|
|
1.) - 2.)
Die
Unbeholfenen.
Bewusstseinsnovelle von Botho
Strauß (2007, Hanser).
Besprechung von Alexander Altmann in den Nürnberger
Nachrichten vom 21.09.2007:
Botho Strauß’ neue Novelle über «Die
Unbeholfenen»
Das Sein bestimmt das
Bewusstsein. Und der Schriftsteller Botho Strauß seziert das Bewusstsein
«unbeholfener» Zeitgenossen.
Gelegentlich funkt die schnöde Alltagswelt doch mal in diese Edle-Seelen-Story
hinein. Etwa wenn unvermutet von Handys oder defekten Autobatterien die Rede
ist. Und am Schluss wird, nach einer angedeuteten Liebesnacht, sogar ein
leibhaftiger Pflaumenkuchen verschlungen. Aber das ist auch schon der Gipfel an
Körperlichkeit in der Novelle, die als «Gemütssonde» feinste innere Beben
wahrnimmt, während die Figuren reden wie Rilke
und Hölderlin:
«In sich unangeschaut gehen aber die meisten heute», raunt es uns da entgegen.
Denn natürlich ist es ein rätselhaftes Geistes- und Geisterreich, in das diese
«Bewusstseinsnovelle» den Leser führt: Da verschlägt es einen gewissen
Florian Lackner, der früher als «Traumdeuter» für Vorstandsvorsitzende
tätig war, in ein altes Fachwerkhaus, das am Stadtrand einsam zwischen
Lagerhallen im Gewerbegebiet steht. Hier wohnt seine neue Geliebte Nadja bei
ihren Geschwistern, etwa dem Bruder Albrecht, einem verkrüppelten
Dreißigjährigen mit grauem Lockenkopf, der im Elektrorollstuhl herumkurvt.
Dann gibt es die taube Ilona, die hauptsächlich per SMS kommuniziert, sowie
ihre Zwillingsschwester Elena. Und schließlich gehört auch noch Romero dazu,
der verflossene Geliebte Nadjas, der trotz seines südländischen Namens «ein
Deutscher von Abstammung und mehr noch von Wesensart» ist.
Diese altertümelnde Redeweise zieht sich durch das gesamte Buch, das ein
bisschen so klingt, als habe Goethe Adornos Kulturkritik in eine Novelle
übersetzt. Aber genau darum geht es ja in diesem getarnten Essay, der auf
Action praktisch verzichtet: Die Gesellschaft vom Fachwerkhaus besteht aus
«Bewusstseinsgläubigen» und «Dativ-Menschen», die sich vor den
«seelenräuberischen Einflüssen der Zeit» in die altmodische Innerlichkeit
endloser Gespräche zurückgezogen haben. Von der «Klimadämmerung» über die
«sexuelle Uniform der Jeans» bis zu Jungliteraten, die «dem öden Ruf nach
Leichtigkeit» folgen, wird da sehr originell alles durchgehechelt, was die
Gegenwart bewegt....
Die vollständige Rezension von Alexander Altmann finden Sie unter Nürnberger Nachrichten
[...diese und weitere
Besprechungen finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung 0907 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Nürnberger Nachrichten
***
2.)
Die
Unbeholfenen.
Bewusstseinsnovelle von Botho
Strauß (2007, Hanser).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 23.10.2007:
Ein seltsamer Fachwerkbau zwischen Lagerhallen
und Bürocontainern ist das Terrain der "Unschuldigen", des neuen Büchleins
von Botho Strauss. Dort leben vier Geschwister, Albrecht, der Verwachsene, der
im Rollstuhl sitzt, die Zwillingsschwestern Elena und Ilona, letztere taub und
manisch Kurznachrichten in ihr Telefon tippend, schließlich Nadja, die neue
Freundin des Ich-Erzählers Florian. Hinzu kommt ein Mann, Romero, offenbar
Nadjas abgelegter Liebhaber. Was dieser hier noch zu suchen hat, erschließt
sich später. Man hat sich, so heißt es gleich auf der ersten Seite,
"freiwillig in die gemeinsame Isolation begeben und von der äußeren
Alltagswelt entfernt."
Schon hier wird klar: Wieder einmal hat Botho Strauss keinen Gedanken an ein
realistisches Erzählen verschwendet; die fünf Bewohner des Hauses dienen ihm
als Sprachrohre und Platzhalter von Ideen; der Besucher tritt, gleich dem Leser,
in dieses geschlossene Universum ein und wird zum Durchlauferhitzer, Zuhörer,
zum Teilnehmer im besten Fall.
Keine der Figuren ist einer bestimmten Position
zuzuordnen; Bilder, Geistesblitze, Assoziationen und Thesen, "kurzfristige
Impulse", wie Florian bemerkt, "Affekt-Pfeile" durchkreuzen die
Luft; Pfeile, deren Absender sich in bewährter Strauss'scher Manier eines
Vokabulars bedienen, das sich auf dem schmalen Grat zwischen gespreizter
Peinlichkeit und einer speziellen Eleganz des hohen Tons bewegt.
Die Kinder haben sich den Eltern entzogen, um die Zeit umzukehren, sich
eingeschworen auf eine gemeinsame Lebensphilosophie: "Wir sind als
Einzelmenschen wie als Geistesfiguren Endstationen. Keiner von uns wird Kinder
haben. Niemand je wieder so denken wie wir."
Auf diese Weise entsteht ein kulturkritisches Gespräch, an dem - zumindest den
geübten und am "Bocksgesang"-Pamphlet geschulten Leser des späten
Strauss - vor allem eines wundert: Es beinhaltet so gut wie nichts Neues.
Altbekannt ist auch der Sound, mit Verve angetrieben von einer so beängstigenden
wie beeindruckenden Gegenwartsverachtung.
Es wird, gerade im Mittelteil des Buches, das mit der Gattung
"Novelle" rein gar nichts zu tun hat, geschimpft und niedergemacht,
was das Zeug hält: "In einer Gesellschaft von durchtrainierten Angebern,
Blendern, Vorteilsrittern, Gesinnungsgewinnlern, Gemeinplatzbewachern. Von den
Ideen ist nur noch das untere Urteilen geblieben." Oder: "Nicht viel
anders erging es den Zeitgenossen in der Epoche nach Hitler. Auch sie hat aus
geschichtlicher Bedingung nur unreife Menschen zugelassen und eine ebensolche
Kunst. Nur dass sie sich daraus eine Ehre machten, ihre Ideologie bezogen, ihr
Selbstbewusstsein."
So kann man es beinahe wörtlich auch schon in "Anschwellender
Bocksgesang" nachlesen, in jenem glänzenden Essay, der 1993, zum Zeitpunkt
seines Erscheinens, Skandalwert hatte.
Was für Strauss in dieser Zivilisationserkrankung, in der geschwätzigen
Medienmittelmäßigkeit und permanenten Abschwächung verloren geht, liegt auf
der Hand - das Unsagbare, das Große, die höhere Ordnung, kurz: das Heilige im
Sinne Hölderlins, der deutsche Geist des Erlittenen, der in dessen Gedichten
letztmals aufscheint, bevor er von der vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft
und deren Informationsvernetzung entzaubert wurde. Der Mensch, der nur noch
anschaut, anstatt zu verstehen. Die Vernetztheit ist es, die das Bewusstsein der
Gegenwart prägt und für das (ein neuer Baustein im System) das Internet dem
(zeitweiligen) Land-Bewohner Strauss sowohl als Symbol als auch als Äquivalent
zum menschlichen Gehirn (dem er in den frühen Neunzigerjahren mit "Beginnlosigkeit"
einen eigenen Essay widmete) dient: "Das fortwährend Entstehende - und das
ist geradezu ein Synonym für das Netz - gehorcht keiner Herrschaft außerhalb
seiner eigenen Voraussetzungen."
Alles kommt vor, alles wird durch die Mangel genommen, zuletzt der Klimawandel,
der "das Sündengewissen der Menschen ökologisch neu motiviert".
Botho Strauss hat ein Instrumentarium an kulturkonservativen Begriffen und
Vokabeln entwickelt, das sich mühelos und höchst schlüssig auf jedes Phänomen,
auf jede modische Erscheinung der Gegenwart anwenden lässt. Das liegt
allerdings daran, dass der Text gar keine inneren Widerstände aufbaut.
Florian, der Gast und Erzähler, dessen Interessen ohnehin von Beginn an eher
erotischer Natur waren, macht da irgendwann nicht mehr mit. Er, der als Beruf
ausgerechnet "Traumdeuter" angibt, lässt das Fachwerkhaus und die
Vereinzelten, die darin leben, zurück. Der große Vereinzelte der
deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der Strauss ohne jede Frage ist, mag mit
der "Bewusstseinsnovelle" eine kleine Routinearbeit abgeliefert haben,
und doch zeigt sich in ihr Strauss' gesamter Horizont - mit allen Licht- und
Schattenseiten.
[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 1007 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau