Die Unvollendeten von Reinhold Jirgl, 2003, HanserDie Unvollendeten.
Roman von Reinhard Jirgl (2003, Hanser).
Besprechung von Martina Meister in der Frankfurter Rundschau, 25.3.2003:

1fach vollendet & dunkel
In seinem großartigen Roman "Die Unvollendeten" steigt Reinhard Jirgl wieder tief in die "doitsche" Geschichte hinab

Reinhard Jirgl benutzt die Worte wie Farben. Über die vielen Jahre, die er schreibt und die wenigen, die er veröffentlicht, ist er zu einem großen Landschaftsmaler geworden, der sein eigenwilliges, melancholisches Bild von dem malt, was er "Doitschland" nennt. Er bewohnt dieses Land wie ein ewig Fremder, dem nichts bleibt als die Sprache, um sich darin einzurichten. Deswegen hat er sie zurechtgebogen, hat eine Geheimschrift sich geschaffen, seine ganz eigene Orthographie, eine Syntax gleich dazu, ganz so, als beherrschte er das Deutsche nicht, was so falsch vielleicht nicht ist. Denn sie ist es, die Sprache, die ihn beherrscht.

Jirgl hat ein Vexierbild aus Worten geschaffen, ein zauberhaftes Sprachkunstwerk, das ständig verändert, was es zeigt. Eine Stadtlandschaft ist da zu sehen, Berlin, Senefelder Platz. Aber dieses Bild der Gegenwart hat seinen Fluchtpunkt in der Zeit. Weit liegt er zurück, im Spätsommer 1945. Man sieht drei Frauen auf der Flucht. So beginnt sein großartiger Roman Die Unvollendeten. Hanna und Maria, zwei Flüchtlinge aus Sudetenland, Schwestern sind es, auch Johanna, die Mutter ist mit dabei, eine Siebzigjährige. Vertriebene sind es, aber das Wort bekommt hier eine völlig neue Farbe. Längst wären die beiden Schwestern untergekommen, in München sogar, ohne die Mutter, aber wer seiner Familie den Rücken kehrt, wiederholt Hanna immerfort, der tauge nichts. Diese Lebensregel ist der einzige Wert, den sie in das neue Leben hinüberzuretten versucht.

Als sie nach einem halben Jahr in Wagons und Flüchtlingstrecks endlich dort angekommen, wo sie bleiben dürfen, verrät die erste Landschaftsbeschreibung, dass dies Heimat für sie nie wird sein können: "Als sie dort 1trafen, regnete der April in grauen Fäden auf endlos scheinende schwarz dahingebreitete Erde herab, die bei jedem Schritt an den Schuhn in Batzen kleben blieb, in Pflugfurchen glänzend schäumiges Wasser. Und den Horizont entlang, wie von dunklem Fettstift geschmiert, Kiefernwälder als seis der Trauerrand um die Kondolenzkarte für ein tischflaches Land -. Nun waren auch die Berge des Erzgebirges endgültig im-Krieg geblieben."
In wenigen Sätzen lässt Jirgl die Themen seines Buches anklingen, hier verdichtet er bereits, ein Virtuose der Sprache, die großen Dramen des Lebens, in einem einzigen Bild. Das Buch selbst trägt diesen Trauerrand der Kondolenz. Es erzählt von Heimat. Vom Phantomschmerz, den ihr Fehlen hinterlässt. Es erzählt auch vom Tod, diesem ungerechtesten aller Zensoren, der uns am Ende alle zu Unvollendeten macht. Auch hier wieder geht es um einen Phantomschmerz, aber um einen, den der Mensch selbst am Menschen hinterlässt.

Die Hauptfigur, von der wir noch nicht ahnen, dass sie es sein wird, weil der Faden der Erzählung samt Spindel von Generation zu Generation gegeben wird, macht mit ihm, dem Tod, als Achtjähriger Bekanntschaft. Es ist die Urgroßmutter Johanna, in deren winziges, regloses und mit einem Mal unbekanntes Gesicht das Kind blickt, bis eine Hand am Hinterkopf das Gesicht des Kindes energisch in das der toten Urgroßmutter drückt: "auf mich zukommend der offene Mund, groß wie der Buchstabe O IM SCHWARZEN WORT TOD". Das Kind begriff damals, so rekonstruiert es der Erwachsene, als er sein eigenes Todesurteil in den Händen hält: "Alle Worte wären in diesem SCHWARZEN O, lägen auf seinem Grund, doch sie würden ausbleiben ohne Wiederkehr."
Es geht, das ist spätestens hier zu ahnen, und das ist das eigentlich Unerhörte dieses Buchs, um den eigenen Tod. Jenen also, den es gar nicht gibt, der ganz lange Zeit überhaupt nicht zu existieren scheint und sich dann, langsam oder auch sehr plötzlich, in das eigene Leben einschleicht, der sich dort breit macht, einnistet, ungefragt Quartier bezieht und in jedem Körper seine eigene Fasson entwickelt, ihm das Memento mori einzuschreiben.

Im Roman geschieht das im dritten und damit letzten Teil. "Jagen Jagen" ist er überschrieben, erzählt wird er aus der Perspektive eines Ich, dessen beiläufiger Zeugung der Leser gerade erst beiwohnte, und das nun, in der Gegenwart, Abschied nimmt vom Leben auf der Station 29b der Berliner Charité, Onkologie. Denn die Todesschrift in diesem Körper ist die des Krebses, des Gefräßigen, "aufgemacht-&-gleichwieder-zugenäht", gegen die der Icherzähler eine andere Schrift, eine andere Erzählung setzt, wie der Leser auf den letzten Seiten erfährt: "Allein für Dich habe ich aus Nächten diese Zeilen geschunden". Die Rede gilt einer Frau, der Frau, die er noch einmal liebt, ihren Leib gegen das Bücherregal gelehnt, die abgestellten Sektgläser klirrend, wie "HAMMERSCHLÄGE", jenen Hammerschlägen, aus denen schon der Sarg der Urgroßmutter gezimmert war, denn was Jirgl hier in einem Bild der Lust verdichtet, ist das stumme Wissen darum, dass Anfang und Ende dicht beieinander liegen, so dicht eben wie der kleine und der große Tod: "aus Deinem Mund dem SCHWARZEN O die rauhen Laute der Gier".

Jirgls Buch, das mag überraschen, ist eine Liebeserklärung, ein großer Liebesroman, einer, gewiss, der sich als solcher erst im nachhinein erschließt. Denn er kreist die Liebe dort ein, wo sie nicht ist; dort, wo sie hätte sein können. Und natürlich: Wo sie ist, aber am Ende rücksichtslos verschluckt wird, vom Tod. Die Liebe ist hier wie die Heimat: die große Abwesende. Deshalb gilt, was auf die Heimat zutrifft, auch für sie: "Die Dimensionen von Heimat für Menschen sind wie Fühlhörner an der Schnecke: die ziehen sich zurück, sobald zum Fühlen Ein Hindernis zu mächtig geworden ist. Drinnen warten sie dann -. Mitunter, und nach dem zigsten Fehlversuch, bleiben die Tastorgane eingezogen FÜR=IMMER."

Komotau heißt der Ort, den Hanna und Maria im Spätsommer 1945 verlassen mussten, die Heimat, in die sie lange hoffen, zurückkehren zu können, bis irgendwann, nach langen Jahren, mit der Heimat auch die Hoffnung stirbt. In Birkheim in der SBZ dürfen sie sich niederlassen, wobei das Wort niederlassen ein reiner Euphemismus ist. Die Unvollendeten erzählt nämlich auch von der furchtbaren Demütigung des Flüchtlingslebens, von Lagern auf feuchtem Stroh, vom Leben in zerbombten, unbeheizten Quartieren, von der Bescheidenheit dreier Frauen, die mit jeder Demütigung noch bescheidener werden, bis sie sich, völlig durchsichtig am Ende, in die DDR, in das neue Leben eingepasst haben, das nie das ihre wird. Wäre es auf irgendeine Art möglich gewesen, ihren eigenen Tod zu verheimlichen, so heißt es von Hanna, niemand hätte erfahren, dass sie nicht mehr am Leben ist: "Sie hätte ihren Tod 1fach nicht zugegeben."
Anna, die Tochter Hannas, ist die einzige, die gegen dieses Leben im Glashaus der inneren Emigration aufbegehrt. Sie will an den großen Lebensentwurf glauben, wirft sich hinein ins Leben, gibt sich hin, erst den Männern, dann dem Beruf, bis sie, spät erst, begreift, dass auch sie wurzellos ist, fremd in dieser eigenen Existenz, Erbin einer Familie ohne Erbe, eine Fremde selbst die Mutter dem Sohn, der eilig gezeugt wurde, von zwei Flüchtlingen, beide auf dem Sprung in ein besseres Leben, auf jenem Terrain also, auf dem Liebe hätte sein können, wenn sich nicht Hass auf ihm hätte entladen müssen. Der Hass des Flüchtlings auf den Verlobten aus gutem Haus, den er, der Flüchtling, während er ein Leben zeugt, zu töten versucht, im schmerzhaften Sex.
Anna wird also Reiner gebären, es wird das Jahr ' 53 sein, das Geburtsjahr des Autors, das darf und muss dem Leser auffallen. Im letzten Teil wird der Leser dem Kind wieder begegnen, als erwachsener Mann, auf der Onkologie, wo er die Familiensaga Die Unvollendeten erzählt, die Geschichte einer Familie, die nichts mehr hat, außer das Sagenhafte, in dem sich das Unsagbare, das Unaussprechliche eingenistet hat, die Liebe und der Tod, die verschiedenen Generationen, die Abschiede und Neuanfänge, die Wirklichkeit und die Literatur.

In dieser Dichte des letzten Teils aber wird das einzige Erbstück versetzt, dass von der Urgroßmutter Johanna über die Großmutter Hanna an die Mutter Anna bis zum Sohn weitergegeben werden sollte: der Glaube an die Familie, die heilige. Denn nur dies hatte man aus Sudentenland gerettet: "Wer seiner Familie den Rücken kehrt, der taugt nichts." Sohn und Mutter aber werden in allem Gleichen nur das Trennende spüren, und in wenigen Sätzen, wie anfangs die Landschaft mit ihrem Trauerrand, wird der nunmehrige Ich-Erzähler die Mutter lebendig beerdigen, deren Fassadenleben Risse bekommt und "alles liegengelassen Ruinierte" hervorbricht: "tiefe Schürfwunden im Gesicht trug sie dann als die offen sichtbaren Ruinen aus diesem inneren Bürgerkrieg. - So der Aus-Klang ihres trotzigen Leben's Lieds. Was ich von der Mutter=Heut noch höre, sind entweder unwillige od rentnerhaft=behäbige Daseinsgeräusche, allesamt wie nach dem letzten Ton Kratzer auf 1 Schallplatte - DIE MÜTTER SIND VON IHREN KINDERN ZU VERGESSEN." Solche Sätze detonieren. Auf einmal lässt sich nachvollziehen, warum die bundesdeutsche Kritik bei allem Lob, das sie für diesen außergewöhnlichen Autor übrig hat, vom "dunkelsten aller deutschen Dunkelmänner" spricht. Das ganze Repertoire psychologisierender und existentialphilosophisch eingefärbter Epitheta, mit dem sein Werk bedacht wird, dient nur dazu, es zu entschärfen. Wie eine Bombe.

Denn einige haben in jüngster Zeit an Tabus gerührt, haben die deutschen als Opfer des Krieges gezeigt, haben Krankengeschichte niedergeschrieben und Familien zerbrechen lassen. Aber dieses Buch ragt heraus: Hier sind das Leben und die Geschichte verdichtet worden. Hier sind die Opfer befreit, von ihrem Selbstmitleid.

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