Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.
Roman von Milan Kundera (1998, Hanser-TB).
Besprechung von Thomas Liehr, Homepage tomliehr
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Dieser stark essayistische Roman ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert, meines Erachtens allerdings weniger ob der wechselnden Erzählweise (wofür die Klappentexte den Autor loben) oder "Prosa-Komposition", die eher Distanz schafft, sondern zunächst einmal aufgrund der starken Präsenz des Autors *innerhalb* des Werkes. Kundera erklärt, wie seine Figuren entstanden sind, welchen Situationen sie entspringen, welche seiner persönlichen Erfahrungen und Träume sie repräsentieren, welche Wünsche und Erwartungen, die nicht in Erfüllung gingen. Das hört sich jetzt vielleicht lyrischer an, als es ist, denn die "unerträgliche Leichtigkeit" ist ein überaus verkopftes, konstruktivistisches Buch, gleichsam ein Experiment mit diesen unerfüllten Erwartungen, das einem alle zwei Seiten mit dem Beweis irgendeiner These daherkommt. Worin die zweite bemerkenswerte Eigenschaft besteht.

Wie die Romane (!) von Sartre "fühlt" sich "Die unerträgliche Leichtigkeit" beim Lesen sehr aufgesetzt-didaktisch an, wobei es - anders als in den Romanen von Sartre - weniger um klar strukturierte philosophische Grundgedanken geht, die durch die Romanhandlung transportiert werden sollen, als vielmehr um Anlässe für teilweise recht situative Ideen, für die die selbstgeschaffenen Figuren tatsächlich eine gewisse empirische Grundlage darstellen.

Tomas, der promiske prager Chirurg, von seiner Frau getrennt und das selbstformulierte "Dreier-Prinzip" auslebend (die selbe Frau höchstens drei Mal treffen oder, alternativ, höchstens alle drei Wochen), lernt Teresa kennen, das intelligente, zurückhaltende Mädchen aus der Kleinstadt. Eine sehr seltsame Liebesbeziehung beginnt. Teresa und Tomas heiraten, was Tomas jedoch keineswegs davon abhält, seine Promiskuität weiterhin auszuleben; Teresa findet sich in einer traumatischen Grenzsituation zwischen totalem Glück und völliger Verzweiflung. Im "Hintergrund" entwickelt sich die CSSR von der Zeit des Prager Frühlings in den breshnew'schen Kommunismus, was das Paar zu Entscheidungen zwingt, die starken Einfluß auf die (wiederum situative) Entwicklung der Beziehung haben, aber wenig auf die Konsequenz.

Die Entwicklung der Figuren - auch der Nebenfiguren Sabina und Franz - in diesem etwas spröde erzählten Roman scheint, nun, vielleicht nicht nebensächlich, so aber doch recht gezwungen, was seine Hauptursache darin haben mag, daß jede Seite (sehr narrativ dargestellter) Handlung mindestens von einer halben Seite Erklärung und Auslegung des Autors versehen ist, auch in Fällen, in denen die unterstellten Kausalitäten und Beweisketten nichts mehr an Transparenz missen lassen. Auf diese Art fühlte ich mich beim Lesen in gewisser Hinsicht den Figuren verpflichtet, die sozusagen mißbräuchlich durch die Handlung gestoßen wurden, um die Thesen des Autors zu be- oder widerlegen, hauptsächlich strikt verallgemeinernd und kategorisierend formulierte Thesen, gelegentlich etwas verwirrender Natur.

Sehr vordergründige Traummetaphorik, dialogarme Handlung, aber zwingende Sprache, nachvollziehbare, weil sauber konstruierte Handlungsmuster, experimenteller Aufbau, strikte Diktion, wenig subtile Prämisse, plastische Figuren und historische Transparenz formen - vom wunderbaren Titel ganz zu schwiegen - das Buch zu einer befremdend-nahen Mixtur, deren stark essayistischer Teil dazu neigt, den Leser zu nerven, und deren stark narrativer Teil dazu neigt, die Phantasie des Lesers etwas einzuschläfern, was aber nichtsdestotrotz überaus interessant und fesselnd ist, wenn ich auch die Liebesgeschichte selbst so wirklich nirgendwo entdecken konnte.

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