Die traurigen Augen von Ivan Olbracht, 2001, DVA1.) - 2.)

Die traurigen Augen.
Novellen von Ivan Olbracht (2001, DVA - Übertragung Gustav Just, August Scholtis, Markus Wirtz).
Besprechung von Karl-Markus Gauss in Neue Züricher Zeitung vom 15.12.2001:

Die traurigen Völker der Karpato-Ukraine
Der Tscheche Ivan Olbracht und seine Novellen

Es gibt Regionen, in denen sich die Wege vieler europäischer Völker kreuzen und die dennoch wie auf ewig ausserhalb von Raum und Zeit Europas zu liegen scheinen. Ein solches abgedrängtes Europa im Kleinen, von dessen Existenz das grosse Europa nichts weiss, ist die Karpato-Ukraine. Bis 1914 teilten sich die Donaumonarchie und das Zarenreich die Herrschaft über dieses Land, in dem ausser Ukrainern, Ungarn, Rumänen, Slowaken, Deutschen, Roma vor allem chassidische Juden und die ostslawischen Ruthenen lebten. Während des Ersten Weltkrieges wechselte die Karpato-Ukraine alle paar Monate die Staatszugehörigkeit, bis sie 1919 ungeteilt an die Tschechoslowakei fiel. Zwanzig Jahre später setzte sich das mit Hitler verbündete Ungarn in ihren Besitz, was zur Vernichtung von Zehntausenden Juden und Roma führte, und nach 1945 wurde sie Teil der ukrainischen Sowjetrepublik, die nahezu die gesamte ruthenische Intelligenz in sibirische Straflager deportieren liess.

Unbekannte Meisterwerke

In dieser mit natürlichem Reichtum gesegneten, gleichwohl seit Jahrhunderten in Armut gedrückten Landschaft hat der tschechische Autor Ivan Olbracht 1937 drei Novellen angesiedelt, die zum Besten gehören, was dieser vielseitige Autor geschrieben hat, und in denen es unbekannte Meisterwerke der europäischen Literatur zu entdecken gilt. Die drei Novellen spielen in dem fiktiven jüdischen Dorf Polana und zeigen die frommen Dorfbewohner in Konflikte verstrickt, die schon damals Leser in Prag anmuten mussten, als seien sie aus einer anderen Zeit überkommen: «Die Polanaer Urwälder sind von der Welt unermesslich weit entfernt und sind von Prag entfernter als irgendein Ort in Europa.» Keine Obrigkeit ist in diese abgelegene, von den Mächtigen bald umkämpfte, bald vergessene Region je mit dem Programm wirtschaftlichen Aufbaus und kultureller Entwicklung vorgedrungen, so dass die Polanaer oft gar nicht wissen, zu welchem Staat sie gerade gehören: «Vorher waren hier Ungarn. Dann Russen. Dann Deutsche. Dann Rumänen. Und nun besetzen die Tschechen dieses Land.»....Fortsetzung

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Die traurigen Augen von Ivan Olbracht, 2001, DVA2.)

Die traurigen Augen.
Novellen von Ivan Olbracht (2001, DVA - Übertragung Gustav Just, August Scholtis, Markus Wirtz).
Besprechung von Jörg Plath in Frankfurter Rundschau vom 03.09.2002:

Meister des burlesken Schmunzelns
Ivan Olbracht lässt mit Außenseiter-Figuren wie Pinches oder Bajnys das Ostjudentum der Zwischenkriegszeit wundervoll wiedererstehen

Die Karpato-Ukraine erfreut sich heute wohl keiner größeren Bekanntheit als Anfang der dreißiger Jahre, als Ivan Olbracht sie besuchte. Damals bildete das unzugängliche Gebiet, das 1938 in der Folge von Hitlers Sudetenpolitik an Ungarn fallen sollte und 1945 von Stalin annektiert wurde, den äußersten östlichen Zipfel der Tschechoslowakei an den Grenzen zu Polen, Rumänien und Ungarn. Die Abgeschiedenheit des gebirgigen Landstrichs und die Armut seiner Bewohner - neben Ruthenen, wie die unter österreichischer Herrschaft lebenden Ukrainer genannt wurden, vor allem Juden - müssen auf den Schriftsteller Ivan Olbracht starken Eindruck gemacht haben. Hier spielen einige seiner schönsten Erzählungen.

Drei von ihnen liegen nun in einem Band der "Tschechischen Bibliothek" vor: Das Wunder mit Julca, Der Vorfall in der Mikwe und Von den traurigen Augen der Hana Karadzicova. Die Hauptpersonen aller Erzählungen sind die jüdischen Bewohner des von Juden und Ruthenen bewohnten Dorfes Polana: Handwerker, Tagelöhner, Fuhrleute, Bauern, Holzfäller, Krämer, Bettler (und oftmals all diese Gewerbe in einer Person). Durchaus nicht der Geringste unter ihnen ist Bajnys Zisovic, ein armer Schlucker, der nirgendwo mehr Kredit genießt und mit leeren Händen zu Kindern und Ehefrau zurückkehren muss. Sein hungriger Zehnjähriger lässt sich noch auf mannhafte Zurückhaltung einstimmen, aber die Ehefrau keift und die übrigen sieben Kindern weinen. Also beginnt Bajnys Zisovic zu tanzen. Hat denn der HERR je einen seiner Juden Hungers sterben lassen? Eben.

Allerdings denkt der HERR auch nicht daran, Manna herabregnen zu lassen. Immerhin, am nächsten Tag bewirkt er ein Wunder und schickt Bajnys zwei Nichtjuden. Die Frau ist fußlahm und braucht ein Pferd. Ein Pferd besitzt Bajnys. Eigentlich ist es eine Schindmähre namens Julca. Aber das ist kein Problem für Bajnys, denn steht nicht schon im ersten Absatz der Erzählung geschrieben: "Die Leute wollen für ihr Geld was haben, der Handel ist zugleich ein unterhaltsames Vergnügen, und in der Tat, wäre das nicht so, dann wäre in Polana für Unterhaltung verteufelt schlecht gesorgt"? Bajnys ist sehr für die Unterhaltung und also für den Handel. Und zudem ist die Welt, wie er im unterhaltend-geschäftlichen Überschwang weiß, "was wir selber aus ihr machen". So erhalten die beiden Touristen nicht nur ein Pferd, sondern zudem in seiner, Bajnys', Wenigkeit einen unterhaltsamen Reiseführer, der jedem Berg, und sei er ihm auch noch so unbekannt, einen schönen Namen zu verleihen weiß. Wie recht tat Bajnys daran, in den Tagen des Hungers nicht an die Ersparnisse zu rühren!

Ivan Olbracht plaudert von diesem Wunder mit Julca mit burleskem Schmunzeln. Sein Erzähler kennt sich im Schtetl, seinen Händeln und seinen Gebräuchen aus. Die Perspektiven wechselt er ebenso behend, wie er mal in diese, mal in jene Hütte schlüpft. Mühelos erzeugt Olbracht die Illusion großer Unmittelbarkeit und lässt die untergegangene Welt des Ostjudentums wieder auferstehen.

Die Karpato-Ukraine bot ihm und anderen Schriftstellern wie Karel Capek Exotik im eigenen Land. Olbracht begegnet ihr mit einer Mischung aus Respekt und Komik, die sich meist der Deflation verdankt, der Kontrastierung von Profanem und Erhabenem. In Der Vorfall in der Mikwe etwa erleidet der rechtgläubige Pinches Jakubovic in stetem Wechsel vierzehn gute und vierzehn böse Tage. Gut sind sie, solange seine Ehefrau Brana unrein ist und daher nicht im Ehebett liegen, ihn nicht ansprechen und ihm das Holzscheit nur vor die Füße knallen darf - statt darauf! Doch nach der rituellen Waschung in der Mikwe wechselt Brana in das Ehebett, und Pinches stehen zwei üble Wochen bevor.

Außenseiter wie Pinches oder Bajnys bevölkern die Prosa des Mannes, der zu den bedeutendsten tschechischen Autoren der Zwischenkriegszeit zählt. 1882 in Nordostböhmen als Kamil Zeman geboren, schreibt Olbracht sowohl literarisch wie journalistisch. 1929 schließt die Partei den überzeugten Kommunisten gemeinsam mit Jaroslav Seifert und Vladislav Vanjura aus, nachdem sie im "Manifest der Sieben" gegen die von Klement Gottwald betriebene Stalinisierung protestiert haben. Olbracht wird freier Schriftsteller und besucht, erzählt Ludger Udolph in seinem instruktiven Nachwort, in den dreißiger Jahren oft die Karpato-Ukraine. 1943 schließt er sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe an und übernimmt nach 1945 bis zu seinem Tod 1952 leitende politische Funktionen in der Kommunistischen Partei, die ihm keine Zeit zum Schreiben lassen. So bleibt dem sozialistischen Klassiker zu Lebzeiten manche Kehrtwende erspart.

Olbrachts Meisterschaft zeigt sich vor allem in der umfangreichen Erzählung Von den traurigen Augen der Hana Karadzicova, in der er das Schicksal seiner Mutter aufgriff. Hanas Aussichten sind trübe, weil ihrem Vater in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg das Aussteuergeld zwischen den Fingern zerrann. Als der Zionismus nach Polana kommt, ergreift sie die Gelegenheit und lässt sich zur Vorbereitung auf Palästina ins ferne Mährisch-Ostrau delegieren. Dort verliebt sie sich in einen jüdischen Freidenker, der sich vom Glauben losgesagt hat. Eine Jüdin, die sich mit einem Gottlosen verheiratet - das hat Polana noch nicht gesehen und fürchtet sich vor der Strafe Gottes.

Ivan Olbracht beschleunigt das anfangs gemächliche Erzähltempo bis zu einem überaus spannenden Showdown. Unversöhnlich prallen in ihm Glaube und Unglaube, Kollektiv und Individuum, Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Hana entkommt mit knapper Not, bezahlt ihr Liebesglück jedoch mit einer Trauer, die auf immer in ihren Augen Einzug hält. Polana bewahrt seinen Frieden, indem es Hana symbolisch beerdigt.

Von den traurigen Augen der Hana Karadzicova und Das Wunder mit Julca wurden bereits diverse Male einzeln und 1967 auch gemeinsam (in der Bibliothek Suhrkamp) auf Deutsch veröffentlicht, sind jedoch grundlegend überarbeitet worden. Der Vorfall in der Mikwe ist zum ersten Mal übertragen worden. In Bibliotheken finden sich noch DDR-Ausgaben von Olbrachts fantastisch-praller Kohlhaas-Erzählung Der Räuber Nikola Schuhaj, die ebenfalls in der Karpato-Ukraine spielt, oder von dem Roman Anna, die Proletarierin, der in Ostberlin als "erster sozialistischer tschechischer Roman" galt. Glücklicherweise hat man sich bei der DVA für den Vollbluterzähler zum Zeitpunkt seiner politischen Desillusionierung und für seine Darstellung des Ostjudentums entschieden. Der mit 330 Seiten gar nicht so kleine, aber feine Novellenband im Manesseformat ist eine Einstiegsdroge in die verdienstvolle, von der Robert Bosch-Stiftung geförderte Tschechische Bibliothek.

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