Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land.
Roman von Gianrico Carofiglio (2009,
Goldmann).
Besprechung von Liliane Zuuring in der WAZ vom 6.3.2009:

Gefährliche Vergangenheit
Einst war er einer der prominentesten Antimafia-Staatsanwälte, jetzt berät er die Regierung. Für Aufsehen sorgten aber auch die Romane des Gianrico Carofiglio. Sein jüngster führt drei Einzelschicksale in Bari zusammen.

Giorgio ist ein mustergültiger Jurastudent. Sein Leben scheint vorgezeichnet. Bis er auf Francesco trifft, einen Falschspieler, der ihn in seinen Bann schlägt. Tenente Chiti jagt einen Serienvergewaltiger. In Bari spielt Gianrico Carofiglios "Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land", das drei Einzelschicksale zeigt, die sich doch für eine kurze Weile miteinander verweben.

"Alles lief auf den Epilog hinaus, wie eine Billardkugel ins Loch gleitet, ruhig und leise, einem leichten und verhängnisvollen Anstoß folgend": Giorgio ahnt früh sein fatales Abgleiten - und kann doch nicht zurück. Geld, Spannung, vermeintliche Macht locken und lassen alles andere in den Hintergrund rücken. Familie, aber auch Ereignisse wie die Niederschlagung der Studentenrevolte in Peking oder der Berliner Mauerfall tangieren ihn nicht mehr. Dennoch bleiben Glück und Erfüllung aus: "Zwei oder drei Tage vorher hatten Hunderttausende Ostdeutsche die Mauer niedergerissen und waren auf die andere Seite gelangt, während sich mein Leben sinnentleert voranschleppte."

Francesco, vom Vater verlassen, findet es "in gewisser Weise, in einer universellen Dimension" ehrlich, beim Kartenspielen zu betrügen. "Wir entziehen die Beherrschung der Situation dem Zufall und nehmen sie in unsere Hände." Menschen würden sich eh ständig betrügen, wollten es nicht einmal merken, so sein Credo.

Tenente Chiti leidet an Kopfschmerzen - und am frühen Selbstmord seiner Mutter, an seiner vom Vater vorgegebene Karriere als Carabiniere. Er passt sich dem System an, hört auf, Rechtschreibfehler in Kollegenberichten zu korrigieren, weil es eh niemanden interessiert. Er hadert mit sich: "Er sah sich im Spiegel an (...) und verspürte den Impuls, alles kaputtzuschlagen. Die reflektierende Oberfläche ebenso wie das reflektierte Bild. Es lag eine Art kalte Wut in diesem Impuls. Auf diese banale Oberfläche; auf diese ganze Gestalt (...), die so anders war als die, die er in seinem Innern trug. Splitter, Fragmente, Dämpfe, brennende Lava, Schatten, Feuerschein. Plötzliche Schreie."

Der Ex-Antimafia-Staatsanwalt Carofiglio, der in Italien mit drei Romanen um den Anwalt Guerrieri bekannt wurde, hat Giorgio als Ich-Erzähler angelegt. Doch wie es Chiti ergeht, erfährt der Leser aus der auktorialen Perspektive. Langsam laufen die Erzählstränge in drei Kapiteln aufeinander zu. Mal nimmt sich Carofiglio, der für den 2008 in Italien verfilmten Roman den renommierten "Premio Bancarella" erhielt, Zeit für ausschmückende Beschreibungen, dann wieder zeichnet er regieanweisungshaft einen Ort: "Der Hof einer Siedlung mit heruntergekommenen Sozialwohnungen." Er blickt ausdauernd in die Seelen, nimmt dann wieder Tempo auf, greift zu unvollständigen, kurzen Sätzen.

Moral, Schicksal, die Grenze zwischen Gut und Böse, die Last der Vergangenheit sind große literarische Themen, die gelegentlich ermüden können - aber nicht, wenn Carofiglio sie aufgreift. Denn er geht sie mit einer Leichtigkeit und Spannung an, die hoffen lässt, dass ihm sein Engagement als Berater der italienischen Regierung für den Bereich organisierte Kriminalität und sein Sitz im italienischen Senat genug Zeit lassen für weitere Romane.

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