Die unsichtbare Frau.
Roman von Siri Hustvedt (1997/2005, Rowohlt - Übertragung Uli Aumüller).
Besprechung von Marcus Neuert, Mai 2010:

Siri Hustvedt, Jahrgang 1955, suchte sich für ihr Romandebut im Jahre 1992 bei Simon & Schuster in New York gleich eine auffällige Form aus: in vier unterschiedlich langen Episoden wird in der Ich-Form von Iris Vegan erzählt, die in New York Literatur studiert und ein treffsicheres Gespür dafür hat, an Männer mit etwas abseitigen Fantasien zu geraten. Das liegt zum einen an ihrer Unsicherheit und Beeinflussbarkeit sowie an der von ihr selbst als etwas provinziell empfundenen Herkunft (wie die Autorin stammt sie aus einer norwegischen Familie in Minnesota), zum anderen an ihrer Faszination für das Andersartige, Verbotene, ja Perverse. So soll sie für den Schriftsteller Morning Gegenstände beschreiben, die einer Ermordeten gehörten und diese Beschreibungen auf Band flüstern. Es bleibt ungeklärt, ob Morning selbst etwas mit dem Verbrechen zu tun hatte. Die psychologische und unterschwellig erotische  Spannung, die Hustvedt in den Dialogen zwischen Iris und Morning aufbaut, würde diesen ersten Teil des Buches auch als eigenständige Erzählung tragen. Unwillkürlich fragt man sich, wie der Roman wohl entstanden sein mag - vielleicht bestand er zunächst aus einzelnen Geschichten, die erst später durch eine Art Rahmenhandlung zu einem Ganzen gefügt wurden. Der zweite Teil handelt von Iris' Beziehung zu ihrem Liebhaber Stephen und dessen Freund George, der als Fotokünstler zur New Yorker Szene gehört. Iris fühlt sich von Stephen emotional und auch körperlich vernachlässigt, bringt aber nicht die Kraft auf, sich von ihm zu trennen. George, bei dem offen bleibt, ob er eventuell bisexuell ist und ein Verhältnis mit Stephen hat, fotografiert Iris in ausgelassener Pose und nimmt das Foto in eine Ausstellung auf, was Iris und auch Stephen als anstößig empfinden. So nimmt diese Episode wiederum das Thema der ersten auf, nämlich die Entkleidung des Ichs durch beständige persönliche Zurücknahme, durch Fremdbeeinflussung. Auch dieser Teil könnte als eigenständige Erzählung entstanden sein, gibt es doch außer der Figur der Protagonistin selbst kaum inhaltliche Überschneidungen zu den anderen Episoden. Im dritten Abschnitt wird Iris Opfer von schweren Migräneattacken, mit denen sich ihr Körper offenbar gegen die ständigen Manipulationen an ihrer Seele zur Wehr setzt. Im Krankenhaus macht Iris die Erfahrung, dass Selbstentfremdung auch durch Schmerz entstehen kann. Hier taucht auch Stephen kurz wieder auf, wobei er ein wenig nachträglich hineingeschrieben wirkt. Die Liebesbeziehung zu Iris ist zu diesem Zeitpunkt der Handlung bereits seit mehreren Monaten beendet. Erst im vierten, dem längsten und letzten Teil bekommen die drei vorangegangenen Episoden so etwas wie einen Zusammenhalt. Iris soll für einen ihrer Professoren, Michael Rose, eine Novelle des fiktiven deutschen Autors Johann Krüger übersetzen, in der es um die sadistischen Tagträume eines Zehnjährigen und um seine damit einhergehenden Schuldgefühle geht. Diese Figur dient Iris als Projektionsfläche für ihre eigenen versteckten und verdrängten Obsessionen, die ja nicht selten gerade bei Menschen vorkommen, deren Sozialverhalten eher unauffällig und angepasst wirkt. Als Mann verkleidet, mit kurzgeschorenem Haar und nur mühsam unterdrückten Gewaltfantasien, treibt sie nachts durch die New Yorker Kneipenszene, wiederum zerrissen zwischen zwei Männern, Professor Rose und dem zwergenhaften, aber sehr suggestiven Kunstkritiker Paris, die beide auf ihre jeweils persönliche Weise mit Iris ihre Psychospiele treiben. Warum sich die Autorin dafür entschieden hat, die einzelnen Episoden zu einem Roman zu vereinen, bleibt unklar. Es mag am zunächst fehlenden "langen Atem" für einen ausgedehnten Prosatext gelegen haben: Hustvedt war bis dahin nur durch die Veröffentlichung des Gedichtbandes "Reading To You" aufgefallen (als zweisprachiges Hörbuch übrigens auch in Deutschland erhältlich). Vielleicht riet ihr auch ihr Ehemann, der Schriftsteller Paul Auster dazu, um das Werk durch den Zusatz "Roman" einer breiteren Leserschaft schmackhaft zu machen, als dies mit einem Band Erzählungen möglich gewesen wäre. Aber das ist natürlich Spekulation und spielt für den Leser letztlich nur eine untergeordnete Rolle. Der Faszination der klaren, ungekünstelten und immer spannenden Prosa von Siri Hustvedt wird er sich hingegen nur schwerlich entziehen können. "Die unsichtbare Frau" stellt dem Leser die immer nur ganz individuell zu beantwortende Frage nach dem eigenen Bewusstsein, seiner Beeinflussbarkeit von außen und den Konsequenzen, die sich daraus für das eigene Verhalten ergeben. Damit hat Hustvedt vorbei an allen literarischen Modeerscheinungen ein fesselndes Werk von bleibender thematischer und schriftstellerischer Relevanz geschaffen.

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