Die Tochter
des Schmieds.
Roman von Selim
Özdogan (2005, Aufbau).
Besprechung von Regina Urban aus den Nürnberger
Nachrichten vom 12.04.2005:
Einfühlsame Reise in eine ferne Welt
Selim Özdogan liest in Nürnberg aus seinem Roman „Die Tochter des
Schmieds“
Der in Köln lebende Autor Selim
Özdogan („Mehr“, „Ein Spiel, das die Götter sich leisten“) liest am
15. April (20 Uhr) im Nürnberger Stereo Deluxe Club (Klaragasse 8) aus seinem
neuen Roman „Die Tochter des Schmieds“.
Auf dem Buchumschlag sieht man die Hand einer Frau, die einen Pappkoffer
trägt. Doch erst ganz am Ende von Selim Özdogans Roman „Die Tochter des
Schmieds“ packt Gül ihre wenigen Habseligkeiten und macht sich auf die weite
Reise von Ostanatolien nach Deutschland. Ohne Hoffnung folgt sie ihrem Mann, der
sich im fernen Westen ein besseres Leben verspricht.
Güls Schicksal ist das von tausenden so genannter Gastarbeiter. Doch nicht vom
Leben in der Fremde handelt dieses Buch. Özdogan erzählt die Vorgeschichte der
ersten Migrantengeneration, die Anfang der 60er Jahre nach Deutschland kam. Am
Beispiel seiner Protagonistin Gül entführt er uns in eine von alten
Traditionen geprägte, ländliche Lebenswelt, die in westlichen Augen beinahe
archaisch anmutet. Ganz ohne belehrende Absicht bringt er uns damit ein Stück türkischen
Alltag näher und hilft uns zu begreifen, wie groß der Kulturschock für die
damaligen Migranten bei der Ankunft im deutschen Wirtschaftswunderland gewesen
sein muss.
Güls Kindheit beginnt glücklich. Liebevoll umsorgt von ihrer Mutter Fatma, die
so schön ist „wie ein Stück vom Mond“, wächst sie zusammen mit ihrer jüngeren
Schwester Melike in einem kleinen Städtchen in Ostanatolien auf. Ihr Vater, der
Schmied Timur, hat es zu bescheidenem Wohlstand gebracht, die heißen Monate
verbringt man im Sommerhaus im Nachbarort, als erster im Dorf kann sich Timur
ein Radio leisten. Und obwohl er aufbrausend ist und sich hin und wieder seine
kleinen Fluchten in die libertinäre Metropole Istanbul gönnt, liebt er seine
Familie über alles.
Als Fatma kurz nach der Geburt der dritten Tochter an Typhus stirbt, bricht es
Timur fast das Herz. Damit seine Kinder versorgt werden, heiratet er die junge
Arzu, die den Mädchen ohne Liebe und Verständnis begegnet. Gül wächst in die
Rolle der Ersatzmutter hinein, kümmert sich um ihre Geschwister und den
Haushalt, und weil sie nie gelernt hat, etwas für sich zu fordern, wagt sie
auch nicht, gegen die äußeren Zwänge zu rebellieren. Sie heiratet ihren
trunksüchtigen Onkel Fuat, der von modernen Toiletten und großen Autos träumt
und fügt sich in ihr Schicksal als Ehe- und Hausfrau, während ihre
selbstbewussteren Schwestern bereits andere Lebenspläne entwickeln und
anfangen, an den Traditionen zu kratzen.
Mit „Die Tochter des Schmieds“ ist Selim Özdogan ein außergewöhnlicher
Familienroman gelungen, der über drei Generationen hinweg von den
Beschwernissen, Härten und kleinen Glücksmomenten eines einfachen Lebens erzählt.
In einer wunderbar poetischen Sprache, die märchenhaft leicht dahin fließt,
und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt er einen scheinbar festgefügten
Mikrokosmos, in dem allmählich neue Wünsche und Sehnsüchte erwachen. Eine
schlichte Geschichte, ein weises, warmherziges Buch, das unter die Haut geht.
Sehr lesenswert.
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