Die toten Männer von Lukas Bärfuss, 2002, SuhrkampDie toten Männer.
Novelle von Lukas Bärfuss,
(2002, Suhrkamp).
Besprechung von Roman Bucheli in der Neue Zürcher Zeitung vom 17.08.2002:

Stilles Glück der Enge
Lukas Bärfuss' Novelle «Die toten Männer»

Vor zwei Jahren trat Lukas Bärfuss an den Solothurner Literaturtagen erstmals vor eine grössere literarische Öffentlichkeit. Damals las er seinen Text «Der Schlüssel» vor, mit dem er etwas ungestüm ins Gebiet der literarischen Groteske führte. Das Publikum dankte es ihm mit lebhaftem Interesse und viel Beifall. Seither hat Lukas Bärfuss zusammen mit Samuel Schwarz und der Theatergruppe 400 ASA hauptsächlich im dramatischen Fach von sich hören gemacht; mit beachtlichem Erfolg an deutschen Bühnen, während seine Stücke in der Schweiz eher verhalten aufgenommen wurden: Zumal die bisher letzte Produktion zum Nationalfeiertag an der Expo 02, ein Schauermärchen zur nicht mehr ganz aktuellen Frage des Schweizerischen an der Schweiz und den Schweizern, hat ihm vor und nach der Aufführung manches Ungemach und viel Schmäh eingetragen.

Nun liegt mit der Novelle «Die toten Männer» Lukas Bärfuss' literarischer Erstling vor. Bereits am diesjährigen Klagenfurter Wettlesen hatte er daraus vorgetragen, erfolglos, denn zu offenkundig waren die Unzulänglichkeiten des vorgelesenen Ausschnitts. So kann man nun im Zusammenhang lesen, was der Klagenfurter Jury zu sehr in der Luft zu hängen schien. Doch abermals fällt zunächst auf, was man schon am Auszug bemängelte: eine gewisse Sorglosigkeit im Sprachlichen und Nachlässigkeiten im Detail. Zu oft ist dem Autor gut genug, was ihm als Erstbestes einfällt. Von einem Sommer des Missvergnügens erzählt uns Lukas Bärfuss' Held - ein Antiheld, wenn man's genau nimmt, doch davon später; getrennt hat er sich von Frau und Tochter. Er ist ausgezogen aus dem gemeinsamen Haus und habe, so lässt ihn der Autor nun mitteilen, «danach getrachtet», so viel Zeit wie möglich in der neuen Wohnung zu verbringen. Mag schon sein, dass ein erfolgreicher Buchhändler, denn das ist unser Ich-Erzähler, in dieser Art redet. Obwohl ihm Übles «schwant», so geht das dann im gleichen Ton weiter, fährt er mit der Familie ins Ferienhaus im Tessin und wird dort unfreiwillig Zeuge des hingebungsvollen Liebesspiels der Tochter mit ihrem Freund. «Das Unangenehmste» daran, so berichtet er, und abermals hört man den Buchhändler reden, sei die obszöne Stellung gewesen, deren «die beiden sich bedienten».

Tags darauf unternimmt er eine Bergwanderung mit dem draufgängerischen Freund der Tochter. Unter ungeklärten Umständen kommt dabei der Junge zu Tode. War es ein Unfall - wohl kaum -, oder war es Mord - wohl eher. Wir sollen es nicht wissen und können nur spekulieren. Die «Policia» (!), wo er den Vorfall meldet, ermittelt zwar, doch eher lustlos. Immerhin lädt sie den Buchhändler zu einer Einvernahme vor. Auf dem Polizeipräsidium wird er - man höre und staune - von einem Carabiniere empfangen. Solche Missgriffe im Sprachlichen wie in der Sache schmälern das Vergnügen erheblich an einem Text, der vielleicht nicht in der Pointe, aber doch im Erzählerischen viel Überraschendes und Erfrischendes bereithält.

Einst war er auf- und ausgebrochen. Nach Rom war er gegangen und hatte höhere Ziele angestrebt. Zurückkehren wollte er unter keinen Umständen. Kaum zwanzig war er, da starb sein Vater, die Mutter rief ihn - und er kam. Er musste die marode Buchhandlung seines Vaters übernehmen; in wenigen Jahren machte er sie zur grössten des Landes. Danach war seine Tatkraft erschöpft und seine Willenskraft erloschen. Er tat, wozu man ihn drängte und was man ihm abverlangte, er liess sich schieben und lenken, fast nach Belieben. Die Trennung von Frau und Tochter war sein zweiter Aufbruch: Er bezog eine gesichtslose Wohnung und liess sie mit gesichtslosen Möbeln einrichten. Alles sollte ohne Erinnerung, ohne Vergangenheit sein: Davon versprach er sich Freiheit. Das Fürchterlichste sei die Erinnerung, lässt ihn Lukas Bärfuss einmal sagen: «Sie hindert einen Menschen, nach seinem Willen zu leben.»

Einen eigenen Willen hat er indes längst nicht mehr. Was immer er tut, tut er widerwillig. Bestenfalls gelingen ihm noch lächerliche Gesten des Widerstands. So verweigert er - ohne zu wissen warum - plötzlich jede feste Nahrung und findet allmählich ein seltsames Gefallen daran, denn es macht ihn vermeintlich stark. Oder er schiebt den gemeinsamen Urlaub mit seiner Familie um zwei Tage auf, weil er einem verstorbenen Freund, den er längst schon gemieden hatte, die letzte Ehre erweisen möchte. Dann spielt er abwechselnd mit dem Gedanken, an Auszehrung zu sterben oder seine Frau zu töten. Doch schliesslich muss er einen Plan gefasst haben, oder vielleicht sind ihm auch bloss günstige Umstände entgegengekommen. Jedenfalls wird der Freund seiner Tochter kaum ein Opfer des eigenen Übermuts geworden sein; da wird der Vater vermutlich im entscheidenden Augenblick nachgeholfen, wenn nicht gar beherzt den Jungen in die Schlucht hinuntergestossen haben. Tatsächlich rechnet er bei seiner Vorladung auf das Polizeipräsidium mit der Verhaftung; fast ist er enttäuscht, dass man ihn nicht behelligt. Immerhin hatte er sich davon die Befreiung von seiner Frau erhofft. «Lieber ein richtiges Gefängnis, eines mit Schloss und Riegel, lieber eines mit Wärtern und Blechnäpfen, als das Gefängnis der Liebe.» Wen wundert's, dass er den Ausgang, als man ihn gehen lässt, nicht auf Anhieb findet. Ein Geständnis freilich hätte etwas Willenskraft vorausgesetzt. So bleibt er frei - und doch ein Gefangener....Fortsetzung

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