Die Turiner
Komödie.
Roman von Michael
Krüger (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Sabine
Dultz im Münchner
Merkur, 22.9.2005:
Über die
Komik des Scheiterns
"Die Turiner Komödie" -
Michael Krügers Künstler-Roman
Er war Deutscher, lebte in Turin, hatte eine Professur und war vor allem ein berühmter Schriftsteller. Nun aber hat er sich das Leben genommen. Und seine Witwe - selbst todkrank im Spital - bestimmte seinen besten Freund zum Nachlassverwalter. So reist also der Erzähler in dem neuen Roman von Michael Krüger, "Die Turiner Komödie", nach Italien. Und taucht ein in die Welt Rudolfs, die ihm - und das überrascht ihn schon sehr - viel fremder ist als erwartet.
Er wird hineingezogen in ein kaum zu entwirrendes
Geflecht von Geheimnissen, Absonderlichkeiten, Intrigen, Frauengeschichten,
Eifersuchts-Szenarien. Will sich heraushalten aus all dem, will in der
Dachterrassenwohnung des Toten ungestört Papiere sichten. Stattdessen hat er zu
tun, sich nicht in dem Netz der Lebenslügen Rudolfs zu verfangen. Sich der
italienischen Institutsmitarbeiterin Rudolfs und selbst ernannten Gralshüterin
seines Werks zu erwehren. Sich eine abgelegte Geliebte von früher vom Hals zu
schaffen.
"Eine Bedingung für die Einhaltung der Monogamie besteht ja darin, von
anderen Menschen in Ruhe gelassen zu werden. Gelegenheitslose Menschen sind
treu."
Aus der "Turiner Komödie".
Was für ein Mensch war dieser Rudolf, der
gefeierte und hochangesehene Literaturmann wirklich? Der Freund aus Deutschland
erfährt von mindestens drei Witwen - Elsa, Marta und Eva. Von seiner
sonderbaren Tierliebe, mit der er die Turiner Terrasse in einen Dschungel
verwandelte. Von seiner Unfähigkeit, den großen Menschheitsroman zu vollenden.
Und davon, dass dieser beste Freund ein herzlich unangenehmer Mensch war. Das
hehre Bild bröckelt, das Genie wird als geistiger Hochstapler entlarvt. Und der
Freitod, so absurd es klingt, als eine Art Existenz-Notwendigkeit.
Denn, so Rudolfs früher einmal geäußerte Behauptung, Schreiben sei "im
Grunde nichts anderes als der Versuch, sich selbst von der Illusion zu befreien,
ein Schriftsteller zu sein". Einmal hatte er dem Freund gestanden, "es
gebe die unheilbare Krankheit des Schreibens, die nur durch den (freiwilligen
oder natürlichen) Tod beendet werde". Nicht alles, was der Nachlassordner
findet, hält er für die Nachwelt geeignet. Er ist bereit, die Biografie zu
fälschen. Manches wird er heimlich in seiner Reisetasche verschwinden lassen.
In einer der Mappen findet er "das Testament" des Freundes, betitelt
"Die Turiner Komödie. Roman".
Je deutlicher das Bild Rudolfs sich aus den Schnipseln seines Nachlasses
herauskristallisiert, umso fragwürdiger, widersprüchlicher, mysteriöser,
fantastischer wird der ganze Mann. Umso sympathischer, offener aber erscheint in
seiner emotionalen Überforderung der Erzähler. Das Chaos der Gegenwart in der
Wohnung des Toten verbindet sich mit den Erinnerungen an die Vergangenheit, an
die mit Rudolf gemeinsam gelebte Chaos-Zeit der Aufbruchsjahre ihrer Jugend.
Michael Krüger legt mit diesem Roman eine so amüsante wie selbstironische,
aber in der Thematisierung der Vergeblichkeit wie Vergänglichkeit allen
schriftstellerischen Tuns auch zutiefst anrührende Studie über jene
Sechzigjährigen vor, die heute als intellektuelle Elite gelten. Dazu mischt er
einige Ingredienzien, mit denen er sein Buch sozusagen erdet: Kriminalistisches
und Stimmungen, die den morbiden Duft dieser einmalig schönen Stadt Turin
verströmen; Rückblenden und Autobiografisches. Da werden frühe Berliner
Zeiten heraufbeschworen, in denen der Erzähler mit Rudolf, dem Studenten und
Marxismus-Jünger, die Küche teilte und am liebsten auch die Mädchen. Und wenn
hier Michael Krüger die Berliner Reminiszenzen als Gelegenheit nutzt, den 2004
in München verstorbenen Residenztheater-Schauspieler Peter Herzog literarisch
mit Lorbeer zu bekränzen, dann zeigt das, wie konkret im Detail "Die
Turiner Komödie" in Krügers Leben selbst verankert ist. Der Autor, der
gleichzeitig einer der erfolgreichsten Buchverleger (Hanser) der Republik ist,
sorgt selbst in dieser Hinsicht mit feinsinniger Selbstironie für vergnügliche
Nachdenklichkeit.
"Politiker müssen Phantasie haben, um ihre Lügen zu verpacken, für
Schriftsteller ist sie Gift."
Aus der "Turiner Komödie"
Ein in seiner Dialektik hinreißender Roman über die Komik des Scheiterns, voller Herz und Hohn, Witz und Wehmut - für die eigene Generation und den hohen Anspruch des Literaturbetriebs, der meist bloß "Mittelstandsprosa" produziere. Ein Etikett, dem sich Krügers Buch bravourös widersetzt.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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