Die verschlossene Tür von Ivo Andric, 2003, ZsolnyDie verschlossene Tür.
Erzählungen von Ivo Andric (2003, Zsolnay, hrsg. und Nachwort von Karl-Markus Gauß).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 10.01.2004:

Bosnische Endspiele
Ivo Andrics düstere Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit

Gross ist sein Ruhm, doch seine Gegenwart ist kleiner geworden. Anlässlich des blutigen Zerfalls der jugoslawischen Volksrepublik mag in deutschsprachigen Landen mancher Ivo Andrics monumentale Balkan-Chroniken «Die Brücke über die Drina» und «Wesire und Konsuln» aus dem Bücherschrank geholt haben, um sich Klärung über die tiefer reichenden historischen Kräfte zu verschaffen, die in Bosnien, an der Schnittstelle zwischen muslimischer und christlicher, orthodoxer und katholischer Welt, am Werk sind und waren. Zur Erkenntnis von Andrics Kunst hat solch stofflich dominiertes Interesse wenig beigetragen. Es ist daher zu begrüssen, wenn der Zsolnay-Verlag unter Federführung von Karl-Markus Gauss versucht, den Kosmos des Literaturnobelpreisträgers von 1961 neu zugänglich zu machen, und zwar über eine weniger bekannte Seite, die Erzählungen aus der Zwischenkriegszeit (die in der Edition leider undatiert bleiben). Hier findet sich alles, was die Grösse Ivo Andrics ausmacht: der Horizont des Historikers und die Schärfe des Zeitkritikers, die Empathie des Psychologen und die Unerbittlichkeit des Skeptikers. Handwerklich perfekt und mit Leidenschaft wird hier erzählt von den Abgründen des 20. Jahrhunderts und den Aporien des Humanen.

Zeitalter der Extreme

Ivo Andric (1892-1975) wurde in eine Zeit epochaler Umbrüche hineingeboren. Vom Untergang des Habsburger-Imperiums über den Aufstieg und Fall des Jugoslawischen Königreichs bis zum Zweiten Weltkrieg und zur Inthronisation des Tito-Kommunismus reicht die Spanne seines Lebens. Als Diplomat hatte er von 1924 bis 1941 (zuletzt als Botschafter in Berlin) Gelegenheit, das Zeitalter der Extreme aus nächster Nähe zu verfolgen. Andric begriff den Menschen als geschichtlich geformtes und verfasstes Wesen, als Individuum, dem bei aller Determiniertheit und Einbindung, bei aller Beschränkung von Freiheit und Würde die Wahl zwischen Gut und Böse aufgegeben ist. Der Weg zur Gegenwart führt bei ihm stets über die Vergangenheit. Deshalb darf man den Hass, den Andric in seiner berühmten Erzählung «Brief aus dem Jahre 1920» provokativ als «bosnische Krankheit», als «Instrument des Vernichtungswillens und des Selbstvernichtungstriebes» diagnostiziert, auch nicht zur Schicksalsmacht erheben und zum Argument dafür machen, dass es in Bosnien niemals ein friedliches Zusammenleben zwischen den Volksgruppen und Religionen geben könne. Zu Recht weist Karl-Markus Gauss darauf hin, dass Ivo Andric wie wenige gegen den Wahn steht, auf dem Balkan ethnisch homogene Verhältnisse schaffen zu wollen. Jeder Versuch einer Ethnie, den Schriftsteller für sich zu vereinnahmen, stellt einen Verrat an dessen Werk dar.

Glücksritter des Wandels

Wie in vielen der Prosastücke verbirgt sich Andric auch im «Brief» hinter einer Berichterstatterfigur. Gern gibt er vor, lediglich eine Geschichte weiterzutragen, die ihm ein Dritter (ein Bekannter, ein Passant oder ein Fremder) persönlich erzählt bzw. aufgedrängt hat. Oft entpuppt sich dieser andere als Aussenseiter, als Kauz, wenn nicht gar als Spinner - und fast immer als Opfer seiner eigenen hochfliegenden Pläne und hochfahrenden Träume. So reiht sich eine zerbrochene Kleinbürger-Existenz an die andere: In «Zeichen» ist sich ein Lehrer der vermeintlichen Liebe einer Primadonna so sicher, dass er wider alle Vernunft auf seiner Illusion beharrt - mit selbstzerstörerischen Folgen. «Familienbild» enthüllt eine nach aussen hin perfekte Belgrader Ehe im Wohlstand der Zwischenkriegszeit - in deren Innern der blanke weibliche Terror wütet. «Ferien im Süden» an der Adria wiederum schildert die Entrückung eines österreichischen Professors durch die Fülle des Daseins. Das trunkene Glück wird zur tödlichen Falle...Fortsetzung

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