Die ungeheure Welt,die ich im Kopf habe von Louis Begley, 2008, DVADie ungeheure Welt, die ich im Kopf habe.
Über Franz Kafka von Louis Begley (2008, DVA - Übertragung Christa Krüger).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 3.7.2008:

Begley zu Kafka
32 Mal kauen, dann schlucken

Schon ein bescheidenes Wissen über Kafkas Leben und sein soziales Umfeld, vermerkt Louis Begley zu Anfang, könne unser Verständnis des Werks bereichern. Begley, der ja Schriftsteller und nicht Philologe ist, hat keine Furcht vor "Biographismus". Er stellt seinen Lesern ausführlich die Familie vor, die Eltern, Schwestern und Anverwandten, und besonders interessiert ihn - den polnischen Juden, der den Holocaust überlebte - Kafkas prekäres Verhältnis zum Judentum.

Begley ist wie Kafka Jurist, und beide haben ihren Brotberuf auch fast lebenslänglich und erfolgreich ausgeübt. Allerdings, hätte er vorgehabt, erst in Begleys Alter mit dem Schreiben zu beginnen, gäbe es sein Werk nicht. Dieser Unterschied ist gravierend. Begley wurde als gutsituierter New Yorker Anwalt sozusagen "nebenher" Schriftsteller, während Kafka tagsüber in der Versicherung arbeitete und nachts, während die anderen schliefen, in die ungeheure Welt hinabstieg, die er im Kopf trug.

Begleys Kafka-Buch umkreist die desaströsen Frauenbeziehungen, das Verhältnis zum Judentum und das literarische Œuvre. Das biographische Protokoll, das Begley entwirft, fördert nicht wenige bizarre Details zutage. Von Kafkas rustikalem Großvater väterlicherseits heißt es etwa, er habe einen Sack Mehl mit den Zähnen aufheben können. Die Zähne waren auch für den sehr viel kultivierteren Franz Kafka von großer Bedeutung, so praktizierte er das "Fletschern", eine Methode, bei der man jeden Bissen zweiunddreißigmal kauen muss, bevor man ihn herunterschluckt.

Diese verfluchten Zahnärzte

Warum konnte Kafka (trotz seiner abstehenden Ohren war er ja ein ansehnlicher Mann) bei keiner Frau auf Dauer bleiben? Weil sein übermächtiger Herr Vater in eine absurde sexuelle Konkurrenz zu ihm trat, wie es "Das Urteil" oder der "Brief an den Vater" suggerieren? Begley sagt es nicht so dezidiert, untersucht aber immerhin das prekäre Verhältnis von "Angst" und "Sehnsucht" in Kafkas Sexualität, übersieht nicht die panische Furcht vor Impotenz, die neurotische Bindungsangst und das sonderbare Verhalten Kafkas gegenüber den Herzensdamen.

Das sich über Jahre hinziehende, satyrspielartige Ver- und Entloben mit Felice Bauer bis zur definitiven Trennung ist die Tragikomödie einer permanenten Flucht. Von den vier Dichtern, die Kafka als seine Blutsverwandten betrachtete - Grillparzer, Dostojewski, Kleist und Flaubert -, hat übrigens nur Dostojewski geheiratet. Besser als mit seiner fernen Verlobten verstand Kafka sich mit deren Freundin Grete Bloch, und es muss ein Zeichen hoher Wertschätzung sein, dass er sich Sorgen um ihre Zähne machte. "Wie behandeln Sie eigentlich Ihre Zähne? Putzen Sie sie (ich rede jetzt leider zu der Dame, die vor Zahnschmerzen auf Höflichkeit und Förmlichkeit nicht achtet) nach jedem Essen? Was sagen die verfluchten Zahnärzte?"

An Selbstbewusstsein hat es diesem Franz Kafka nicht gefehlt, und dass er die frühen Erfolge seiner Freunde Brod oder Werfel neidlos anerkannte, wie Begley notiert, ist dazu kein Widerspruch. "Oft dachte ich schon daran, dass es die beste Lebensweise für mich wäre, mit Schreibzeug und einer Lampe im innersten Raume eines ausgedehnten, abgesperrten Kellers zu sein … Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreißen würde! Ohne Anstrengung! Denn äußerste Koncentration kennt keine Anstrengung."

Bekanntlich ist kein anderes literarisches Werk von derart wilden hermeneutischen Spekulationen überzogen worden wie das Kafkas - auch in dieser Hinsicht hält Louis Begley sich zurück, was man ihm einerseits danken mag, andererseits seinen Ausführungen aber auch allzu viel Demut gibt. Gelegentlich schießt dennoch der "Biographist" aus seinem Essay hervor wie der Springteufel aus der Flasche, etwa wenn Begley schreibt: "Als Kafka in den ersten Monaten des Jahres 1922 am ‚Schloß' arbeitete, quälten ihn sexuelle Nöte. Intensive Augenblicksgefühle springen beim Schreiben oft auf den Text über."

Ist das nicht zu unbekümmert formuliert? Zumindest in der alteuropäischen Philologie gälte dergleichen als unfein. Andererseits führt Begley recht mutig dichterische Leerstellen auf die Disposition des Autors zurück, wenn er etwa über das "Schloß" schreibt: "Welche Auflösung für das Rätsel von K.s Reise und das Spiel, das die Herren vom Schloß mit ihm treiben, vorgesehen war, ist nicht zu erkennen - aus einem einfachen Grund: Kafka hat diese Lösung nicht gefunden. Sehr wahrscheinlich ist der Roman deshalb unvollendet geblieben, und nicht etwa, weil Kafka zu krank und zu geschwächt war."

In hermeneutischer Hinsicht reicht Begleys Buch an Roberto Calassos scharfsinnige Monographie unter dem knappen Titel "K." nicht heran. Wenn man einen "Sinn" in Kafkas großen Texten finden wolle, schreibt Begley, dann bestehe er in der Reaktion, die diese Werke im Leser hervorrufen. Offener und zugleich beliebiger kann man es nicht formulieren.

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