Die Tore der Welt.
Roman von Ken Follett (2008, Lübbe Verlag -
Übertragung Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt).
Besprechung von Theo Körner in der Westf. Rundschau, 28.08.2008:

Verbrechen in den Zeiten der Pest
Kann man nach einem historischen Mammutwerk wie "Die Säulen der Erde" einen zweiten, ähnlich kolossalen Roman schreiben? Ken Follett hat's versucht - und das Ergebnis ist alles andere als langweilig.

In "Die Tore der Welt" gibt es Parallelen zum Vorläufer. Kingsbridge als Ort der Handlung ist bekannt. Abermals prägen Bauwerke, Fehden, die Gier nach Macht und Geld den Alltag. Der Brite nimmt den Leser mit auf eine fesselnde Zeitreise, die rund zweihundert Jahre früher beginnt als bei der ersten Entdeckungstour.

Zwei der Hauptfiguren sind sehr ungleiche Brüder, sie stehen beide in direkter Linie zu Jack Builder, dem Erbauer der Kathedrale. Merthin heißt der eine Sproß, der als Baumeister ein rechtschaffenes Leben führt, Ralph ist sein Bruder, der nach heutigen Maßstäben schon als Kind ein Fall fürs Erziehungscamp gewesen wäre. Damals konnten allerdings Verbrechen, suchte man sich die richtigen Opfer und die passenden Beschützer aus, der Karriere zuträglich sein. Schließlich erhält Ralph sogar den Titel "Sir".

Eine Holzbrücke vor den Toren der Stadt hat bei ihrem Einsturz Hunderte Menschen in den Tod gerissen. Szenen wie die des Brückeneinsturzes sind sehr plastisch erzählt. Man zuckt beim Lesen förmlich zusammen. Und wenn ein Vater (aus Not und Niedertracht) seine Tochter verkauft, wird der Leser zum Komplizen des Mädchens, als es seine Peiniger tötet. Hilflosigkeit spürt man in den Passagen, in denen der Autor von den Folgen der Pest erzählt. Zugleich erhält man Einblick in eine Art des medizinischen Denkens, die die Ausbreitung der Seuche verschlimmert.

Als sinnlos erscheinen auch die Schlachten der Engländer und Franzosen, die Follett brutal schildert. Detailreich schmückt er die Stellen aus, in denen es um Liebe und Sex geht. Da muss der Leser selbst kaum Fantasie entwickeln.

Bleibt für Geschichtsbewusste noch die Frage, ob der Roman historisch korrekt ist. Sagen wir mal so: Mit Quellentexten des Mittelalters allein dürfte es schwierig werden, Spannung zu erzeugen. Dichterische Freiheit kann nicht schaden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in www.westfaelische-rundschau.de]

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