Die Unsterblichen.
Roman von Ketil Bjørnstad (1999, Kunstmann).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 13.02.2012:

Familie als Zeitbombe
Spektakulärgenau: Ketil Bjørnstadts Roman "Die Unsterblichen"

Am Osloer Holmenkollhügel, wo die Puppenheime stehen und die Finanzkraft groß ist, lebt Thomas Brenner. Arzt ist der 58-Jährige in einer Gemeinschaftspraxis, verheiratet, Volvofahrer und Vater zweier Töchter, die aus dem Gröbsten raus sein müssten mit Mitte zwanzig. Die Mädchen hier gehören "zum Elitärsten, was die westliche Zivilisation hervorgebracht hatte". Auch seine beiden leben von seinem Geld und wollen nicht erwachsen werden. Irgendwas mit Kunst streben sie an, irgendwas mit Schmuck und Ausdruckstanz, irgendwas - so ihr vom Leben müder Vater -, das "der Dummheit des Westens" ein Gesicht gibt.

Dazu ist Annika, die ältere, nach guter Ausbildung in ihr Kinderzimmer zurückgekehrt, das sie zur Facebook-Hölle umgestaltet. Line indes, auch sie mit nur teilrealisiertem Berufswunsch, lässt sich ihre Wohnung finanzieren, eingerichtet bei lKEA: "Kapitalismus als Konformität".

Doch am anderen Ende der Alterspyramide werden die Eltern immer älter, also auch immer unberechenbarer, genauso wie die Kinder. Seine Mutter muss ins betreute Wohnen, sein Vater hat sehr viel Geld verspekuliert, mit seinen Schwiegereltern lebt Thomas nicht besonders gern in deren geräumigem Haus unter einem Dach. Weil alle auf ihre Art pflegebedürftig sind, hat seine Ehefrau Elisabeth mit knapp 60 ihre Arbeit quittiert.

Die Lebenspläne des gutbürgerlichen Ehepaars fürs Älterwerden sahen anders aus: Rotwein im Restaurant, Ausstellungen, Konzerte, reisen, "die Früchte seiner Arbeit genießen". Stattdessen rödelt man im Hamsterrad. Zeitpläne einhalten, Autorität zeigen und gegen das wachsende Gefühl der Unzulänglichkeit angehen. Dazu sticht es in der Herzgegend. Die Zeit ist so, dass immer mehr Antidepressiva und blutdrucksenkende Mittel verschrieben werden müssen.

Ketil Bjornstad, der begnadete Pianist und Romancier Norwegens, hat einen bitter zivilisationskritischen Roman geschrieben, dessen Grundton so elegisch ist wie der seiner Musik. Das Thema liegt auf

»Das Elitärste, was die westliche Zivilisation hervorgebracht hat«

der Hand, ist so klar bisher aber kaum behandelt worden: Wer erarbeitet eigentlich unseren immer noch vorhandenen' materiellen Wohlstand und wie geht es so einem dabei? Ein larmoyanter Ton der Verbitterung färbt diesmal die Bilder dunkelgrau. Nichts an diesem tragisch endenden Buch ist spektakulär - öder alles.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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