Die tintenblauen Eidgenossen von Peter von Matt, 2001, Hanser

Die tintenblauen Eidgenossen.
Essays von Peter von Matt (2001, Hanser).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 19.6.2002:

Denn in der Kunst stirbt kein Geschöpf aus
Ganz dem Genuss der Sprache ergeben: Peter von Matts Essays über Literatur, Politik und die Schweiz

Thomas Mann nannte eine seiner Essay-Sammlungen zu Zeiten der Weimarer Republik Für den Tag und die Stunde, da es sich um Gelegenheitsschriften im eigentlichen Verstande handelte. In eben jenen Tagen sagte man über die Literaturkritiker der Frankfurter Zeitung, sie schrieben nicht für die Leser, sondern für die Ewigkeit. Peter von Matts Aufsätze, Reden und Interpretationen "Über die literarische und politische Schweiz" - zusammengefasst unter dem schönen Titel Die tintenblauen Eidgenossen - zielen offenbar auf ein Zeitmaß dazwischen, ohne sich deshalb Ausflüge in das eine oder andere Extrem zu versagen. Vielleicht regen sie gerade deshalb so sehr zum Mitdenken an. Von Robert Walsers Zorn und Vornehmheit ist hier zu lesen, von Friedrich Glauser, dem "lebenslangen Bub mit der wimmernden Verschlagenheit eines herrenlosen Hundes", von Lavater und seiner Physiognomik als einer Wissenschaft vom Menschen, die ganz Europa in Bann schlug. Mit der gleichen Hingabe und Eleganz aber, mit der er Jeremias Gotthelf, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt charakterisiert, widmet sich von Matt dem Politischen. Wer die Schweiz, die Schweizer, ihre Politik, Literatur, ihre Komplexe und Motive verstehen will, wird kaum irgendwo bessere Auskunft finden als hier.

Dabei formuliert er frisch, frei und immer wieder inflammabel, dass die meisten Kollegen des Schweizer Literaturwissenschaftlers und -kritikers nur tintenblau werden können vor Neid. Vielleicht sollten sie ihren Beruf stärker als Mischung aus Arbeit und Abenteuer betrachten, wie Peter von Matt es für sich reklamiert: "Ich bin ein Beobachter von Literatur. Das ist größtenteils harte Arbeit, durchsetzt von einigen hochvergnügten Augenblicken. Oft gleicht die Tätigkeit der Aufgabe eines Wildhüters, der den eingewanderten Luchsen und Wölfen auf den Fersen bleiben muss. Auch ein Mammut ist ab und zu darunter. In der Kunst sterben nämlich keine Geschöpfe aus." Zusätzlich beherzigt er die Erkenntnis: "Jeder Leser ist ja auf Genuss aus, man sollte sich da nichts vormachen." Den findet man in diesen Aufsätzen allerorten: Sprachgenuss, Erkenntnisgenuss, Denkgenuss.

Wie nur ganz wenige vermag es von Matt, nicht nur Homme de Lettres, sondern im vollen und besten Sinne des Wortes Bürger zu sein. Einer also, der seiner Profession mit Eifer, Ernst und Freude nachgeht, einer, der sich seinem Gemeinwesen verpflichtet und verbunden weiß in produktiven Beiträgen und kritischer Aufmerksamkeit, zuletzt einer, der Bildung wie Ausbildung hoch schätzt.

Seine gut zwei Dutzend Beiträge über Literatur und Politik klären den inneren wie den äußeren Beobachter des Eidgenossen-Staats auf, den Laien wie den Fachmann. Mal als Reden, mal als Zeitungsartikel, mal als Fachaufsätze verfasst, zeigt jeder Text des Bandes, dass Literaturwissenschaft einen Platz in der Gesellschaft beanspruchen kann und sollte. Genaues Hinsehen und Prüfen, das Abwägen der Wörter und Worte befähigt ja nicht nur, die Werke der Sprachkunst zu beurteilen. Es schärft den Verstand und den Blick für Modetorheiten des Denkens und der Politik.

Schon vor Jahren mahnte Peter Rühmkorf in Tabu I an, man sollte den Patriotismus nicht den Rechten überlassen. Ähnlich plädiert der Patriot Peter von Matt dafür, die Entmythologisierung - seit den Fünfzigern der Umgang mit den identitätsstiftenden nationalen Legenden und Traditionen - nicht besinnungslos als Universalwerkzeug einzusetzen. Wenn man einen Mythos wie den von Wilhelm Tell der Lächerlichkeit preisgebe, könne man doch die Mythen überhaupt oder das Bedürfnis nach ihnen nicht abschaffen. Peter von Matts Texte dagegen weisen Wege zu einem emotional-klugen Umgang mit den nationalen Legenden, indem er dazu auffordert, genau hinzusehen, den einfachen Darstellungen zu misstrauen, ohne sie deshalb gleich ganz abzutun.

Unübertroffen sind seine patriotischen Festreden darin, dem Zuhörer die Gewissheit zu rauben, um ihm gleich darauf zu eigenem Urteil anzuregen. Er tritt - wie einst sein großer Vorredner Lessing - an gegen die Effekte der Simplifizierung: "Sobald Schüsse fallen, wird die Welt einfacher. Sobald Menschen einander auf Sichtweite gegenüberstehen, um sich gegenseitig zu töten, verschwinden alle Widersprüche. (...) Die Vereinfachung der Welt im Feuer der Kanonen und Kartätschen, im Kugelhagel der Scharfschützen, im Anrennen mit dem blanken Bajonett beendet die Suche nach Wahrheit. (...) Der Mensch aber muss die Wahrheit suchen und hat sie nie, und wenn er meint, sie zu haben, kommt sicher einer daher, der sie ihm wegbeweist. Solange er weitersucht, bleibt er menschlich; sobald er damit aufhört, wird er gefährlich." Am 9. September vor drei Jahren sprach von Matt diese Worte, als er auf den 200. Jahrestag einer für die moderne Schweiz entscheidenden Schlacht eine Rede hielt. Der Grad ihrer Gültigkeit scheint sich seitdem, sieht man auf die weltpolitische Lage, noch erhöht zu haben.

Mit der so gefährlich einfachen Wahrheit sieht von Matt ein Phänomen verbunden, das Johann Gottfried Seume in seiner Reise nach Syrakus schon so beschrieben hatte: Es ist die Grundwahrheit, "dass Menschlichkeit eine Frage der Distanz ist". Wenn hinten in der Türkei oder in Afghanistan die Völker aufeinander schlagen oder ausgebombt werden, betrifft uns das viel weniger als ein Anschlag auf das Signum der Weltwirtschaft. Hintergrundinformationen, Interessenlage, Vorgeschichte wollen die meisten in vermeintlich gerechtem Zorn gar nicht wahrnehmen. Über sie und - weit schlimmer - über Regierende und manche Intellektuelle kommt der "Rausch des Rechthabens", über den von Matt äußert: "Der Rausch des Rechthabens ist der unheimlichste narkotische Zustand, den es gibt. Man erkennt ihn unweigerlich daran, dass die Befallenen, die Fixer der Wahrheit, das Verletzen, das Schänden, das Töten von Menschen von vorneherein in Rechnung stellen." Man merkt an dieser Passage, dass dem Autor Pathos - am rechten Ort - als unverzichtbare Intensivierung des Sprechens zu Gebote steht; auch hierin widerspricht er einer Tradition, die seit dem Zweiten Weltkrieg Lakonie und Nüchternheit forderte und gehobene Rede allzu leicht unter Generalverdacht stellte.

Diese Freiheit, ihre gedankliche Schärfe und die intensive Verbindung von Politik und Literatur ist zweifellos das Spannende an den Essays. Dennoch verliert von Matt keinen Moment die Bodenhaftung, weil er Opfern Namen gibt, weil er genau hinsieht und Dinge exakt benennt, weil er keinen Zweifel an seinem Standpunkt und seiner subjektiven Perspektive lässt. Es ist, als folgte er dem weisen Beispiel Johann Georg Hamanns, der vor mehr als zweihundert Jahren erklärte: "Ich weiß dem allgemeinen Geschwätz und schön aus der Ferne her, in die weite Welt hinein zielenden Zeigefinger ... nichts bessers als die genaueste Localität, Individualität und Personalität entgegenzusetzen."

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