1.) - 4.)
Die
Unruhezone.
Eine Geschichte von mir. Roman von Jonathan
Franzen (2007, Rowohlt - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Christine
Diller im Münchner
Merkur, 13.3.2007:
Mit
Piepsstimme Mädchen beleidigt
Komisch und treffsicher: Jonathan
Franzens autobiografisches Buch „Die Unruhezone”
Die Mittelschicht im Mittelwesten der USA bleibt Jonathan Franzens Thema. Schon im Welterfolg „Die Korrekturen” hatte er 2001 eine Durchschnittsfamilie mit all ihren kleinen Abartigkeiten so unangenehm vertraut geschildert, dass man glauben konnte, es sei seine eigene. Dass sie es nicht ist, aber trotzdem viel mit seinem wirklichen Elternhaus gemeinsam hat, kann man nun in seinem Roman „Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir” lesen.
Allem Anschein nach beschreibt der Ich-Erzähler
die Geschichte des authentischen kleinen Jonathan Franzen, der 1959 in der Nähe
von Chicago geboren wird, in einem Vorort von St. Louis aufwächst und als
Erwachsener nach New York geflohen ist. So selbstkritisch, beschämt, aufrichtig
und versöhnlich klingen seine Geständnisse über die Eltern, die zwei großen
Brüder, die unerreichbaren Frauen und die eigenen Unzulänglichkeiten, dass sie
schon die therapeutischen Züge eines Bewältigungsbuchs annehmen.
Die entspannte erzählerische Distanz der „Korrekturen”, die zugleich
Lächerlichkeit, Grausamkeit und einen liebevollen Blick zuließ, geht hier
verloren. Aber es handelte sich nicht um einen echten Franzen, wäre er nicht
wieder ungemein komisch, sarkastisch und treffsicher. Man muss sich den kleinen
Jonathan offenbar als eher unangenehmen, anstrengenden Buben vorstellen: „Ich
hatte einen großen Wortschatz, eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille,
kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer,
den unwiderstehlichen Drang, lautstark dröge Wortspiele zu machen, eine nahezu
eidetische Vertrautheit mit J.R.R.
Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte
Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump-vertraulich zu beleidigen,
und so weiter.”
Als Kleinster in der Familie hatte Franzen selbst hier einen schlechten Stand,
den er mit dem Anti-Helden Snoopy zu teilen glaubte. Nach amüsanten Deutungen
von „Peanuts” und ihrem Schöpfer Charles M. Schulz widmet sich Franzen
seiner Zeit in christlichen Gruppen und Zeltlagern, seinem Wandel vom
„sozialen Tod” zum immerhin respektablen Kumpel. Es folgt die Entwicklung
vom eifrigen Studenten deutscher Literatur, der kurze Zeit in München
verbrachte, zum nach vielen Pannen endlich entjungferten Mann.
Ob man seinen Weg ausschließlich als Verbesserung seiner Lage begreifen kann,
fragt man sich spätestens, als er beginnt, die Trennung von der Ehefrau und den
Tod der zwiespältig geliebten Mutter mit dem besessenen Beobachten von Vögeln
zu verarbeiten. Das ornithologische Ende ist leider auch der schwächste Teil
dieses mit politischen Seitenhieben gespickten Bildungsromans.
Was man Franzen nicht anlasten kann, ist der deutsche Titel „Unruhezone”,
der genauso wenig eine konkrete Vorstellung vermittelt wie die merkwürdigen
Übersetzungen „Kamingerät” oder „Körbe werfen”. Im Original heißt
der Roman „The Discomfort Zone”, was sich auf einen ständigen Konflikt
zwischen Franzens Vater und Mutter bezieht: Während sie, vom Herd kommend, die
Heizung immer herunterdreht, beklagt sich der Vater, den Regler nicht einmal bis
zur unteren Grenze der „Komfortzone” stellen zu dürfen. Derart war die
Temperatur in Franzens Elternhaus. Und allein um solcher Schilderungen und
Metaphern willen muss man diesen Roman lesen, der auch ein Stück Aufklärung
über Amerika ist.
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Leseprobe I Buchbestellung 0307 LYRIKwelt © Münchner Merkur
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2.)
Die
Unruhezone.
Eine Geschichte von mir. Roman von Jonathan
Franzen (2007, Rowohlt - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom
15.3.2007:
Geschichten vom kleinen Unglück
Jonathan Franzens autobiografische Erzählung
»Unruhezone« handelt von den schrecklichen Peinlichkeiten und Sehnsüchten
einer Jugend.
Man darf es wohl einen glatten Lebenslauf nennen: Aufgewachsen in soliden Verhältnissen im amerikanischen Mittelwesten. Schule, christliche Jugendgemeinde, Universität, Studien in München, Heirat, Umzug nach New York, Scheidung, neue Liebe. Daneben eine schriftstellerische Laufbahn, deren Erfolg zunächst auf sich warten lässt, um dann in einem Weltbestseller mit dem Titel Die Korrekturen zu gipfeln. Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen legt nun ein autobiografisches Buch mit dem dräuenden Titel Unruhezone vor, das keinen anderen Stoff beansprucht als ein paar höchstpersönliche, alles in allem unauffällige Lebenserfahrungen aus nicht mehr als 46 Lebensjahren.
Zur Verdickung des Stoffes tragen bildungsgeschichtliche Erinnerungen und Ausführungen zu den privaten Leitsternen Kafka, Goethe, Rilke, Charlie Brown bei sowie Reflexionen über die amerikanische Zeitgeschichte der vergangenen drei Jahrzehnte. Politik, zumal die des Naturschutzes, scheint den Mann stark zu beschäftigen. Die Verkehrsformen sexueller Befreitheit scheinen ihm in Jugendzeiten stark zu schaffen gemacht zu haben, da er sie nicht beherrschte. In sein geistiges Erwachen wehte die Revolte der ein paar Jahre älteren und ein paar Grade entschlosseneren Antivietnamgeneration als abgemildertes, eher braves Protestgefühl herein. Über Familien- und Gruppenzwänge, über die Bodenlosigkeit adoleszenter Verunsicherung und die moderne Kinderfrage (Kind ja, Kind nein, Kind vielleicht doch, aber später) hat er einiges mitzuteilen. Außerdem besitzt er Humor. Zumal jenen sympathischen, der seinen Gegenstand in den eigenen Schwächen, Tölpeleien und opportunistischen Charakterseiten findet. Nur entlastet all dies Franzens Selbstdarstellungsopus nicht von der Frage: Was will uns der Autor mit diesem Buch eigentlich sagen?
Eine Geschichte von mir heißt es im Untertitel. Aber um welche Geschichte, welche Besonderheit, welche distinktive Schicksalsschwere in diesem äußerlich glatten Lebenslauf geht es? Jonathan Franzen hat weder gesellschaftliches Außenseitertum noch krasse Not, weder Sucht noch schwere Krankheit oder Krieg erlebt. Er hat sich durch kein Coming-out gekämpft und kennt die Psychiatrie so gut oder schlecht wie der Großteil der Bevölkerung, nämlich aus der Ferne durchschnittlicher seelischer Normalität. Gut – Mutter Franzen war noch etwas klammernder als der durchschnittliche mütterliche Klammertypus, der Vater noch etwas humorloser, unzugänglicher, als Klischeeväter im Milieu sozialer Überanpassung zu sein vermögen.
Alle in der Klasse trugen Jeans, nur er durfte nicht
Die Peinlichkeit der Klamotten, in die der junge Franzen in einem Alter gesteckt wurde, als der Rest der Klasse Jeans der Marke Levi’s trug, steht in einem Zusammenhang mit dem verspäteten Zeitpunkt seiner Entjungferung. Unter dem seifigen Selbsterfahrungskult der christlichen Jugendgruppe, in der Franzen mit allen Mitteln um Prestige rang, herrschte subtile Repression. Das Scheitern der Ehe vollzog sich unter Schmerzen. Dies ist bei scheiternden Ehen nun mal üblich, und es ließe sich weder von dieser noch von anderen hierversammelten Erfahrungen sagen, sie erhöben sich nennenswert über das Niveau normaler Zumutungen.
Dies allerdings behauptet Franzen auch gar nicht. An keiner Stelle verliert sich seine autobiografische Prosa in dem Missverständnis, von außerordentlichen Tatbeständen, gar Tragödien zu berichten. Nicht großes Unglück ist das Thema, sondern das kleine Dauerunglück eines unstimmigen Lebensgefühls, eines schmalen Missverhältnisses zwischen dem Ich und der Welt. Nicht breit genug, einen Lebenslauf daran zu hindern, glatt zu sein. Aber breit genug, um den, der ihn absolviert, daran zu hindern, sich in seiner Haut wohl, in seiner Existenz wirklich aufgehoben zu fühlen.
Die Geschichte, die uns Jonathan Franzen hier von sich erzählt, ist eine unauffällige, aber für die Literatur keineswegs uninteressante Allerweltsgeschichte. Wir kennen sie mehr oder weniger alle, diese klamme Unbehaglichkeit, die das Dasein vielleicht nur Stunden, vielleicht Tage, vielleicht das ganze Leben begleiten kann. Wir kennen sie zumindest aus der Jugend. Warum seine Unterhemden in der Höhe des Bauchnabels neuerdings alle Löcher hätten, fragt die Mutter den pubertierenden Sprössling eines Tages. Er faselt irgendeine Lüge daher, erzählt natürlich nicht, dass er die schrecklichen weißen Hemden, mit denen er morgens zur Schule muss, heimlich nach unten zerrt und mit einer Sicherheitsnadel an der Unterwäsche befestigt. Von dieser Art sind so ziemlich alle Szenen der Unruhezone. Wer hätte sie nicht erlebt. Wer wüsste nicht, wie ihre scheinbare Banalität sich auswirken, wie anhaltende Verlegenheit zu Verklemmtheit, diese zu veritabler Verschrobenheit anwachsen und zu guter Letzt eine gewisse diplomatische Verschlagenheit gestalten kann. Der nicht unbedingt liebenswerte junge Mann, den Franzen in diesem Selbstbild porträtiert, hatte von allem etwas. Es reichte, um sich als Sonderling zu fühlen.
»Ich hatte eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille und ein Chemielabor«
»Drei Jahre lang, während der gesamten Unterstufenzeit, war mein sozialer Tod stark überdeterminiert. Ich hatte einen großen Wortschatz, eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille, kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer, den unwiderstehlichen Drang, lautstark dröge Wortspiele zu machen, eine nahezu eidetische Vertrautheit mit J.R.R. Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump-vertraulich zu beleidigen, und so weiter. Doch die wahre Todesursache war, so sah zumindest ich es, die Weigerung meiner Mutter, mich in Jeans zur Schule gehen zu lassen.«
Das sind, gemessen an der Lage, weiß Gott Minidramen, die weder stark verblüffen noch die Welt heftig bewegen. Aber sie sind der Kern einer literarischen Künstlerbiografie, die sich nicht aus tragischen Ereignissen ergab, sondern aus dem Alltag eines etwas streberhaft Verquälten. Er geht der Realität nach Möglichkeit aus dem Weg. Er sieht in allem ein fettes Problem. Er ist ein Narziss, dessen Selbstüberschätzung darin besteht, von der eigenen Verkorkstheit fasziniert zu sein. Günstige Voraussetzungen also für die Entscheidung, das Leben dem Verfassen von Romanen zu widmen. Unschwer lässt sich aus der Gemengelage mittleren Unwohlseins das Figurenensemble der Familiensaga Die Korrekturen hochrechnen, wo es vor abscheulichen Charakteren und monströsen Plagegeistern nur so wimmelt.
Man sieht: Unruhezone will kein Nachfolger der Korrekturen, kein nächster sogenannter großer Wurf sein. Franzens neues Buch beansprucht keine einzige quantitativ, inhaltlich oder erzählerisch spektakuläre Kategorie der Literatur. Es beansprucht noch nicht einmal die Gattungsbezeichnung Autobiografie, nur den bescheidenen Untertitel Eine Geschichte von mir, was dem Leser gegenüber auch bedeuten kann: eine Geschichte von dir. Im ersten Kapitel erzählt Franzen von einer Erfahrung, die ausnahmslos jeden betrifft. Davon, wie er nach dem Tod der Mutter durchs Elternhaus, durch Räume streift, in denen niemand mehr lebt, wie er nutzlosen Nachlass besichtigt und mit Maklern telefoniert, die das Haus verkaufen sollen. Davon haben tausend Schriftsteller in tausend Büchern schon erzählt. Es ist weder überflüssig noch eitel, wenn der Meisterschüler der erfolgreichen jüngeren Literaturszene Amerikas es noch einmal tut. Dennoch zog sich Franzens neues Buch bei der amerikanischen Kritik den Vorwurf eitler Verblasenheit zu.
Das ist nicht ganz falsch, liegt aber leicht daneben. Franzen macht nicht aus einer Mücke einen Elefanten. Aber er lässt die Mücke zu ausführlich kreisen. Der Epiker Jonathan Franzen sitzt dem szenischen Humoristen im Nacken und flüstert ihm ein, das mütterliche Jeansverdikt nicht einmal, sondern fünfmal auszuführen. Nicht drei, sondern ein Dutzend Mädchen auftreten zu lassen, die nicht kapieren, dass der Knabe Jonathan, der sie abendelang mit seiner Gelehrtheit nervt, auch nur und endlich das eine möchte: sie küssen.
Jonathan Franzen ist bekennender Charlie-Brown-Fan. Die Darstellung seiner Fanliebe gehört zu den Glanzstücken der Unruhezone. Die Seelenverwandtschaft liegt ja auf der Hand. Charlie Brown ist der große Protagonist des kleinen, aber Tag für Tag treuen Unglücks mitsamt seinen Peinlichkeiten, Ungerechtigkeiten, Enttäuschungen. Ständig wird Charlie gepiesackt. Ständig geht wieder was schief. Aber Charlie bleibt stur. Er will dazugehören, wie Jonathan Franzen, zu den Glücklichen, denen das Schicksal erlaubt, Jeans zu tragen. Nur kommt Charlie nicht in erläuternder Erzählbreite daher. Sondern eben in der minimalistischen Form des zugespitzten Cartoons. Daher rührt sein Charme. Hätte Jonathan Franzen sich nicht nur gestattet, von seinem Charlie-Brown-Leben als komischer junger Mann zu erzählen, sondern die Charlie-Brown-Methode der kurzen komischen Sentenz anzuwenden, wäre seine Unruhezone ein Meisterwerk.
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3.)
Die
Unruhezone.
Eine Geschichte von mir. Roman von Jonathan
Franzen (2007, Rowohlt - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Alexander Altmann aus
den Nürnberger Nachrichten
vom 24.03.2007:
Skurrile Anekdoten aus der Mitte der Gesellschaft
Bericht vom geistigen und fleischlichen Streben: Jonathan Franzens amüsante
Autobiografie «Die Unruhezone»
Mit «Die Korrekturen» hat
Jonathan Franzen einen Weltbestseller geschrieben. Nun ist unter dem Titel «Die
Unruhezone» die Autobiografie des amerikanischen Schriftstellers in deutscher
Sprache erschienen.
Verkorkste Mittelstandsfamilien sind die Spezialität des amerikanischen
Schriftstellers Jonathan Franzen. Und nach der Lektüre seines neuen Buches ist
klar, dass der Autor des Weltbestsellers «Die Korrekturen» den bürgerlichen
Neurosengarten, den er dort beschrieb, aus eigener Erfahrung bestens kennt.
Der Spross einer Durchschnittsfamilie aus dem Mittleren Westen der USA war einer
jener Sonderlinge, die schon im Kindergarten erklären, «Ich möchte lieber
nicht spielen», und die als Schüler dann dickleibige Abhandlungen über
Pflanzenphysiologie schreiben, während die coolen Typen draußen auf dem
Sportplatz rumbolzen. Klar, dass aus Letzteren nie große Schriftsteller werden,
weil ihnen jener Drall ins Wahnhafte abgeht, der schon den kleinen Jonathan zum
Literatur-Star prädestinierte.
Nachzulesen ist das alles in Franzens Autobiografie «Die Unruhezone», eine
Fundgrube herrlich skurriler Adoleszenz-Anekdoten aus der Mitte der
Gesellschaft. Ihre besondere Fallhöhe erhalten all die tragikomischen Kleinbürger-Kinderkatastrophen,
die hier geschildert werden, durch die puritanischen Moral-Vorstellungen des
amerikanischen Middle-Class-Milieus, in dem der Autor aufwächst: In dieser prüden
Atmosphäre muss das Kind zwangsläufig eine seltsam uneingestandene Neigung zu
fleischlichen Gelüsten entwickeln – und beispielsweise als Achtjähriger vor
den Nachbarsmädchen die Hosen runterlassen.
Wollüstige deutsche Sprache
Aber auch die Lektüre eines Pornoheftes erfüllte den 13-jährigen Jonathan
Franzen «mit größerem Glück als jedes andere Buch, das ich gelesen habe».
Dass ausgerechnet Deutsch diesem Knaben als eine besonders sinnliche, ja wollüstige
Sprache erschien, lag vielleicht an der gut gebauten Österreicherin, die ihm
(vergebens) erste Kenntnisse in Sachen «der, die das» beizubringen versuchte.
Und noch später, als er Deutsch an der Uni studiert, kommt Franzen diese
Sprache überraschenderweise so «saftig wie gute Pflaumen» vor.
Um so tragischer, dass es dem Studenten auch bei einem Gastsemester an der Münchner
Uni nicht gelingt, endlich ein Mädel rumzukriegen. So bleibt ihm nichts übrig,
als im Stillen Goethe-Verse rezitierend durch die Stadt zu laufen und eine
Faust-II-Aufführung im Theater zu besuchen.
Gerade weil Jonathan Franzen keine schönenden «Korrekturen» an seiner
Lebensgeschichte vornimmt, sondern offen, amüsiert und sich selbst gegenüber
respektlos auf seine Entwicklung zurückblickt, ist ihm ein wunderbar witziger
Bildungs-Roman gelungen. Ein locker-ironischer Bericht aus der Unruhezone
geistigen und fleischlichen Strebens, der sich stellenweise fast besser liest
als seine dickleibigen Romane.
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4.)
Die
Unruhezone.
Eine Geschichte von mir. Roman von Jonathan
Franzen (2007, Rowohlt - Übertragung Eike Schönfeld).
Besprechung von Irene
Binal in Neue
Zürcher Zeitung vom 31.03.2007:
Alltägliche
Geschichten
«Die Unruhezone» – der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen erzählt
von sich selbst
Wo genau befindet sich die sogenannte «Komfortzone»? Diese Frage ist Grundlage eines ständig schwelenden Konflikts in Jonathan Franzens Elternhaus: Die Mutter, erhitzt von der Arbeit am Herd, dreht den Temperaturregler herunter – und der Vater beschwert sich, dass es im Haus so «frisch» sei. «Meine Mutter konterte, im Haus sei es nicht kalt, wenn man den ganzen Tag Hausarbeit verrichte. Mein Vater marschierte ins Esszimmer, um den Thermostaten zu verstellen und mit theatralischer Geste auf die ‹Komfortzone› zu zeigen, einen hellblauen Bogen zwischen 22 und 26 Grad. Meine Mutter sagte, ihr sei so warm. Und ich beschloss, meinen Verdacht, die Komfortzone beziehe sich auf die Klimatisierung im Sommer und nicht auf die Heizung im Winter, wie üblich für mich zu behalten.»
Anekdoten wie diese erzählt Jonathan Franzen in seiner Autobiografie «The Discomfort Zone». In der deutschen Ausgabe mit dem etwas fragwürdigen Ausdruck «Die Unruhezone» übersetzt, spiegelt der Titel die Grundstimmung des jungen Jonathan wider – sein ständiges Unbehagen mit sich selbst und seine Schwierigkeiten, sich einzufügen. Sein Leben als Jugendlicher, so empfindet er es, spielt sich ausserhalb der «Komfortzone» ab, in einer Aussenseiterregion, in der er sich selbst als «den sozialen Tod» definiert: «Ich hatte einen grossen Wortschatz, eine flatterige Piepsstimme, eine Hornbrille, kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer, den unwiderstehlichen Drang, lautstark dröge Wortspiele zu machen, eine nahezu eidetische Vertrautheit mit J. R. R. Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump vertraulich zu beleidigen und so weiter.» Er darf nicht in Jeans zur Schule gehen und steckt seine altmodischen Leibchen mit Sicherheitsnadeln an der Unterhose fest, damit sie nicht am Kragen hervorlugen.
Charlie Browns Bruder
Das alles ist erfrischend selbstironisch und gleichzeitig ganz und gar nicht aussergewöhnlich. So gut wie jeder kann in Franzens Schilderungen wenigstens teilweise seine eigene Adoleszenz wiedererkennen. Es geht nicht um Drogensucht (im Gegenteil, der junge Franzen hat mit Drogen gar nichts im Sinn), nicht um die Zugehörigkeit zu einer Bande, nicht um Armut, Entbehrungen oder Krankheiten, vielmehr um die ganz normale Geschichte eines Jugendlichen in einer ganz normalen amerikanischen Mittelklassefamilie. Was Franzens Autobiografie dennoch zu etwas Besonderem macht, ist der Mut, eine so wenig aussergewöhnliche Lebensgeschichte überhaupt aufzuschreiben – und die Kunstfertigkeit, mit der der Autor dies tut.
Ungehemmt macht Franzen sich vor allem über sich selbst lustig, über den schüchternen Knaben, der vor seinen Kameraden verbirgt, dass er gern auf dem Taschenrechner die absolute Helligkeit von Sternen berechnet, und dessen Traum es ist, in einer Peanuts-Welt zu leben, «in der Wut witzig und Unsicherheit liebenswert waren». Lange Passagen widmet er denn auch Charles Schulz, dessen depressiver Comic-Held Charlie Brown so etwas wie ein Seelenverwandter des jungen Jonathan ist. «Fuhr Charlie Brown ins Sommercamp, fuhr ich mit. Ich hörte, wie er sich mit dem Campkameraden unterhalten wollte, der in seinem Feldbett lag und sich weigerte, etwas anderes als ‹Halt 's Maul und lass mich in Ruhe› zu sagen. Ich sah mit an, wie er zurück nach Hause kam und ‹Da bin ich wieder! Da bin ich wieder!› rief und Lucy ihm einen gelangweilten Blick zuwarf und sagte: ‹Warst du denn weg?›» Als Franzen selbst ins Camp fährt, ist sein einziges und nur nebenbei erwähntes Abenteuer die unangenehme Begegnung mit einem Giftefeu: «Das Beste an der Reise war, dass ich irgendwann zurückkam.»
Eingebettet sind diese oft beinahe fragmentarischen und chronologisch nur lose gegliederten Anekdoten in eine übergeordnete Erinnerung: jene an Franzens Mutter. Das Buch beginnt mit seinem Versuch, ihr Haus nach ihrem Tod zu verkaufen, und endet mit ihrer Krebskrankheit, während deren Franzens ambivalentes Verhältnis zu ihr deutlich wird: «Doch selbst zum Ende hin ertrug ich es nicht, länger als drei Tage am Stück mit ihr zusammen zu sein.» Die Vermutung liegt nahe, dass die Mutter in Franzens Leben eine bestimmende Rolle spielte, auch wenn er das niemals so deutlich ausspricht. Wie überhaupt vieles nicht ausgesprochen wird: Franzen beweist nicht zuletzt den Mut zur Lücke, seine Erinnerungen sind selektiv und lassen manches offen, aber gerade in dieser essayistisch-sprunghaften, vielfach unvollständigen Erzählform liegt der Reiz des Buches.
Freilich lässt ihn seine Meisterschaft in der Kunst, nichts zu erzählen und dennoch nicht langweilig zu sein, gegen Ende etwas im Stich. Da wechseln sich plötzlich endlose Abhandlungen über deutsche Literatur mit ebenso endlosen Beschreibungen ornithologischer Details ab, da berichtet Franzen unnötig ausführlich von seinen Ausflügen in verschiedene Vogelbeobachtungsgebiete und geht das Risiko ein, die Nicht-Vogelkundler unter seinen Lesern doch ein wenig zu überfordern. Weit amüsanter ist es da, wenn er seine ersten Versuche als Zehnjähriger schildert, die deutsche Sprache zu lernen, und zwar von einer Österreicherin, zu der ihm nur das Adjektiv «wollüstig» einfällt: «Sie war neunzehn, und ihre Röcke waren sensationell kurz, ihre kleinen Tops waren sensationell eng, und die weltverfinsternde Nähe ihrer grossen Brüste und die grosse südliche Ausdehnung ihrer nackten Beine waren mir unerträglich.» Kein Wunder also, dass er nach ihrer Abreise noch immer kein Wort Deutsch kann, dafür aber einen kleinen Schritt in Richtung Erwachsenwerden getan hat.
Die Mühe mit dem anderen Geschlecht
Bis zum Verlust seiner Jungfräulichkeit ist es allerdings noch ein weiter und ziemlich steiniger Weg, und zu den humorvollsten Passagen in seinem Buch zählen jene, in denen er seine tollpatschigen und meist entsprechend ergebnislosen Versuche schildert, dem anderen Geschlecht näher zu kommen. Aber sogar als er schliesslich verheiratet ist, scheint ihn das Unglück zu verfolgen – die Ehe endet mit einer Scheidung, deren Bitterkeit nur durch das Auftauchen einer neuen Liebe ein wenig gemildert wird.
Auch das ist kein Einzelschicksal, auch das ist nicht weltbewegend, wie eben nichts in Franzens Autobiografie wirklich besonders ist. «Eine Geschichte von mir» lautet denn auch der schlichte Untertitel des Buches, und darin spiegelt sich schon die eingestandene Alltäglichkeit des Erzählten. Mit ebendiesem Eingeständnis jedoch hat Franzen etwas Besonderes geschaffen: eine Autobiografie, die wohl ihre Mängel hat, aber die das Kunststück zuwege bringt, dem ganz normalen Alltag auf humorvoll-sarkastische Weise seine verborgenen Eigenheiten zu entlocken und ihn so wiederum zu etwas Aussergewöhnlichem zu machen – zu etwas Aussergewöhnlichem, dem jeder Einzelne im eigenen Leben Tag für Tag begegnen kann.
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Leseprobe I Buchbestellung 0407 LYRIKwelt © NZZ