Die unendliche Aufgabe.
Essays von Klaus Reichert (2003, Hanser).
Besprechung von Angela Schader in Neue Zürcher Zeitung vom 3.01.2004:

Die Menschenrechte des Textes
Klaus Reicherts Essays zur Kunst des Übersetzens

Klaus Reichert, neben seiner Dozentur für Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt selbst als Übersetzer tätig, vertritt im Blick auf das literarische Übersetzen eine eher unorthodoxe Position. Entgegen der gängigen Praxis steht er für eine Übertragung ein, die das «Fremde» des Originals auf sprachlicher Ebene spürbar macht.

Klaus Reicherts im Verlauf von 25 Jahren entstandene Essays zum Übersetzen lesen sich weniger als eine Sammlung akademischer Miszellen denn als ein konsequentes Plädoyer für die widerständige, eben nicht «flüssige» Übertragung. Nicht als diplomatischen «Vermittler» will er den Übersetzer sehen, sondern als einen, der sozusagen Kopf und Kragen riskiert, um dem Geltung zu verschaffen, was Reichert die «Menschenrechte» des Textes und der fremden Sprache nennt. Damit ist eine in der heutigen Diskussion eher ungewöhnliche Position bezogen hinsichtlich der Frage, die schon Goethe erwogen hatte:

Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, dass der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, dass wir ihn als den Unserigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, dass wir uns zu dem Fremden hinüber begeben und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen.

Diese Problematik und die im Verlauf der Geschichte sich entwickelnden Sichtweisen darauf werden im ersten Teil der Essaysammlung insbesondere anhand jener Texte ausgelegt, die auch im Folgenden als wichtigstes Reservoir der Argumentation herangezogen werden: die Bibel (und zwar im Rückblick auf den hebräischen Urtext) und Shakespeare im Spiegel der deutschen Rezeption.

APPROPRIATION UND ASSIMILATION

Wenn Reichert für die zuvor skizzierten übersetzerischen Positionen - die den Normen der Zielsprache angepasste contra die bewusst zwischen Original- und Zielsprache oszillierende Übertragung - die Begriffe «Appropriation» und «Assimilation» wählt, dann sind hier grössere geschichtliche Zusammenhänge mitgedacht. Die praktisch zur Norm gewordene «Appropriation» sieht Reichert nicht zuletzt durch den «Herrschaftsanspruch des Christentums» und die «Herausbildung von Nationalsprachen und Nationalliteraturen» bedingt. Im Blick auf die hier implizierte Kritik an westlichen Dominanzansprüchen liesse sich freilich fragen, ob die Übersetzungspraxis in anderen Kulturräumen nicht ebenfalls primär dem «appropriierenden» Duktus folgt.

Zur «Assimilation» - dem Versuch, durch eine an Original- und Zielsprache zugleich orientierte Sprachgestalt in der Übersetzung die Präsenz des «Anderen» bewusst zu halten - heisst es: «Ich habe für diesen Perspektivenwechsel den problematisch gewordenen Begriff der Assimilation vorgeschlagen, weil die durch ihn geweckten Assoziationen an die versuchte Judenemanzipation im 18. Jahrhundert die politische Dimension des Vorgangs markieren.» Eine solche, auch das Politische und (Kultur-)Historische einbeziehende Lesart begleitet schon Reicherts Aufsätze zu deutschen Shakespeare-Übertragungen; der volle Sinn der Aussage entfaltet sich jedoch in der Auseinandersetzung mit der eng am hebräischen Originaltext geführten deutschen Bibelübersetzung von Franz Rosenzweig und Martin Buber.

Zumindest in Kontur erfährt man hier die Dimensionen eines Übersetzungsprojekts, das Reichert in einer Linie mit Hölderlins Sophokles-Übertragungen sieht: grandiose erratische Blöcke, weit abseits gängig-gangbarer Wege des Verstehens und der sprachlichen Wiedergabe. Er verschweigt auch nicht die Aporien, in welche Rosenzweigs Versuch, eine «heilige Hochzeit» des Hebräischen mit dem Deutschen ins Werk zu setzen, führen musste - indem etwa der Übersetzer gerade auf den christlich geprägten Resonanzraum des Deutschen zurückgreifen musste, den er ursprünglich hatte ausblenden wollen; er verschweigt nicht die vehemente Kritik, auf die das Projekt bei Exponenten der jüdischen Intelligenz wie Kracauer und Benjamin stiess - und beharrt dennoch auf der dahinter stehenden Vision, in der Reichert gleichzeitig sein eigenes übersetzerisches Ideal formuliert haben dürfte:

Die Frage ist: wie kann Selbst und Anderes sein, wie lassen sich zwei Stimmen haben - getrennt durch über zweitausend Jahre - in ein und demselben Wort, wie lassen sich Selbst und Anderes als Orte wechselseitiger Übersetzbarkeit entfalten, aufeinander zubewegen, wobei das Hebräische als eine Möglichkeit des Deutschen, das Deutsche als eine Transformation des Hebräischen erscheinen soll.

Etwas von diesem Ideal findet sich bei Beckett erfüllt: dank dem Sonderfall freilich, dass der Autor auf Englisch und Französisch schrieb und seine Werke meist selbst in die jeweils andere Sprache übersetzte. In einer kompakten Darstellung skizziert Reichert nicht nur die Funktion und aufschlussreiche Nuancen dieser Doppel- oder Zwischensprachlichkeit in Becketts literarischer Entwicklung; er findet darin auch eine Spiegelung des «Niemandslandes», in dem Becketts Werke und seine ihrem Un-Geschick anheim gegebenen Charaktere angesiedelt sind.

ZWEISTIMMIG ODER ÄQUIVALENT?

Eher selbstverständlich als explizit differenziert Reichert zwischen den «Menschenrechten» der Sprache und denjenigen des literarischen Texts. Das erstere Postulat zielt auf die quasi naturgegebene Andersheit der Originalsprache, die in der Übersetzung bewusst zu machen wäre - wie es etwa Rosenzweig tut, wenn er die lapidaren, harten Fügungen der hebräischen Sprache auch ins Deutsche einbringen will. Während Reichert sich mit seinem Eintreten für diesen Ansatz quer zur gängigen Praxis stellt, herrscht hinsichtlich des zweiten Postulats zumindest auf theoretischer Ebene Konsens: Es betrifft die bewusst gesetzten dichterischen und stilistischen Freiheiten, die sich der Autor des Originals gegenüber den Normen der eigenen Sprache nimmt und die der Übersetzer auf jeden Fall zu berücksichtigen hat.

Das nicht von der Hand zu weisende Argument für die - von Reichert abgelehnte - «appropriierende», nicht mehr auf den fremdsprachlichen Ursprung des Textes hindeutende Übersetzung ist dasjenige der «Wirkungsäquivalenz». Diese wird mittlerweile weitgehend als oberstes Gebot übersetzerischer Praxis akzeptiert; sie zielt darauf ab, dass die vom übersetzten Text ausgelösten Reaktionen und Assoziationen in summa denjenigen möglichst ähnlich sein sollten, die einem Leser aus dem Kulturraum der Originalsprache bei der Lektüre des Originals vermittelt werden. Der zusätzliche Verfremdungseffekt durch ein Bewusstmachen der «Zwischensprachlichkeit» der Übertragung wäre also gerade zu vermeiden, und die Kreativität des Übersetzers hätte sich in erster Linie der angemessenen Wiedergabe literarischer und stilistischer Eigenheiten zu verpflichten... Fortsetzung

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