1.) - 2.)
Die Tränen
meines Vaters.
Erzählungen von John Updike (2010,
Rowohlt - Übertragung Maria Carlsson).
Besprechung von Wolf Scheller aus den Nürnberger
Nachrichten vom 20.1.2011:
In den mehr als 50 Jahren seines literarischen Schaffens hat
John Updike immer wieder ein Panorama der mittelständischen Lebenswelt der USA
gezeichnet. Seine Romane, vor allem die frühen um Harry „Rabbit“ Angstrom, der
in seiner Jugend wie kein anderer beim Basketball Haken schlug, haben den Autor
weltberühmt gemacht. Mindestens ebenso populär wurden zumal in der
angelsächsischen Sprachwelt seine Short Stories, beginnend mit der ersten – „Friends
from Philadelphia“ —, die der „New Yorker“ in den fünfziger Jahren
veröffentlichte.
Bereits in diesen „Olinger Stories“ schrieb der aus Pennsylvania stammende
Schriftsteller eine fiktive Autobiografie über seine behütete Kindheit. Dem
folgten in den sechziger und siebziger Jahren die „Tarbox Tales“, die mit der
neuenglischen Kleinstadt Tarbox mitten in „Updikeland“ so etwas wie ein
erotisches Utopia mit einem sehr detaillierten Panorama aus sexueller
Libertinage und postchristlicher Moralheuchelei vorführten. Immer wieder hat
John Updike dieses hochemotionale Terrain durchmessen, das von den Gefilden der
Kindheit und den Abenteuern der Jugend bis zu den Haifischbecken des Ehe- und
Familienlebens reicht.
Wie alter Wein
Keiner außer ihm konnte so präzise und gleichzeitig so
malerisch die Tiefe und Vielfalt des Lebens und die Befindlichkeit der
amerikanischen Mittelschicht im Spätsommer des 20. Jahrhunderts zum Leuchten
bringen. Mit Updike ergeht es einem wie mit einem alten Wein. Je älter er wurde,
umso besser schrieb er. Davon zeugt auch die jetzt aus dem Nachlass
herausgegebene Anthologie, die unter dem Titel „Die Tränen meines Vaters“ 18
Erzählungen umfasst.
Schon in der ersten – „Marokko“ – erweist sich Updike als Meister der ironischen
Distanz, dem es immer wieder gelingt, das Abstrakte mit dem Privat-Persönlichen
zusammenzuführen. Die Reise 1969 mit Frau und vier Kindern gerät zu einem
Alptraum, den Updike aus der schrägsten Perspektive schildert. Am Strand
beobachtet er einen masturbierenden Araber und flieht darauf an einen privaten
Pool, „wo alle Europäer schwammen und sich sonnten und sicher waren vor der
einheimischen Kultur“. Später heißt es dann mit dem Ton der Erleichterung: „Wir
entkamen Agadir, Marokko, mit knapper Not.“
Die Erzählungen hat Updike seinen Kindern und Enkelkindern gewidmet. Sie handeln
von dem vergeblichen Suchen nach der Kindheit, nach Erinnerungsbruchstücken an
Ehe und Familie, an Großeltern und Eltern. Im Grunde sind es auch tiefreligiöse
Betrachtungen, die das allmähliche Kennenlernen des Vergänglichen erörtern, etwa
in „Archäologie in eigener Sache“, wenn Craig, der alternde Protagonist, bei
einem Krankenhausbesuch feststellt: „unsere Körper... sind ein schwerfälliges
Überbleibsel, das der Geist zurücklässt“.
John Updike ist ein Autor, der es versteht, alles in Worte zu verwandeln. Dabei
gelingen ihm oft riskante Einbrüche in die Gefühlswelt seiner Figuren. Dort
aber, wo es um eigene Erfahrungen und Erinnerungen geht, wenn er sich an das
Amerika der fünfziger und sechziger Jahre erinnert, kann er durchaus
nostalgisch, nie sentimental, aber mit einer gewissen Zartheit auch auf sein
eigenes Leben zurückschauen.
Die Titelstory „Die Tränen meines Vaters“ — es ist der Abschied des Vaters vom Sohn, der sich zum Studium nach Harvard aufmacht — ist gerade wegen der zurückhaltenden, auf jedes Pathos verzichtenden Schilderung ein schönes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit und Vielseitigkeit, die zum großen Vermögen von Updike gehörten. In diesen nachgelassenen Erzählungen, deren zeitlicher Rahmen sich von den frühen Sechzigern bis zu den Ereignissen nach dem 11. September 2001 erstreckt, meint man einem Autor gegenüberzusitzen, der heiter und versonnen auf eine Welt sieht, die er interessanter findet als sich selbst.
Die komplette Besprechung mit Abb. von Wolf Scheller finden Sie in den Nürnberger Nachrichten
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2.)
Die Tränen
meines Vaters.
Erzählungen von John Updike (2010,
Rowohlt - Übertragung Maria Carlsson).
Besprechung von Jens Dirksen aus der
NRZ vom
24.01.2011:
Für Philip Roth ist das Alter ein Massaker. Bei John Updike aber, der vor seinem Tod im Januar 2009 immer milder und nachsichtiger wurde mit dem groben, lärmenden, ich- und sexsüchtigen Amerika, sind die späten Jahre wie ein zögerliches, wehmutdurchtränktes Winken. So jedenfalls muten seine letzten Erzählungen an, die heute in dem Band „Die Tränen meines Vaters“ erscheinen. Updike hat darin die Pop-Art-Farben seiner Hasenherz- und Hexen-Romane durch melancholische Pastelltöne ersetzt.
Fast immer blicken die mehr oder minder traurigen Helden des Alltags zurück auf ihre kleinen Leben, die so waren und sind, wie sich’s in der bürgerlichen Mittelschicht nun mal lebt: halbwegs ausgepolstert, mit kleineren und größeren Unfällen und dem sehnsuchtsförderlichen Verdacht, da könne noch mehr sein an Leben, Abenteuer, explodierendem Glück. Am Ende wird man sich fragen, was es zu bedeuten hat, „dies Ungeheuerliche, dass wir Kinder waren und jetzt alt sind und nebenan vom Tod wohnen“.
Jede der Geschichten hat einen eigenen Rückblickfang. Mal ist es ein Klassentreffen des Abschlussjahrgangs 1950 an der Olinger High, und es führt noch einmal zurück aus der von Knochenkrebs verschatteten Gegenwart in den stillen, warmen Raum des ersten Kusses, um den sich ein Universum von unsichtbaren Sternenmassen drehte. Ein andermal ist es die Spanien-Reise zweier Menschen im sechsten Lebensjahrzehnt, hochkultiviert und kleinkariert, die testen wollen, ob sie für eine zweite Ehe taugen.
Das Leben, das einem groß, erfüllend, das ganze Ich einnehmend vorkam, während es passierte, wird in der Draufsicht am Ende zu einem Schatz, der seine schäbigen Stellen haben mag, den man aber dennoch nicht hergeben möchte: Das einzige, was eigen ist und bleibt über den letzten Atemzug hinaus. So schlendert ein Mann in einer der leisesten und besten Geschichten dieses Bandes sein vier Hektar großes Grundstück in Massachusetts ab, um hier und dort mit dem Schuh zu scharren in den vier Epochen, die das Haus im Laufe des 20. Jahrhunderts erlebt hat. Alte Fundamente und dickwandige Flaschen, ein verkohlter Arbeitshandschuh oder eine Tasse aus feinem Porzellan kommen zutage, der „gesprenkelte Mulch von vier Generationen“ und mit ihm die Geschichten, wie es gewesen sein könnte, damals. Am Ende findet der Mann leicht verrottete Golfbälle, aus seiner ersten Zeit im neuen Haus, als er noch hoffte, ein guter Golfer zu werden. Er ist auch nur Epoche, Episode, das Leben endet, aber es hat kein Ziel.
Nicht jede dieser nachgelassenen Geschichten erweckt den Eindruck, als habe Updike sie wirklich veröffentlichen wollen. Manche mag im Laufe eines langen Lebens an der Schreibmaschine aus Einsicht beiseitegelegt worden sein; die 9/11-Story „Spielarten religiöser Erfahrung“ aus vier verschiedenen Perspektiven etwa reicht nicht annähernd an die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses und an das heran, was wir darüber längst wissen, glauben, fühlen. Und manche blasse Passage ist auch nicht pastellfarben, sondern bloß von nachlassender Erzählkraft getrübt. Ausgerechnet die Eingangsgeschichte eines Pannen-Urlaubs im Marokko der 60er-Jahre ist nur eine Kette von Anekdoten; kaum komisch, sondern seltsam läuft sie auf einen läppischen Schluss hinaus.
Und doch lohnt es, sich hin und wieder durchzubeißen. Denn nicht die Geschichte, das Seelenbild ist Updikes Stärke: Die Menschen in seinem Kosmos sind vertraute Fremde und fremde Vertraute für uns.
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