Die Uhr.
Roman von Carlo Levi (2006, Aufbau - Übertragung Verena von Kaskull).
Besprechung von Sven Hanuschek aus der Frankfurter Rundschau, 15.3.2006:

Aus den Fugen
Zeitreise: Carlo Levis "Die Uhr"

Carlo Levi scheint ein beneidenswerter Mensch gewesen zu sein. Im Anfang war das Wort, dann kam es herunter zum Geschwätz, zur Talkshow, zum Anschein von Kommunikation unter Menschen. Levis nun erstmals, kräftig und präzis übersetzter Roman von 1950, Die Uhr, ist zwar ein dickes Buch, aber beeindruckend durch das Vertrauen auf das Wort, durch die stille, fast lakonische Intensität, die den Reiz des neorealismo noch in den existentiellen Debatten ausmacht. Christus kam nur bis Eboli (1945), Levis erster Roman, konnte in der späten Verfilmung von Francesco Rosi (1979) noch einmal an den Kultstatus des Neorealismus anknüpfen, sicher auch durch die Ausstrahlung des Hauptdarstellers Gian Maria Volonté; seitdem ist es still um Levi geworden.

"Um Klarheit" könnte Die Uhr auch heißen. In allen (wenigen) Büchern Levis findet sich im Mittelpunkt ein wahrnehmendes und erzählendes Subjekt, das ganz bei sich ist und das - für sich - diese Klarheit gefunden hat und sie nutzt, Kategorien zu bilden und abschließende Urteile zu fällen. Die Titelmetapher ist eine lockere Rahmung des Romans: Der Protagonist Carlo träumt von seiner goldenen Uhr, Initiationsgeschenk seines Vaters, der Inbegriff von Erinnerung an eine glückliche Kindheit, die intakte Zeit. Im Traum wird sie ihm entwendet, in einer Gerichtsverhandlung ihm wieder zugesprochen. Sie hat sich der Traumlogik nach in einen schäbigen Blechwecker verwandelt, in dessen Innerem sich aber das intakte Uhrwerk wiederfindet. Beim Aufstehen fällt dem alter ego Levis seine Uhr aus der Hand, dank des Traums wissen die Leser um ihre Valeurs. Glas und Gehäuse sind beschädigt, und am Ende des Romans erhält Don Carlo die gleiche Uhr erneut - als Erbstück nach dem Tod seines Onkels, eines Privatgelehrten und Weltweisen, der ihm mehr bedeutet hat als sein Vater.

Verlorene und wiedergefundene Zeit

Eine Geschichte von verlorener und wiedergefundener Zeit also; der Trost gilt aber nur für das Individuum, für den Ich-Erzähler. Die Zeit bleibt aus den Fugen: Levi hat die Handlung um den Rücktritt von Ferruccio Parri angesiedelt, 1945, der ein grundlegend reformiertes Italien verheißen hatte. Nach nur einem halben Jahr war der politische Aufbruch gescheitert, und Levi sah 1950 keine Hoffnung mehr gegen die politische Restauration. Letztlich hat er Recht behalten, die Democrazia Cristiana herrschte ein halbes Jahrhundert, bis sie wegen ihrer eigenen Korruptheit doch einmal abdanken musste. Die prognostische Skepsis hat Levi den Erfolg seines Romans auch bei den sozialistischen Genossen gekostet, die sich die Aussichten optimistischer wünschten.

Diese Verschränkung von politischer Krise und privatem Trost also rahmt Die Uhr; im übrigen entfaltet der Roman ein ungeheures, episodisches Panorama Nachkriegsitaliens vor allem in Rom und Neapel. Diese Episoden sind das Stärkste an Levis Roman, ob er Charakterporträts von skurrilen Gestalten, Kollegen, Reisegefährten liefert, Wanderlegenden aus den Armenvierteln, ob er Debatten über Kunst und Politik wiedergibt - die Wirklichkeit, um weniger geht es nicht, besteht eben wie der Roman "aus unendlich vielen Schichten, ähnlich einem Wachtelspieß".

Die Uhr sollte ein umfassendes, allgegenwärtiges Bild "einer entscheidenden Wendung in der Geschichte von all und jedem" und zugleich den "Sinn der unendlichen Gleichzeitigkeit der Zeit" darstellen, so hat Levi selbst den Roman zusammengefasst. Deshalb öffnen sich die konkreten neorealistischen Beobachtungen ins Symbolische, ins Mythische gar, und gerade in diesem Anspruch auf Überzeitlichkeit ist der Roman am ehesten Kind seiner Zeit - niemand würde heute ernsthaft die Welt in einem Roman erklären wollen (na, vielleicht noch in einer Trilogie). Die distanzierte, abschließend urteilende Mittelpunktsfigur, die alle anhört, alle versteht und dabei selbst handelt, soweit möglich, funktioniert im stärker deskriptiven, autobiographischen Cristo si è fermato a Eboli wunderbar, hier, in den überhöhenden Passagen von L'Orologio, wird sie problematisch. Ein bisschen gehört noch die eingangs gerühmte Klarheit in diesen Zusammenhang -: die beschriebenen Krisen bedrohen an keiner Stelle des Romans die Luzidität seines Stils.

Die gebildeten Kategorien bleiben immer anregend, etwa im Versuch der Einteilung eines ganzen Landes in "Contadini" (Bauern) und "Luigini" (nach Don Luigino, dem faschistischen Bürgermeister aus Levis erstem Roman), in Erzeuger (zu denen auch Handwerker, Wissenschaftler, Arbeiter, Intellektuelle gezählt werden) und die große Mehrheit derjenigen, die nichts erzeugen, das "formlose, amöbenhafte Spießertum in all seinen Arten", die "Masse von Bürokraten, Staatsbeamten, Bankangestellten, höheren Beamten, Militärs, Richtern, Anwälten, Polizisten, Akademikern", Priestern. Das klingt nach Stammtisch, ist auch nicht ganz ernst gemeint und lässt sich weiterspinnen; ein überaus anschlussfähiger Roman, an dem sich abzuarbeiten lohnt.

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