doyle - ihre Figuren eingebucht hatten. Bolger entwickelt in seinen Romanen aber auch eine Vorliebe für Frauenperspektiven. Seine Alison setzt er einer Lebenskrise aus, die sich gewaschen hat. Dem Genre des Frauenromans - wenn er aus Männerhand stammt - ist ja zuweilen etwas durchaus Sentimentalisches eigen. Aber Bolger schlägt sich trotz manch abgegriffener Wendungen mehr als wacker: Die Versuchung ist ein einfühlsamer, den emotionalen Turbulenzen seiner Hauptfigur gewachsener Roman. In fünf Tagen zieht Alison eine Lebens-Zwischenbilanz, und in ihrem Sinnieren offenbaren sich die Verwundungen und Hoffnungen unter der kleinbürgerlichen Oberfläche. Wo die Zeit wie im "Fitzgerald's" dank aufwendiger Arrangements stillzustehen scheint, fängt sie im Innern der Heldin an zu rasen: Plötzlich ist sie nicht mehr jung, aber jung genug, um sich ein anderes Leben vorstellen zu können. Aber auch alt genug, um Seitenwege in Sackgassen übergehen zu sehen.

Der 38-jährigen Alison wird bewusst, wie sie sich im Laufe der Zeit gewandelt hat. Ihren Mann Peadar, der in seiner Tätigkeit als Schulleiter aufgeht, kennt sie seit 20 Jahren. Seit 16 Jahren ist sie mit ihm verheiratet - da hat man sich schon so einiges gesagt. Aber doch nicht alles: Ihr Körper verändert sich, eine Zyste hat ihr Angst eingejagt, sie hielt sich für ernstlich krank, und der Lebensplan geriet für die Wochen zwischen Untersuchung und Befund ins Wanken. Ihrem gestressten Mann hat sie davon nichts erzählt. Der Urlaub soll einiges wieder ins Gleichgewicht bringen. Dass hier aber mehr als eine beziehungstechnische Stagnation vorliegt, klärt der erste Satz, der leitmotivisch durchs Buch schallt: "Ich habe auf mein Glück verzichtet, um einen anderen Menschen glücklich zu machen, dachte Alison schlaftrunken, als sie nachts neben Peadar erwachte."

Wie das Glück jenseits von Peadar Gill hätte aussehen können, es wird uns in Gestalt eines anderen Hotelgastes vorgeführt: Chris Conway. Der ist für Alison kein unbekannter, sondern die große, unausgelebte Jugendliebe. Chris hat das Schicksal ziemlich in die Mangel genommen: Seine Frau und beide Töchter kamen bei einem Autounfall um, der Mann verkörpert genau jenes Scheitern am Leben, das Alison gerade erst als Möglichkeit zu Bewusstsein gekommen war. Der ältere Chris ist eine gebrochene Gestalt und damit für Alison noch faszinierender als der unbeholfene Junge, den sie vor zwanzig Jahren geliebt hatte: Er ist ihr plötzlich näher als Peadar. Sie erkennt ihre eigene Schutzlosigkeit, ihre eigenen verschütteten Wünsche und Ängste in Chris wieder. Plötzlich entsteht eine unausgesprochene Intimität. Als Peadar aus beruflichen Gründen den Urlaub abbricht und zurück nach Dublin fährt, beginnt jener Teil der Geschichte, den der Roman-Titel ankündigt: Die Versuchung, dem eigenen Leben noch einmal eine andere Wendung zu geben und sich auf eine andere Person einzulassen - vulgo: die Möglichkeit eines Seitensprungs -, wird konkret.

Dermot Bolger hat ein langsames, aber eindrückliches Buch vorgelegt. Er lässt sich viel Zeit für seine Hauptfigur, spürt Satz für Satz ihren Wider- und Ansprüchen und ihren Erinnerungsspuren nach. Das ist, ohne im gefühlsduseligen Pathos zu enden, sehr anrührend. Und spannend obendrein.

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