Die Verletzung von Anna Enquist, 2001, LuchterhandDie Verletzung.
Erzählungen von Anna Enquist (2001, Luchterhand - Übertragung Hanni Ehlers).
Besprechung von Hermann Wallmann in der Frankfurter Rundschau, 25.7.2002:

Pygmalions Trick
Anna Enquists Erzählungen hüpfen leichtfüßig über das leere Zentrum aller Kunst. Und flirten mit Nabokov

Nach längerer Abwesenheit kehrt die Lyrikerin Helena Livaert anlässlich einer exklusiven Lesung nach Delft zurück. In Anwesenheit des Kronprinzen trägt sie einen Zyklus von Vermeer-Gedichten vor. Während der Pause muss sich ihr Agent von ihr verabschieden, der ihr die Wiederbegegnung mit der verhassten Heimatstadt hatte erleichtern wollen. Die Lesung wird trotzdem zu einem Erfolg. Aber Helena wird dann weniger von der hochgemuten Gesellschaft absorbiert als von einem Unbekannten, der mit sanfter Aufdringlichkeit ihre Nähe sucht und später auf dem Empfang die Dinge so zu steuern vermag, dass er mit ihr allein bleibt .

Nachdem sie miteinander geschlafen haben, gesteht er ihr, dass er sie ausgesucht habe: "Jahrelang habe er verfolgt, was ich machte, habe alles gelesen, was ich geschrieben hätte, jedes Interview gelesen." Aber "ausgesucht" hat er sie nicht nur aus erotischen Gründen. Er will mit ihr ein Geheimnis teilen. "Vermeer", antwortet er auf ihre Frage. "Als du heute abend gelesen hast, sahst du genauso aus wie die Briefleserin. So konzentriert, so ruhig. Da war ich mir sicher: Dir werde ich es zeigen." Und was er ihr zeigt, ist ein Fund, auf den er bei einer Renovierung gestoßen sei, ein in Leder gewickeltes verschollenes Vermeer-Gemälde, das in einem Katalog aus dem Jahr 1696 so beschrieben ist: "Allwo ein Seigneur seine Hände waschet, in einem durchschauenden Raume, mit Bilden, gar köstlich und rar."

Angesichts des Bildes erlebt Helena eine Art Persönlichkeitsauslöschung: "Da ist keine Erinnerung an Körperhaltung, Muskelgefühl, Augenbewegungen. Da ist nur das Bewusstsein der grünen Jacke, eines Grüns, das ins Blaue spielt; die Verwunderung über die Wassertropfen, die von den ineinandergeschlungenen Händen in die Schüssel fallen; das Erkennen von Vermeer. Ich war in dem Gemälde, ich war eins mit ihm, und ich weiß nicht, wie lange das angehalten hat." Tags darauf ist der Fremde verschwunden, er hat ein paar Zeilen hinterlassen, Helena fährt verstört nach Hause zurück und schreibt einen Brief an den Konservator des "Gouden Eeuw Kabinet", sie will wissen: "Was habe ich gesehen?" Sie bekommt von ihm den Hinweis auf den Katalogtext, doch als sie einige Zeit später nach Delft zurückkehrt, lässt sich die Identität ihres Liebhabers ebensowenig ausfindig machen wie das nächtliche Haus und das Bild mit dem "Seigneur", der seine Hände wäscht.

Die niederländische Psychoanalytikerin und Pianistin Anna Enquist legt nach zwei Romanen und einem Gedichtband jetzt eine Sammlung von Erzählungen vor, die feinnervig miteinander korrespondieren. In einer Geschichte vom Bildverlust verschränkt sie Helenas Versuche, in dem Brief an den Konservator so genau wie möglich zu sein und dennoch sich selber nicht zu verraten, mit Erinnerungen, die bis in ihre Kindheit zurückreichen, und der ratlosen Vergegenwärtigung der Lesung und der Nacht mit dem fremden. Obwohl der Sachverständige sie bedrängt, verweigert sie ihre Mitarbeit an weiteren Nachforschungen: "Seither sehe ich das Gemälde. Es gehört mir, ich kann es besichtigen, wann immer ich möchte." Und dann verbindet der letzte Absatz der Erzählung einige Bilder Vermeers zu einer Anverwandlungsgeschichte, die eine ähnliche Wirkung auslöst wie Helenas Lyrik.

Einmal lässt Anna Enquist ihre Heldin der Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass ihre Gedichte so erfolgreich seien: "Sie schlucken alles von mir, nur weil Livaert draufsteht, so wie ich alles verschlinge, wo Nabokov draufsteht, so wie sich eine Kuh auf jeder Wiese zum Gras hinunterbeugt, weil es grün ist." Diese vegetative Nähe zu Nabokov zeigt sich bei Anna Enquist an den unscheinbarsten Stellen. In fast jeder dieser zehn Alltagsgeschichten kommt so etwas Banales wie Fußball vor. So handelt die Titelgeschichte von einer Sportverletzung, und der "Mann, der Enttäuschungen liebte", ist ein emeritierter Kicker. In dieser Erzählung kommt ein Motiv vor, das in der abschließenden Geschichte des Bandes fast wortwörtlich wiederkehrt: "Gab es wohl eine Choreographie für Fußballspiele, so dass man ein besonders gelungenes Spiel in Gänze wieder einstudieren könnte?"

Was auf der Handlungsebene der Geschichte wie ein sekundenkurzes Gedankenspiel aufblitzt, transformiert eine existentiell poetologische Idee von Vladimir Nabokov: Dass es in der Wirklichkeit Erscheinungen gibt, denen ein ästhetisches Kalkül zu Grunde zu liegen scheint. Und umgekehrt: Es war Kunst - so hat Ovid es über Pygmalions Geschöpf gesagt -, die verdeckte, dass es Kunst war. Und es ist Anna Enquists leise Kunst gewesen, die verdeckt, dass es das Bild von Vermeer nicht (mehr) gibt.

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