Die Versehrten von Gonçalo M. Tavares, 2012, DVADie Versehrten.
Roman von Gonçalo M. Tavares, (2012, DVA - Übertragung Marianne Gareis).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 15.6.2012:

G. Tavares: Portugals neuer Spitzenliterat
Mit seinem Buch "Die Versehrten", das jetzt auf Deutsch vorliegt, trat der 42-jähriges Gonçalo M. Tavares die Nachfolge José Saramagos an.

Man hätte Lust, ihn zu schlagen." Das hat José Saramago (1922–2010) über Gonçalo M. Tavares gesagt, als er vor sieben Jahren seinem Landsmann die nach ihm benannte Auszeichnung überreichte. Der Satz des portugiesische Literatur-Nobelpreisträgers ist legendär geworden:
"Tavares hat kein Recht, im Alter von 35 Jahren so gut zu schreiben. Man hätte Lust, ihn zu schlagen."

Lob und Ehrung gab es damals für den Roman "Die Versehrten" – der jetzt erst auf Deutsch vorliegt. Vergleiche mit Kafka mögen für den Autor belastend sein, sind aber berechtigt. Im Original heißt das dunkle Buch "Jerusalem". Mehrmals kommt der Psalm 137 vor: "Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, dann soll mir die rechte Hand verdorren."

Böser Gott

Zwei, die jahrelang wegen Schizophrenie im noblen Irrenhaus steckten, werden ihren "Gott" Georg Rosenberg, den Klinikchef, nie vergessen. Böser Gott. Die Namensähnlichkeit mit Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg passt: Seine Patientin Mylia, die Hauptfigur, hat er zwangssterilisiert.
Mylias geschiedener Mann forscht einstweilen "draußen" nach der mathematischen Formel, mit der man berechnen kann, wann das Böse wieder so gewaltig zuschlägt wie unter Hitler.
Dass er sich dabei mit Fotos misshandelter Frauen aufgeilt und dann zu Prostituierten läuft, ist ihm keine Forschung wert.
Zufällig (wie man so sagt) treffen alle einander nachts vor einer Kirche.
Auch Mylias behinderter Sohn, den man ihr in der Nervenklinik vor 12 Jahren weggenommen hat, taucht auf; und ein Mann mit dem Namen Hinnerk Obst. Der war leider – wie der Forscher – nie im Irrenhaus. Obwohl er mit seiner Pistole aus dem Fenster seiner Wohnung gern Kinder in der Nachbarschule anvisiert.
So.

Und was haben wir Leser von dieser Begegnung? Was will uns Tavares über Wahnsinn, Gewalt, Leid, Macht und Menschlichkeit sagen? Genau das ist das Großartige: Er hat "nur" ein Haus gebaut. In einem umwerfend schlichten Stil, der keineswegs verwirrt, hat er fünf Stockwerke gebaut; mindestens fünf.

Die freien Räume aber, die muss sich jeder selbst einrichten. Wie bei Kafka. Sie sind unsere Welt, minimalistisch aus den schrecklichsten, wichtigsten Bestandteilen neu zusammengesetzt. Selbst wenn wir es nicht wollen: Irgendwo da drinnen ist unser Platz.
Der letzte Satz zeigt die ganze Hilflosigkeit unseres verrückten, verzweifelten Tuns. Da trommelt Mylia an die Kirchentür: „Ich habe einen Menschen getötet! Darf ich reinkommen?"

KURIER-Wertung: ***** von *****

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