Die Verdächtige von Judith Kuckart, 2008, DuMont

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Die Verdächtige.
Roman von Judith Kuckart (2008, DuMont).
Besprechung von Katharina Erlenwein aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.8.2008:

Kuckart liest beim Erlanger Poetenfest
Die Autorin trägt aus ihrem neuen Roman «Die Verdächtige» vor

Judith Kuckart gehört seit Erscheinen ihres ersten Romans «Wahl der Waffen» 1990 zu den etablierten deutschen Autoren. Am 30. August liest sie um 17 Uhr beim Erlanger Poetenfest aus ihrem neuen Roman «Die Verdächtige».

Es geschah in der Geisterbahn. Nicht der Mord, den Robert aufzuklären hat, aber die seelische Verletzung, die die Mörderin erst dazu brachte, ihren neuen Geliebten zur Strecke zu bringen. Geisterhaft taucht diese Marga danach immer wieder in Roberts Leben auf, etwas eigentümlich im Gehabe, aber offenbar anziehend für den Polizeibeamten, der mit knapp vierzig auf die Trümmer seiner Ehe blickt und auch sonst eher depressiv wirkt. Obwohl er das Glück hat, auszusehen wie George Clooney.

Judith Kuckart hat in ihrem neuen Roman «Die Verdächtige» einen Kriminalfall quasi als Szenenbild genommen, um davor die Midlife Crisis ihres Protagonisten zu inszenieren. Dabei baut sie anfangs eine Spannung auf, die sich aber zusehends ins Nichts verflüchtigt.

Unentschlossene Haltung

Das Problem des Romans ist seine Unentschlossenheit. Kuckart beherrscht zweifellos die filmische Erzählweise mit Sprüngen zwischen zwei Spielorten, verschränkten Handlungssträngen und atmosphärischen Bildern. Diese Liebesgeschichte spielt - ganz passend zur Stimmung - in grauen Novembertagen. Bis Robert den Mord geklärt hat, wird das Wetter zunehmend kälter, und zudem muss er noch eine Vortragsreise zum Thema «Kälteidiotie» absolvieren. Diese Kälte begleitet auch seine anfängliche Romanze mit Marga, der letzten Person, die das Mordopfer lebend gesehen hat und die den Mann auch vermisst gemeldet hat. Dass sie den Ermittler offenbar verfolgt, ihn in seiner Trauer um die gerade ausgezogene Ehefrau so bezirzt, dass sie eine gemeinsame Nacht verbringen, macht das ganze noch lange nicht zur glühenden Liebe. Robert ist offenbar nur der einzige, der sich an Margas seltsamem Verhalten nicht stört.

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Die Verdächtige von Judith Kuckart, 2008, DuMont2.)

Die Verdächtige.
Roman von Judith Kuckart (2008, DuMont).
Besprechung von Roman Bucheli in Neue Zürcher Zeitung vom 30.8.2008:

Dem inneren Winter entrinnen
«Die Verdächtige» – Judith Kuckarts hinreissender Roman von zwei todtraurigen Glückskindern

Judith Kuckarts Roman «Die Verdächtige» tut gerade so, als wäre er ein Krimi: mit Kriminalbeamten und Verschwundenen, mit Zeugen und Verdächtigen, mit Schiessereien und halbverwesten Leichen. Im Grunde aber ist der Roman ein Märchen, und seine beiden Hauptfiguren sind traumverlorene Gestalten, sie sind Kinder der Melancholie und des Glücks gleichermassen, fremd im Leben und allein, auch wenn sie in Gesellschaft sind. Ein seltsames Schicksal hat sie auf ihren Umlaufbahnen in einer Kleinstadt zusammengeführt; ohne darüber zu erschrecken, werden sie von der Schwerkraft des anderen angezogen.

Delikte gegen das Leben

Eigentlich hatte Marga Burg eine Vermisstenanzeige aufgeben wollen. Der Mann, den sie liebe, so sagt sie, sei zwei Wochen zuvor in der Geisterbahn verschwunden. Der Fall wird jedoch Robert Mandt zugewiesen, Kriminalhauptkommissar beim KK 11, zuständig für Delikte gegen das Leben. Robert glaubt in dem Fall nicht an ein herkömmliches Delikt gegen Leib und Leben; dennoch nimmt er sich der Sache an. Gut möglich, dass er vermutet, das Verschwinden des Mannes könnte mit einem Verbrechen in Zusammenhang stehen. Wohl aber erkennt er in dem Kindergesicht der jungen Frau sich selbst, als schaute er in die Schmerzzonen seiner eigenen Existenz. Er weiss es da noch nicht, aber er ahnt es, hört es aus ihren mitunter etwas verworrenen Antworten heraus, sieht es an ihren fahrigen Gesten, dass Marga vom Leben beschädigt ist – nicht anders als er selbst. Ohne es selbst und ganz zu wissen, sind sie beide Opfer eines Delikts gegen das Leben; im Gegenlicht des anderen finden sie sich als ihresgleichen.

Marga lebt, seit Vater und Mutter tot sind, mit ihrem völlig verfetteten und infantilisierten Bruder und einer Katze in der gänzlich verwahrlosten Elternwohnung, unfähig, im Leben richtig Fuss zu fassen, als hätte es ihr die ganz Kraft geraubt, die Schrecken der Kindheit zu bannen. Religionswissenschaften habe Marga studiert, berichtet ihr Bruder, und über eine jüdische Dichterin promoviert, doch arbeite sie nun beim Strassenverkehrsamt. Auch Robert lebt allein, getrennt von seiner Frau, erschöpft von der Ehe, verfolgt von den stillen Furien einer Kindheit, die ihm als einzigen Lichtblick das französische Nachschlagewerk «Le Petit Robert» und im Nachlass des früh verstorbenen Vaters eine Sammlung von Bob-Dylan-Platten eingebracht hatte.

Kälteidiotie heisst das Phänomen, über das Robert gelegentlich in rechtsmedizinischen Fachvorträgen referiert: Sie tritt ein, wenn bei fortschreitender Unterkühlung ein Erfrierender die Kälte als Wärme empfindet und sich die Kleider vom Leib reisst. Nicht anders verhält sich Robert in der Begegnung mit Marga. Als sie sich vorübergehend den Geisterbahnbetreibern anschliesst, fällt ihr die Aufgabe zu, mit eisiger, an einem Kälteaggregat gekühlter Hand die Geisterbahnbesucher zu erschrecken. Es hätte Robert eine Warnung sein müssen; er aber fühlt sich, seinerseits innerlich ermattet von einer unstillbaren Liebessehnsucht, zu der kühlen, undurchschaubaren Frau hingezogen. Auch ein Dresdner Kollege versucht ihn väterlich zu ermahnen: «Die hat einen Schatten, und nicht nur unter den Augen.» Doch gerade an dem verschatteten Blick, dem er sich nicht entziehen kann, erkennt er die eigenen dunklen Zonen.

Judith Kuckart hat die beiden Figuren auf verwirrlich-betörende Weise als Spiegelbilder angelegt, wobei Robert mit einem Bein in der Normalität, Marga jedoch mit einem im Wahnsinn steht. Für einen Augenblick mögen sie daran geglaubt haben, sie könnten sich in einer imaginären Mitte finden und einander im Leben halten. Während es hingegen dem Leser für einen Augenblick danach aussieht, als würden nun beide vom Abgrund verschlungen, von dem sie sich doch fernzuhalten versuchen. Wahn oder Wirklichkeit, Traum oder Realität: Die Grenzen verwischen sich, und Judith Kuckart unternimmt alles, um die Leser im Dunkeln tappen zu lassen. Sie legt falsche Fährten aus, verwischt Spuren, macht Andeutungen und geht Umwege.

Dennoch hat alles seine innere Stimmigkeit, es fügt sich in der Erzählung eins zum anderen, und immer dichter wird zuletzt das Netz der Figuren, in das dieses seltsame Paar – der Kommissar und seine Zeugin, die alsbald unter Tatverdacht steht – in einem emphatischen Sinn des Wortes eingebunden wird. Droht Robert zu fallen, wird er aufgefangen von Frauen, die es gut mit ihm meinen: von seiner Ex-Frau, von der unbekannten Frau von nebenan, von seiner Arbeitskollegin. Es hilft nicht gegen seine Melancholie, aber gegen den «inneren Winter»: Es hält ihn in der Wirklichkeit.

Marga hingegen geht unbeirrt und unaufhaltsam ihren Weg in die verdüsterte Welt des Wahns. Auch sie wird begleitet und nicht fallengelassen: von Robert zuerst und solange er kann, von der Geisterbahnbesitzerin sodann und zuletzt im finalen Verhör von Roberts Kollegin beim Kommissariat. Kein Melos und kein Pathos gestattet sich Judith Kuckart an dieser Stelle: In nüchternen, erschreckend sachlichen Sätzen lässt sie Marga berichten, was geschehen war und aus ihrer Sicht hatte zwingend geschehen müssen. Und nur an dem dünnen Riss in ihrer Welt, der Wahn und Wirklichkeit messerscharf trennt, erkennt man, wie sie allmählich wegdriftet aus dem verständigen Dasein. «Sie war mit dieser Welt nicht verbunden», soll sie einmal Robert gegenüber gesagt haben.

Unstillbares Verlangen

Judith Kuckart hat mit «Die Verdächtige» nicht nur den Kriminalroman als Märchen noch einmal neu erfunden. Zwar handelt der Roman auch von der Aufklärung eines Tötungsdelikts. Und er erzählt auch von der unheilvollen Zuneigung zweier Liebender, die ein ungeschriebenes Tabu zu verletzen scheinen. Gar mündet er zuletzt in die Andeutung einer neuen, gelingenden Liebe.

Doch Judith Kuckarts Roman ist vor allem eine vollendete Studie über die Melancholie des Verlassenen, die langen Schatten einer einsamen Kindheit, die Angststarre im Leben und die magische Anziehungskraft, die von solchen verlorenen und innerlich gebeugten Menschen ausgeht. Und immer muss man dabei ein wenig an die Kunstmärchen der Romantiker denken, die von wahnsinnigen, betörend schönen Frauen bevölkert waren, die von Männern erzählten, die sich in Sehnsucht nach dem Glück verzehrten und sich mit den Ihrigen ins Verderben stürzten. Dieses unstillbare Verlangen hat Judith Kuckart in sinnlich betörende Bilder übersetzt.

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Die Verdächtige von Judith Kuckart, 2008, DuMont3.)

Die Verdächtige.
Roman von Judith Kuckart (2008, DuMont).
Besprechung von Klaus Zeyringer aus Der Standard, Wien vom 20.9.2008:

Das Leben, eine Geisterbahn
Über das Anziehende, den Schrecken und das Dunkle im menschlichen Leben: Judith Kuckarts poetische Krimiform mit Tiefgang

Der Anfang allen Schreckens ist das Schöne, sagt die Titelfigur in Die Verdächtige, dem neuen Roman von Judith Kuckart, der sich hintergründig um Anziehung und Abweisung, Einsamkeit und Angst dreht. Zu Hauptkommissar Robert Mandt, der George Clooney ähnelt und kürzlich von seiner Frau verlassen wurde, kommt die merkwürdig faszinierende Marga Burg: Ihr Freund Mathias sei vor zwei Wochen in der Geisterbahn auf der Kirmes verschwunden, "wie eine Faust verschwindet, wenn man die Hand öffnet" . Die Ermittlungen auf Verdacht, die der melancholische Robert mit seiner jungen Kollegin Nico anstellt, führen zum Personal der Geisterbahn, in eine Filmproduktionsfirma, in fremde Wohnungen und in das eigene Innere. Nachdem der Krimi nicht mehr prinzipiell zu den minderen Genres gezählt wird, bietet er offenbar vielen Schriftstellerinnen eine adäquate Gattung, um mit Geschichten Spannungsbögen hinter Fassaden zu zeigen - in Margit Schreiners jüngstem Prosawerk klagt die erzählende Autorin, alle Kollegen würden sich neuerdings dem Krimi verschreiben. Juli Zehs Schilf und Lilian Faschingers Stadt der Verlierer kommen in den Sinn; und nun fasst der Klappentext Kuckarts sehr ansprechenden Roman bündig zusammen: "Eine Liebesgeschichte wird zum Krimi".

So simpel allerdings gibt es Kuckart nicht. Mag auch ihre Sprache meist schnörkellos, artistisch unbemüht klingen, so liegen doch - dem literarischen Programm angemessen, immerhin sind Kulissen ein Hauptthema - hinter den präzisen Sätzen einige Bruchstücke von Welten. Hier treffen sich Abbildungs- und Einbildungskraft. Von Anfang an unterlegt Kuckart Die Verdächtige mit einem feinen Subtext, der Verdachtmomente und Positionen, die Narration und ihre Formen reflektieren lässt. "Sie saß mit dem Rücken zur Tür", beginnt der erste von fünf Teilen mit dem für Ermittlungen wie Erzählung wesentlichen Aspekt, der Perspektive, sodann mit dem Mantelmotiv und der Einschätzung: "War sie sechzig? [...] War sie jung, siebzehn oder so?" Der folgende Satz ist eine jener unaufgeregten Wendungen, die Kuckarts künstlerische Wendigkeit bündelt: "Als sie sich zu ihm umdrehte, war sie Ende dreißig. Es war Sonntag." Das Umdrehen, die Zeiten, Raum und Vorstellungen und eine nicht gleich einsichtige Verbindung von Sätzen spielen ebenso eine bedeutende Rolle wie der Text hinter dem Reden. "Unter dem Satz lag ein zweiter" , steht in dieser Szene, mit der Kuckart in ihren Roman führt, der zugleich eine packende Erzählung von Existenzen und Existenziellem, ein Krimi und sein Umspringbild ist.

Je nach Perspektive verändert sich im Umspringbild die Darstellung. "Das war nicht gut, das war nicht schlecht" , heißt es bei der Annäherung von Robert und Marga; "kein Ort ist Heimat, jeder Ort ist Heimat" , sagt sie im deutschen Osten, wo er einem Kollegen erklärt, Paradoxien seien "zwei Wahrheiten, die gleichzeitig gelten" . Roberts Vortragsreise zur Polizei nach Leipzig und zunächst Dresden, wohin ihm Marga nachfährt, ist ein leichtes Umspringen der Spurensuche in eine Liebesfährte. Bis auf den zurückgekehrten Hauptkommissar geschossen wird. Wer wollte den Ermittler töten, wo ist der verschwundene Mathias, lebt er noch, was ist mit Margas schwergewichtig behindertem Bruder? - das sind die Rätsel, die die Erzählung weitertreiben, ebenso wie die Fragen der Identitäten hinter den Stimmen und der Wahrheiten hinter den Beobachtungen.
Der Krimi ist ja die Gattung, in der es um Wahrheit und Lüge geht, und dies macht sich Kuckart für ihre Spurensuche zunutze. Sie schildert meist aus der Er-Perspektive des Kommissars - auch in dieser Hinsicht gibt es, etwa im abschließenden Verhör, Umspringsituationen. Seinen genauen Bebachtungen des Umfeldes, von Einrichtungen oder ganz knappen Straßenszenen, entspricht die Erzählweise. "Beschreiben half" , denkt er. "Beschreiben machte, was man sah, sichtbar." Und so hat es bisweilen den Anschein, als rücke das Rundherum in den Mittelpunkt und die Ermittlungen blieben peripher. Der Bahnhofsplatz in Herne II liegt da als "Vorplatz vom Mond, mit seinen unzähligen Bushaltestellen zwischen Leere und Leere" . Und auf der Kirmes sieht Robert das Kinderkarussell, "auf dem die ewigen Schwäne einer verlorenen Kindheit ihre Runden zogen" - wer die Melancholie nicht kenne, bemerkt er, "versteht nur die Hälfte".

Es sei ein Mord, den jeder hätte begehen können, sagt Marga und mag eine Spur zu Doderers (fast) so betitelten Roman antippen, mit dem Die Verdächtige einige Motive verbinden.

Was denn die Erinnerung, was die Wirklichkeit sei, diese seit langem zentrale literarische Erkenntnisproblematik schwingt bei Kuckart immer mit. Ob er bereits in der Kulisse gelandet sei, überlegt sich der Hauptkommissar: "War Wirklichkeit vielleicht nur eine wacklige Vereinbarung, aus der man herausfliegen konnte" ...

Judith Kuckart legt hier ein packendes, eindringliches und poetisch dichtes Prosawerk über das Anziehende, den Schrecken und das Dunkle im menschlichen Leben vor.

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Die Verdächtige von Judith Kuckart, 2008, DuMont4.)

Die Verdächtige.
Roman von Judith Kuckart (2008, DuMont).
Besprechung von Jens Dirksen in der NRZ vom 13.11.2008:

Marga und der Typ, der aussieht wie Clooney
Eine Einladung zum Verfilmen: Judith Kuckarts Roman "Die Verdächtige".

Judith Kuckart legt es stets aufs Neue darauf an, ebenso schöne wie verstörende Bücher zu schreiben, karg bis elegant erzählte Romane von herausragender Merkwürdigkeit. Das war schon beim ersten Buch der ehemaligen Tanz-Studentin an der Folkwang-Hochschule so, die schnell von Johann Kresnik als Assistentin für sein Stück „Pier Paolo Pasolini" engagiert wurde. „Im Spiegel der Bäche finde ich mein Bild nicht mehr" hieß Judith Kuckarts Band mit Essays, die Else Lasker-Schüler 1985 auf der Suche nach einer weiblichen Ästhetik umkreisen, und genau so ein Satz wie dieser Titel könnte auch in ihrem jüngsten Roman stehen, der einer ihrer besten ist.

Die Kunst des Paukenschlags

Die Story fängt mit lauter kunstvollen Paukenschlägen an: Marga Burg, die nicht nur heißt, als wäre sie 60, sondern auch so gekleidet ist, geht zur Polizei – und trifft dort einen Kommissar, der aussieht wie George Clooney. Eben dieser Marga ist bei einer Fahrt auf der Geisterbahn Mathias abhanden gekommen, ihr Freund, der neben ihr saß. Das ist zwei Wochen her, und Marga in Wahrheit Ende 30, aber in diesem Roman ist nicht nur die Zeit aus den Fugen. Margas Bruder zum Beispiel, ein hochgradig eigenwilliges Dickerchen, „mit den Jahren um einen Kern Kind herum mehr und mehr verfettet", Liebhaber von Comics und Kreuzworträtseln, der mit seiner Schwester in einer Wohnung haust, seitdem die Eltern tot sind.

Kommissar Robert, der gerade dienstplanhalber von seiner Frau verlassen worden ist, ermittelt zusammen mit seiner mehr als klugen Kollegin Nico, wo denn der ominöse Mathias abgeblieben sein könnte. Eine Leiche gibt es nicht, aber es werden Schüsse fallen, unvermittelt und unberechenbar.

Hier ist nicht immer psychologisch bis ins Detail erschlossen, aber das ist, das hat Stil: Den Figuren einen Rest von Rätsel zu lassen, mal mehr, mal weniger groß. Und sie mit schönen Sätzen einzukleiden, von denen manche allerdings schon von ferne am Horizont zu winken scheinen: „Schau nur, ich bin ein schöner Satz!"
Der Roman hat eine überaus stimmige, ganz eigene Atmosphäre, die mit dem Geisterbahn-Motiv schon gleich zu Beginn angeschlagen wird; aus diesem Reich des Ungefähren, Ungewissen aber ragen Judith Kuckarts Beschreibung des Polizeialltags, der Polizeiarbeit heraus – selbstverständlich in Ausschnitten, aber in überaus authentischen, die im Gegensatz zur fraglichen Realität keine Sekunde langweilig wirken, sondern in überaus bildhafter Sprache und in plastischen Bildern. Die, zusammen mit der wendungs- und spannungsreichen Story, zu einer Verfilmung geradezu einladen.

Fragt sich nur noch, wer George Clooney in der männlichen Hauptrolle bezahlen kann. (NRZ)

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