Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, 2005, Rowohlt

1.) - 3.)

Die Vermessung der Welt.
Roman von Daniel Kehlmann (2005, Rowohlt).
Besprechung von Markus Thiel im Münchner Merkur, 20.09.2005:

Das Glück als Rechenfehler
Historisch, philosophisch, leicht: Daniel Kehlmanns Roman

Der eine: allein am Schreibtisch sitzend, ein Blatt Papier vor sich und im Kopf eine Fülle voller Ideen und Lösungswege. Der andere: im fernen Westen unterwegs, höchste Berge und tiefste Höhlen erforschend, alles im Lichte seiner Messinstrumente bewertend. Zwei Wege sind das, doch haben sie dasselbe Ziel. Die Rätsel der Welt sollen entwirrt werden, damit man endlich "dem Leben auf die Schliche" kommt.

Verkörpert werden beide Ansätze durch den Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß (1777-1855) sowie den Forschungsreisenden Alexander von Humboldt (1769-1859). Der junge Autor Daniel Kehlmann lässt sie in seinem Roman "Die Vermessung der Welt" zusammentreffen. Alt und knöchrig sind die beiden Stars da schon geworden, als sie sich in Berlin begegnen. Das Leben, auch die Forschung ist über sie hinweggezogen, doch was sie einst für die Wissenschaft bedeuteten, rollt Kehlmann in Rückblenden auf.

Sein beschwingt geschriebenes Buch verbindet Wahres mit Fiktion, holt Persönlichkeiten vom Sockel, die sonst vom Weihrauch der Unnahbarkeit umweht werden. Kehlmann schildert die ersten Experimente Humboldts, die er am eigenen Körper ausprobiert, seine Reise nach Südamerika, wo der Kanal zwischen Orinoko und Amazonas gefunden wird, wo Hügel vermessen, Steine und Tiere in enervierender Vollständigkeit gesammelt werden, denn: "Ein Rätsel, wie klein auch immer, lasse man nicht am Wegesrand."

Rechtfertigung erfährt bei Kehlmann auch Humboldts Mitreisender Bonpland, der mehr als ein Assistent ist, eher ein

Korrektiv des Forschers, der für nichts anderes als für seine Wissensobjekte Augen und Ohren hat. Ganz nebenbei "berichtigt" Kehlmann auch die Tagebücher der beiden, erzählt, was "wirklich" passierte und was manchmal ganz unakademisch geschönt werden musste.

Ein Wesensverwandter ist da der Kopfarbeiter Gauß. Aus einfachen Verhältnissen stammend, taucht er tief ein in die Gesetze der Zahlen und des Alls. Als Rationalist und Pessimist begegnet dem Leser hier Gauß, als einer, der das Glück als Rechenfehler begreift, der sich mit Verachtung gegen Mitmenschen schützt, bis ihm in seiner Gattin Johanna ein akzeptierter Widerpart erwächst.

Auf unverkopfte, oft humoristische Weise schildert Kehlmann die beiden: Gauß, der Gesetzen durch bloße Gripsanstrengung auf die Spur kommt, und Humboldt, der Regelmäßigkeiten durch eigene Entdeckungen aufspürt. Dass dieses Wissen nicht nur Licht ins Dunkel bringt, sondern auch die Aufklärung befördert, ahnt Humboldt nicht nur, sondern propagiert dies als Utopie: Angst, Kriege, all das könne durch Erkenntnis überwunden werden. Wie gefährlich Erkenntnis ist, bekommt Gauß dagegen in der Familie zu spüren, als sein studierender Sohn in die Fänge der Polizei gerät.

Ganz erstaunlich ist, wie Daniel Kehlmann Biografien, Denkschulen und historisches Umfeld verpackt. Wie locker er Zusammenhänge verdeutlicht und den Charakteren der Forscher Tiefenschärfe gibt. Als federleichten philosophischen Roman kann man "Die Vermessung der Welt" lesen. Oder als Text, der zur Weiterbeschäftigung einlädt - auch wenn die beiden Empiriker angesichts von Kehlmanns Zutaten im Grabe rotieren dürften.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0905 LYRIKwelt © Münchner Merkur

***

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, 2005, Rowohlt2.)

Die Vermessung der Welt.
Roman von Daniel Kehlmann (2005, Rowohlt).
Besprechung von
Martin Lüdtke aus Frankfurter Rundschau, vom 28.9.2005:

Doppelleben, einmal anders
Der neue Roman von Daniel Kehlmann über Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt vermisst die Welt und ist ein Geniestreich

Eine Missionsstation am Orinoko. Oberhalb, in den Granitfelsen, sollte es eine alte Grabhöhle mit Hunderten von Leichen, in unterschiedlichen Stadien der Verwesung bis hin zu vollständigen Skeletten, geben, "jede in ihrem eigenen Korb aus Palmblättern, die Knochenhände um die Knie gelegt, den Kopf auf den Brustkorb gedrückt". Der Naturforscher entschloss sich, eine Kinderleiche und zwei Erwachsene mitzunehmen. So wie er vieles eingepackt, mitgenommen hatte, um es bei nächster Gelegenheit verschiffen zu lassen, was für weitere Analysen und Messungen, überhaupt für die europäische Forschung interessant sein könnte. Mit diesen Skeletten handelte er sich aber Probleme ein, denn die Indianer ahnten nicht nur, sie rochen ja auch, was sich unter den Tüchern verbarg. Sie empfanden eine Heidenangst und reagierten entsprechend.

Szenenwechsel. Vor der Tür eines französischen Heißluftballonfahrers, der auf dem Weg nach Stockholm in Braunschweig Station machte, steht ein Junge und fragt, ob er mitfliegen dürfe. "Mitfahren, sagte Pilatre." Ballonleute fliegen nicht, sie fahren. Dem Jungen war der Begriff egal. Hauptsache, er durfte mit. Ihm gelang es tatsächlich, den Montgolfier zu überzeugen. Vor dem Start zählt er, vor Aufregung, Primzahlen. Und bei der Fahrt geht ihm wie nebenbei auf, "daß alle parallelen Linien einander berühren". Zugleich erkennt er, der Junge, wie sich die Navigationsprobleme lösen ließen.

Auf den Bergspitzen der Anden und in den Strudeln des Orinoko

Zwei Genies, deren Wege weit auseinander liegen und sich dennoch eng berühren. Aus diesem eher trockenen Stoff entsteht, und zwar buchstäblich, ein Abenteuerroman. Nur spielt er, gleichermaßen spannend, auf höchst unterschiedlichem Gelände. Auf den Bergspitzen der Anden und den Höhen des Geistes, in den Strudeln des Orinoko und den Wirren der preußischen Restauration, in den Weiten des Ozeans und in der Enge deutscher Herzogtümer. Er beginnt, naturgemäß, am Ende. Auch deshalb, weil eine wirkliche Geschichte erst von ihrem Ende her verstanden werden kann. Entsprechend meint auch einer der Protagonisten: Das Romanschreiben "erscheine ihm als Königsweg, um das Flüchtige der Gegenwart für die Zukunft festzuhalten". Und der andere der beiden Protagonisten beklagt sich über die Ungerechtigkeit, Beispiel für die "erbärmliche Zufälligkeit der Existenz", dass "man in einer bestimmten Zeit geboren und ihr verhaftet sei"; wobei, romantisch/ironisch, der Autor selbst noch durchklingen lässt: Die Gnade der späten Geburt " verschaffe einem einen unziemlichen Vorteil vor der Vergangenheit und mache einen zum Clown der Zukunft." Denn, wie wir aus der Bibel wissen, wird eben erst am Ende abgerechnet.

Der 1975 geborene Schriftsteller Daniel Kehlmann, dem selbst genialische Züge kaum abzusprechen sind (mit knapp dreißig Jahren kann er sechs veröffentlichte Bücher, darunter Beerholms Vorstellung und Ich und Kaminski, vorweisen), bringt in seinem neuen Roman Die Vermessung der Welt, zunächst nur gedanklich, dann auch räumlich zwei der größten Wissenschaftler ihrer Zeit zusammen, den Göttinger Mathematiker, Astronomen und Physiker Carl Friedrich Gauß (1777 bis 1855) und den preußischen Naturforscher Alexander von Humboldt (1769 bis 1859). Kehlmann verfügt so souverän über seinen Stoff, dass dem Leser die Gaußschen, also rechtwinkligen Koordinaten auf gekrümmten Flächen durchaus böhmische Dörfer bleiben können. Keine Angst also, das Denken wird in Handlung übersetzt. Der Autor versteigt sich nicht in Theorien. Er erzählt, mit Witz, von Menschen, Genies ihrer Zeit, herausragenden Wissenschaftlern und armen Schweinen. Er erzählt von den Widerständen, die der junge, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Gauß, beileibe nicht nur im Kopf, überwinden musste, von seiner Entwicklung, seinem Vermögen, schnell und klar zu denken, das ihn im Verkehr mit anderen Menschen oft schroff wirken ließ. Er erzählt von seinen Schrullen, der - auch sexuellen - Begierde, seiner Ungeduld, von einer unaufhörlichen Produktivität, die ihn selbst in seiner Hochzeitsnacht, in einer kurzen Unterbrechung der ehelichen Aktivitäten, mal eben an den Schreibtisch zwang.

Humboldts entsprechende Rastlosigkeit spiegelt sich in seinem Reisegenossen, einer Diderot-Gestalt, die auch für die nötige Komik bürgt: "Bonpland fragte, ob er denn niemals schlafe. Wenn er es vermeiden könne, antwortete Humboldt, nicht."

Die Helden des Romans sind durchdrungen von dem Gedanken des wissenschaftlichen Fortschritts. Sie sind Protagonisten der Aufklärung. Und auch schon, ein Stück weit, ihr Opfer. Erst in dieser Einsicht kristallisiert sich die Aktualität der Vergangenheit heraus.

Wie Parallelen selbst in der Unendlichkeit begegnen sich die zwei Männer in einer scheinbar konkreten Gegenwart. Allerdings vor einer historischen Kulisse. Die abgebildete Welt wird als Fiktion sichtbar gemacht, stilisiert und schemenhaft in den Hintergrund gestellt. Die Probleme hingegen sind handfest, wirklich. Der Autor verzichtet darauf, den Hintergrund auszumalen. Ihm genügt, aus guten Gründen, die Kulisse. Umso schärfer tritt hervor, was sich im Vordergrund abspielt: das wirkliche Abenteuer des Geistes - die Vermessung unserer Welt als reale Aufklärung.

Am Ende kommt es, in einer Steigerung der wirklichen Dramatik des 19. Jahrhunderts, zu einem weiteren, eher kuriosen Treffen: Humboldt und Gauß entdecken den Berliner Gendarmerie-Kommandanten bei einer Geisterbeschwörung. Sie hoffen mit dessen Hilfe einen jungen Studenten, Eugen Gauß, den Sohn des Mathematikers, noch im letzten Augenblick aus dem Gefängnis herauszuholen, bevor er der Geheimpolizei überstellt wird. In dieser Szene, urkomisch und bitter ernst zugleich, laufen nicht nur die verschiedenen Handlungsstränge zusammen, sondern auch die in ihrem oft abenteuerlichen Fortgang fast verborgenen Motive des Romans. Aufklärung, wissenschaftlicher Fortschritt, eben die Vermessung der Welt, also die praktische und theoretische Beherrschung der Natur durch den Menschen, lassen hoffen: auf ein leichteres und besseres Leben, auf größere Freiheit. In der Person des jungen Gauß faltet sich das Jahrhundert auf, wie in einer Allegorie.

Dabei hütet sich Kehlmann, zu deuten. Er erzählt. Er kann das. Er zielt nie auf die Pointe, doch behält er stets den Blick für die Komik einer Situation. Das beginnt, gleich eingangs, bei dem Rat, den Goethe höchst persönlich der verwitweten Mutter der beiden Humboldt-Kinder mit auf den Erziehungsweg gibt. Goethe sprach von der "Vielfalt menschlicher Bestrebungen", den "reichen Möglichkeiten zu Tat und Genuß", die den "Sinn mit Hoffnung" und den Geist mit "Überlegung" erfüllten. Die Reaktion, trocken notiert: "Den Satz verstand keiner, nicht die Mutter, nicht ihr Majordomus Kunth, ein magerer Herr mit großen Ohren." Trotzdem wurde Goethes Rat umgesetzt. Die Brüder, beide klein gewachsen, wurden zu Größen ihres Jahrhunderts. Wobei Wilhelm, der Ältere, die Dialektik der Aufklärung geradezu mundgerecht serviert, in Form von Rattengift, das er dem jüngeren Bruder ins Essen mischt. Der Kleinere, auch daran zeigt sich seine (natur-)wissenschaftliche Begabung, merkt es und erntet entsprechende Anerkennung des großen Humanisten.

Alexander von Humboldt scheint allerdings seine gesamten Energien (anders als Gauß) in seine Forschung investiert zu haben. Er konnte, anders als Gauß, keinen Hügel erblicken, ohne ihn zu vermessen. Der Bergwerksassessor hat früh schon bei seinen Höhlenerkundungen kaum vorstellbare Belastungen und Gefahren auf sich genommen. Der Forschungsreisende ist in Gegenden vorgedrungen, die vor ihm (und auch noch lange Zeit nach ihm) kaum je ein Weißer zu betreten wagte, er hat Berge bestiegen, Höhlen erkundet, Karten erstellt, Tierarten und Pflanzen entdeckt.

Die Beherrschung der Natur muss kein wirklicher Fortschritt sein

Trotzdem wird Die Vermessung der Welt nicht zum historischen Roman. Es bleibt ein aktuelles Buch, das mit historischem Personal agiert. Humboldt, mehr praktisch orientiert, und Gauß, nicht nur, aber doch eher theoretisch, haben unsere Welt vermessen. Sie haben beide, durchaus schmerzhaft, erfahren müssen, dass die fortschreitende Beherrschung der Natur nicht notwendigerweise auch wirklichen Fortschritt mit sich bringt. Von der Steinschleuder zur Megabombe führe ein gerader Weg, meinte dazu Adorno, nicht aber vom Wilden zur Humanität. Wissenschaft und Politik trennen Welten. Eugen, der Sohn von Gauß, durfte diese Tatsache leibhaftig erfahren. Er hatte noch Glück, dank Humboldts Beziehungen. Seinen Freiheitsdrang musste er nicht mit seinem Leben, sondern nur mit der Verbannung - in die Neue Welt - bezahlen.

Aufklärung hat halt ihren Preis. Mit viel Sympathie und sanfter Ironie führt uns Daniel Kehlmann vor, wie zwei große Geister des 19. Jahrhunderts den Glauben an den Fortschritt, den sie maßgeblich mit befördert hatten, allmählich verlieren, jedoch ohne zu resignieren.

Die Vermessung der Welt, einer der Höhepunkte dieses Bücherherbstes, ist nicht nur ein schönes, packendes und spannendes, es ist auch ein großes Buch geworden: das Alterswerk eines jungen Schriftstellers, ein genialer Streich. Daniel Kehlmann verfügt souverän über seinen Stoff und lässt darum, leicht augenzwinkernd, uns an dem Projekt teilhaben, das nur gelingen kann, wenn es scheitert. Der Mensch, der die Natur vermessen will, bleibt eben immer auch Teil der Natur. Vermessen - auch der Begriff bleibt ebenso doppelsinnig wie das, was man vermisst.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter fr-logo]

Leseprobe I Buchbestellung I home 0706 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

***

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann, 2005, Rowohlt3.)

Die Vermessung der Welt.
Roman von Daniel Kehlmann (2005, Rowohlt).
Besprechung von Helmut Gollner aus Rezensionen-online *LuK*, 2005:

Auf Besuch beim deutschen Geist
Zu Daniel Kehlmanns neuem Roman "Die Vermessung der Welt"

Das ist ein sehr, sehr gutes Buch, Kehlmann ein brillanter Erzähler. Dabei scheint sein Stoff wenig abenteuerhaltig: die Lebensläufe der beiden deutschen Wissenschaftler Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Humboldt war vor allem Naturforscher, der von einem 5jährigen Aufenthalt in Mittel- und Südamerika gewaltige Mengen neuer Kenntnisse und Erkenntnisse mitbrachte, von der Navigation bis zur Botanik. Gauß war Mathematikgenie, der die Arithmetik grundlegte, aber auch als Physiker (vor allem in der Astronomie) und als Techniker bahnbrechend wurde.

Vielleicht ist das die Konstante in Kehlmanns (bisher 5) Romanen: Das große Abenteuer ist die Welt, nicht das Ich. Immer schon ist er gerne auf wissenschaftlichen Bahnen in die Welt hinausgefahren, aber nie endete das Abenteuer mit den Ergebnissen der Wissenschaft, sondern fand dort statt, wo die Welt, von der Wissenschaft gerne ins Lot gebracht, leise ins Schwanken geriet. Wissenserwerb ist Abenteuer, und Wissensverlust ist Abenteuer. Damit hat auch der vorliegende Roman zu tun. Kehlmann ist Abenteuer-Schriftsteller, einer der wenigen heute in der deutschsprachigen Literatur. Orinoko und Amazonas vor 200 Jahren haben aufgelegte Abenteuerlichkeit, aber das größere Abenteuer des Buchs ist die deutsche Geistesgeschichte.

Schnell dazugesagt gehört, dass kein Winkel der Erde so spannend ist, wie wenn gut von ihm erzählt wird. Kehlmanns erzählerische Kompetenz macht auch die Primzahlen spannend oder die Kopfläuse der Indianerfrauen. Außerdem enthält jedes vermessene Detail souverän das Ganze: nicht unbedingt die Welt, aber doch die psychische Verfasstheit des Vermessers und die kulturelle Verfasstheit der Epoche. Der distanziert-ironische Blick (Personen werden z. B. nur im Konjunktiv der indirekten Rede zitiert) auf die Wissenschaft von Primzahlen und Kopfläusen macht dann den Abenteuerroman auch zu einem witzig kulturkritischen Roman. Er enthält ein paar köstliche Satiren.

Kulturkritik: Der deutsche Geist der Aufklärung wird im Alltag seiner Heroen besucht, der Idealismus in deren Psychologie. Es genügt, die Geistesgrößen außerhalb ihres Werks zu zeigen, und die Denkmäler schrumpfen zu Gartenzwergen. (Das betrifft am Rande der Erzählung auch Kant und Goethe.) Kehlmanns Roman ist allerdings eines jener Bücher, deren Qualität von solchen Kurzbeschreibungen grundsätzlich verfehlt wird. Die Demontage klassischer Helden ist üblicherweise ein plumpes Verfahren der Volksbelustigung. Kehlmanns Roman ist ein feinsinniges Buch, das sein Auslangen nicht im Vergnügen an der Entheroisierung findet, sondern das seriöse Kulturkritik zum Vergnügen macht.

Von Mutter Humboldt befragt, wie sie ihre beiden vielversprechenden Knäblein ausbilden solle, antwortet Goethe: "Ein Brüderpaar (…), in welchem sich so recht die Vielfalt menschlicher Bestrebungen ausdrücke, wo also die reichen Möglichkeiten zu Tat und Genuß auf das vorbildlichste Wirklichkeit geworden, das sei in der Tat ein Schauspiel, angetan, den Sinn mit Hoffnung und den Geist mit mancherlei Überlegung zu erfüllen." Das ist stilistisch ein perfekter Goethe-Satz. Wenn er authentisch wäre, wäre seine atemberaubende Leere eventuell eine beschämende Selbstentlarvung von Goethes großer klassischer Sprachgestik. Aber der Satz ist erfunden (in diesem Fall konnte ich mich erkundigen); ist jene feine Infamie des Autors, die sich vielleicht erst im Gesamtkonzept des Romans rechtfertigt: der Kritik an einem klassischen Idealismus/Humanismus - und an seinen großen Worten -, dessen Menschenbild unsere öffentliche Kultur weiterhin weithin dominiert, obwohl es historisch nachhaltig falsifiziert wurde und täglich im Fernsehen falsifiziert wird. Gegen die Idealismuspraxis, die Denkmäler mit den Menschen zu verwechseln, darf man Denkmäler zu Menschen rückformen und zeigen, über welchen menschlichen Gegebenheiten die klassische Philosophie vom Menschen gebaut ist. Die Rückformung der Heroen Humboldt und Gauß auf banale Menschenmaße erfolgt im Übrigen nicht nur zum Zweck ihrer Denunziation. Wenn ihnen der Denkmalschutz auch entzogen wird, wenigstens Menschen dürfen sie schließlich bleiben, spätestens wenn Kehlmann ihnen etwas von der Tragik des Alterns und der Entmachtung gönnt. Das rettet die Figuren auch vor der Karikatur.

Die vielleicht schönste Qualität in Kehlmanns Erzählweise ist seine Dezenz. Er bleibt strikt und lakonisch bei der Erscheinungsweise der Dinge, ohne irgendwo ihr Wesen anzubohren. Die Kunst besteht dann darin, die (spärlichen) Mitteilungen über die Oberfläche so zu wählen, dass die Phänomene ihre Herkunft freigeben, ohne ihrer Intimität beraubt worden zu sein. So macht man Porträts mit wenigen Strichen. (Nur ganz kurz einmal schien mir Kehlmanns Lakonie die Geschichte zu sehr mittels Pointen weiterzutransportieren.) Diese Dezenz am Phänomen hinterlässt beim Leser die angenehme Illusion, Menschen selbst entdecken zu können, statt vor die fertige Entdeckung gesetzt worden zu sein; Erkenntnisse zu entwickeln, die nicht schon vom Autor präjudiziert sind. (Handke sollte mal Kehlmann lesen, damit er sieht, wie man poetisch praktiziert, was er poetologisch propagiert; auch Raoul Schrott, unserem anderen Poetizisten, ist Kehlmanns Humboldt-Reise zu empfehlen, zur Ausnüchterung seines poetischen Exklusivtourismus.)

Wir begleiten Humboldt und Gauß von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter. Mit Humboldt fahren wir in den südamerikanischen Dschungel. Angesichts weiblicher Nacktheit "missfiel es Humboldt zu sehen, an wie vielen Stellen Frauen behaart waren". Eigene (zumindest heterosexuelle) Impotenz deckt er mit der humanistischen Moralformel: "Der Mensch ist kein Tier." Diese spezielle Dummheit des klassischen Humanismus erhält er sich bis ins hohe Alter, wenn er dozieren darf, dass die größte Beleidigung des Menschen die Idee sei, dass er vom Affen abstamme. Ähnliches erfährt man auch von Gauß: "Das Körperliche (…) sei wahrhaft die Quelle aller Erniedrigung." Humanismus wird zur Wirklichkeitsverweigerung, die Welt wird erforscht in einer Verfassung völliger Weltfremdheit: Das Opfer einer Vergewaltigung legt Humboldt sich als Opfer der großen Hitze zurecht, und 20.000 religiöse Opferungen in Mexiko "widerlegt" er mit der Logik dieses Humanismus: "Die Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas wirklich geschähe, würde das Universum enden." Es ist Kulturkritik, wenn man eine Kultur beschreibt, die Exemplare von solcher menschlicher Inkompetenz als ihre Geisteshelden feiert; genauer: es ist Humanismuskritik, wenn der Humanismus seine Helden bloß als die des Geistes definiert. Schnell und nachhaltig hat Humboldt gelernt, seine sozialen Unfähigkeiten mit den gesellschaftlichen Konventionen dieses höheren Menschentums zu bemänteln: Das im Grunde mörderische Verhältnis der Brüder Alexander und Wilhelm z. B. bekommt einvernehmlich so die undurchdringliche Fassade erhabener Humanität.

Mit Gauß bleiben wir zu Hause in Deutschland, weil er Reisen hasst. Hier demütigt er in seinem menschenverachtenden Intelligenzdünkel sein Leben lang seinen Sohn Eugen. Er ist ein Abstraktionsmonster, das weder seine Kinder noch den napoleonischen Krieg bemerkt. Er übersieht die Wirklichkeit zugunsten ihrer Kausalgesetze. Eines davon notiert er in der Hochzeitsnacht, als er gerade erstmals an den Schenkeln seiner Frau ist. Natur, bevor sie zu Zahlen geworden ist, irritiert ihn. "Die Sonne kam ihm zu hell vor, und die Pflanzen beunruhigten ihn."

Auf seiner Russlandreise diagnostiziert Humboldt einen Stein, den ihm ein Jugendlicher zeigt, als Diamanten. Man bewundert die diagnostische Meisterleistung: "Nur wenige Wochen im Land und schon den ersten Diamanten Russlands gefunden." Als Humboldt abwehrt, er habe den Stein ja nicht gefunden, sondern bloß erkannt, rät ihm sein deutscher Begleiter, diese Richtigstellung nicht zu veröffentlichen. "Es gebe eine oberflächliche Wahrheit und eine tiefere, gerade als Deutscher wisse man das." Das ist die schärfste Spitze gegen den deutschen Tiefsinn. Die Nichtanerkennung der Fakten zugunsten der "Wahrheit" wird hier einfach zur Methode des Lügens.

Eugen, der Sohn von Gauß, ist die wichtigste Kontrast- und Alternativfigur des Buches. Ihm gehört das letzte Kapitel. Auch er fährt, wie seinerzeit Humboldt, nach Amerika, allerdings ins Exil, aus politischen Gründen von Preußens despotischem Regime verurteilt, in das Gauß und Humboldt reibungslos passen. Als man, wie Humboldt, in Teneriffa zwischenlanden muss, lehnt er sich in einem Garten an einen imposanten uralten Baum, denselben, an dem auch Humboldt gewesen war, schließt die Augen und genießt den Schatten. Das ist der andere Umgang mit Natur. Humboldts Glück hatte darin bestanden, Namen und Alter des Baumes zu wissen (Drachenbaum, Jahrtausende). Eugens Glück besteht im Erleben.

Zwei sozial- und humandefekte Abstraktionsgenies vertreten den deutschen Geist ihrer Zeit. Kehlmann (halber Deutscher, von seiner Mutter her) legt eine dezent-ironische Abrechnung mit diesem Geist vor, der sich vielleicht in besonderem Ausmaß den Blick hinter die Dinge als Kulturleistung gutschreibt und ihm entsprechend bereitwilliger den Blick auf die Dinge opfert. Am konkreten lebenden, leidenden Menschen sind beide Helden nicht interessiert. Hinter dem menschenfreien Rationalismus der Wissenschaftler, der die Welt kaltstellt durch Begriff und Zahl, macht Kehlmann in Andeutungen auch eine seiner historischen Folgen greifbar: die kalkulierte Ausbeutung des Menschen und der Natur ab dem 19. Jahrhundert. Die vorgenommene "Vermessung der Welt" wird im Verlauf des Buches und aus mehreren Gründen ein immer fragwürdigeres Unternehmen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 1206 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online