Die Vernichtung von Dersim.
Roman von Haydar Isik (2002, Unrast-Verlag).
Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 18.3.2003:

Krieg und Versöhnung
Haydar Isik schildert kurdische Schicksale

Bedrohungen von außen sind zahlreich. Da ist die Natur, die den Bewohnern der Berge mit Stürmen zu Leibe rückt. Da waren einst Osmanen oder Russen, die sich einredeten: Wenn sie dem eigensinnigen Berg- und Nomadenvolk ihre Herrschaft aufzwängen, dann wäre das eine dankenswerte Wohltat.

Da waren auch Sultane, die, ob schiitischer oder sunnitischer Glaubensrichtung, das Land der liberalen Alewiten begehrten und das dann Religionskrieg nannten. Gegen all dies scheint das kurdische Dörfchen Mergasur in der Region Dersim gewappnet: nicht mit Waffen, sondern mit Gemeinsinn und dem Wissen um die eigene Geschichte.

Der historische Roman "Die Vernichtung von Dersim" des Kurden Haydar Isik beginnt 1937: Die Türken planen die Ausrottung der verhassten Minderheit. Noch bevor Soldaten, Waffen, Giftgas in das Dorf dringen, bringt schon die Bedrohung das Gemeinwesen aus dem Gleichgewicht.

Isik schildert das breit aufgefächert an verschiedenen Charakteren. Im Zentrum seines atmosphärisch intensiven Romans steht Gule, ein Mädchen, das von den türkischen Mördern seiner Familie adoptiert wird und auszieht, ihre kurdischen Wurzeln wiederzufinden und in ihr türkisch geprägtes Leben hinüber zu retten.

Man würde dem Buch nicht übel nehmen, hätte es einen wehleidigen Unterton. Es ist aber viel stärker: Es folgt den Verzweigungen von Konflikten und vergisst dabei nicht, das pralle Leben zu loben und es zum Boden zu machen für Versöhnung. Wie utopisch auch immer sie erscheint.

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