Die Umkehrbilder des Schweigens.
Gedichte (deutsch/griechisch) von Jannis Ritsos (2002, Suhrkamp - Übertragung Klaus Peter Wedekind).
Besprechung von Hugo Dittberner in der Frankfurter Rundschau, 4.7.2002:

Betrübter, todkranker Mond
Zum Schluss hielten ihn die kleinen Erträge: Jannis Ritsos' letzter Gedichtband "Die Umkehrbilder des Schweigens"

Man ahnt, was gemeint ist; aber so ganz erschließt sich die Kehre des Titels nicht. Es bleibt ein Umbestimmtes im Avisierten. Als seien erst aus diesem Unbestimmten die überraschenden Antworten der Poesie zu erwarten, ihr Einspruch in die Welt, ihre Aura. Gleich das erste Gedicht, "Kalkulierter Aufschub", findet aus seinem resultativen Gestus zu einem unvergesslichen Bild, das mühelos zwischen Wirklichkeit, Metapher und Symbol zu verkehren scheint: "Also gut, schieben wir noch einmal auf; setzen wir / diesen kleinen Schmetterling auf die gesprungene Fensterscheibe." Uns kommt dabei der Apfelbaum in den Sinn, den Luther noch am letzten Tag pflanzen wollte. Und ähnlich, nur selbstgewisser, lautet es bei Ritsos in einem Gedicht: "Ehe du einschläfst, denke daran, dass auch du einen wirklichen / Baum gepflanzt hast in dem uralten Wald."

Der 78jährige Dichter hatte von seiner Krebserkrankung erfahren; und er hatte beschlossen, mit der neuen Begrenzung der verbleibenden Zeit, noch einmal und gesteigert im Bewusstsein des Abschieds, als Dichter umzugehen, indem er Tag für Tag und beginnend mit dem 29. Juni 1987 in seinem Haus in Karlóvassi (jenes Gedicht mit Ort und Tag zeichnend) ein, zwei, drei oder gar vier Gedichte schrieb, die das Gesehene (Ritsos war auch Maler) zu einer Antwort bestimmten, zu einer poetischen Übersetzung der herandringenden Einzelheiten - wie es öfter, und besonders in der Erinnerungsprosa Was für seltsame Dinge (1983, dt. 1985), sein Verfahren des Aufzeichnens gewesen ist.

Beiläufig und doch nicht ohne eine anmutige Theatralik geraten die Gedichte in diesem letzten Sommer an die Welt, die weitermachen wird, aber doch schon so lange und quälend und beglückend Gefährte gewesen ist, Aufruf für den Dichter. Jannis Ritsos macht aus den Gedichten des Juli und August sein letztes Projekt, so etwas wie das Prüfen und Wägen seines Dichtens auch, und das heißt letztlich: des Sinns eines solchen Tuns.

Klaus-Peter Wedekind legt die Gedichte, die 1991 postum (Ritsos starb 1990) erschienen, nun in einer zweisprachigen Ausgabe - wie schon seine Auswahl aus dem Gesamtwerk des Dichters in der Bibliothek Suhrkamp - und in einer sehr schönen, schlanken Übersetzung vor. Ein Blick in die horen (Nr. 202) mit ihrer Anthologie griechischer Literatur aus zwei Jahrhunderten bereichert diesen Eindruck.

Dort haben Asteris und Ina Kutulas das inzwischen berühmte letzte Gedicht des Bandes und das nicht mehr im Band enthaltene "Der letzte Sommer" vom 3. September 1987 übersetzt, in dem es, vor der Rückreise in das Winterdomizil Athen, wo er täglich mit Theodorakis über die Arbeit telefonieren wird, heißt: "Ich, / während der wenigen Tage, die uns noch bleiben, werde manchmal durchsehen / die Verse, die ich im Juli schrieb und im August / obwohl - ich fürchte, ich füge nichts hinzu, wahrscheinlich / nehm ich vieles weg, und zudem wird zwischen den Zeilen sichtbar / die dunkle Ahnung, dieser Sommer / mit seinen Grillen, Bäumen, seinem Meer, / mit dem Sirenengeheul der Schiffe in den glorreichen Sonnenuntergängen, / mit Bootsfahrten im Mondlicht unter den kleinen Balkonen / und mit seinem geheuchelten Erbarmen, wird der letzte sein."

Wenn sich das Hinzufügen und das Wegnehmen auf die Arbeit am Gedicht bezieht, so kann man nur sagen: Es ist eine ungemein dichte, bewegende und letztlich erhebende Folge von Gedichten entstanden, deren diskrete Erkundung der Distanz besonders berührt. Das Subjekt, das überhaupt spät und wie nebenbei auftaucht, erscheint als Er, als "ein Alter" gar, als eben mal Ich; es bringt zunächst Desillusion, Resignation mit sich, aber in merkwürdiger Spannung zur gewohnten Sehnsucht nach der Bindung durch Schönheit. Die Schönheit am Meer, die Schönheit der Mädchen und Frauen, der Freunde gewiss und auch, und vor allem, wie eine arte povera, die Schönheit der kleinen Dinge und des Selbstverständlichen, so scheint es doch den meisten.

"Ganz kleiner Ertrag" heißt ein Gedicht, in dem das frühere Engagement, das Abdriften und das Schwinden der gesellschaftlich-politischen Öffentlichkeit nachklingt - eines Dichters, der, auch auf Grund der Vertonungen von Mikis Theodorakis (etwa der "18 Lieder der bitteren Heimat") nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa als Inbegriff des politischen Dichters galt.

Das ist nicht vergessen, dementiert, unterschlagen, aber es ist blass geworden; ohne näheres Hinsehen, ohne Anstrengung nicht zu haben: "Müßige Tage. Auch die Schönheit, die gnadenreiche, vernachlässigt." Und es bieten sich der Vernachlässigung die Mythen der Resignation an: ",Ich trug meine Asche den Berg hinauf.' Dann schwieg er für immer." Verse, die einen Strich ziehen können, eingestreut in die Kleinigkeiten, die gleichwohl und immer noch wie Leuchtzeichen wirken, des anderen, des Dichterischen. "Sie betrachten die Anhöhe drüben mit den gepflanzten Kiefern / und sammeln mit eifrigster Sorgfalt winzige Impressionen, / um sich ein wenig Anspruch auf das Heute und Hier zu erhalten. / Ein kleines Mädchen steigt den Hang hinauf, sie trägt / einen Korb Maulbeeren. Sag weiter nichts. / Die Anhöhe, das kleine Mädchen, ein Korb Maulbeeren."

Man kann sagen, es sind Kataloge der kleinen Erträge, die Ritsos zum Schluss geschrieben und weitergeschrieben hat, sinnliche Wahrnehmungen, das "Bild von der Gegend", eher versehen mit Negationsformeln ("Sicheres Nichtwissen") und paradoxen Summen ("O du betrübter, todkranker Mondschein, behüte mich") als mit Positionen und Erbschaften - obwohl doch so viel gesammelt wird: für deutsche Leser die Anspielungen auf Hölderlin - den Erfinder des Hochgriechischen gleichsam - und auf Brecht, dessen Buckower "Rauch" in dem Vers aufgeht: "Ach, vom schweigsamen Schönen sich nicht wieder täuschen lassen." Und doch, da hat Wedekinds aufschlussreiches Nachwort Recht, fügen diese Gedichte keine Schluss-Schwärze hinzu, sondern halten schließlich an der anderen Farbe fest. "Schluss // Nach ihrem gescheiterten Aufstieg begegneten wir den Bergsteigern. / Sie hatten noch eine zerrissene Decke und eine rote Mütze. (. . .) Niemand wusste, was vorgeht. Die Zeitungen schrieben andere Dinge. / Dann stieg der gewaltige Stier aufs Dach und verschlang die Fahne." Ob es der Stier Picassos ist, wie Wedekind meint, oder Europas Stier, so weit wollen die Verse des späten Ritsos nicht unbedingt reichen. Der Dichter, der Verrückte: "Wie lange er seine Hand auch in die Finsternis taucht, / seine Hand schwärzt sich nie."

Er möchte "ein bisschen wichtig sein". "Als Epilog" Bekenntnisse eines "Er": "Die Schönheit / - niemals verriet ich sie (. . .) Ich würde gern / noch einmal mit dem dünnen Mondsichelchen / eine reife Ähre schneiden. (. . .) Seht: / Am linken Ärmel hat er einen tiefroten viereckigen Flicken. Der / ist nicht sehr deutlich zu erkennen. Und das vor allem wollte ich euch zeigen." Nicht so leicht fassbar, und am sichersten noch im Zitat der Poesie aufgesucht, ist damit etwas als Vermächtnis in die Welt gebracht, was man vielleicht "Die Umkehrbilder des Schweigens" nennen kann.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]

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